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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-01 · 22 (1.6.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
22 (1.6.1900)
Date
1900-06-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 404 Dr. Bloch's Wochrnfchrifl. Mr. 22 Das ist der Standpunkt, den wir festhalten müssen, das auch derjenige, den wir nach Außen als Maaß unseres Verhaltens einzuhalten gezwungen sind. So lange der Kampf das Motto ist, welches von den nationalen Drängern gegen Israel aufrecht erhalten bleibt, daß man es auf allen Gebieten zurückdrängt, ihm den Bissen vom Munde wegnimmt, es aushungert und es erniedrigt, muß es im Nationalismus seinen Gegendruck aufsuchen, muß es sich seine nationale Fahne hervorholen und dieser nachgehen, sich bewußt werden feiner alten nationalen Größe, seines Ruhmes als ältestes Culturvolk der Welt, „gegen diesen Berg" der Borurtheile muß es als geeinigtes Jsraelvolk Wache halten und Front machen, sein eigenes nationales Leben cultiviren. Es darf aber nur Mittel zum Zweck bleiben; mit der Weltreligion in Händen muß es auch Wache halten, bis die Menschheit geklärt und geläutert aus diesem Kampfe hervorgeht, und als hehres Ziel derselben die geoffenbarten Lehren zur Wahrheit werden, die mit ihren Gesetzen der Menschheit zur Ehre und zur Liebe, die in der Verehrung des Ein- und Allgottes sich erhebt, sich würdigt, sich erkennt und in allumfassender Liebe der Gesammtmenschheit zum-Segen wird. Bis dahin wollen wir zusammenhalten, bis die Offenbarung weltumfaffend voranleuchtet und Israel ein lebender Protest wird gegen jeden confeffionellen und nationalen Haß. Dieser Doppelaufgabe haben wir Juden umsomehr in diesem polyglotten Staate in Oesterreich gerecht zu werden. In diesem von Zwist und Zwietracht durchzitterten und durchrüttelten Gemeinwesen, hat die Vorsehung die Million jüdischer Seelen hingesetzt, die in dem naturnal gleichberechtigenden Gedanken das alleinige Heilmittel für seinen Bestand in sich verkörpere. Wenn auch jetzt alles in demselben blindwüthig gegeneinander hetzt, um in dem wirren Getümmel die Freiheit todtzuschlagen, das sprichwörtliche Glück Oesterreichs wird auch diese Wirren Äerdauern und dann wird mit der neu aufgehenden Sonne der Frecheit und Gleichheit auch die der Brüderlichkeit wieder aufleuchten; Israel, welches diesen Schatz in seiner Religionsich gewahrt, wird seine geschäftliche Anerkennung wieder finden; bis dahin aber bleibe uns die Wahrung des jüdischen nationalen Gedankens eine Bertheidigungswaffe nur, die wir jederzeit wieder nirderlegen können, ein Werkzeug, welches wir zu unserer Erhaltung brauchen, ein Mittel, das jenem hehren Ziel der geoffenbarten Religion uns näher führt, welches die pyramidale Spitze auf dem breiten Unterbau der Menschheit bildet. Jüdische Namen. Berlin, 38. Mai. Die jüdischen Namen und die Namen der Juden in Preußen haben ihre Geschichten und ihre Literatur. Mit dem Zeitpunkt, als die deutschen Juden das Ghetto verließen, hielten sie es für nöthig, sich mtt der europäischen Bildung auch europäische Namen anzueignen. Mag man darüber denken, wie man will — Namen wie Jtzig Md Hersch sind nicht besonders schön, und da man sich überhaupt in Leben und Sitten nach der Mehrheit richtet, so kann man unbeschadet des Judenthums den Kindern die unter den anderen Mitbürgern üblichen Namen geben. Dies thaten auch unsere Altvordern, von der Zeit des großen Alexander an bis tief in das Mittelatter, ohne daß sie dadurch schlechtere Juden gewesen wären als wir. In den Dreißiger-Jahren, als die preußische Regierung, wie sich einst Abr. Geizer ausgedrückt, Jüden und keine Juden haben wollte, verbot sie ihren jüdische» Unterthanen, „christliche" Bornamen zu führen. Eine königliche Cabinetsordre befahl, die Juden sollten bei „ihren" Namen bleiben. Joel Jakalei (derselbe komische Kauz, der stch später taufen ließ und nachher der Wortführer der Orthodoxen gegen Abr. Geiger wurde) schrieb rührende Elegien auf die „schönen" Namen, die den Juden vorenthalten wurden, und Leopold Zunz schrieb sein berühmtes Buch über die Namen der Juden. Die preußische Regierung sah ihren Jrrthum ein und hob das betreffende B rbot auf. Seitdem dürfen Juden nach Belieben alle Bornamen führen, ohne freilich dabei viel Geschmack zu entwickeln. Namen z. B. wie Anton Levi sind allerliebst! Also schöne Vornamen haben die Juden in Preußen — aber wie steht es mit den Familiennamen? Recht übel! Im Jahre 1612 mußten die Juden feste Familiennamen annehmen; nicht alle Juden hatten den guten Geschmack, hübsche Familiennamen zu wählen. Oft hatten sie dafür gar kein Verständniß und überließen dies den betreffenden Beamten, die dabei ihrem Witz freien Lauf ließen. So entstanden manche komische Familiennamen, über die schon der Historiker Treitschke gewitzelt hat. Und wenn ein Mann wie Treitschke über jüdische Namen Witze macht, so kann man sich die rohen Späße des antisemitischen Janhagels schon ungefähr denken. Für viele Juden ist der Familienname in der letzten Zeit geradezu ein Verhängniß geworden, sie mußten daher trachten, zu einem andern zu kommen. Berühmt geworden ist der Fall S ch m u h l in Schneidemühl. Eine wohlhabende jüdische Familie führt den Namen Schmuhl, obwohl sie nachweisbar im vorigen Jahrhundert Götze hieß. Das jetzige Familienoberhaupt derer von Schmuhl that die nöthigen Schritte und setzte es bei der Behörde durch, daß der Name Schmuhl in Götze umgewandelt wurde. Jetzt meldete sich ein judenfeindlicher Namensvetter, der gegen den „Mißbrauch" seines Namens protestirte. Er führte die Sache bei allen Instanzen durch, zuletzt sogar in einem Immediatgesuch an den Kaiser, wurde aber überall abgewiesen. Nunmehr machte er seiner Entrüstung in der antisemitischen Presse Luft. Herr Götze alias Schmuhl erwiderte ihm in aller Ruhe, der Name Götze sei kein usurpirter, er führe ihn mit gutem Recht; sollte aber der antisemitische Stammesvetter durchaus keine Namensgemeinschaft mit ihm, dem Juden haben wollen, so mag er sich jetzt — Schmuhl nennen. Ueber diesen Hohn waren die Antisemiten einfach „paff". Die Fälle häufen sich jetzt, in denen Juden mit Erlaubniß der Behörde „jüdische" Familiennamen ablegen. Die judenseindlichen Zeitungen sind darüber außer sich, und manche Antisemiten wollen dagegen Klage führen. Da in der Regel der angenommene Name einer christlichen Familie gehört, so meinen die Antisemiten, letztere könnte auf Grund des neuen bürgerlichen Gesetzbuches dagegen klagbar werden. Sogar Juristen behaupten es. Wir wollen nun abwarten, was daraus wird. Aber mittlerweile wurde der Vorschlag gemacht, die Juden sollten Namen, wie Müller, Schulze, Lehmann u. s. w. wählen. Auch dagegen schreien sich die Antisemiten heiser. Sie wollen, daß sie jeden Menschen gleich an dem Namen erkennen, ob er arisch „rein" sei, um nicht Gefahr zu laufen, mit einem Menschen zu verkehren, der einst Cohn geheißen. Wir wollen uns mit dieser Tollheit nicht viel, befassen. Aber es verdient erwähnt zu werden, daß manche „anständige" Anttsemiten in der letzten Zeit an das Ehrgefühl der Juden zu appelliren begannen; es sei eine Feigheit, meinen sie, sich durch Namensänderung vor dem Antisemitismus, „der auf der Oberfläche schwebt", zu verstecken. Und leider gibt es Juden, die diese Albernheit nachsprechen. Ein schöner Muty dies, sich einer Truppe Rowdies schutzlos entgegen zu stellen! Die Wahrheit muß gesagt werden. Es gibt „jüdische" Familiennamen, die geradezu ein Fluch sind. Von der frühsten Kindheit an schleppt mancher Jude eine Familienbenennung, die ihm auf Schritt und Tritt nur Kummer und Verdruß bringt. Der Name mag an sich gar nicht so häßlich sein, es haftet ihm aber in den Augen aller ein Zug des Lächerlichen an, und der Einzelne ist gegen dieses Vorurtheil machtlos. Tulpenthal z. B. ist gar kein Name — es ist dies eine Tragödie. In der Schule wird der kleine Tulpenthal von seinen Kameraden, manchesmal auch vom Lehrer gehänselt; tritt er dann ins Leben, so hat er mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Wer will sich vom Rechtsanwalt Tulpenthal bei Gericht vertreten lassen? Von einem Schriftsteller Tulpenthal nimmt keine Redaction einen Beitrag an; Herrn Tulpenthal heiratet kein Mädchen; in der Gesellschaft führt er den Namen wie einen Steckbrief mit sich. Selbst jüdische Geschäftsinhaber wollen keinen Commis Namens Tulpenthal. Und dieser arme, unglückselige Tulpenthal ist feig, wenn er seinen Namen gegen einen minder auffallenden tauschen will? Wenn ich ein Tragödien-Dichter wäre, würde ich ein Trauerspiel „Tulpenthal" dichten. Freilich hilft die Namensänderung nicht überall. Als Jude habe ich schwerlich auf eine Staats- oder Communalanstellung zu rechnen. Aber ich fühle in mir gar nicht den Ehrgeiz, mich um eine solche Anstellung zu bewerben. Wenn ich jedoch z. B. Jtzig hieße, so müßte ich einfach ins Wasser gehen; ich wäre gesellschaftlich geächtet und wahrscheinlich auch in meinem Beruf lahm gelegt. Nun bin ich vielleicht Philosoph genug, mich über so viele menschliche Bosheit und Dummheit hinwegzusetzen; aber zu wissen, daß täglich meine Kinder in der Schule die Hölle auf Erden haben — das könnte ich auch nicht ertragen. Mein Judenthum verleugne ich nicht; aber Jtzig will ich doch nicht

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