Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 14 (6.4.1900)
- Date
- 1900-04-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 260 Dr. VLoch's Wochenschrift. Nr. 14 Landwirtbschast erprobten Arbeitern die Möglichkeit zu schaffen, in ihrer bisherigen Beschäftigung sich zu bethätigen. Ganz besonders intereffant und bedeutsam gestalteten sich die Verhandlungen über den folgenden Punkt der Tagesordnung, über das Schulwesen in Palästina. Herr Rabbiner Dr. Horovitz legte in überaus eindrucksvollem Referat die Grundlagen dar, auf denen sich das Unterrichtswesen im heiligen Lande aufbauen müsse, daß dasselbe nur dann von wirklichem Nutzen sein und seinen Zweck erfüllen könne, wenn es voll und ganz den Anschauungen und Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung Palästinas angepaßt sei. An die Ausführungen des Referenten, welche im vollen Wortlaute demnächst bekannt gegeben werden sollen, kuüpfte eine gründliche, von allen Rednern mit hervorragender Sachkenntniß geführte Debatte an, deren Ergebniß die Annahme nachstehender, von Herrn Rabbiner Dr. Werner begründeter Resolution bildete: I. Die jüdischen Schulen in Palästina sollen auf dem Boden des gesetzestreuen historischen Judenthums stehen. H, Die jüdischen Schulen in Palästina sollen ihre Schüler zu tüchtigen, erwerbsfähigen Juden heranbilden. III. Die jüdischen Schulen in Palästina sollen neben der Landessprache in erster Reihe die hebräische Sprache pflegen. IV. Die Conferenz ernennt eine Commission, welche die Aufgabe hat, das Schulwesen in den von den Chowewe Zion (Colonisations- Vereinen) subventionirten Kolonien zu regeln und zu beaufsichtigen. In die Commission wurden gewählt die Herren Rabbiner Dr. Horovitz und Prof. Werner-Frankfurt a. M., Dr. Braun- Breslau, Prof. Dr. Martin Philippson-Berliu, Oberrabbiner D. S i m o n s e n -Kopenhagen, Rabbiner Dr. Werner- München. D. Abrahams-Amsterdam, S. Benedict und Bernard Lazare-Paris, Dr. S. A. Hirsch-London; ferner wurden dem russischen Verein drei Sitze Vorbehalten. Den letzten Berathungsgegenstand bildete das Referat des Herrn Rabbiners Dr. Werner-München, über Propaganda. Redner führte mit großer Wärme aus, daß die unzureichenden Mittel den Vereinen, so anerkennswerth ihre bisherigen Leistungen sind, keine dem Bedürfnisse auch nur annähernd entsprechende Wirksamkeit ermöglicht haben. Die stetig wachsende Noth unserer Brüder im Osten, wo zu den alten Leiden der Jammer und das Elend in Galizien und Rumänien hinzugekommen seien, müsse ein Ansporn sein, alle Kräfte einzusetzen, um die Opferwilligkeit zu wecken. In der kurzen Diskussion wurde!die Propaganda- Commission aufgefordert, auf dem bisher eingeschlagenen Wege fortzufahren und mit den Seitens der Vereine zur Verfügung gestellten Mitteln für die Ausbreitung und Steigerung des Jntereffes für die Colonisations-Bestrebungen thätig zu sein. Von Herrn Bernard Lazare wurde folgender Antrag eingebracht: „Die in Frankfurt a. M. versammelte Conferenz der Chowewe Zion ersucht das Central-Comite. das Projekt der Errichtung einer Bank zur Entwickelung der Colonisation und der Jndustrie in Palästina wiederaufzunehmen." Der vorgerückten Stunde wegen wird der Antrag ohne Debatte der Propaganda-Commission zum Studium der Angelegenheit überwiesen. Herr Joseph Wisloch dankte Namens des Präsidiums den Delegirten für ihre eifrige Theilnahme an den Berathnngen und spricht die Zuversicht aus, daß recht bald ersprießliche Resultate der gemeinsamen Arbeit in die Erscheinung treten werden. Nachdem hierauf die Herren Dr. H. Hildesheimer und Bernard Lazare dem Vorsitzenden für seine vortreffliche Leitung der Verhandlungen, den Frankfurter Herren und Vereinen für ihre Gastfreundschaft wärmsten Dank abgestattet, schloß eine glänzende Ansprache des Herrn Rabbiners Dr. Horovitz, welche den Segen des Allmächtigen für das begonnene Werk erflehte, die bedeutsame Conferenz, in welcher zum ersten Male alle in Palästina praktisch thätigen Vereine zu gemeinsamer Berathung sich zusammengefunden hatten. Correspondenzen. Protestkundgebung der israelitischen Cultusgemeinde. Der Vorstand der Wiener israelitischen Cultusgemeinde legte am 4. d. M. in einer außerordentlichen, ad hoc einberufenen Sitzung, der auch Ob-rrabbiner Dr. Güdemann zugezogen war, gegen den A n t r a g S ch n e i d e r auf Ueberwachnng der Juden zu Ostern und gegen besten Zulassung im Landtage durch den Landmarschall Baron Gudenus entschieden Protest ein. Der Vorsitzende, Bicepräsident Dr. Ster n, eröffnete die Sitzung mtt folgender Ansprache: „Die jüngsten Ereignisse im niederösterreichischen Landtage haben in uns Allen das Gefühl tiefster Entrüstung, ja des Ekels erregt. Dieses Gefühl richtet sich nicht gegen den Antragsteller, der ja so tief steht, daß ich aus Anlaß seines Antrages allein es kaum unternommen hätte, die geehrten Herren hieherzuladen, Daß aber ein solcher Antrag im Landtage vom Landmarschall zugelassen wurde, der ja oft genug Interpellationen und Anträge, die der Würde des Landtages oder den Gesetzen nicht entsprechend erschienen, zurückgewiesen hat, daß ferner der Angriff durch den Zwischenruf des Oberhauptes der Wiener Gemeindeverwaltung indirect eine Steigerung erfahren hat, daß endlich jenem Abgeordneten, der ein abfälliges Urtheil über den Antrag aussprach, der Ordnungsruf ertheilt wurde, das sind Dinge, die mit tiefster Empörung erfüllen müssen. Wir sind es nicht nur unseren Wiener Glaubensgenossen, sondern auch der Judenfchaft ganz Oesterreichs schuldig, dieser Empörung Ausdruck zu geben. Vor wenigen Monaten hatten wir Anlaß, in einem großen Entrüstungsmeeting gegen verleumderische Beschuldigungen zu protestiren, die an einem der Rechtspflege geweihten Orte erhoben worden waren. Dieselben Verleumdungen wurden jetzt an einem der Gesetzgebung geweihten Orte erhoben. Ich bitte daher, meine Herren, sich darüber auszusprechen, was wir thun sollen, und was wir in der Lage sind, zu thun. Am angemessensten erschiene es mir, über den Antrag mit dem Stillschweigen der Verachtung hinwegzugehen, da aber unsere Verachtung nach Außen hin durch das bloße Stillschweigen doch nicht entsprechend zum Ausdrucke gebracht würde, müssen wir laut und vernehmlich und an entscheidender Stelle reden." Kaiser!. Rath Wilhelm P o l l a ck ist der Ansicht, daß die Sache nicht ernst genommen zu werden verdient. Die Person des Antragstellers sei es nicht werth, daß der Vorstand seinetwegen die kostbare Zeit vergeude. Man habe Besseres zu thun und größere Aufgaben zu lösen, als sich mit diesem Individuum zu befassen. „Wir wissen bei uns", sagt Redner, „daß seine Behauptungen eine infame Lüge sind, daß unsere Religionssatzungen das uns zugeschriebene Verbrechen gänzlich ausschließen. Auch die intelligenten Christen wissen das, und wir thun einem solchen Anträge viel zu viel Ehre an. Schneider braucht diese immer wiederholte Hetze allerdings für seine Wähler." Bicepräsident Dr. Stern bemerkt, daß er dem Vorredner unbedingt beistimme, soweit dessen Ausführungen die Person des Antragstellers betreffen. Es handle sich um die Haltung des Landmarschalls und des Bürgermeisters. Früher haben die Antisemiten die Parole ausgegeben: „Ostern naht!" Die jetzigen Vorgänge zwingen aber bereits uns, die Parole: „Ostern naht!" zum Schutze unserer Glaubensgenossen auszugeben. Herr Direktor Simon : »Wir haben es weder mit dem Antragsteller noch mit der Regierung, die gewiß nicht an diese Blutlüge glaubt, zu thun. Aber es handelt sich um die Wirkung solcher Lügen auf Andersgläubige, die nicht historischen Sinn genug haben, um sie als solche zu erkennen. Es gibt Viele, die da sagen: „Vielleicht ist doch etwas daran, vielleicht gibt es doch irgendwo eine Secte, deren Anhänger sich auch hieher verirren." Diesen gegenüber ist es richtig, durch eine Enunciation die Lüge zu kennzeichnen. Von solchen Verläumdungen darf nichts an uns hängen bleiben. Die Ruchlosigkeit wurde in demselben Jahr verübt, von dem vor mehr als einem halben Jahrhundert die Gleichberechtigung und Gewissensfreiheit verkündet würde. Man kann am 4. April nicht an den 13. März vergessen." Redner beantragt, in einer Eingabe an den Ministerpräsidenten zu fordern: 1. Daß er schleunigst alle Vorkehrungen zum Schutze unserer Glaubensgenossen angesichts des herannahenden Ostern treffe; 2. daß er als Minister des Innern alle Jene, deren Vergangenheit den Verdacht rechtfertige, daß sie selb st die Urheberjener Verbrechen find, die sic uns Juden zufchieben, strenge überwachenlasse. * „Wenn der Ministerpräsident," schließt Redner, „seine Pflicht nicht thut, so haben wir doch mit diesen Beschlüssen die unserige gethan. Oberrabbiner Dr. Güdemann: „Ich gehöre nicht der Verwaltung der Cultusgemeined an. Wenn ich dennoch als Rabbiner zu der heutigen Sitzung eingeladen wurde, so geschah dies wohl deßhalb, weil der Antragsteller die Regierung oufgefordert hat, auch die Rabbiner beobachten,zu