Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 1 Dr. Bloches Wochrnschrifk. Seite 15 wieder die Regierung nicht zufrieden, dieselbe verlangt vielmehr, daß am Sabbath genau wie an allen Wochentagen unterrichtet werden soll. Der Zweck dieser Chicanen ist klar, die armen Juden sollen vor die Wahl gestellt werden, entweder das Religionsgesetz zu übertreten und ihre Kinder am Sabbath schreiben zu lassen, oder ans die schulgemäße Ausbildung ihrer Kinder völlig verzichten zu müssen. Wahrlich, die Wahl ist schwer, und dieser Gewissenszwang erinnert an die Zeiten des finstersten Mittelalters. Wie lange noch darf die rumänische Regierung Europa herausfordern durch diese ständigen Verletzungen der durch alle Großmächte auf dem Berliner Congreß gewährleisteten Rechte der Juden? Auch die Politiker des Westens thun diesmal nicht voll ihre Schuldigkeit; warum weisen sie in der Tagespresse nicht wieder und immer wieder auf diesen täglich sich erneuernden Verfassungsbruch hin? Die rumänischen Juden sind der Verzweiflung nahe, und der kommende Frühling wird sicher eine Massenemigration zeitigen. Petersburg. Zn widerholten Malen haben die jüdischen Colonisten in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw petitionirt um die Erlaubniß, die ihnen gehörende» Grundstücke, welche für die angewachsenen Familien viel zu klein sind, durch Kauf vergrößern zu dürfen. Die Regierung hat bisher diese Erlaubniß immer verweigert aus Grund angeblicher schlechter Berichte über die Entwicklung dieser jüdischen Colonien. Jetzt hat der Minister für Ackerbau Geheimrath Vormoler seinen Secretär A. Jelatschitsch in die Colonien entsendet, um deren wirkliche Lage kennen zu lernen. Diesmal lautet der Bericht anders: Jelatschitsch läßt dem Fleiß, der Ausdauer und der Geschicklichkeit der Colonisten Gerechtigkeit wiederfahren und constatirt, daß sie trotz der schweren Ungleichheiten, unter denen sie zu leiden haben, doch mit Erfolg den Boden bestellen. Infolge dieses günstigen Rapportes hat der Minister entschieden, die erbetene Erlaubniß jetzt endlich zu bewilligen. London. (Colonel Albert G o l d s m i d.) „Mit der sechsten Division der englichen Armee, die sich unter Führung des Generals Kelly-Kenny von Southampton nach Südafrika eingeschifft hat, reist als Generalstabschef Oberst Albert Goldsmid mit. Diese in der englischen Gesellschaft sehr bekannte und populäre Persönlichkeit verdient einige Aufmerksamkeit. Oberst Goldsmid stammt von einer Marannenfamilie ab, die, aus Spanien vertrieben, nach Holland geflüchtet ist und von dort nach England übersiedelte. Die Goldsmid's gehörten vielfach als Generale der englischen Armee an, und der Großvater des Obersten Albert hat in der Schlacht bei Waterloo als General gekämpft. Albert Goldsmid selbst trat mit zwanzig Jahren in die Armee ein, nachdem er unmittelbar zuvor zum Judenthum übergetreten war. Dies hat ihm in seiner Carriere keineswegs geschadet. Er wurde nach zwölf Dreustjahren Hauptmann im Generalstab und brachte es hier bis zum Oberstlieutenant und zur Stellung des Stellvertreters des Generalquartiermeisters der Armee. Da berief ihn im Jahre 1893 Baron Hirsch als Generaldirector seiner Colonien nach Argentinien. Goldsmid erhielt einen Jahresurlaub, nach dessen Ablauf er jedoch seinen Militärdienst wieder aufnahm. Als er aus Argentinien zurückkehrte, wurde er Oberst und Commandant des 41. „Welsh"-Regiments. Wegen seiner strategischen Fähigkeiten erfolgte bald seine Rückberufung in den Generalstab und die Ernennung zum Chef des Divisionsstabes des Thames-Districts. Zu Beginn des Krieges erhielt Goldsmid den Auftrag, als einer der drei mit der Mobilisirung betrauten Generalstabsofficiere in Aldershot zu wirken. Jetzt, da ungefähr Alles schon mobilisirt ist, ging er nun selbst mit der sechsten Division als Stabschef ab. Golds mid ist unter den armen Juden Londons sehr beliebt, da er activer Präsident des englischen Verbandes des Palästina-Colonisationsvereines ist. Bon seinen beiden Töchtern ist die ältere mit dem Sohn des Abgeordneten Sir Montag» verheiratet." Marokk». Dem Reisebrief eines Correspondenten des „Berliner Tageblatt" aus Marokko entnehmen wir folgende interessante Details über die in letzter Zeit so arg heimgesuchten und unglücklichen Juden von Marakkesch: „Die Zahl der Juden mag etwa 10.000 betragen Es ist dies ein in vielfacher Beziehung äußerst interessantes Völkchen, das zweifellos den brauchbarsten, tüchtigsten und fleißigsten Theil der Bevölkerung Marokkos darstellt. So sehr auch der fanatische Maure den Juden haßt und verachtet, entbehren kann er ihn doch nicht, denn ohne die Inden gäbe es überhaupt weder Handel noch leistungsfähige Gewerbe in Marokko. Es ist gewiß nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupet daß die inanrischeir Inden die althebräischen Traditionen am reinsteu und strengsten erhalten haben. Besonders ernst wird die Sabbathfeier genommen, die von Freitag Abend bis Sonnabend Abend dauert. Alle Geschäfte sind dann geschlossen, und jede Erwerbsthätigkeit ruht vollständig. Gegessen wird ausschließlich die Dasina, eine schon am Freitag gebackene und schwer verdauliche Pastete, deren Bestandtheile Weizengries, Eier, Fleisch, Bohnen, Oel und Piment bilden. So lange man nicht religiösen Gebeten und Gesäinen obliegt, sitzt man den ganzen Tag über in dem mit zahlreichen Stühlen ansgestatteten Putzzimmer und erwartet hier die Besuche seiner Freunde und Bekannten, oder stattet selbst solche ab. Die Frauen tragen dabei in grellbunten Seidengewändern, überreichen Goldstickereien und kostbarem Schmuck ein Vermögen zur Schau. Die guten Eigenschaften des jüdischen Volkes sind in Marokko besonders ausgeprägt, namentlich Familiensinn unb gegenseitiges Zusammengehörigkeitsgefühl. Mit den Fehlern verhält es sich freilich ebenso " Von besonderem Interesse ist die Mittheilung die derselbe Correspondent über die Thätigkeit der englischen Mission iu Marrakesch macht: „Ein angesehener deutscher Kaufmann aus Mogador (Jude) erkrankte Hierselbst schwer an Dyssenterie und wurde zunächst von zwei Landsleuten sorgsam gepflegt Als letztere aber ihre Abreise nicht länger mehr hinausschieben konnten, ließen sie den Kranken in die englische Mission schaffen. Hier aber hielt man demselben zunächst eine Bibel vor mit dem Bemerken, daß seine Aufnahme nur dann stattfinden könne, wenn er sich zum Christenthum bekehre. Der Bedauernswerthe ließ sich daraufhin ins Mellach zurücktragen und genas hier unter der sorgsamen Pflege maurischer Juden. Aehnliche Beispiele könnte ich noch mehrfach anführen. Aus den obigen aber wird Jedermann selbst zur Genüge benrtheilen können, wie es mit der „christlichen Nächstenliebe" der englischen Missionäre in Marokko beschaffen ist." Vermischtes. Oeffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der israel. Cultusgemeinde Wien. Sonntag, den 7. Iä n n er I960, 10 Uhr Vormittags. Tagesordnung: 1. Einlauf. 2. Einzeichnung der Vorstandsmitglieder in die Sectionen (§ 21). 3. Wahlen (beziehungsweise Bestätigungen) in die Comitäs. 4. Bericht der I. Section: a) Aenderung der Liturgie (Referent Herr Dr. Spitzer); b) Mohelimfrage (Referent Herr Dr. G. Kohn); c) Ansuchen des Vereines „Ösch-Tow" (Referent Herr Doctor Berger); ä) Ansuchen des Vereines „Beth-Hachnethet" (Referent Herr Dr. Berger); e) Cultusverein Atzgersdorf (Referent Herr Dr. A. Stern). 5. Bericht der III. Section: Ausschreibung der Dr. Sacks'schen Herzkrankenstiftuug (Referent Herr Steiner). 6. Bericht der V. Section: a) Stempelfreiheit der Friedhofrechnungen (Referent Herr Dr. Berger); b) Austrittsanzeigen aus dem Judenthume (Referent Herr Dr. Berger); e) Paneth'sche Stiftung (Referent Herr Dr. A. Stern); c!) Fanny Nassau-Widmung (Referent Herr Dr. A. Stern); e) Schwarz'sche Widmung (Referent Herr Dr. A. Stern); f) Reg. Beer'sche Stiftung (Referent Herr Dr. A. Stern); g) Fröhlich'sche Kadisch-Stiftung (Referent Herr Dr. A. Stern); b) Kauders'sche Stiftung (Referent Herr Dr. A. Stern). 7. Bericht der VI. S e c t i o n: Vermehrung der Friedhofdienerstellen (Referent Herr Bauralh Stiaßny). Wien, 5. Jänner 1900. Der Präsident. Wien. (JsraelitischeCultusgemeind e.) Freitag den 5. Jänner a. c. Abends und Samstag den 6. Jänner a. c. Vormittags wird Herr Simon Tonnenberg, ehemaliger Obercantor in der israelitischen Cultusgemeinde Ratibor, im Leopoldstädter Tempel Probevorträge halten. Beginn des Gottesdienstes: Freitag Abends um 4 Uhr, 30 Minuten; Samstag Früh um 8 Uhr. Israelitische Cultusgemeinde in Wien. Z. 58 ex 1899. Kundmachung. In der am 2. Jänner 1900 stattgehabten öffentlichen Sitzung des Cultusvorstandes wurde Herr kaiserl. Rath Heinrich Klinge r zum Präsidenten für eine dreijährige Functionsdauer wiedergewählt. In derselben Sitzung wurden für eine einjährige Functionsdauer folgende Herren wiedergewählt: Zum I. Vicepräsidenten: Dr. Alfred Stern; zum II. Vicepräsidenten: Dr. Gustav Kohn: zu Obmännern: der I. Section : Dr. Maximilian Steiner; der II. Section: Doctor Gustav Kohn; der III. Section: Baurath Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t; der IV. Section : kaiserl. Rath Moriz Hirsch; der V. Sectiou: Dr. Alfred Stern; der VI. Section: Baurath Wilhelm S t i a ß n y; zu Obmann-Stellvertretern: der I. Section: