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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
1 (5.1.1900)
Date
1900-01-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JCkkii Dr. Bloch’s W-WB Centrslorgsn für die gefammken Interessen des Iudenthums. X - - X L. k. Postsparrsssen-Amr Clrsringverkehr Ar. 610.976. Aedaclion und Administration: Wir» N., Untere AuaartenUr. 1». Telephon - Nr. 14.847 % . X Wien, 5. Jänner 1900. --- Erscheint jeden Freitag. -^- Brief-Adresse: Wien. II., Untere Augartenstraße la. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. »rzugsprei« Mr Srstrrrrich- Halbjährig 4 ff. — 8 Sx. Einzeleremplare 25 te. lür’s Ausland: halbjährig 5 fl. — 12 Ät. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. X ' .. X Inhalt. Leitartikel: Das 19. Jahrhundert und das Judenthum. — Der jüdische Hansirer gegen Ministerium, Statthalterei und Wiener Magistrat. — Galizien — Die Blutlüge. — Noch ein Wort zum Religionswechsel. — „Theaterjuden und Judentheater." — Vom Jahrmarkt des Lebens: Das Stotterübel und andere Sprachgebrechen. Ter jüdische Kaufmann im Mittelalter. Antisemitische Anträge, respective Petitionen, betreffend die Uebersetzung des Talmud und des Schulchan Aruch auf Staatskosten. Eugen Dühring gegen H v. Treitschke. Jüdische Soldaten in England. Jüdischer Stil. — Correspondenzen: Constituirung des israelitischen Cultusvorstandes. Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der isr Cultusgemeinde. 26. ordentliche Generalversammlung des israel. Tempelvereines für Mariahilf und Neubau. Wien, Karlsbad. Agram, Frankfurt a. M., Bukarest, Petersburg. London. Marokko. — Vermischtes:-Plenarsitzung der isr. Cultusgemeinde. Wien, Floridsdorf. Prag, Wigstadtl, Krakau, Krasna, Nachod, Troppau, Czernowitz. Brzesko. Groß-Becskerek, Straßburg i. E. — Feuilleton: Michael. — Ein Augenblick. — Briefkasten. — Ein Fortschritt. — Inserate. Das 19. Jahrhundert und das Judenthum. , Das Jahrhundert wendet sich zur Rüge und ladet zur Rückschau ein. Es ist noch gar nicht so lange her, daß in Oesterreich eine allgemeine Rückschau auf 50 Jahre fast auf jedem Gebiete stattgefunden hat. Auch die Juden haben anläßlich des 50jährigen Jubiläums unseres erhabenen Monarchen dankbaren Gemüthes jeder Förderung gedacht, die ihnen in diesem Zeiträume in Oesterreich zu Theil geworden ist. Auf dem Grunde aller Betrachtungen liegt es aber wie schmerzliche Resignation. Ist doch der Geist der Oeffentlichkeit seit 184-8 ein so ganz anderer geworden. Wohin ist sie geschwunden, die Begeisterung der Freiheitshelden des Sturm- und Drangjahres, wo bleibt jenes einmüthige Einstehen der ganzen Bevölkerung für die Judenemancipation? Nicht ohne Bitterkeit und Kummer konnte man dieser Umkehr der Geister gedenken. Blickt man aber nur um 50 Jahre weiter zurück, vergleicht man den gegenwärtigen Zustand mit jenem zu Beginne des Jahrhundertes, dann geyt dem Beobachter der wahre Sinn der Geschichte auf. Wie weit sind wir doch jetzt, wo wir die uns rechtlich zustehende Gleichberechtigung gegen eine andrängende Reaction zu vertheidigen haben, verglichen mit jener Zeit, in welcher wir selbst sie als Geschenk und Gnade erst zu erbitten hatten. Das 19. Jahrhundert als Ganzes genommen, zeigt den tiefen Sinn jenes Symbols, das sich Leibnitz noch auf sein Grab setzen ließ, als Darstellung seiner ganzen Welt- und Geschichtsauffassung; es war die Spirale mit der Inschrift: „Inclinata resurget I" Wie die Spirale ihre niedersteigenden Windungen hat, aber doch immer wieder emporstrebt und höher und höher reicht, so die Tochter Zions! Die Gebeugte richtet sich immer wieder auf! Wenn das Jahr 1848 als der große Markstein dieser Entwicklung angesehen werden kann, so wird die Zeit vor 1848 durch die Jahre 1815 und 1830, die Zeit nachher durch 1867 und 1878 in kleinere Abschnitte zerlegt. Und auch das ist tröstlich. Keine Art der Behandlung der Judenfrage hat viel mehr als 2 Jahrzehnte hindurch angedauert und der specifisch-moderne Raeen- und Social-Antisemitismus hat dieses Alter bereits erreicht. Für den Sehenden sind auch schon seine Todtengräber zu erkennen. Doch davon mehr zum Schluß dieser Rückschau. Bis 1815 kämpft der Geist der Encyclopädisten, der Geist der Aufklärung des 18. Jahrhundertes auf den Schlachtfeldern des Imperators und säet zunächst in Deutschland die Keime der bürgerlichen Freiheit. Um den ungeheueren Weg. den wir seit dem vielgerühmten vorigen Jahrhundert zurückgelegt haben, mit einem Blicke zu ermessen, genügt ja die Erinnerung an die Thatsache, daß zu Beginn unseres Jahrhundertes nur in Frankreich die Emancipation der Juden durchgeführt war und daß doch die erleuchtetste aller gesetzgeberischen Versammlungen, die großherzige Constituante, sich 1790 nur zur Emancipation der Juden mit Ausnahme der elsäfsischen entschließen konnte und für diese die Gleichberechtigung erst 1791 zögernd nachholte, ja daß Napoleon selbst diese Ausnahme theilweise wiederherstellte. Mit der allgemeinen Reaction, nach der Niederwerfung Napoleon's ging eine Zeit traurigen Inhaltes für die Juden Hand in Hand. Vergeblich mahnten sie in Preußen an die ihnen versprochene Gleichberechtigung trotz der vom Kanzler Hardenberg gerühmten Tapferkeit der jüdischen Soldaten; in Oesterreich wurden sie erst recht hinter den Standpunkt josefinischer Toleranz zurückgedrängt. Erst nach dem Jahre 1830, als ein Sturmwind junger Freiheit wieder einmal von Frankreich aus die Welt durchbrauste, kam die Zeit, in welcher Gabriel R i e s s e r aus Hamburg als Vorkämpfer des Judenthums, unterstützt von dem wachsenden Einfluffe der Schriften eines Börne, eines Heine, eines Auerbach die Sache der Juden in genialer Weise mit der Sache der Allgemeinheit, mit dem Freiheitsstreben der europäischen Demokratie zu verschmelzen wußte. Gleichzeitig schritt innerhalb des Judenthums der Proceß der Verdeutschung und Modernisirung vorwärts, den Mendelssohn eingeleitet hatte. Wenn man bedenkt, daß die Bibel-Uebersetzung Mendelssohn's ursprünglich nur in ihrer in hebräischen Lettern gedruckten Ausgabe einen größeren Leserkreis zu erreichen vermochte, so muß man staunen, welchen ungeheuren Bildungsproceß das Judenthum in diesem Jahrhundert durchgemacht hatte. Man braucht bloß an Zunz, Philippsohn, Geiger, Lazarus, Steinthal zu erinnern, um zu zeigen, daß es dem Culturträger Mendelssohn au Nachfolgern auch in diesem Jahrhundert nicht gefehlt hat. Und würde das Judenthum nur die vier Na.uen Heine, Disraeli, Marx und Laffalle aufzuweisen haben, so würde zur Genüge bewiesen sein, daß dieses wenig zahlreiche Volksthum seine Anleihen bei der europäischen allgemeinen

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