Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 47 (24.11.1899)
- Date
- 1899-11-24
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Bloch's Mortzenschrrft. Seite 899 imgliicklich, daß er den rechten Fuß brach. Pater Willibald, Euer ehemaliger Lehrer, der in seiner Menschenfreundlichkeit den hart bedrängten Bewohnern der Judenstadt zu Hilfe eilte und wie Ihr ebenfalls wißt, etwas chirurgische Kenntnisse besitzt, legte ihm den ersten Verband an, aber erklärte, daß er den Fuß verlieren, daß man ihn amputiren müsse, weil sonst zu befürchten wäre, daß der Brand dazutrete. Der Pfarrer wollte diese Operation nicht dem Arzte unseres Städtchens anvertrauen, und er holte selbst in einem Wagen den Primar-Arzt aus dem Brünner Hospitale". „Wie benahm sich mein Pflegevater bei der Operation, wo befand sich Sara, das unglückliche Kind, während derselben?" frug Michael. „Vater und Tochter benahmen sich geradezu bewundernswerth. Sara war nicht zu bewegen, sich von dem Bette ihres Vaters zu entfernen, das kluge Kind, man könnte wohl eben so richtig sagen, das seeleustarke Weib, hielt während der schmerzlichen Operation ihres Vaters Rechte in der ihrigen; und sprach ihm Muth und Trost zu. Ich war anwesend, und dieses Begebniß wird mir ewig unvergeßlich bleiben. Die elfjährige Sara zwang sich ein wehmüthiges Lächeln festzuhalten, und doch vermochte sie es nicht zu verhindern, daß ihr die Thränen über die bleichen Wangen rollten, und zuweilen ein schwerer Seufzer ihren Busen hob . . . „Was that, was sprach mein Pflegevater, vor, während und nach dieser schweren Stunde?" „Wenn's möglich wäre, ihn noch mehr zu verehren als ich's bisher gethan, ich hätte es in dieser Stunde gelernt. Um neun Uhr Morgens hätte die Operation vorgenommen werden sollen; und Reb Aron Brack betete zuvor inbrünstig wie immer im Talis^. — Er tröstete Sara und sprach mit einem Lächeln: Er habe den Fuß von Gott empfangen und ihn durch einundfünfzig Jahre benützt, jetzt müsse er ihn wieder zurückerstatten; es sei dies kein so großes Unglück, er kenne selbst mehrere Invaliden, die in der Schlacht einen Fuß verloren und noch lange rüstig und lustig auf einem Stelzfüße herumhumpelten. Bevor der Arzt anlangte, bat er, mit mir kurze Zeit allein sein zu dürfen, und als sich Sara uid die anderen Anwesenden ins Nebenzimmer begeben hatten, winkte er mir, näher zu treten und sprach halb laut: „Reb Äsriel wenn mir bei der Operation, was ja immerhin möglich wäre, etwas Menschliches zustoßen sollte, so überbringt meinem Pflegesohn meine besten Grüße und Segenswünsche, und sagt ihm, daß ich ruhig gestorben bin, weil ich weiß, daß er mein Kind nicht verlassen wird, und" — Reb Aron mußte, einen Moment tief erschüttert, innehalten, „dann rief er Sara an sein Bett und segnete sie. Unmittelbar darauf erschien der Brünner Chirurg in Begleitung des würdigen Pfarrers. Nachdem die Operation glücklich beendet war, erklärte jener, noch nie einen Patienten gesehen zu haben, welcher einer so schweren Operation so ruhig entgegenblickte, sich bei dieser mit so bewundernswerther Ruhe und Ergebung benommen. Er hatte nicht den leisesten Schrei ausgestoßen, seine Mienen verzerrten sich nicht, nur einmal als der Arzt tief in das Fleisch einschnitt, fühlte Sara, wie sie später erzählte, einen leichten Druck seiner unwillkürlich krampfhaft zuckenden Hand. Unmittelbar nach der Operation sprach Reb Aron: „Es hat ein wenig geschmerzt, aber es hätte immerhin weit ärger sein können — aber dann fiel er doch, durch den Blutverlust geschwächt, in eine Ohnmacht, aus der er erst spät erwachte". „Wie befindet er sich jetzt?" frug Michael gespannt. „Die Operation ist mit Gottes Hilfe vollkommen gelungen, und er wird, wenn er von seiner Krankheit vollkommen genesen sein wird, auf seinem Stelzfüße mit einer Krücke herumgehen können". „Von einer Krankheit genesen? Er ist also auch überdies krank?" rief Michael von Neuem erschreckt. „Er hatte sich in jener verhängnißvollen Nicht, als er in leichtem Gewände die Fluthen durchschritt, heftig erkältet, und lag an einer Lungenentzündung darnieder; doch befindet er sich beesras haschem* * * 8) auf dem Wege der Besserung; als wir W. verließen und uns von ihm verabschiedeten, meinte der eben anwesende Arzt, seine kräftige Constitution habe auch diese Krank¬ ') Gebetmantel von Wolle, an dessen vier Ecken Schaufäden befestigt sind und welchen die jüdischen Männer bei ihrem Gebete anlegen. 8) Mit Gottes Hilfe. heit besiegt. Ich hoffe, Ihr findet ihn schon im Lehnstuhle au seinem Tische sitzend". Michael erhob sich rasch. „Könnt Ihr mir einen Wagen verschaffen, der mich sofort nach W. führt?" wandte er sich an den Gastwirth. „Es koste was es wolle. Der Boden brennt mir unter den Füßen! Es erscheint mir als Undankbarkeit, als ein Frevel, als ein Unglück, daß ich in jener schweren Stunde, meinen Liebsten nicht zur Seite stand". „Ihr seid vom weiten Wege ermüdet", versuchte Reb Baruch einzuwenden, „das Aergste ist ja schon überstanden, ruht Euch heute Nacht unter meinem Dache aus. Auf ein Paar Stunden früher oder später kann's Euch ja nicht mehr ankommen . . . . Morgen könnt Ihr dann mit der Post fahren". Michael Klein beharrte unerschütterlich darauf, seine Reise sogleich fortzusetzen, und erklärte, wenn er keinen Wagen fände, den Weg zu Fuß sortzusetzen. So lange ich gehofft", meinte Reb Asriel, „es würde Reb Baruch Jemnitz gelingen, Euch zum Bleiben zu überreden, habe ich geschwiegen, aber da Ihr zur Weiterfahrt fest entschlossen seid, so könnt Ihr Euch am Besten des Wagens bedienen, der uns aus W. hierhergeführt hat, und bis zu unserer, nach dem Schluffe des Marktes bestimmten Abreise hier unbenützt steht. Die Pferde sind schon einige Tage ausgeruht, sie werden Euch rasch nach W. bringen." (Fortsetzung folgt). Briefkasten. Abonnent in P. Chanuka-Leuchter bekommen sie bei der Firma Brüder Goldmann, Wien, Adlergasse 3. I. H. Diese Leute führen das Christenthum nur im Munde, in Wirklichkeit kümmert sie überhaupt kein Gebot der Religion. Von ihnen gilt das Wort des deutschen Satirikers Lichtenberg: „Ist es nicht sonderbar, daß die Menschen so gerne für die Religion fechten und so ungern nach ihren Vorschriften leben?" Dr. B. H—n. Der Privatdocent Dr. Arons ist ein Jude! Der berühmte englische Goethe-Biograph Lewes war gleichfalls Jude. Nemo. Sie thnn da Herrn Schönerer wirklich Unrecht. Er hat nur die Worte des Dr. Lneger citirt, der in der That einmal öffentlich erklärte, er sei lieber feig als dumm. Arthur B. Schopenhauer sagt in einer seiner kleineren Abhandlungen diesbezüglich: „Der Glaube ist wie die Liebe: erläßt sich nicht erzwingen. Daher ist es ein mißliches Unternehmen, ihn durch Staatsmaßregeln einfiihren oder befestigen zu wollen; denn wie der Versuch, Liebe zu erzwingen, Haß eMugt, so der, Glauben zu erzwingen, erst rechten Unglauben." A. B. All diese Leute haben vielleicht in ihrem Leben den Talmud nicht einmal gesehen, geschweige denn, daß sie ein Wort in demseben zu lesen verstünden, aber sie find doch anmaßend genug» über ihn zu sprechen. Reuchlin, der grobe Reuchlin, sagte vor ein paar hundert Jahren schon in einer Denkschrift an den deutschen Kaiser, der Talmud sei nicht dazu da, daß „Jedermann mit ungewaschenen Füßen drüber lauff und sag, er kunds auch". Man könnte dieses Wort zeitgemäß höchstens dahin variiren, daß man von „ungewaschenen Mäulern" spräche. H. W. Der geniale M i r a b e a u machte sich weidlich lustig über die' deutschen Judenfresser, von denen die Einen gegen die Emancipation der Juden waren, weil sie bei dem freien Wettbewerbe mit den Christen diesen überlegen werden könnten, während andere wieder betonten: Was soll die Gleichstellung, die Juden werden doch stets hinter den Christen Zurückbleiben. „Mögen sich", meinte Mirabean „die Gegner der Juden erst unter einander verständlgen, sonst widerlegen sie ja einander selbst." I. U. Die Ethik des Talmuds spiegelt sich schon m dem einen Satze: „Sei Du lieber der Verfluchte, bevor Du fluchst. Sei lieber einer von denen, die verfolgt werden, bevor Du zu denen gehörst, die verfolgen." W. B. Schleiermacher war ein intimer Freund Schlegel's. Er schrieb auch eine Abhandlung über dessen lascives Bnch: „Luzinde." I. B. Die Eltern der grausamen mißhandelten Kinder, von denen in den letzten Tagen so viel die Rede war, gehören — wie nach ihren Aeußerungen constatirt werden konnte — durchwegs der antisemitischen Partei an. M. W-g. (III. B.) Es haben sich zwar in der letzten Zeit wieder einige hervorragende Parteileute ans dem antisemitischen Lager ge stöhlen — aber er vermindert sich darum doch nicht. Higoricus. Ein italienischer Abt, Namens C h i a r i n i, der sich durch seinen Judenhaß sowohl, wie durch abenteuerliche Lebensführung auszeichnete, hatte in den Vierziger-Jahren ausposaunt, er werde den Talmud ins Französische übersetzen. Es gelang ihm von der russischen Regierung eine große Summe für dieses Unternehmen als Subvention herauszuschwindeln — nnd damit war die Sache für ihn erledigt.