Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 43 (27.10.1899)
- Date
- 1899-10-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr» Blo^s Wochrnschrift. Seite 805 den Worten: Bocksfahrt, Besenritt, Nestelknüpfen, Walpurgisnacht, Höüenschlüssel, Unhold, Hexenbad und anderen Wahnworten — aber Richter und Priester saßen über solche Worte zu Gericht und entschieden über Leben und Dasein und führten Legionen in den Martertod. Die Priester führten und banden die Geburten ihrer gräßlichen Unwissenheit an und in die Heiligthümer der Religion, des Rechts und der Menschenbehandlung, also in der Menschheit höchstes Leben hinein, und da wagte sich denn Keiner mehr, sie anzutasten. So haben sie ganze Völker gegen Wesen, die eigentlich gar nicht existirten, in Aufbruch und Aufruhr gebracht, trieben sie Menschen schaarenweise zusammen, und versenkten sie, mit Ketten und Banden beladen, in die entsetzlichsten Gefängnisse. Halb entseelt riß man sie von Zeit zu Zeit ans Licht hervor, schleppte sie höhnend, kaltblütig nach den Gemächern unaussprechlicher Höllenqualen. Hier warteten dann schon Henker, Priester, Seile, Leitern, Stangen, Feuerkolbeu, Schrauben, Geißeln — alle Insignien und Werkzeuge des Rechts jener Zeiten auf sie. Nachdem sie nackend ausgezogen und selbst im strengsten Winter mit eiskaltem Wasser überströmt waren, wurden ihnen Haupt- und Schamhaare theils abgeschnitten, theils ausgerissen und dann übten jene entmenschten Henker abwechselnd ihre Marterinstrumente an ihnen, — und es waren arme, in sich selbst verfinsterte, unschuldige Menschen, ihre Mitmenschen und ihre Brüder! Wenn sie dann endlich blutend, entstellt, mit ausgewundenen Gelenken, zerfleischter und gerösteter H nt, verpreßten Eingeweiden, durch Augst und Todesschweiß und Durst zu Scheusalen entstellt, zuckten, und Leben und Tod und Verzweiflung grinsend wechselnd über ihre Gesichter huschten, und sie doch nicht sterben konnten — da fielen sie dann von den Marterbänken der die Körper peinigten Scharfrichter in die Hände der Feinde und Henker des menschlichen Geistes! Ihre Seelen hatten sie bedrängt, bestürmt, verwirrt, verflucht, ihnen das ewige Feuer nach der zeitlichen Verbrennung angekündigt, und sie bis zum Wahnsinn nnd gänzlicher Verzweiflung geängstigt. Ueberall kein Ausweg mehr, ihr gräßliches Schicksal entschieden, ein unermeßlicher Abgrund unausweichbar rmgs um sie her!! Und Alles war umsonst: Ja und nein, reden und schweigen, Verzweiflung und Standhaftigkeit! Alles, alles war umsonst und führte doch rettungslos zum grauenvollsten und qualvollsten Tode. Glücklich noch diejenigen, welche ihn bei der Feuer- oder Wasserprobe, oder auf der Folterbank selbst erlitten! . . . Endlich wird ihnen ihr Recht gesprochen! Die Stunden enteilen, es grauet der Morgen zum blutigen Werk; es röthen die Brandtage des Himmels Gewölbe: stürmend heulen von den Gott gebauten Kirchenthürmen Mörderglocken langsam, fürchterliches, dumpfes Blutgeschrei herab. . . . Und die Henkerschaaren brechen auf; der Richter wirft zerbrochene Stäbe vor der armen Sünder Füße hin, und sie schreien um Rettung und Erbarmen. Wild und fragend sucht ihr Blick eine Menschenseele — aber alle, alle sind im schwarzen Wahn versteinert, und es reicht nimmer eine Menschenhand der dürren Zunge einen Tropfen Wasser auf dem heißen Todesweg. . . . Und es wogt verstummt der Zug durch lange Gassen! Sehet Menschen! welche Menschen! in Ketten und naß vom kalten Todesschweiß, — sieh dich an, du gepriesene Zeit^ in diesem Spiegel! ... In den zusammengebnndenen Händen tragen sie des Welterlösers Bildniß, und cs strömen ohn' Erbarmen, ohne Thränen, die verthierten Völkermassen diesen mit Todesschweiß bedeckten Opfern der Hölle rasend, staunend, glaubend und wüthend zur Richtstatt nach. . . . Und nun wallen Feuersäulen zum Himmel ans! Es flucht die Verzweiflung: und es ringt und kämpft die Todesnoth in Stücke des Lebens letztes Eisenband! . . . Sehet Menschen! das sind Menschen! . . . . Werden die Hexenprocesse nicht auch noch eine Erneuerung erfahren?_ Stimmen zeitgenössischer christlicher Theologen, Orientalisten und Historiker über die Slutliige. Inhalt: Zeugnisse A. Von den theologischen Fakultäten. Von der Universität zu Amsterdam ein Brief an Herrn Dr. Plato. — Von der Universität Kopenhagen eine Erklärung, latein. Text und Uebersetzung. — Don der Universität Leyden ei» Gutachten, niederländischer Text und Uebersetzung. — Bon der Universität Utrecht ein Brief an Herrn Dr. Plato» niederländischer Text und Uebersetzung. — Von der Universität Upsala. — Von der theologischen Facultät Christiania. — Der YI. internationale Orientalisten-Congreß zu Leyden. 8. Von Bischöfen. Vom Erzbischof in Lemberg. — Dom Hochwürdigen Herrn Dr. Kopp, Fürstbischof zu Breslau» ein Brief an den Rabbiner Dr. Cahn. — Don dem Hochwürdigen Herrn Dr. I. H. Reinken s, Bischof in Bonn, ein Brief an Herrn Rabbiner Lipschitz. 6. Von Professoren. Vom Prof, der Theologie M. Banmgartenin Rostock an Oberrabbiner Lipschitz Dom Geheimen Kirchenrathe Prof. Dr. theol. Franz Delitzsch in Leipzig ein Gutachten. — Von Prof. Dr. theol. und phil. A. D i l l m a n n in Berlin ein Brief an Herrn Rabbiner Lipschitz. — Don Prof. Dr. Georg Ebers in Leipzig eine Erklärung. — Don Prof. Dr. H. L. F l e i s ch e r in Leipzig eine Erklärung. — Von Prof. I. G u i d i in Rom. — Von Prof. Köhler in Erlangen än Dr. Bloch. — Von Prof. Dr. theol. nnd phil. Chr. H. K a l k ar in Kopenhagen eine Erklärung. — Don Prof. Dr. Paul de Lagarde in Göttingen ein Brief an die Rabbinerversammlunq. — Don Prof. Dr. A. Merx in Heidelberg eine Erklärung. — Don Dr. Alois Müller, Universitäts-Bibliothekar in Graz, eine Erklärung. — Don Prof. Dr. Friedrich Müller in Wien ein Brief an Herrn Lipschitz. — Don Prof. Dr. Th. Räldecke in Straßburg eine Erklärung. — Don Prof. Dr. Ed. R i e h m iu Halle eine Erklärung. — Don Prof. Dr. Earl Siegfried in Jena ein Brief an den Rabbiner Singer in Darpalota. — Don Prof. Dr. Sommer in Königsberg ein Brief an Herrn Lipsckitz. — Don Prof. Dr. theol. Bernhard Stade in Gießen eine Erklärung. — Von Prof Dr. H. L. S t r a ck in Berlin ein Gutachten. — Von Lic. theol. Dr. Aug. Wünsche in Dresden ein Brief an Herrn Lipschitz. — Don Ernest Renan in Paris. — Don Prof. Raebiger in Breslau. — Don Johannes S ch e r r in Zürich. (Sämmtliche Dorumente erliegen in der Ledaetion der „Vesterreichischen Wochenschrift" im Originalzu Jedermanns Einsicht.) Herrn Rabbiner Dr. H. Plato Cöln. Geehrter Herr Rabbiner. Einem Beschlüsse der am 5. Juli d. I. in Bndapesth abgehaltenen Rabbiner-Versammlung hat die theologische Facultät der amsterdamer Universität es zu verdanken, daß Ihrerseits auch an sie die freundliche Aufforderung ergangen ist, in Betreff einer alten, aufs neue gegen die Juden erhobenen Anschuldigung eine gutachtliche Erklärung abzugeben. Sie sieht sich dadurch veranlaßt, der Mißbilligung, mit welcher auch sie von der Verbreitung einer ebenso unbegründeten als gefährlichen Behauptung Kenntniß genommen, einen klaren und Pflichtgemäßen Ausdruck zu geben. Dem Urtheile aller Sachverständigen beipslichtend, ist auch sie von der Ueberzeugung durchdrungen, daß eine ge-