Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021309--09048-3033459- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ur. 31 Dl*a Bloch’s Iahr-Ml- XU. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenkhums. A. ft. PostspArrsgen-Amr TlraringverKehr Nr. 810.976. > Ledsction und Adminikrstion: w rrn n., Linkere Anaarkerrlkr. la. Telepi on -Nr. 14.847 » ----. =---- ~"=X Wien, 4. August 1899. - ■'■»)«* *fr f - Erscheint jeden Freitag. -—*»— - Brief-Adresse: Wien, II., Untere Angartenstraße la» Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. R- —.-»■ » Srrugsprri» für Oesterreich 7 Halbjährig 4 fl. — 8 Stt. Etnzrleremplare 25 tcw Iür’8 Ausland: halbjährig 5 jl. =» 10 Jte. ganzjährig 10 * 20 * Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 12 kr. X - - -- x Inhalt. Leitartikel: Diderot über die Unduldsamkeit — Der organische Zionismus. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Germanische Sitte. — Principientreue und Wahrheitsliebe der Antiseniiten. — Im Zweifel — verurtheilen wir! — Correspondenzen: Wien, Graz, Komotau, Trebitsch, Berlin, Dortmund, Paris, London, New-Aork, Philadelphia, Boston. — Vermischtes: Wien, Groß-Enzersdorf, Lemberg, Kremsier, Prag, Brüx, Piesling, Mähr.-Ostrau, Ratibor, Budapest, Essegg, Berlin, Marocco, Melbourne, London. — Feuilleton: Michael. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Diderot über dir Unduldsamkeit. Man schrieb den 7. Mai 1773, als der berühmte Philosoph Diderot, der Lessing Frankreichs, unter dem Namen Pierre Charles Levesque, Bürger von Paris, den Vertrag Unterzeichnete, der ihn verpflichtete, in der Eigenschaft eines Gouverneurs der Cadettenschule nach Petersburg zu gehen. Man kann nicht sagen, daß es ein ganz unüberlegter Entschluß war, den der Herausgeber der berühmten Encyclopädie damals zur Ausführung brachte. Eine dringende Einladung der russischen Kaiserin Katharina II. war schon 10 Jahre vorher erfolgt- und auch diese hatte ihre Vorgeschichte. Im Jahre 1765 bemühte sich Diderot, einen Käufer für seine Bibliothek zu finden, um seiner 13jährigen Tochter die Grundlage für eine Mitgift zu schaffen. Katharina II. von Rußland hatte davon gehört und kaufte die Bibliothek für 15.000 Livres an, unter der Bedingung, daß Diderot sein Leben lang die Bücher in Verwahrung halte und auf ihre Kosten ergänze, wofür er eine Pension von 500 Livres jährlich erhalten sollte. Als ihm diese das erstemal unpünktlich ausgezahlt wurde, half die nordische Fürstin diesem Uebelstande einfür allemal ab, indem sie chm auf — 50 Jahre hinaus die Pension vorausbezahlen ließ. Seit jener Zeit hörte sie nicht auf, ihn mit Einladungen zu verfolgen. Allein der Gelehrte, der vorher kaum jemals über Paris und die verschiedenen Landaufenthalte in der Nähe hinausgekommen war, ließ sich 10 Jahre lang bitten. Auch hatte er kaum die Reise angetreten, als er auch schon in den großen Bibliotheken von Brüssel und Haag festsaß, für 3 Monate! Gerade während seiner dortigen Anwesenheit erschien übrigens im Haag jenes posthume Werk von Helvetius, welches schon durch seine Widmung an die Kaiserin Katharina ll. Aussehen machte, eine Widmung, in welcher unter Anderem folgender Passus vorkam: „Die französische Nation ist heute (1773!) die Verachtung von ganz Europa; keine Krise kann ihr mehr die Gesundheit zurückgeben; die Eroberung ist die einzige Hilfe für ihre Verkommenheit." So schreibt der große Kenner Helvetius 20 Jahre vor dem Ausbruche jener Revolution, durch welche die Franzosen zu Erlösern Europas geworden sind, und vor dem Auftreten jenes gewaltigen Heerführers, dessen Ruhm jenen Cäsars und Alexanders in den Schatten stellen sollte. Da sage noch Jemand, daß man sich in den Franzosen jemals auskennen werde! Vom August bis October reist der Philosoph vom Haag nach Petersburg. Daselbst wurde er von der genialen Monarchin, trotz seiner naiven Manieren, mit Begeisterung ausgenommen. „Sie ist ganz entzückt von ihm," schreibt sein Freund Grimm, 22. November 1778. „Das ist die Hauptsache. Im Uebrigen faßt er sie bei der Hand, schlägt aus den Tisch, ganz, als ob er mitten in seiner Gemeinde von Rue Royale (Synagoge de la Rue Royale) sein würde." Den Kern seiner Gespräche mit der Kaiserin von Rußland hat Diderot in einer eigenhändigen Darstellung zusammengefaßt, welche bisher Eigenthum der kaiserlich ruffischen Familienbibliothek war und im heurigen Jahre durch Maurice Taurneux bei Calmann Levy in Paris veröffentlicht worden ist. Bon denselben dürsten jene Gespräche über Toleranz besondere Beachtung verdienen, die noch jetzt von den Regierenden in Rußland mit großem Nutzen gelesen werden könnten. Besonders gern verweilt der französische Philosoph bei dem Gedanken, daß jede Verfolgung Andersgläubiger dem fremden Glauben nicht nur nicht schadet, sondern geradezu nützt. Er citirt den Ausspruch Tertullian's: „Das Blut der Märtyrer sei der Same des Christenthums gewesen", und bemerkt hiezu: „Dasselbe lehrt die Geschichte der Unduldsamkeit in allen Jahrhunderten von allen Völkern und allen Arten der Verfolgung. Es gibt nämlich im Menschen eine ganz merkwürdige Eigenschaft, die ich sehr hoch halte, nämlich die, daß sein Herz ihn zu allen muthigen Handlungen hinzieht. Man bestraft mit dem Tode den Mann, der überführt wird, ein hochverrätherisches und für den König beleidigendes Placat affichirt zu haben; am nächsten Tage schon affichirt man 20 andere, von denen jedes vielleicht heftiger ist als das erste. Im Augenblicke, wo eine Todesgefahr damit verbunden ist, wird die Handlung, welche vorher vielleicht geradezu eine Feigheit war, zu einem Acte des Heroismus erhoben. Welch' erhebendes Gefühl, sein Leben für eine Sache aufs Spiel zu setzen!" Man glaubt, eine Beschreiburg des modernen Antisemitismus und seiner verderblichen Folgen zu lesen, wenn man folgende These Diderot's zur Kenntniß nimmt: „Die Unduldsamkeit, besonders jene des Staates (äu souverain), gibt den nebensächlichen Dingen Bedeutung, sie wird zur Quelle von Anklagen und Verleumdungen, sie wird zum Motiv für die Ausschließung der Tüchtigkeit und für das Avancement der Untüchtigkeit, zu Würden, zu denen man nur durch sein Verdienst vorrücken sollte. Die Unduldsamkeit verengt die Geister und verewigt die Borurtheile; sie ist niemals der Wahrheit günstig, nur die Lüge findet dabei ihren Vortheil; denn die Wahrheit liebt die freie Diskussion,