Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Date
- 1899-06-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 482 Dr. Bloch's Wvchenschrifk. Nr 26 in Syrien und Egypten festen Fuß fasten und den Orient erobern. Die mysteriöse Ermordung eines Kapuzinermönches, des Pater Thomas, in Damaskus sollte dazu die Gelegenheit bieten. Frankreich trat als katholische Schutzmacht auf und vrranlaßle einen Proceß, der allen Grundsätzen der Gerechtigkeit ins Gesicht schlägt. Der französische Consul in jener Stadt, Ratti-Menton, mehrfacher Bankerotteur und Charakterlump, entblödete sich nicht, das Märchen vom Ritualmord wieder aufzuwärmen und die Damascener Juden desselben zu beschuldigen. Eine Broschüre, die er zu diesem Behufe unter dem Pöl el von Damascus verbreitete, hatte die Glut des Fanatismus zur helltoderr.den Flamme entfacht und schließlich die Anfangs gleichgiltige türkische Regierung veranlaßt, ihre Marterwerkzeuge gegen die angeschuldigten Israeliten in Bewegung zu setzen. Auf die Folter gespannt, gestanden auch die Gepeinigten, was man gerade wollte, nämlich daß sie bei der Bereitung der Osterfladen dringend einigen Christenblutes benöthigt und zu diesem Zweck den unglücklichen Thomas ermordet hätten. Uns modernen ist — dank der antisemitischen Ethik — die Verbreitung solcher Ammenmärchen nichts Außergewöhnliches. Der philosophisch noch rückständigeren ersten Hälfte des Jahrhunderts war sie etwas Unerhörtes, das allenthalben in Europa Entrüstung hervorrief. Allenthalben? Das ist doch zuviel gesagt. Die französische Regierung allein, bemüht, sich als die Schützerin der römischen Christenheit im Osten aufzuspielen, suchte zuerst die Angelegenheit zu vertuschen. Als dies jedoch fehlschlug, infolge des Berichtes des österreichischen Consuls, der die Sache ordnungsgemäß seiner Regierung mitgetheilt hatte, weil sich unter den Verfolgten auch ein österreichischer Staatsangehöriger befand, so unternahm sie es, das Benehmen ihres Vertreters mit allen Mitteln zu justificiren. Namentlich widersetzte sie sich — und hierin liegt eine frappante Parallele zu den allerjüngsten Vorfällen — einer Wiederaufnahme des Pcocestes, wie sie, natürlich unter Ausschließung der Folter, von oen Vertretern der übrigen Großmächte verlangt wurde. Um jedoch den Schein zu erwecken, etwas gethan zu haben, wurde eine untergeordnete Persönlichkeit mit beschränkten Vollmachten nach Damascus geschickt, die einige Actenbündel äusfertigte, thatsächlich aber nichts Wesentliches zu Stande brachte. Wie benahmen sich die französichen Juden gelegentlich der Verfolgung ihrer syrischen Glaubensgenossen? Wie sie sich auch heute — einige edle Ausnahmen abgerechnet — trotz der Legenden von Dreyfus-Syudicaten und panjudäischen Complotten benehmen. Das israelitische Consistorium trat zusammen und faßte einige lauwarme Resolutionen, darunter auch die, daß man zu der Weisheit und Gerechtigkeit der Regierung unbedingtes Vertrauen hätte (!) und es sich im Uebrigen aus Patriotismus versagen müste, in die Angelegenheit einzugreifen. Einem Antrag, den Minister zur Veröffentlichung der Proceßacten aufzufordern, wurde nicht Zustimmung gegeben. In der Kammer brachte der jüdische Deputlrte Fould eine schwachmüthige, überdies mit Thiers vorher abgekartete Interpellation ein, die natürlich mit einem vollen Sieg des Ministers endete. Wirklich mit Energie handelnd traten außer dem österreichischen Consul nur zwei Männer ei», der englische Philantrop Moses Montefivre und der schon durch seine Plaidoyers für die St. Simonisten wohlbekannte Advocat Adolphe Crsmieox. Daß sofort gegen beide Männer, namentlich gegen den Letzteren, von pfäffischer Seite die gehästigsten Verleumdungen verbreitet wurden, versteht sich von selbst. Da von den europäischen Staatsmännern Lord Palmerstone den französischen Aspirationen am schärfsten entgegengetreten war, so galt Crämieux nach geheiligter Tradition für einen Agenten Englands, er, dessen lauterer Patriotismus heute nach seinem mannhaften Widerstand gegen den Staatsstreich vom 2. December wie durch seine Theilnahme an der Regierung der nationalen Vertheidigung außer allem Zweifel steht. Desgleichen wurde auch fleißig von dem bewährten antisemitischen Recept Gebrauch gemacht, christliche Vertheidiger der Humanität als Inden oder jüdische Abkömmlinge zu verdächtigen, wie dies namentlich mit dem österreichischen Generalconsul Laurin, der sich der bedrängten Juden annahm, geschah. Die nächste Folge war, daß sich Frankreich moralisch und politisch isolirte. Moralisch, indem es die Sympathien, die es von der großen Revolution her bei allen Bekennern der Demokratie besaß, leichtfertig vergeudete; politisch, indem trotz aller Ränke die ehrgeizigen Pläne des Ministers von den vereinigten Großmächten vereitelt wurden. Jener hatte seine Karten zu früh aufgedeckt und damit die Zweideutigkeit seines Spieles verrathen. Denn während er einerseits die Damascener Greuel zu beschönigen trachtete, um damit die beanspruchte Suprematie Frankreichs über die lateinischen Christen des . Ostens zu befestigen, ließ er doch die von Mehemed Ali schwer bedrängten christlichen Maroniten, die noch von den Kceuzzügen her unter französischem Protectorat standen, leichtherzig im Stich, um die Empfindlichkeit seines syrischen Bundesgenossen nicht zu verletzen, dessen er sich als eines Sturmbocks gegen England zu bedienen hoffte. Ja, er war es, der Mchemed am nachdrücklichsten in seinem aufrührerischen Unternehmen gegen seinen rechtsmäßigen Herrn, den Sultan, unterstützte. Dieses Doppelspiel eröffnete endlich den europäischen Großmächten die Augen. Trotz des französischen Einspruches nahmen sich dieselben des bedrängten Sultans an und zwangen nach dem Bombardement von Beirut Mehemed Ali zum Frieden. Damit war auch die Thiers'sche Ministerherrlichkeit, die mit den orientalischen Händeln aufs Innigste verknüpft war, besiegelt. Schon am 21. Oclober desselben Jahres reichte er seine E itlaffung ein. Und die Julimonarchie fand bald ihr rühmloses Ende. Ein großer deutscher Dichter schrieb während der Damascener Vorgänge in seinen Berichten an die „Augsburger Allg. Zeitung" : „Der Türke ist dumm und schnöde und stellt gern seine Brstonaden- und Tortucapp träte zur Verfügung der Christen gegen die angeklagten Juden, denn beide Secten sind ihm verhaßt, er betrachtet sie beide wie Hunde, er nennt sie auch mit diesem Ehrennamen und freut sich gewiß, wenn der christliche Giaur ihm Gelegenheit gibt, mit einigem Anschein von Recht den jüdischen Giaur zu mißhandeln. Wartet nur, wenn es einmal des Paschas Vortheil sein wird und er nicht mehr den bewaffneten Einfluß der Europäer zu fürchten brauch!, wird er auch dem beschnittenen Hunde Gehör schenken, und dieser wird unsere christlichen Brüder wieder anklagen, Gott weiß, wessen! Heute Hammer, morgen Amboß!" War Heine ein Prophet? Ach, er war, wie er selbst in scherzenver Resignation beklagt: „nur ein Dichter". Und doch muß man hier, wie in anderen Fällen die kühne Voraussicht des deutschen Aristophanes bewundern, dessen Warnung gar zu bald sich erfüllen sollte. Nur zwanzig Jahre darauf war dasselbe Damascus Schauplatz einer Christenabschlachtung, gegen die die vorhergehende Judenverfolgung nur als eine harmlose Schäferidylle erscheinen mußte. Das blutige Gemetzel von 1860 war die rothgeschriebene Recension des Trauerspiels von 1840. Wie wird der Commentar zum Dreyfus-Proceß lauten? Wie kommt „die Ehre der französischen Armee" in die Dreyfus- Ssche? Jeder Unbefangene muß darüber staunen, daß es für die sranzösiiche Armee Ehrensache sein soll, einen Unschuldigen lebenslänglich in einem Gefängniß zurückzuhälten, gegen welches die Bastille unseligen Angedenkens ein Erholungsort zu nennen ist. Der Zusammenhang wird klarer, wenn man bet Pascal die jesuitische Theorie der Ehrennothwehr kennen lernt, gegen welche alle angeblichen Schändlichkeiten der Talmudmoral, selbst wie sie von den verlogensten Judenfeinden dargestellt wird*), doch das reine Kinderspiel sind. Die Rettung irgend einer Ehre wurde nämlich nach Pascal in der Moratthevlogie des Jesuitismus als Entschuldigung für einen bewußten Morv zugelaffen. „Alles, was Ihr thut, vollzieht sich in aller Stille; jeder Eurer Schritte hat politische Zwecke. Ich schreibe lediglich, um Eure Pläne aufzudeckcn und um sie zu durchkreuzen, indem ich sie bloßlege. Wie ich Euch gut kenne und wie weh' es mir thut, zu sehen, daß Gott Euch so sehr verläßt, daß er sogar gelingen läßt, was Ihr in Eurer ruchlosen Verblendung plant. Euer Glück ist des Mitleids würdig und kann nur durch Diejenigen beneidet werden, welche nicht wissen, worin der wahre Erfolg besteht. Es ist die größte Wohlthat, die man Euch erweisen kann, wenn man den Erfolg vereitelt, den Ihr durch diese ganze Haltung anstrebt, da Ihr Euch ja auf Nichts stützt, als auf die Lüge", so schreibt Pascal in seinem letzten Briefe. Pascal war ein begeisterter Katholik, ein schwärmerisch gläubiger Sohn der Kirche. Aber er sah voraus, daß sie unter dem unchristlichen Treiben ehrgeiziger und skrupelloser Streber zu leiden haben werde. Er fürchtete *) Vergleiche die „Acten und Gutachten zum Processe Rohling- Bloch," Wien, Verlag Breitenstein«