Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021302--08931-3033335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 94 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 345 I. Robitschek und Beruh. Schlesinger. Vergegenwärtigt man sich, daß eine Gemeinde-Vertretung in erster Reihe Verwaltungsbehörde ist und als solche enge Fühlung mit den Gemeindemitgliedern behalten muß, des Weiteren die Qualification nachzuweisen hat, in Berwaltungsfragen eine richtige Initiative ergreifen zu können, so sind hinreichend Gründe vorhanden, dem gewählten Collegium vollstes Vertrauen entgegenzubringen. Es ist eine längst anerkannte Thatsache, daß die israelitische Cultusgemeinde in Teplitz die erste israelitische Gemeinde in Böhmen war, welche dem Fortschritte Concessionen machte. Die israelitischen Bürger von Teplitz haben von jeher gezeigt, daß sie treue Söhne ihres Vaterlandes sind und daß sie sich opferwillig der Wohlfahrt ihrer Vaterstadt mit unzetheiltem Interesse für alle Mitbürger stets gewidmet haben. Aus dieser Liebe zu Scholle und Boden ergab sich die Verneinung eines specifischen Standpunktes als Gemeinschaft und der unmittelbare Anschluß an Volkssinn nnd Volkssitte. Die religiöse Anschauung blieb deshalb von jeher unabhängig vom Geiste früherer Zeiten, stellte sich vielmehr in Einklang mit der ästhetischen Grundlage, die für die geistige Beurtheilung eines modernen gebildeten Menschen maßgebend geworden ist. In diesem Sinne erfüllen die israelitischen Bürger in Teplitz ihre religiöse Aufgabe und die israelitische Gemeinde in Teplitz kann es mit Stolz verzeichnen, daß von einer Zersplitterung der Anschauungen in religiösen Fragen, wie es namentlich in Deutschland usuel ist, fast gar nicht die Rede ist. Man macht sich nicht zum Sclaven des überkommenen Wortes, sondern pflanzt neue Principien auf den Boden einer guten Tradition. Dieses heißt — Erweitern und nicht Schmälern. Und so werden die Cultusfragen, die dem neuen Collegium zur Erledigung vorliegen, weil der Geist religiöser Uebereinstimmung verbindet, auch weiter durch die Lösung Zeugniß geben von dem humanistischen Standpunkt einer Repräsentanz, die das religiöse Princip mit dem Guten, Nützlichen und Schönen identificirt. D a w i s o n. Lemberg. Trotz der erbittertsten Gegenagitation von Seite der Antisemiten ist das Ergebniß der Gemeiuderathswahlen für die Juden ein recht günstiges zu nennen. Wenn auch die jüdischen Einwohner weiter nicht in dem ihnen gebührenden Percentualverhältniß in der Stadtrepräsentanz vertreten sein werden, so gelang es denselben dennoch, drei bereits innegehabte Mandate zurückzuerobern und wird es nur von dem solidarischen Zusammengehen der jüdischen Wählerschaft abhängen, gelegentlich der noch stattfindenden Stichwahlen einen tüchtigen jüdischen Candidaten durchzubringen. Gewählt wurden nachstehende Glaubensgenossen, und zwar: die Rabbiner Jsak S ch m e l k e s und Dr. I. Caro, die Abgeordneten Dr. Byk, Dr. Löwe nstein, Piepes und Dr. Goldmann, die Apotheker Blumenfeld und Beiser, die praktischen Aerzte Dr. Mahl und Dr. P i s e k, die Advokaten Dr. Holzer und Dr. A. Reiß, Kaufmann Fried. Bankier I o n s z und Industrieller N. Mayer. . Berlin, 5. Juni. Der Minister der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten hat laut Meldung der „Jüdischen Presse", unter dem 13. Mai d. I. an sämmtliche königliche Regierungen nachstehende Verfügung erlassen: „Auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen über die Verhältnisse der Juden sind die Synagogengemeinden verpflichtet, in allen den Fällen, in welchen nicht besondere öffentliche jüdische Volksschulen vorhanden oder an paritätischen Schulen jüdische Lehrer angestellt sind, vielmehr die jüdischen Kinder die öffentlichen Volksschulen einer der ch r i st l i ch e n Confessionen besuchen, durch besondere jüdische, als Elementarlehrer geprüfte Religionslehrer für den Religionsunterricht der jüdischen Kinder Sorge zu tragen. Diese Verpflichtung wird vielfach von den kleinen, leistungsschwachen Synagogengemeinden schwer empfunden und hat schon wiederholt zu Anträgen auf Beihilfen aus staatlichen Fonds geführt. Zn Beihilfen von Synagogengemeinden zur Anstellung von Religionslehrern stehen mir indessen Mittel nicht zur Verfügung. Ich bin aber bereit, in Fällen uachgewiesener Leistungsvnfähigkeit der Synagogengemeinden solchen Schulverbänden, welche freiwillig an Stelle der ersterenfürdie ihnen ü b e r w i e s en e n j ü d i s ch e n Kind er besonderen jüdischen Religionsunterricht e i n r i ch t e n, bei eigenem Unvermögen eine Beihilfe aus denzu denBeihilfen für unvermögende Schulverbände durch den Staatshaushalts- Etat bereit gestellten Mitteln zu gewähren. Dabei sollen auch diejenigen Grundsätze zur Anwendung kommen, welche nach den Erlässen vom 18. Mai 1886, 29. Jänner 1887 und 1. Juli 1890 (Centralblatt 1887, S. 251, und 1890, S. 669) für die Gewährung einer Beihilfe zu den Kosten des Religionsunterrichtes für die Kinder der Minderheit christlicher Confeffion maßgebend sind. Es würde demnach eine Beihilfe dann gewährt werden können, wenn die Zahl der zu einer Unterrichtsstation zu überweisenden Kinder mindestens 12 beträgt und die Einrichtung des Religionsunterrichtes nicht unverhältnißmäßige Kosten erfordert. Ich veranlasse die königliche Regierung, die hiernach in Ihrem Bezirke in Betracht kommenden Fälle, in denen die Einrichtung eines besonderen Religionsunterrichtes für die jüdischen Schulkinder unter Gewährung von Staatsbeihilfen erwünscht ist, in einer Nachweisung zusammenzustellen und bei jedem einzelnen Falle die Zahl der jüdischen Kinder und die Höhe der erforderlichen Beihilfe, sowie anzugeben, ob der Schulverband voraussichtlich zur Einrichtung besonderen jüdischen Religionsunterrichtes bereit sein wird. Der Einreichung dieser Nachweisung sehe ich in sechs Wochen entgegen, evmtuell ist eine Fehlanzeige zu erstatten. I. A. gez. K ü g l e r. London, 6. Juni. Unsere Stadt beherbergt einen sehr interessanten Gast: Herrn Dr. Waldemar (Wolf Mordechai) H a f f k i n e, der auf kurzen Urlaub aus Indien hierher gekommen ist. Nächsten Donnerstag wird er in der Königlichen Akademie (Royal Society) über sein eigentliches Fach: „Die präventive Pest-Impfung" sprechen, und am Montag den 12. d. M. bereitet ihm der „Maccabäer-Club" ein Bankett, bei welchem Professor M e l d o l a den Vorsitz führen wird. Dr. Haffkine, für den sich jetzt alle wissenschaftlichen Kreise interessiren, ist bekanntlich russischer Jude. Er stammt aus Odessa wo er im Jahre 1860 geboren wurde und im Jahre 1884 das Doctordiplom erhielt. Dann ging er zum Physiologen Schiff nach Genf und von hier zu Pasteur nach Paris. Seit dem Jahre 1893 steht er in indischen Diensten, wo er durch die von ihm erfundenen Präventiv-Jmpfungen gegen die Pest sich große Verdienste erwarb und dafür auch von der Königin mit dem Commandeurkreuze des indischen Ordens ausgezeichnet wurde. Es ist jedenfalls in dieser Zeit der Aechtung jüdischer Einwanderer aus Rußland interessant, wie viel Indien, diese Perle in der Krone der Königin, einem russischen Juden zu verdanken hat. Wien. (Vom jüdischen M u s e n m.) Zum zweiten Male innerhalb weniger Wochen waren die Stätten des jüdischen Museums erfüllt von jugendlichen Besucherinnen, die gekommen waren, ihre theorettsch bereits gesammelten Belehrungen durch praktische, an Ort und Stelle eiuzuholenden Anschauungen zu erweitern und den nun einmal geweckten, so leicht empfänglichen Sinn für die dortselbst untergebrachten zahlreichen Objecte zu stärken und zu kräftigen. Samstag, 27. Mai d. I. erschienen unter Leitung ihres Religionslehrers, Herrn Moriz A n t s ch e r l, mehr als 40 Schülerinnen der Bürgerschule in der Renngasse im Museum und unter Anleitung dieses Herrn, sowie des Vertreters der Gesellschaft, Herrn Emil Jelinek, wurden die jungen Damen, denen sich auch zahlreiche Mütter und Familienmitglieder anschlossen, mit den vielen Gegenständen vertraut gemacht, unter welchen die meisten das lebhafteste Interesse erregten, so nanrentlich die prachtvoll ausgestattete Hagada von Wolf Herlingen, die Bar- Kochba-Münze, der Gypsabgnß der Herzogin von Naxos-Medaille, die verschiedenen Megillahs, der Stein aus der Omar-Moschee, die große Gemälde-Ausstellung mit den Bildnissen der hervorragendsten Mitglieder der hiesigen Cultusgemeinde, die aus Majolika ausgefiihrten Sederschüffeln, hauptsächlich waren es die Judenschutzbriefe mit den eigenhändigen Unterschriften Maria Theresia's sowie Kaiser Carl VI., und das elegante Adelsdiplom Josef Ritter von Wertheimer's s. A., das das, Facsimile Kaiser Franz Josef I. trägt, von welchen die Gäste sich nicht trennen konnten, und als nach Durchsicht der photographischen Aufnahmen der bekannten Oppenheim'schen Bilder, sowie derjenigen des im Jahre 1735 verstorbenen französischen Malers Picquart auch die vorhandenen Sulzer-Reliquien besichtigt waren und die Damen, die wohl noch nicht fertige Sabbathstube betraten, die in hellsteni elektrischen Lichte erstrahlte, da war des Staunens kein Ende, die jugendlichen Gesichter waren in ein Meer der Freude getaucht und nur mit Mühe war es nach längerer Zeit möglich, aus diesen so rasch liebgewordenen Räumen zu scheiden. Nach einer kurzen Dankesrede des Herrn A n t s ch e r l, dem die Initiative zu diesen Besuchen zu danken ist und die wir gerne den anderen Herren Lehrern empfehlen, verabschiedeten sich die Gäste vom Vertreter Herrn I el i n e k, jedoch nicht ohne an Letzteren zu öfteren Malen die Frage gerichtet zu haben, w a n n das Museum besichtigt werden kann, da die meisten der zukünftigen Hausfrauen noch ihre Angehörigen mitbringen wollen. Es war ein schöner, erhebender Nachmittag, der nur den Wunsch nach unzähligen Wiederholungen znrückläßt. Das Museum, das sich I.. Rathhausstraße 13 befindet, kann gegen vorherige Anmeldung besichtigt werden und empfiehlt es sich, diese Vormerkungen einige Tage vorher zu veranlassen; namentlich machen wir die Reisenden darauf aufmerksam, welche es nicht versäumen sollten, die Schätze einer Besichtigung zu unterziehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.