Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 20 (19.5.1899)
- Date
- 1899-05-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 20 Dl*a BIOCll" 5 Jahrgang 171. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. --H- Wien, 19. Dai 1899. ■ — . ’H1 *-i‘' -- Erscheint jeden Freitag. - ->-» -fr - Brief-Adresse: Wien» II.. Untere Angartenstraße 1 rr. Telegramm-Adresse; Bloch's Wochenschrift» Wien. *. — - m I K. k. Postsxariageir-Nmr j C lr ar i n gverkehr 'j Nr. 810.976. | Rrdaction und 3Jöminiptration: Wien II., Untere Augrirtenstr la. Telephon-Hr. 6535. k ■■ — ----- —-==x --- Serugspreis für Oesterreich- Halbjährig 4 fl. — 8 Stx. Eiazeleremplare 25 k. Für's Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Kr. ganzjährig IO „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. « -=^-- U Inhalt. Leitartikel: Der Verfall der Staaten. — Die Regierung und das Arbeiterelend in Boryslaw. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Die Richter. Besitzen wir originale Synagogenmelodien? Antisemitismus in der Freimaurerei. Opfer der Dreyfus-Affaire. Cardinal Krementz. — Der Zionismus am Scheidewege. — Die Juden in der österreichischen Industrie. — Joel Deutsch. — Correspondenzeu: Oeffentliche Sitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde, Wien, Prag, Brünn, Mähr.-Ostran, Lemberg, Berlin, Die Algierer Judenfrage vor der Kammer, Die Cxcesse in Nikolajew, New-Vork, Boston, Chicago. — Vermischtes: Wien, Brünn, Mähr.-Weißkirchen, Tabor, Auspitz, Leitmeritz, Prag, Lemberg, Virovitica, Belgrad. — Feuilleton: Michael. — Briefkasten. — Eingesendet. — Inserate. Der Verfall der Staaten. Ein neues Buch über das alte Spanien! Was soll es uns, liegt uns doch Spanien so ferne, daß competente Beurtheiler die Anzahl der in Wien anwesenden Spanier kaum auf ein Dutzend schätzen wollen. Und doch hat das neue Buch ein gewaltiges Interesse für uns. Es ist ein Bild voll warnenden und lehrreichen Inhaltes, das da entrollt wird. Denn Spanien ist nichts anderes, als die Verwirklichung dessen, was die Wiener frömmelnde Demagogie für Oesterreich anstrebt, und der Urheber des vorliegenden Buches ist ein berühmter Demokrat, eine Art Kconawetter von Paris, zugleich ein großer Gelehrter auf dem Gebiete der Volkswirtschaft und der Staatswisseuschaften: der radicale Abgeordnete und Gemeinderath Joes Guyot; mau lese nur die Art, wie er in der Vorrede die Aufgabe seines Buches darstellt und man wird einsehen, daß es uns fast noch mehr augeht, als seine Landsleute, für die es geschrieben ist. „Ein starkes Volk mit lauter schwachen Individuen, das ist das Ideal gewesen, welches die Priester, die Adeligen und die Könige von Spanien immer wieder angestrebt haben. Ihr höchster Wunsch war, nicht über Menschen, sondern über Schafe herrschen zu können. Wer immer eine selbstständige Meinung wagte, der war der Erbfeind und der mußte vom Erdboden verschwinden. Damit alle ihre Unterthanen ganz genau nach demselben Schlage geprägt seien, vertrieben sie die Juden und die Mauren. Weg mit den Fremdlingen hieß es; Spanien für die Spanier. Aber auch die Spanier selbst sollten nur geduldet werden, wenn sie in ein einziges Bekenntniß eingekerkert werden konnten. Das Blutgericht der Inquisition sollte diese Einheit des Glaubens aufrecht erhalten. Mit dem furchtbarsten Zwange die innersten Geheimnisse des menschlichen Gewissens durchforschend, begrub sie jeden Einzelnen im Schrecken des Schweigens und gebot dem Geiste freier Forschung ewigen Stillstand. Jeder lebte in der zweifachen Angst seines Herzens, in der Angst vor dem Ueber-- natürlichen, welche von den Priestern ausgebeutet wurde, und in der Angst vor dem weltlichen Arm, vor dem Gefängnisse, vor der Tortur, vor dem Scheiterhaufen, dem Jedermann ausgeliefert werden konnte, auf die Denunciation irgend eines persönlichen Feindes hin, durch Richter, welche, in das Dunkel des Geheimnisses gehüllt, in schonungsloser Strenge ihre höchste Tugend erblickten. Da niemand für sich selbst denken und einen Entschluß fassen durfte, so mußte es schließlich dahin kommen, daß die Spanier eine vollendete Unfähigkeit, sich selbst zu regieren, bekundet haben, daß sie trotz ihres wilden Nationalstolzes sich fast ohne Unterbrechung von Fremdlingen am Gängelbaude leiten lassen mußten. Der Erde entrückt, durch die subjectiven Phantastereien ihres Aberglaubens, verachten sie die gemeine Wirklichkeit; sie leben in einer Atmosphäre von Schreckbildern und Illusionen, sie denken nach den Befehlen ihres Beichtvaters, der selbst nur laut Ordre des Papstes denken darf; statt auf die Gefahren des wirklichen Lebens und auf seine Abgründe, ist ihr Blick ausschließlich auf die Schrecken der Hölle und die Wonne des Paradieses gerichtet. Spanien ist der vollkommenste Typus einer Pciesterherrschaft, die versucht, sich von der Wissenschaft und ihrer schöpferischen Civilisation abzuschließen. Die neuesten Ereignisse zeigen uns, in welchen Abgrund des Unglückes Spanien durch diese Weltanschauung gestürzt worden ist. Es ist nicht unnütz, die Ursachen und die Resultate dieser Weltanschauung in einem Momente auseinanderzusetzen, in welchen ganze Banden von Antisemiten und Nationalisten das Frankreich Boltaire's nach dem Spanien Loyola's modeln möchten." Diese Worte, von dem Pariser Demokraten im Februar 1899 niedergeschrieben, genügen wohl, um die Actualität des Buches auch für unser Vaterland nachzuweisen. Nach einer ausführlichen Darstellung der Finanzen, welche sich in einer Staatsschuld von 8 Milliarden Francs spiegeln, nach einem Ueberblick über die Colonialwirthschaft, vermöge deren beispielsweise jeder Einwohner der Philippinen eine Kopfsteuer von 7'/, Francs und jeder männliche Einwohner 40 Tage Frohndienst im Jahre zu leisten hatte, zeigt Guyot die letzte Ursache der spanischen Mißwirthschaft. Er citirt die Auseinandersetzung „eines Spaniers", wahrscheinlich Castelar's, über die Ursache der Mißstimmung auf den Philippinen: „Seit dem 16. Jahrhundert haben wir auf den Philippinen gar nichts an der Verwaltung geändert. Was schicken wir den Philippinern? Bor Allem Mönche, welche ganz unersättlich sind und ohne Unterlaß die Königin belästigen. Da heißt es in einemfort: „Möchten doch Majestät die Gnade haben, dieses zu verleihen und jenes hinzuzufügen." Haben es doch die Missionen sogar zuwege gebracht, sich im königlichen Palaste selbst einquartiren zu dürfen. Natürlich bilden sich den 19.000 Mönchen gegenüber wieder Freimaurerlogen (bei 25.000 Brüder) und dazu kommt ein Militärregiment, Generale, welche theils die gehorsamen Diener der geistlichen Brüoer, theils willfährige Genossen der Freimaurerlogen sind, jedenfalls aber zu Gunsten ihrer Freunde das Gesetz in der schnödesten Weise mit Füßen treten." Außer Manilla gibt es nur noch eine wichtige Stadt auf den Philippinen, nämlich Jlo-Jlo. Bor zwei Jahr-