Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 358 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 19 in der Menschenwelt. Es ruht auf Menschen, welche bescheiden und demüthig und uneigennützig und anspruchslos, ausdauernd und sich aufopfernd für das Beste zeigen. Es verlangt ein Gefäß von reinem Golde, von getriebener Arbeit, einen gediegenen Charakter, eine innige Ueberzeugung, ein warmes Herz, einen hellen Geist, einen ganzen Menschen, der seine edelsten und besten Kräfte der Bildung,'Erleuchtung und Aufklärung seinen Mitmenschen widmet. Dann strahlt es sein himmlisches Licht aus, verbreitet Weisheit und Einsicht, Rath und Stärke, Gotteserkenntniß und Gottesfurcht zum Segen und zum Heil aller Geschlechter, aller Classen und aller Völker. Es weilt da, wo das volle, frische, thätige und treibende Leben sich zeigt; zu allen Zeiten und in allen Ländern wird es sich verjüngen, neu beleben und dccher erhalten bleiben! Wenn wir am Feste von Neuem das Gesetz empfangen und in der Erinnerung an das Einst unsere Herzen erfüllen und erhellen lassen von dem ewigen Lichte, dann drängt sich uns der heiße Wunsch auf die Lippen, daß bald die Zeit kommen möge, in der das ewige Licht, das Gesetz Gottes, alle Menschen unter seinem Scepter vereine, daß der Ewige als König über der ganzen Erde anerkannt werde. Wer könnte dann die weithin strahlende Mittagssonne jenes Tages beschreiben! Wie ganz anders würden sich da die Verhältnisse entwickeln! O, welch' sterbliche Zunge könnte diesen Tag so schildern, daß kein einziger Strahl desselben geschwächt würde und verloren ginge. Den Tag, an welchem jeder Mann den Namen Gottes in dessen unendlicher Fülle und reicher Wesenheit begreifen und von ihm ganz durchdrungen sein wird! Noch lange hat die Menschheit an diesem großen Erlösungswerke zu arbeiten, Tausend Geister müssen noch Jahrtausende lang ihre Zeitgenossen auftichten, aufklären, ermahnen nnd ermuntern und erleuchten, Tausende müssen noch verkannt Md verbannt werden, dulden und leiden, Staaten und Völker müssen sich noch lange läutern und reinigen, veredeln und heiligen, bevor jener Tag in vollem Glanze aufgeht. Allein er kann, er wird nicht ausbleiben! Und diese frohe und freudige Hoffnung, sie möge hineinklingen in unsere stille Festesfteude, die ja von Außen her so oft und so mannigfach getrübt wird, und möge uns stärken, das ewige Licht in unserem Herzen durch den Glauben und die Liebe zu Gott immer von Neuem anzufachen, damit wir nie wanken, nie aufhören, die Träger jener hehren Aufgabe zu sein, die Gott an uns gestellt! Deutsche und Juden. (Zum Capitel: „Los von Nom".) Israel feiert das Stiftungsfest seiner Religion, den Erinnerungstag der Sinaioffenbarung, der wir Treue bewährt haben durch vier Jahrtausende in Noth und Drangsal, trotzend allen namenlosen Verfolgungen. Unserer Zeit fehlt die religiöse Stimmung! Sie will forschen, denken, prüfen, kritisiren, aber nicht das Herz gläubig erheben und nicht die Seele an der Sonne der Religion erwärmen. Sie verfolgt mit lebhaftem Interesse jede neue Entdeckung und jede neue Erfindung, nicht aber die Untersuchungen und' Resultate auf religiösem Gebiete. Es gibt zwar sehr viel Intoleranz in unseren Tagen, diese ist aber nimmermehr eine Folge echter unverfälschter Religiosität. Es erheben auch viele Fanatiker ihre kreischende Stimme, sie sind aber nimmermehr die Dolmetsche eines religiösen Aufschwunges.. Man trifft viel Religionshaß, aber sehr wenig religiöse Liebe in unserer religiösen Zeitepoche. Es fehlt nicht an Leuten, welche kcämerhaft den Nutzen berechnen, den sie selbst aus der Vertretung des religiösen Elementes ziehen, sie sind aber weder selbst von einer religiösen Stimmung durchzogen, noch vermögen sie eine solche im edleren Sinne bei ihrer Kundschaft zu fördern. Ein vollgiltiges Zeugniß für die Beurtheilung unserer Zeit in religiöser Beziehung und für unseren Ausspruch, daß dieselbe von keiner wahrhaft religiösen Stimmung beherrscht wird, daß ihr überhaupt die Religion ein untergeordnetes Moment ausmacht, ist die Racentheorie, mit welcher so viel Mißbrauch getrieben und die herangezogen wird, um Haß und Zwiespalt zu verbreiten, Verfolgungen anzuzetteln, Gesellschaftsclaffen und Völker gegen einander zu hetzen. Denn das wahrhaft Heilige, Hehre und Göttliche in dem religiösen Principe besteht eben darin, daß es die Natur überwindet, die Menschen als Kinder der Natur von den Feffeln derselben, welche die fortschreitende Entwicklung hemmen, befreit, sie zu Herren über sich und nicht zu Sclaven der Natur macht. Die Race gehört in die Zoologie, in welcher der Mensch als Naturwesen und als Product der wirkenden Naturkräste seinen Platz einnimmt. Solange der Mensch als ein Erzeugniß der Race sich fühlt, ist er ein Thier höherer Ordnung, klüger als die Schlange, stärker als der Löwe, schneller als der Hirsch, nachahmungsfähiger als der Affe, erst von dem Momente an, da er die Race überwindet, von der elementaren Gewalt sich befreit, den Impulsen der Natur die Eingebungen seiner Vernunft siegreich entgegenstellt, erlangt er die Würde eines höheren Wesens, wird er ein Mensch. So wenig wie die Thiere haben die Racen eine Geschichte. Die Neger, die Australier sind heute dasselbe, was sie vor Jahrtausenden waren, Bestandtheile von Racen, die sich nicht fortbewegen, entfalten, entwickeln, fortschreiten zu einer höheren Stufe der Civilisation. Mit der Loslösung der Menschen von der Naturgewalt, die den Racen innewohnt, beginnt erst für sie die Einleitung zu einer geschichtlichen Entwicklung und zu einem» geschichtlichen Fortschritte. Das religiöse Pmicip, wir meinen das höhere, das die untergeordneten Stufen der Religion überwunden hat, verwirft alle Consequenzen, welche eine vom Racenstandpunkte ausgehende Weltanschauung und Gesellschaftsordnung im Gefolge hat. Ihm ist nicht die Race oder die Nationalität das maß- und ausschlaggebende Moment für den Menschen und dessen Beziehungen zu seinen Mitmenschen, sondern das hehre Menschenthum, dessen Glanz die Lichtstrahlen, die von der Race und der Nationalität ausgehen, verdunkelt. Es erblassen die Sterne am Himmel, wenn die Königin oder die Sonne aufgeht; ebenso werden die Lichtpunkte der Race verdunkelt vor der glänzenden Sonne, der großen Königin oder der Religion. Eine Zeit, wie die unserige, in welcher die Race zum Schlagworte des wildesten Hasses und der unmenschlichen Verfolgungssucht werden konnte, in welcher ferner das nationale Princip in den Beziehungen der Völker zu einander obenan gestellt wird, ist in religiöser Beziehung indifferent, kalt gestimmt oder sogar feindlich gesinnt gegen religiöse Einflüsse, sobald sie den nationalen Bestrebungen in den Weg treten und deren Aufschwung und Krastentfaltüng hindern. Eine höchst merkwürdige Erscheinung in dieser Richtung bieten jetzt die Deutschen in Oesterreich. Man muß es mit eigenen Augen lesen, wie ihre radicalen Wortführer den Grundsatz verkünden und verbreiten, daß alle Deutschen protestantisch sein müssen, weil die Hohenzollern protestantisch sind. Die Religion soll also der Nationalität sich unterordnen und ihr als Mittel zur Stärkung und Kräftigung dienen. Wie? Ist die Religion ein Object des Handels, des Tausches, der Berechnung vom nationalen Gesichtspunkte aus? Treibt man mit der Religion etwa einen Schacher, macht sie zu einem Gegenstände des Geschäftes und wirft sie bei Seite, wenn sie nicht den nationalen Erwartungen und Bestrebungen entspricht? Sind die Millionen Deutschen in Oesterreich so tief gesunken, daß sie das Heiligste hingeben sollen, sobald diese Preisgebung eine Zunahme an nationaler Kraft verspricht? Kennen die Deutschen überhaupt keine Pietät vor dem Glauben ihrer Väter oder ist ihnen überhaupt die Religion nur ein Mittel zu ihrem höchsten Zwecke, das ist die Oberherrschaft im Staate? Schimpft nur immerfort auf die Juden, überhäufet sie mit Euren Schmähungen und Lästerungen, entflammet den Haß der Massen gegen sie, rufet eine falsche Racentheorie zum Kampfe wider sie auf, verunglimpft ihren Charakter, ihre Moral und ihre Handlungsweise: sie stehen da als eine ehrwürdige welthistorische Erscheinung, zu der Ihr voll Ehrerbietung emporschauen müsset. Ihnen, den Juden, ist die Religion kein Gegenstand der Berechnung, kein Object des Tausches, hoch halten sie die heiligen Besitztümer, die sie von ihren Vätern überkommen haben und nichts war bisher im Stande, sie zum Ein- und Umtausche derselben zu vermögen. Nennt die Juden immerhin Schacherer; Ihr, meine Herren, seid Schacherer, nicht mit alten Kleidern, sondern mit alten Principien, Glaubenssätzen, Ueberzeugungen, mit den heiligsten Angelegenheiten des Herzens und des Gemüthes. Um Eure Nationalität zu kräftigen, wollt Ihr Euren alten katholischen Glauben preisgeben und für ihn den protestantischen annehmen. Gehet hin und lernet von den Juden, was Charakterstärke ist, und daß Glaubenstreue, religiöse Ueberzeugungen und die Heiligtümer der Wahrheit keinen Preis haben und nicht seil sind.