Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 16 (21.4.1899)
- Date
- 1899-04-21
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 316 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 16 Es war Samuel Levy. Als er erfuhr, daß die Schulden des Bauern inclusive der Kosten 465 Thaler 20 Groschen betrugen, löste er eine schwere Geldkatze von seinem Leibe und legte das Geld auf den Tisch. So wurden die Gläubiger befriedigt; die. Gerichtsbeamten und die Kauflustigen entfernten sich. Heinrich Dietze hatte bisher wie erstarrt dagestanden. Jetzt fiel er seinem Helfer zu Füßen und umschlang laut weinend seine Knie. „Steht auf, Mann, seid kein Thor!" sagte Samuel. „Es ist nur ein geringer Beweis meiner Dankbarkeit! Ihr habt mir das Leben, meiner Frau den Gatten, meinen Kindern den Vater gerettet! Ich wäre schon früher gekommen; allein ich wollte mich erst vergewissern, ob ihr meine Geldkatze behalten. Ich habe Euch beobachten lasten. Hättet Ihr Geld ausgegeben und plötzlichen Reichthum gezeigt, ich hätte Euch auch dann beim Gerichte nicht denuncirt; aber ich wäre nicht verpflichtet gewesen, Euch meine Dankbarkeit zu beweisen. Nun aber vernahm ich, daß Euer Häuschen und Euer Vieh öffentlich verkauft werden sollte; da bin ich denn von Berlin hergeritten, um meiner Pflicht zn genügen. Hier sind noch hundert Thaler, damit Ihr nicht wieder nöthig habt, Schulden zu machen. Solltet Ihr jemals wieder in eine bedrängte Lage kommen, so wendet Euch an mich. Ich heiße Samuel Levy und wohne in Berlin in der Spandauerstraße. Wenn ich Euch Helsen kann, so soll es gerne geschehen!" Wiederum war ein Jahr verflossen, ein für Samuel Levy recht glückliches Jahr; er hatte in Voraussicht des bald ausbrechenden Krieges mit Frankreich große Einkäufe an Korn, Hafer, Erbsen und Bohnen gemacht und sie an die Armeelieferanten mit großem Nutzen verkauft. Auch Heinrich Dietze hatte, wenn auch im bescheidenen Maße, ein glückliches Jahr gehabt. Seine Frau war genesen, und eine gute Ernte hatte seinen Wohlstand vermehrt, so daß er daran denken konnte, sein halbverfallenes Häuschen einer gründlichen Reparatur unterziehen zu Lasten.- Herr Samuel Levy saß in seinem Comptoir, in seine Rechnungen vertieft. Da trat ein Bauer herein. Levy blickte auf und erkannte zu seiner Freude seinen Lebensretter. „Ei, Heinrich Dietze," rief er ihm entgegen. „Das ist recht, daß Ihr mich in Berlin aufsucht. Meine Frau und meine Kinder sehnen sich danach, meinen Lebensretter kennen zu lernen. Doch, was tragt Ihr da in der Hand? Fürwahr, meine verlorene Geldkatze!" „So ist es, Herr Levy", sagte der Bauer. „Ich wollte mein Häuschen repariren lassen und da fand sich der Geldgurt unter dem Mist bei der Ausräumung des Stalles. Als ich Euch damals für todt auf ein Gebund Stroh legte und Euch tüchtig klopfte, da muß sich der Gurt losgelöst haben und in das Stroh gefallen sein. Das Stroh habe ich dann in den Stall getragen und mit ihm wahrscheinlich auch die Geldkatze. Hier ist sie wieder, zählt nach, ob etwas darin fehlt." Herr Levy nahm die Geldkatze und öffnete sie. Zweihundert doppelte Friedrichsd'or nahm er heraus; es fehlte nicht ein einziges Stück. „Ihr seid ein ehrlicher Mann, Heinrich," sagte Levy. „Und jetzt habe ich zwei Bitten an Euch, deren Erfüllung Ihr mir nicht abschlagen dürft. Die eine ist, daß Ihr mir verzeihen sollt, weil ich Euch in Verdacht gehabt habe." „Redet nicht so, Herr Levy", sagte der Bauer. „Ihr konntet ja nicht anders denken." „Ihr habt mir also verziehen. Nun habe ich noch eine andere Bitte. Dies Geld hier ist längst verschmerzt, Gott hat mich gesegnet, und ich brauche es nicht. Gestattet mir, daß ich Euch ein hübsches Bauerngut dafür kaufe." „Nein, Herr Levy, das kann ich nicht annehmen. Ihr habt mir den kleinen Dienst, den ich Euch erwiesen, schon reichlich genug vergolten." Levy aber ließ sich nicht abweisen und ruhte nicht, bis Heinrich Dietze das großmüthige Geschenk annahm. Dann führte er ihn bei seiner Familie ein; behielt ihn zum Mittagessen und Frau Levy und deren Kinder gaben ihm schöne Geschenke für die Seinen zu Hause. Das war eine Freude, als der Bauer nach Hause kam, und die schönen Geschenke : Tücher, Kleider, Bänder und allerlei Schmucksachen vor seiner Frau und seinen Kindern ausbreitete! Bald auch fand er Gelegenheit, ein einträgliches Bauerngut käuflich zu erwerben, welches er so vorzüglich bewirthschaftete, daß er nach einer Reihe von Jahren der wohlhabendste Bauer von Schönau wurde- Zur schönen Sommerszeit fuhr von Jahr zu Jahr ein sechssitziger Reisewagen in Schönau vor dem 'Gehöfte Dietze's vor, dem dann Samuel Levy, dessen Frau und vier Kinder entstiegen, um einen Tag bei ihren Freunden auf dem Lande zuzubringen. So aber Jemand aus Dietze's Familie nach Berlin kam, nahm er in der Spandauerstraße sein Absteigequartier. Ja, die Freundschaft der beiden Familien übertrug sich noch auf die späteren Generationen. Briefkasten. I. L - g. Es ist der alte Eiertanz, den Pfarrer D e ck e r t in seinen gehässigen Schriften aufführt. Er geht von der infamen Lüge aus, daß es eine S e c t e unter den Juden gibt, die dem Ritualmorde — wie wenn das ein Sport wäre — huldigt und kommt dann mit Grazie zn der Schlußfolgerung, daß die Juden in ihrer Gesammtheit für den Ritualmord verantwortlich sind, da sie die Secte unter ihnen nicht verrathen. Genau nach dieser Methode, die weniger von Wahnsinn als Bosheit dictirt ist, legt sich das „Deutsche Volksblatt" die Polnaer Affaire zurecht. V. H. Es ist selbst von dem famosen Mechaniker Schneider nie bestritten worden, daß er die bildliche Darstellung eines nach seinen Angaben ausgeführten „Ritualmordes" anfertigen ließ. Dieses Subject hat, wie nachgewiesen ist, fast überall seine Hand im Spiele, wo das Märchen vom „Ritualmorde" auftaucht. Alfons B. Der alberne Widerspruch in dem Feuilleton der „Deutschen Zeitung". am Dienstag fällt Jedem auf. Wenn man die jüdischen Gelehrten in Bausch und Bogen verurtheilt, so darf nian den Dr. Glaser nicht so anerkennend hervorheben, der doch auch ein Jude ist. Freilich, das war dem Schmierer in der „Deutschen Zeitung" nicht bekannt. H. F. Auch auf die Antisemiten paßt das Wort, welches Bentham gegen die Anarchisten schleuderte: „Was ist — ist n i ch t" — so klingt die Maxime des Anarchisten, so oft ihm etwas in die Quere kommt, was ihm zufällig nicht zusagt. A. H. Das ist echt antisemitische Logik. Man schmäht die edle Baronin Hirsch, weil sie nebst den Spenden ohne Unterschied der Confession. auch ausschließlich jüdische Wohlthätigkeitsinstitute bedachte und folgert daraus, wie recht der Wiener Gemeinderath daran that, den jüdischen Waisenkindern die Subvention zu entziehen. Und mit einem solchen verlogenen Pack soll man polemisiren? i. Hosrath Marcus 5z e r z, der bekannte Kantianer, war der Gatte der auch durch ihre Schönheit berühmten Henriette Herz. H. F. Da halten wir es mit G o e t h e: Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft I. L. Die geistreiche R a h e l sagte einmal: „Pedanterie setzt ganz nothwendig Leere voraus". M. N. Was hat der arme Dr. P o r z e r davon, daß er mit solcher Selbstverleugnung für G r e g o r i g eintrat? Er steht ja doch in der ersten Reihe der getauften „Geschäftschristen", die von dem „Deutschen Volksblatt" jetzt so jämmerlich geschmäht werden. L. N. „Der G l a u b e soll das öffentliche Leben beherrschen"— sagte Dr. G r u s ch a. Nach jüdischer Auffassung würde schon gegenügen, wenn Gerechtigkeit das öffentliche Leben beherrschen würde. I. H. Sie irren sich. Das Schauspiel „Die Lumpen" bringt nicht diese Gestalten unseres öffentlichen Lebens auf die Bühne. Ihr Jrrthum war aber sehr verzeihlich. D. K. Der 30. Juli 1886 war Freitag der 27« Tamus 5646. Dieses Datum fällt dieses Jahr auf Mittwoch den 5. Juli. An dem darauf folgenden Samstag, Sabbath Rosch Chodesch, wird somit der der Knabe bar mizwa. A. F. in Lemberg. Auf anonyme Zuschriften hin können wir gar nichts unternehmen. Es müssen uns concrete Fälle, für welche uns authentische Bürgschaft vorliegt, mitgetheilt werden. H. M. Wenn die Hetze gegen die Juden als gesetzwidrig betrachtet werden würde, dann hätte noch keine Nummer des Verganiblattes einen anderen Leser gehabt, als den — Staatsanwalt. B. Lg. Sie werden doch nicht glauben, daß L u e g e r 's Geisteskind ohne seine Erlaubniß in seiner Abwesenheit zu Grabe getragen wurde. Es ist immer klarer, seine Erholungsreise war auch eine — Verlegenheit^ eise. „Ein Glaubensgenosse" Die Durchführung Ihres Vorschlages würde auf sociale und gesetzliche Schwierigkeiten stoßen. Leben und Eigenthum der Bevölkerung vor Plünderern und Mordbrennern zu schützen ist Pflicht der Behörden. Herausgeber: Dr. Josef S. Bloch. — Verantwortlicher Redacteur: Robert Wolf. — Druck von L. Beck & Sohn, Wien, VIII.