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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-04-21 · 16 (21.4.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
16 (21.4.1899)
Date
1899-04-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 302 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 16 nt der Emporbrin gung der Seiden: ndustrie hätten Franzosen und Jilden dem preußischen Staate den Dank für seine hochherzige Duldsamkeit abgestattet. Die besten Berliner Judenfamilien, die Mendelssohn und Friedländer, die Veit und Marcus, haben durch ihre Verdienste in der Seidenindustrie ihr Ansehen und ihre gesellschaftliche Stellung erworben und zugleich das blos handeltreibende Judenthum in ein industrielles verwandelt; sie sind damit selbst etwas Anderes geworden, mit Staat und Gesellschaft anders verwachsen." (S. 559.) Es würde vielleicht nicht allzu schwer sein, zu beweisen, daß die Juden in dieser Weise, und .zwar keineswegs blos in Preußen^ die Vorläufer und Bahnbrecher der meisten Fabrikationszweige gewesen sind. Denn nur wer aus allen überkommenen Gewerben weggedrückt und hinausgeekelt wird, hat den Muth, fein Capital und seine Existenz an neue Experimente zu wagen. So wird der Fluch selbst zum Segen und der Stein, den die Baumeister des modernen Nationalstaates am Liebsten wegwerfen möchten, zum Eckstein eines großen volkswirthschaftlichen Gebäudes : der modernen Großindustrie. Warum wohl keiner unserer reichen Industriellen auf die Idee verfällt, die Bedeutung des Judenthums für die Entwicklung der Jndnstrie zum Gegenstände einer Preisfrage zu machen? Nur durch derartige Arbeiten über die Leistungen des jüdischen Ferments beim Werden der modernen Welt könnte der Judenhaß in dem Kreise beseitigt werden, in welchem er am Gefährlichsten und Kränkendsten ist, im Kreise der Gelehrten und Lehrer der Völker. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der ..Kikeriki" als officielles Parteiorgan. — Leib Hosen-- fleck's Abenteuer. — Dergani im Blutbad. — Die Würde der Justiz. — Ein schmutziger weißer Fleck. — Die Antwort auf eine Frage.) Die Leser der antisemitischen Zeitungen waren bisher in dem Jrrthum befangen, daß das „Deutsche Volksblatt", und nach der Depossedirung V e r g a n i's als publicistischen Hausknechtes der Christlich-Socialen die „Deutsche Zeitung" als das officielle Organ der Partei zu gelten habe. Tatsächlich ist es aber ein ganz anderes Blatt, dessen geistiges Niveau und dessen Schreibweise dem Antisemitenthum des Ernst Schneider und seiner Gesinnungsgenossen viel besser entspricht und in welchem die christlich-sociale Idee viel zutreffenderen Ausdruck findet. Das ist nämlich der „Kikeriki", welcher zweimal wöchentlich den Cretinismus so täuschend simulirt, daß man sich versucht fühlen würde, ihn für echt zu halten, wüßte man nicht, daß in diesem Blatte, gerade so wie im „Deutschen Volksblatt" und neuestens auch in der „Deutschen Zeitung", die Speculation auf die geistige Beschränktheit eines Theiles der Bevölkerung geschäftsmäßig betrieben wird. Die Leute, welche diese Zeitungen machen, sind nicht so dumm, wie sie schreiben;' sie stellen sich nur so, um unter der Maske der eigenen Bornirtheit den Blödsinn, den sie ihren Lesern auftischen, plausibel zu machen. Um sich von dem verächtlichen Charakter und der Gemeinheit des „Kikeriki", den wir nicht als „Humoristisches Volksblatt" anerkennen, den wir vielmehr vollständig ernst nehmen als ein getreues Spiegelbild antisemitischer Denkungsart, einen Begriff zu machen, genügt die Mittheilung, daß Ernst Schneider der Hauptmitarbeiter, und zwar, mit Respect zu sagen, der Leitartikler dieses Blattes ist. Wir wissen nicht, ob die Redaction des „Kikeriki" sich geschmeichelt oder verletzt fühlen wird, wenn wir die Autorschaft ihres letzten Leitartikels „Rabbi Bloch's Blutmärchen" dem Erfinder des Schußgeldes auf Juden zuschreiben; die vermeintliche Bosheit und wirkliche Dummheit dieser Leistung weist auf Ernst Schneider hin. Vielleichthat ihm aber ein eingeborener Witzboldvom „Kikeriki" dabei geholfen und der Artikel ist vierhändig geschrieben worden. Der „Kikerik:" schildert also den ihm, wie wir hoffen, sehr unsympathischen Dr. Bloch in dem Augenblicke, in welchem die Nachricht, es habe „der Hülsner, der Chamer, ein Christenmädel umgebracht in Polna", ihn in die größte Bestürzung versetzt. Ein Blatt Papier auf seinem Schreibtische trägt „in energischen Zügen" die Aufschrift: „Das neueste Blutmärchen des Bluthundes Schneider". Man ersieht schon daraus, wie der „Kikeriki" sich diesmal ernstlich bemüht hat, sich in die Meinung hinein zu denken, welche der Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" über Ernst Schneider hegen mag. Falls Ernst Schneider wirklich das über sich selbst geschrieben hat, respective Herrn Dr. Bloch das schreiben läßt, so wird man die Selbstverleugnung, die darin liegen mag, nicht allzusehr überschätzen dürfen. Nun hat dem „Kikeriki" zufolge die „Oesterreichische Wochenschrift" einen Berichterstatter nach Polna entsendet, nämlich den Herrn Leib Hosen fleck. Der Name Leib Hosenfleck ist vielleicht der beste Witz, der jemals im „Kikeriki" gestanden ist. Stünde nicht Herr Franz Friedrich Masaidek als Herausgeber auf dem „Kikeriki" genannt, so könnte man glauben, wenigstens Mark Twain habe diesen Witz „verfaßt". Alfred Capus wäre schon zu wenig geistreich dafür. Seit Jahren haben die Wiener nicht so gelacht, wie in dieser Woche, als der Kikeriki dem Polnaer Specialberichterstatter der „Oesterreichischen Wochenschrift" den Namen „Leib Hosenfleck" gab. Das ist echter Humor, das ist „beißende" Satyre. Leib Hosenfleck also telegraphirt aus Polna, das ermordete Mädchen sei eine Jüdin, der Mörder ein Antisemit. Der „Rabbi" weist voll Freude Herrn Leib Hosenfleck telegraphisch 200 fl. zu weiteren Recherchen an, und es wird ein Artikel vollendet, in welchem Schneider als intellectueller Urheber des Mordes gekennzeichnet wird. Schon ist das Blatt gedruckt, als Leib Hosenfleck mit der Hiobspost kommt: „Der Hülsner is e Jud, die Hruzowa e Christin. Der antisemitische Pöbel von Polna hat miach gelyncht". Zum Glück wird dieses „Artikelach" confiscirt. Was hier der „Kikeriki" als vermeintlichen Witz zum Besten gibt, das will er ernst genommen wissen, die antisemititischen Leser sollen wirklich glauben, es sei ein Bestandtheil der „Judenfrage", ob ein Individuum, welches ein Verbrechen begeht, ein Jude sei oder nicht. Sie sollen glauben, die Juden hätten wirklich ein Interesse daran, ein Verbrechen, welches' einer ihrer Glaubensgenossen begangen haben soll, zu vertuschen, und die Bevölkerung müsse also den Abscheu, welchen dieses Verbrechen hervorruft, auf alle Juden übertragen. Das ist nicht humoristisch; das ist christlich-social. Der „Kikeriki" ist eine durchaus ernst zu nehmende antisemitische Zeitschrift. Der „Kikeriki" ist das maßgebende christlich-sociale Parteiorgan. -i- * Das „Deutsche Volksblatt" benimmt sich in der Angelegenheit des Polnaer Mordes viel dümmer, als der „Kikeriki", obgleich oder vielleicht, weil es sich von: Ernst Schneider inspiriren läßt. Dem Verganiblatte gegenüber ist der „Kikeriki" eine Zeitschrift für die gebildete Welt. So plump zu lügen und sich in den eigenen Lügen widersprechen, wie es das „Deutsche Volksblatt" thut, dazu genügt es nicht, zweimal wöchentlich zu erscheinen; dazu braucht man ein Morgenblatt und ein Abendblatt. Vergani schwelgt in dem vergossenen Christenblut und in dem Gedanken, daß es ein Jude war, der es „aufgefangen" hat. Für die-Zwecke Vergani's und Ernst Schneider's ist es vortheilhafter, wenn es zwei oder mehrere Juden waren, die den Mord verübten. Wozu brauchten denn die Mörder das Christenblut? Das ist die große Frage, die zweimal täglich wiederholt wird. Ja, das fragen wir das „Deutsche Volksblatt": Wozu haben die Juden das Blut gebraucht? Wo ist das Blut hingekommen? An der Stelle, wo die Leiche gefunden wurde, fand ryan nur wenige Blutspuren. Wo ist das Blut hingerathen? Wozu hat man es gebraucht? Das Blut ist also aufgefangen worden. Das „Deutsche Bolksblatt" kennt die Ergebnisse der Untersuchung nicht, aber es weiß den Hergang ganz genau. Wahrscheinlich, so lesen wir da, haben die Juden das Christenmädchen vorher mit dem Kopfe nach unten aufgehängt und haben ihm so den Hals durchschnitten, und zwar nicht mit einem gewöhnlichen Messer, sondern mit einem ganz anderen. Es war auch genau so ein Schnitt, wie er beim Schächten gemacht wird, und das Blut, das muß immer wieder gesagt und von Neuem gesagt werden, das muß in einem Gefäße aufgefangen worden sein, sonst wären ja Spuren davon vorhanden gewesen. Als aber die Verleumder, die in der Redaction des „Deutschen Volksblatt" ihr Schandgewerbe ausüben, diese nach einer offenkundigen Tendenz hinzielende Niedertracht begingen, durch welche der Verdacht eines Ritualmordes erweckt werden sollte, vergaßen sie daran, was. in ihrem „Eigenberichte" von Polna, 14. April, unmittelbar vorher gemeldet worden war. „Die Untersuchung stellte fest, daß der Kopf des ermordeten Mädchens acht schwere Wunden aufwies, die dem Mädchen — allem Anscheine nach, um dasselbe zu betäuben — also bei Lebzeiten, beigebracht worden sein mußten." Haben denn die Untersuchungsrichter vom „Deutschen Volksblatt" nicht daran gedacht, daß aus acht schweren Kopfwunden ebenfalls viel Blut fließen muß?

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