Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 12 (24.3.1899)
- Date
- 1899-03-24
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021290--08704-3033096- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette £40 Vr. Vlock's Wochenschrift Nr. 18 Wie stolz das südlichdunkle Auge blitzt Dem Patriarchen mit getheil.tem Barte, Der königlich auf hohem Pfühle sitzt — 11m ihn der Enkel Kreis, der dichtgeschaarte. Er hat ein Väterpfand aus alten Tagen, Mit krausen Lettern ein vergilbtes Buch, Die heilige Agada aufgeschlagen, Und liest d'raus singend manchen theuren Spruch. Und wie der Vers von seiner Lippe schäumt, Die Seele von der Väter Heimat träumt. Ach, eine frohe Botschaft bringt der Reim: „Der Glaube macht euch frei und bringt euch Heim: „Im nächsten Jahre in Jeruscholaim!" „Im nächsten Jahre!" jauchzt des Greises Seele, Doch von dem Tische schleicht der Enkelsohu, Er birgt die Stirn, daß er die Thräne hehle — Ihm dünkt, er höre fernen Glockenton. Er spricht: „Nimm meinen Fluch, du Sang der Ahnen, Du schönes Lied vom Heimatsparadies, Vergessen hat auf harten Unglücksbahnen Uns der Messias, den die Schrift verhieß: O Harren tausend Jahr! Die Zeiten luden Auf Juda's SchuÜern nur noch ärg're Last, Die Kinder Baal's, sie haßten nicht die Juden, Wie jetzt der Ehrist den jüd'schen Bruder haßt! Was wird aus uns in dieser Zeit der Schmerzen, Inmitten all' der kämpfenden Partei'»? Ach, jede Waffe zückt nach uns'rcm Herzen, Und jeder Glaube wirst nach uns den Stein! Ward auf dem Markt der Laib des Brodes theuer — Gleich nutzt die freche Gier des Volkes Wahn; Ist schlecht die Ernte, karg die Frucht der Scheuer - Gleich tönt der Ruf: der Jud' ist schuld daran! Vom Ehristenkind, zum Passahfest geschlachtet, Ein neues Märchen weiß der Frevelmuth, Die Kirche, die nach Gold und Seelen schmachtet, Sie achtet nicht ein wenig Judeublut! O traurig Los! In Schmach und Schande leben, Von Jugend an verachtet und gehetzt, Dem Lamme gleich vor'm Zahn des Wolfes beben, Der uns umkreiset und verschlingt zuletzt! O hartes Loos! Kein freies Glück erhaschen, In Lumpen heucheln die erlog'ne Noth, Und an des Lebens Strom in Sorgen waschen Das Körnlein rothen Gold's aus Sünd' und Koth, Bis wilde Raublust im empörten Haufen, Uns auszuplündern kommt — und uns zu taufen!" Der Ahn ist taub! Er hört die Worte nicht, Die hinter ihm der Sohn verzweifelnd spricht. Jndeß die Jugend grollet und verdorrt, Labt Glauben st hau das Alter fort und fort. Doch blut'ger Schimmer leuchtet durch die Scheiben, Besorglich durch die Thüre stürzt der Sohn, Da kommt's heran, wie Meeresfluthen treiben. Mit Wehgeheule und mit Schlachtentou! Am schwarzen Thurme loht die Pcchkranzflamme, — Zu Prag des Unheils Zeichen für und für — Und rothe Kreuze, nicht mit Blut vom Lamme, Steh'n frischgemalt an jedes Juden Thür! Es ist zu spät, um Haus und Hof zu wahren; Es wächst der Schein und näher zieh'n die Scharen. O Wahn der Zeiten, unheilvolle Nacht, Erneust du wieder eine Judenschlacht? Vom wilden Volk getroffen ohne Gnade Hinstürzt der Jüngling vor des Hauses Thor, Jndeß der letzte Vers aus der Agade „Im nächsten Jahr!" noch tönet an sein Ohr. Literatur. „Mein Testament". In Ungarn hat ein kleines Büchlein von Alexius B e n e d e k, „Mein Testament", großes Aufsehen hervorgerufen. In Form einer letztwilligen Ansprache an seine Kinder entwickelt der Verfasser seine Anschauungen über dep ethischen Inhalt des menschlichen Lebens. In überaus anmuthiger von poetischer Gemüthstiefe durchdrungener Sprache bietet das kleine Buch eine Philosophie dcs menschlichen Lebens, eine Philosophie der Familie. Nunmehr hat ein in Wien lebender Ungar, Dr. Wilhelm Schönwald, das liebenswürdige und herzersteuende „Testamentum" ins Deutsche übersetzt, und das im Verlage von R. L ö w i t, Wien, I., Rothenthurmstraße 22, erschienene Buch dürfte hier viele Leser finden. An dieser Stelle seien nur die folgenden Zeilen citirt: »Zur Zeit da ich diese Zeilen niederschreibe, mein Sohn, beschäftigen große Fragen die Geister. Bedeutende Fragen, die man vielleicht schon zu meinen Lebzeiten in Paragraphe fassen wird, doch werden sie, wenn Du auch noch so alt geworden, noch immer nicht gelöst sein. Weise, große Geister-ersinnen viel Schönes und Gutes, was sich auch in Gesetzartikel fassen läßt: Paragraphe allein haben jedoch den Geist der menschlichen Gesellschaft noch niemals geändert. „Wäre ich Jude, und wollte man meine Religion recipiren, so würde ich wohl schönen Dank dafür sagen, doch würde ich fragen: wann wollet Jhrdenn mich selb st recipiren? Wäre ich Jude, und dürste ich das Christenmädcheu, das ich liebe, heiraten, ohne ^meiner Religiou abtrünnig werden zu müssen, auch dafür wollte ich aus vollem Herzen danken; — was wäre jedoch die Wohlthat des Gesetzes im Verhältniß zu jener Glückseligkeit, wenn ich sehen könnte, daß es ein Gesetz gibt, welches in den Herzen thront: das Gesetz derLiebe, diezwischen Mensch und Mensch gar keinen Unterschied kennt". Briefkasten. D. S. in B. Die „Vossische Zeitung" berichtet, daß der Vater von Lord Herschell, dem kürzlich verstorbenen Führer der Liberalen im englischen Oberhause, ein „polnischer Jude" gewesen sei. Er ist in Strelno, Provinz Posen, als preußischer Unterthan 'geboren, wo bereits der Großvater als gebildeter Mann in geachteter Stellung lebte. Der Vater Lord Herschell's ist in jungen Jahren nach London ausgewandert, dort zum Christenthum übergetreten und ist später als hervorragender Prediger zur Besetzung der Stelle als Bischof von Jerusalem in Frage gekommen. Lord Herschell's Mutter entstammt einer vornehmen schottischen Familie. H. V« in Brünn. Das widerspricht dem Geiste und der Tradition des Judenthums. L. H. Sie fragen uns, was sich der Staatsanwalt gedacht haben mag, als er in dem blöden Witzblatt „Kikeriki" einen Artikel des Ernst Schneider las, der folgende Stelle enthielt: „Ja, was hat der Jude überhaupt in die Angelegenheiten von uns Menschen dreinznred n? Marsch hinaus. mit dem Pack! Das Geld aber, das ihr „gewonnen" habt, das ihr den Eingeborenen abgewonnen, das laßt ihr Herren Juden schön im Lande da". Wir wüßten selbst gerne, was sich der Staatsanwalt bei dieser schamlosen Verhöhnung des § 302 gedacht hat. Arthur B. Wenn es einer ganz besonderen Hausknechtsleistung bedarf, dann übergibt Dr. Lueger in der Regel den Vorsitz an Herrn S t r o b a ch. Der besorgt derlei Dinge mit angeborener Geschicklichkeit. I. B. Der famose von Herrn Dr. P o r z e r vertretene Oberlehrer F u d e r e r ist als gesinnungstüchtiger Antisemit bekannt. H. L—g. Nach der Meinung des Vergani ist es die „glänzendste Satisfaction" für P urscht, daß Dr. Frischauer zu 30 fl. Strafe verurtheilt wurde. Wäre die Strafe auf 100 fl. erhöht worden, dann wäre Purscht schon prädestinirt, dereinst mindestens Vice- Bürgermeister von Wien zu werden. Dmd. B. H. Das vielcitirte Wort: „Ich schreibe jede Zeile bewaffnet mit der Bildung meines ganzen Jahrhunderts" ist von L a s s a l l e, und kommt in seinem Buche „Bastiat-Schulze" vor. M. N. Die Christlich - Socialen verbreiten mit bewußter Verlogenheit die unwahre Behauptung, daß der unglückliche Lehrer Peyrl ein Jude war. H. F—n. Es gibt keine Partei, die, wie die antisemitische, einem G r e g o r i g die infame Verleumdung eines Todten verzeihen würde. Z. B. Trösten Sie sich mit dem Paradoxon des griechischen Philosophen: „Alle Menschen sind unvernünftig, aber nur die Vernünftigen wissen es." „ I. L—g. Ein clericales Blatt brachte den Witz, daß Schönerer auf die Zumüthung: „Los von R u m" mit einem entschiedenen Nein geantwortet hat. I. H. Der englische Staatsmann C h a t a m sagte in einer seiner Reden: Macht ohne Recht ist der verabscheuungswürdigste Gegenstand, der sich der menschlichen Einbildungskraft darbieten kann; sie ist nicht allein denjenigen gefährlich, welche sie unterjocht, sondern sie versucht auch ihr eigenes Verderben. L. in K. Es ist richtig, daß auf dem Baseler-Congreß Herr Dr. Max N o r d a u seinen Freunden die Mittheilung gemacht hat, seine Frau werde in demselben Augenblicke, in welchem der Judenstaat Herzl's gegründet wird, Jüdin werden. Diese Erklärung wurde mit deni gebührenden Enthusiasmus ausgenommen. — Verantwortlicher Redacte,rr; Labert sDalf. — Druck von L. Bf<k $ Sohn, Wien VIII, Herausgeber: Dr. Josef S. Black».