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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-03-17 · 11 (17.3.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
11 (17.3.1899)
Date
1899-03-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 206 Vr. Bloch'» Wochrnschryt Nr. 11 schossenen des socialen Kampfes, herbei und wühlt aus eueren Bettelsäckcn die letzten Heller heraus, und legt sie zitternd hin auf den Zahltisch des Generalgewaltigen von Wien, des in ohnmächtiger Raserei ergrimmten Dr. Lueger, der offenbar auf eine starke Einnahme rechnet. Endlich ein Ausweg gefunden, um aus der Sackgasse der Finanzmisere herauszukommen, in die seine Unbesonnenheit und sein Eigensinn die Stadt verrannt hat, welche ihre Interessen einem — Agitator anvertraute. Die ganze Gasfrage wird noch glücklich gelöst werden mit dem Geld der Aermsten — so hofft er nämlich —, alle die vielen vergeudeten Millionen werden offenbar wieder hereingebracht, die man auf Nimmerwiederkehr entschwunden glaubte —, so denkt er! Es ist nur gut, daß wir Juden nichts zurückzugeben haben, da wir nichts, bekommen haben. Die gelehrten Juristen und der gemeinbürgerliche Alltagsverstand sind beide diesmal ganz einig darüber: Geschenkt ist geschenkt, und zurückgegeben wird nichts. Doch Lueger wird schon wie immer wissen, was er thut. Einige Stimmen erheben und versteigen sich zu der Anregung: wenn in ungesetzlicher Weise die Summen votirt wurden, so sind alle die persönlich rückersatzpflichtig, welche seinerzeit dafür gestimmt haben. Und diese Anschauung läßt sich wohl discutiren, sie hat viel Plausibles für sich. Die Drohung des „Vaterland", nun werde der Antisemitismus erst recht in Wien angehen, sie schreckt uns wahrlich nicht im Geringsten. Aerger, als es ohnehin ist, kann es ja doch nicht mehr werden. Entweder Alles bleibt im Status guo, oder es wendet sich doch endlich einmal zum Bessern, wenn die bedauernswertheirregeleitete Bevölkerung erbittert und beschämt erkannt haben wird, wer sie geführt hat und wohin sie geführt worden ist. . . . Sollten jedoch — wider Erwarten! - die Barzahlungen seitens der Humanitären Institute wirklich ausgenommen, die Widmungen und Unterstützungen alle zurückgestellt werden, dann, ja dann beantragen wir, für Herrn Gemeinderath Lucian Brunner die große doppelte Salvatormedaille, denn seiner thatkräftigen Initiative wird man es alsdann allein zu danken haben, daß nicht nur sehr beträchtliche Summen erspart wurden,sondern daß die dermalen etwas lüftigen städtischen Cassen wirklich zu einigermaßen bemerkenswertsten Beständen in ganz unerwarteter Weise kommen! Sa« deutsche Ginigungswerk und die Juden. Einer der besten Männer Deutschlands und einer der besten Deutschen, der Jude Dr. Ludwig B a m b e r g e r, ist Dienstag im Alter von 75 Jahren dahingeschieden, betrauert vom gesammten Deutschen Reiche, an deffen Aufrichtung er gleich dem Juden Laster großen und intensiven Antheil genommen hat. Nicht blos die Waffenerfolge und die Bismarck'sche Diplomatie haben die deutsche Einheit hergestellt; dazu haben auch jene Politiker beigetragen, welche wie Laster und Bam berge r einen sehr hohen Antheil am Zustandekommen der deutschen Bundesverfassung hatten.- Angesichts der schmachvollen, antisemitischen Hetze muß dies den „Deutschvölkischen" ins Gedächtniß gerufen werden. Der Bruderkrieg von 1866 hatte zur Begründung des Norddeutschen Bundes geführt, ein Erfolg, an dem sich Mancher gern hätte genügen lassen, der späterhin, und namentlich in der jetzigen Zeit, immer für die deutsche Einheit gearbeitet haben will. Die conservative Partei bezeichnet^ damals noch die frommen Wünsche und Ansprüche solcher Einheitsenthusiasten, wie Lasker, welche über den Boden der Verträge nach dem Kriege von 1866 hinausgriffen über die Mainlinie, als Schwindel. Weit entfernt, Süddeutschland für die nationale Einigung zu gewinnen zu suchen, stießen die preußischen Junker die süddeutschen Brüder brüsk zurück, indem sie ihnen zu verstehen gaben: „Es ist uns völlig gleichgiltig, ob Ihr Süddeutsche bei uns seid; wir brauchen Euch nicht, wir warten schon, bis Ihr selbst kommt, Ihr müßt von selbst kommen!" Demgegenüber waren es neben anderen patriotischen Männern wiederum Lasker und Bamberger, die im Zollparlament, welches ja Vertreter aller deutschen Stämme in seinem Schoße vereinte und den Einheitsfreunden aus Nord und Süd willkommene Gelegenheit bot, sich einander zu nähern, jeden Anlaß benutzten, für die deutsche Sache eine Lanze einzulegen, die Idee eines durch die Mainlinie nicht getrennten Deutschlands gegen die Partikularisten aller Farben zu vertheidigen. Mit dem kalt ablehnenden Wesen der conservativen Redner contrastirte seltsam der warmherzige Appell, den namentlich Bamberger des Oefteren an das nationale Empfindender Regierungen und der Vertreter des Volkes richtete. „Ich weiß sehr wohl," so rief er im Jahre 1869 aus, „daß es nur Schuld der Verhältnisse und nicht Schuld der Menschen ist, wenn die Hoffnung (auf Deutschlands Einigung) sich nicht rasch erfüllt, aber ich möchte doch zum Tröste dafür, daß ich die größere Steuerlast trage, wenigstens meinen Landsleuten die Hoffnung zeigen können, daß das Werk der Einigung, welches unvermeidlich am Ziele unserer Thätigkeit steht, daß das nicht von rechts und links verlassen ist. Das, meine Herren, ist ein wesentlicher Gesichtspunkt für uns, und seien Sie fest überzeugt, wenn die allgemeine deutsche Bundespolitik die Fahne der deutschen Einheit etwas höher hält als im vergangenen Jahre, dann werden Sie auch auf eine größere Bereitwilligkeit stoßen, diejenigen Bedingungen zu gewähren, für die wir einstweilen nur Opfer aufbringen, von denen wir aber bisher nur außerordentlich geringe Vortheile hatten." Und wie Lasker sich die Entwicklung der vaterländischen Verhältnisse dachte und wünschte, zeigt ein Brief, ebenfalls aus dem Jahre 1869, in dem er schreibt: „Wir alle streben ohne Unterlaß über die Mainlinie hinaus und hoffen auf den baldigen Anschluß des gesammten Südens. Wenn uns beschieden ist, im Frieden das Werk zu vollbringen, so muß der Anstoß hiezu vom Volke selbst ausgehen und seine Vertreter müssen sowohl den Willen bekunden, als die Kraft besitzen, sich zu einem wahren gesammtdeutschen Parlament zu entfalten. Dadurch erwächst dem Reichstage eine Fülle von Aufgaben, welche schwer im Voraus zu bezeichnen sind. Die Einheit allein ist nicht das letzte Ziel der Nation; je kräftiger sie sich gestaltet, desto sicherer will sie, ihrem Genius gemäß, den Rechtsstaat aufbauen und die Voraussetzungen eines freien Volkslebens erfüllen. In der Zersplitterung lag die tiefere Ursache, weshalb bisher der mächtigste deutsche Staat, trotz seiner natürlichen Tendenz zum Fortschritt, nicht blos in Beziehung auf die Lasten des Einzelnen, sondern auch in seiner Verwaltung eine schädliche Hinneigung zum Polizei- und Militärwesen bekundet. Dieselbe Ursache war es, weshalb einzelne Kleinstaaten, deren Regierungen von besseren Absichten beseelt waren, dem Ganzen wenig Nutzen eintrugen und von Zeit zu Zeit selber in ein bedenkliches Schwanken geriethen. Das einige und erstarkte Deutschland muß uns ein befestigtes Rechtsleben und eine allen Classen gerecht werdende Ausgleichung der Pflichten und Rechte bringen." Als dann im Sommer 1870 die Kriegstrompete erschallte, eilte Lasker, der zur Erholung in Tirol weilte, sofort nach Berlin zurück und nun hob eine Zeit rastloser Thätigkeit an, die einzig und allein auf die Gründung des Einheitsstaates abzielte. Nicht gar so glatt ging es mit der Verwirklichung des Traumes der deutschen Nation, wie man es jetzt dem braven Michel gern einreden möchte. Gerade die Regierungen zauderten bedenklich und hielten sehr an sich, und es bedurfte gar sehr der intensiven Beeinflussung des Volkes durch die Presse und Volksversammlungen, wie sie Lasker und seine Freunde auszuüben verstanden, um die allzu bedenklichen Regierungen so weit zu drängen, daß sie es nicht mehr wagten, d-mi überall laut kundgegebenen Ruf nach Einheit sich zu widersetzen. Während die conservativen „Einheitsbegründer" sich in den kritischen Tagen zum Theil sehr lau, zum Theil direct ablehnend verhielten, ließen Lasker und Gleichgesinnte keinen Augenblick ab, immer und immer wieder auszusprechen, daß das Volk aus diesem Kriege die Einheit des Reiches erwarte. Diesen Stempel müsse der Krieg erhalten. Nicht die Abwehr der Gefahr, sondern des Reiches Einheit sollte dem Kriege den geistigen und idealen Inhalt geben. In diesem Sinne schrieb Lasker an Bismarck:

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