Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Date
- 1899-02-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 5 Vr. Vloch'» Wochrnschrifl Sette 97 Zur nämlichen Zeit lebte in Mantua der wegen feiner Geschicklichkeit und Gewandtheit bekannte Doctor Conte. Dieser imitirte in seinen Typen die Form der Schriftzüge der alten Manuscripte und in der That wurden die ersten Abzüge seiner lateinischen Bibel in Paris als Handschriften verkauft; kein Mensch ahnte, daß sie durch Buchdruck hergestellt waren. Auch sonst sind mehrere der herrlichsten Wiegendrucke, die auf uns gekommen sind, von Conte in Mantua gedruckt. Bemerkt sei noch, daß Conte in seiner Gattin Estellina eine tüchtige Gehilfin hatte, und daß diese nicht die einzige jüdische Setzerin der damaligen Zeit war. Die berühmteste jüdische Bruchdruckerfamilie, welche je existirte, waren die Soncinos. Sie hatten sich diesen Namen nach einer kleinen norditalienischen Stadt, wohin ihr Urgroßvater aus Deutschland eingewandert war, zugelegt. Der eigentliche Name des letzteren, eines Doctors der Medicin, war Israel Nathan. Derselbe hatte nach seiner Uebersiedlung nach Soncino das Copiren eines großen medicinischen Werkes des berühmten arabischen Arztes Avicenna in Angriff genommen und veranlaßte seine Söhne, die neue Erfindung nach Soncino zu bringen. Sein berühmtester Enkel war Gerson. Gerson Soncino verstand Lateinisch, Hebräisch, Griechisch und Italienisch, in welchen Sprachen er in Soncino und Brescia Bücher druckte. Mit dem Stempelschneider Francesco aus Bologna verband ihn innige Freundschaft. Es war dies der Graveur, welcher die als Aldus- Type bekannte Schriftform erfand, die gemeinhin dem zu gleicher Zeit in Venedig lebenden Drucker Aldus Manutius zugeschrieben wird. Wir finden hier die Juden bei Herstellung einer der wichtigsten Schriftformen, der Aldine, betheiligt, die heute in aller Welt in Gebrauch steht. Gerson Soncino wenigstens bezeichnet Francesco bestimmt als deren Erfinder. — Ferner ist hier noch die im Jahre 1475 erfolgte Herausgabe des Purim durch R. Meshutlam Kozi zu erwähnen, welches lange Zeit für das erste gedruckte hebräische Buch galt. Ebenso gibt es noch eine ganze Anzahl undatirte jüdische Werke, wie beispielsweise Maimonides großes Werk, der „Schulchan Aruch", der ungefähr unr dieselbe Zeit in Rom gedruckt wurde. Correspondrnzen. Auszeichnung des Herrn Präsidenten Klinger. Der Kaiser hat anläßlich des fünfzigjährigen Bestandes der niederösterreichischeil Handels- und Gcwerbekammer Herrn kais. Rath Heinrich Klinger den Orden der Eisernen Krone dritter Classe, dem kais. Rath S ch wein bürg das Riiterkreuz des Franz Josefs-Orden verliehen. Die Nachricht von der hohen Auszeichnung, deren der Präsident der Wiener israelitischen Cultusgemeinde theilhaftig geworden, hat in der gesummten Wiener Judenschaft freudige Theilnahme hervorgerufen. Kais. Rath Heinrich Klinger gehört nahezu fünfundzwanzig Jahre dem Verbände der Kammer als Mitglied an, seit zwanzig Jahren ist er Obmann der ersten Sektion und hat an allen Arbeiten der Kammer hervorragenden Antheil genommen. Nicht blos wegen seiner anerkannten Fachkenntnisse, sondern in gleichem Maße wegen seiner liebenswürdigen Persönlichkeit, seines reinen Charakters genießt er allgemeine Verehrung. Bei dem Patentcougreß zu Paris im Jahre 1887 war Klinger Delegirter der Wiener Kammer und er hat auch die österreichische Patentgesetzgebung maßgebend beeinflußt. Die hervorragende Stellung, die Herr kais. Rath K l i n g e r in der österreichischen Geschäftswelt solcher Art sich errungen, und die Verdienste, die er sich als langjähriges Mitglied der niederösterreichischen Handelskammer erworben hat, finden somit die verdiente allerhöchste Anerkennung, für die Judenschaft aber ist diese dem Industriellen Klinger verliehene Auszeichnung um so erfreulicher, als dieser Mann seit Jahren an der Spitze der ersten jüdischen Cultusgemeinde der Monarchie steht, und dieser Beweis der kaiserlichen Huld ein leuchtendes Beispiel dafür ist, daß unser erhabener Monarch alle Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession nur nach ihrem Wirken beurtheilt. Mit herzlicher Antheilnahme und Sympathie darf die Wiener Judenschaft diese Auszeichnung einer Persönlichkeit begrüßen, die, eine Zierde des Kaufmannsstandes, als Präsident der Wiener Cultusgemeinde den unermüdlichen Pflichteifer mit der würdrgsten Repräsentation verbindet. Die unserem verehrten Präsidenten gewordene kaiserliche Anerkennung gereicht auch der Wiener Cultusgemeinde, deren Oberhaupt Herr kais. Rath Klinger ist, zur Ehre und zu besonderer Genugthuung. Wien, 23. Jänner. Die Israelitische Allianz hat soeben über die im Vorjahre durchgeführte Hilfsaction in Galizien einen vorläufigen Bericht erstattet. Diese bewilligte im Juni 1898 nach den an Juden begangenen Gewaltthaten, Plünderungen und Brandstiftungen aus ihren bescheidenen Mitteln 3000 fl. zur Linderung der Noth unter den Heimgesuchten und eröffnete damit eine Spendensammlung. Weiter veranlaßte sie durch die Filialen in Krakau und Lemberg die Bildung eines selbständigen galizischen Ceutralhilsscomites, dem neben der Hilfsgeldersammlung im Lande selbst die Aufgabe zufiel, Localcomites in Neu-Sandec und Jaslo zur Feststellung der Schadenziffern und zweckmäßiger, gerechter Auftheilung der Aushilfe einzusetzen. Von der Veröffentlichung eines Aufrufes in den Zeitungen sah sie ab und beschränkte sich auf die Versendung eines Rundschreibens an eine Reihe von Cultusgemeinden der Monarchie, sowie an einige im Auslande, ferner an einen größeren Kreis solcher Personen, die wir seit Jahren als Freunde und Förderer unserer Ziele und Zwecke kennen gelernt. Die Spendensammlung ergab den vollen Betrag von 60.000 fl. einschließlich einer von der »Alliance Israelite Universelle« zu Paris zugekommeneu Widmung von 20.000 Francs. Noch Erledigung der dringendsten Vorarbeiten und unmittelbar nach Einlangeu der ersten zuverlässigen Verzeichnisse der Schäden begab sich eines der Vorstandsmitglieder nach Westgalizien. Auf Grund reiflicher Erwägungen setzte man fest, daß der allerbedürftigsten Kategorie der Ausgeraubten, die Schäden bis zu 150 fl. erlitten, mit dem ganzen Betrage, Jenen aber, deren Verluste namhaftere Summen darstellen, durchschnittlich mit 30 Percent aufzuhelfen sei. Die zugestandenen Unterstützungsbeträge stuften sich von fünf und zehn Gulden — dem Betriebscapital von Dorfgehern und Marktfrauen — bis zu drei- und viertausend Gulden ab, welche Höchstbeträge in zwei vereinzelten Fällen bewilligt worden sind. Die erste größere Vertheilung fand unter Mitwirkung zweier Delegirten des Vereines Mitte August an Ort und Stelle statt. Damals gelangten 47.000 fl. zur Auftheilung. Diese Hilfe hat der großen Mehrzahl der bedachten 445 Familien die Neubegründung einer Existenz ermöglicht. Die später successive eingegangenen Spendenbeiträge in der Gesammtsumme von 13.000 fl. kamen im December 1898 unter etwas mehr als 200 Familien zur Vertheilung. Parallel mit dieser Action lief die des galizischen Landescomites, das die Vertheilung seiner Spendensammlung unter jeweiliger Bekanntgabe der Unterstützungslisten an uns selbständig vornahm. Auch bei diesem Anlasse hat es sich deutlich manifestirt, wie unentbehrlich gegenüber den Verfolgungen, denen unsere Glaubensgenossen allenthaben ausgesktzt sind, das Vorhandensein einer bleibenden Centralstelle ist. Wien. (Oesterreichisch-JsraelitischeUnion.) Unter zahlreicher Betheiligung von Mitgliedern und Gästen, unter welchen man unter Anderen die Cultusvorsteher Landesschulrath Dr. Gustav K o h n, Architekt Fleischer und Bezirksschulrath Dr. Marcus Spitzer, sowie den Rector Dr. Schwarz bemerkte, eröffnete der Vicepräsident dieses Vereines, Herr Sigmund Mayer, die Versammlung und berichtete von seiner im Vereine mit dem Abgeordneten Dr. Emil Byk erfolgten Audienz beim Justizminister, bezüglich der in den antisemitischen Blättern neulich inscenirten Ritualmordgeschichte von Neu-Sandec. Der Justizminister habe die Deputation sehr freundlich ausgenommen und das Versprechen gegeben, all' den Blättern, welche die Ritualmordgeschichte brachten, amtliche Berichtigungen zusenden zu wollen. Hierauf hielt Herr Rabbiner'Dr. Adolf K u r r e i n seinen Vortrag über: „Judaea und Rom". Herr Dr. Marcus Spitzer, der während des Vortrages den Vorsitz übernahm, zollte Herrn Dr. K u r r e i n namens des Vereines herzliche Worte des Dankes. Wien. (I. Wiener israelitisches Reconvalescentenyeim fürarme jüdischeFrauen und Kinder.) Inmitten des aufreibenden Kampfes, welchen in unserer hochwogenden Zeit Jedermann um seine Existenz zu bestehen hat, erblickt das Ange des edlen Menschen teilnahmsvoll das vielgestaltige Unglück und die hundertfache Noth, welche ringsumher händeringend und hilfesuchend fich ausbreitet. Und je trüber und drückender fich die socialen Verhältnisse gestalten, um so dringender wird es Pflicht eines jeden vom Schicksal bevorzugten Menschen sein, seine Hand den Schwachen