Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 3 (20.1.1899)
- Date
- 1899-01-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 68 Dr. Bloch's Wochenfchrist. Nr. 3 Seine-Departement. Ob der mit dem Commandeurkreuz der Ehrenlegion ausgezeichnete General Liebermann noch Jude ist, ist zweifelhaft. — Frau Baronin Hirsch hat der Gemeinde- Verwaltung 125.000 Francs zur Verthcilung an arme Juden überwiesen. — La terre saiute, das Organ der katholischen Orden im Orient, erzählt nachstehende Anekdote aus Beirut: „Als die Kaiserin Auguste Victoria die Schule der deutschen Tiaconissinnen besuchte, declamirte ein Kind ein Huldigungsgedicht. Bei näherem Befragen erfuhr die Kaiserin zu ihren: Erstaunen, das dasselbe ein jüdisches Mädchen war, schenkte ihm aber dessenungeachtet eine schöne Broche." — Die Herren Gebrüder Rothschild haben den Maires der 20 Arrondissements wie alljährlich 20.000 Francs und 40.000 Brotanweisuugen zur Vertheilung an Bedürftige zugehen lassen. London. Aus London kommt eine Nachricht, die für das antisemitisch verpestete Wien schier wie ein Märchen klingt. Die Universität Glasgow hat dem Oberrabbiner von Großbritannien, Dr. Adler, als ein Zeichen der Hochachtung für ihn und die Judenschaft das Ehrendoctorat der Rechte verliehen. Die feierliche Promotion findet demnächst in Glasgow statt. Das freie England gibt damit ein leuchtendes Beispiel von Gerechtigkeitsliebe, Menschlichkeit und Toleranz! Eine recht abenteuerliche Nachricht bringt die „Münchener Allgemeine Zeitung" aus London. Es heißt darin: „Der bestellte Vertreter der Londoner Judcnschaft, der sogenannte r Jewish .Board of Depnties“, hat beschlossen, energisch darauf zu drinnn, daß die religiösen Bedenken der Nachkommen des Hohenpticsters Aa on, der Kohanim, auch vom Staate Anerkennung fänden. In gufunjt wird ein englischer Kotzen, dem Rathc des „Amtes der Deputaten" folgend, sich weigern, einer Leichenbeschauer-Untersuchung l cizmvohnen, und ein Zeugniß des Oberrabiners vorlegen, daß er den Gesetzen seiner Religion dabei folge. Sollte der Leichenbeschauer ihm trotzdem eine Buße auferlegen, so wird er die Zahlung verweigern. Des Amt wird ihn auch darin unterstützen und die etwa entstehenden weiteren Proceßkosten tragen." Die Nachricht erschiene kaum glaublich, wenn sie nicht auch anderweitig bestätigt worden wäre. Wie nun aber, wenn der Staat zunächst von den englischen Kohanim irgend einen und sei es auch nur den entferntesten Nachweis einer Abstammung vorn „Hohenpriester Aaron" verlangen sollte? — An Stelle des kürzlich verstorbenen Ferdinand v. Rothschild tritt dessen Neffe, der jetzt dreißigjährige älteste Solu» des Lord Rothschild, Walter Rothschild, als M t,lied für Aylesbury, wo er ohne Gegenkandidaten ausgestellt »vorder», ins Unterhaus. Damit tritt zum erstenmale der Fall ein, daß in einer jüdischen Familie gleichzeitig Vater und Sohn den gesetzgebenden Körperschaften, angehören, der Vater dem Oberhause, der Sohn dem Hause der Gemeinen. Walter Rothschild hat sich mit Vorliebe naturwissenschaftlichen Studien gewidmet. Seine Sammlungen aus diesem Gebiete, in einem Museum in Tring vereinigt, gehören zu den vollständigsten und sind in der Gelehrtenwelt berühmt. — Kaiser Wilhelm hat dem Baron Alfred Rothschild in London den preußischen Kronenorden erster Classe verliehen. In gut unterrichteten Kreisen, sagt die „Frankfurter Zeitung", werde die hohe Auszeichnung auf die humanitären Bestrebungen des Barons sowie aus dessen Verdienste um die Herbeiführung eines besseren Einverständnisses zwischen den beiden Mächten zurückgeführt. Baron Alfred Rothschild, ein Bruder des Lord Rothschild, ist österreichisch-ungarischer Generalkonsul in London und Direktor der Bank von England. — In Sebastopol hat sich eine jüdische Wohlthätigkeitsgesellschast gebildet, die den Friedhof, auf dem die während des Krimkrieges gefallenen jüdische»» Soldaten verschiedener Nationalitäten bestattet sind, in Ordnung und Pflege halten will. — Tie Königin von England hat anläßlich der Neujahrsverleihungen dem Major Matthew Nathan von den Ingenieuren den Orden von St. Michael und St. Georg verliehen. Major Nathan gehört zu vielen Vereinen, unter anderen ist er im Vorstand der Anglo Jewish Association. Er stammt aus einer militärischen Familie, sein Bruder ist der Artilleriemajor F. L. Nathan und mehrere seiner Verwandten stehen außerdem im englischen Heere. Jaffa. Anläßlich des Regierungs-Jubiläums Seiner Majestät unseres allverehrten und geliebten Kaisers. und Königs hielt auch die jüdische österreichisch-ungarische Colonie in Jaffa eine Feier ab. Sämmtliche Mitglieder fanden sich im Consulatsgebäude ein, von denen Herr Wilhelmt Groß, Vertreter des Exportvereines, eine warmgehaltene patriotische Ansprache hielt, die Bedeutung des Tages auseinandersetzend. Die Rede fand allgemeinen Beifall. Gleichzeitig sandten die Mitglieder ein Huldigungstelegramm ab, »vorauf Se. Majestät mit einem Danktelegramm antworten ließ, »velches dieser Tage auch eintraf. — Wie verlautet, soll das Einwanderungsverbot deutscher, französischer, englischer und amerikanischer Juden demnächst außer Kraft gesetzt »verden, indem die Botschafter dieser Staaten gegen dasselbe Protest bei der türkischen Regierung erhoben haben. Ob sich der österreichisch-ungarische Botschafter in Constantinopel diesem Proteste angeschlossen hat, ist hier nicht bekannt. Und doch »väre dieser Schritt seitens unserer Vertretung sehr wünschens- »verth, dies auch schon im Interesse unserer Industrie. Statistisch nachgewiesen, nimmt der Export unserer Artikel nach hierher, obgleich im Orient sonst beliebt, doch bedeutend ab, »vas hauptsächlich daran liegen mag, daß keine geeigneten Personen hier sind, die im Stande wären, die Waaren an den Mann zu bringen. Es fänden sich wohl Kaufleute in Oesterreich- Ungar»», die nach Palästina übersieoeln würden, wäre ihne»» nur die Landung gestattet. Allein bei den gegebene»» Verhältnisse»», »vill sich keiner dazu e»»tschließen,da er immer Gefahr lauft, die Retourreise «»»treten z»» müssen. Erst in den jüngste»» Tage»» »väre beinahe ein solcher Fall vorgekommen »nit einer Wiener Familie, hätte sich der Consul der Sache »»icht bemächtigt. Nicht immer aber kann der Consul interveniren. Was W»»»»der dann, »ve»»n die Geschäjte mit dem Orient z»»rückgehen? Wer soll sie fördern? Möchten doch die maßgebenden Faktoren diesem Uebelstande einige Auf»nerksamkeit zuwenden! L. Die Juden in Persien. London, im Jänner. Wie aus ei»»en» Briefe des Directors der Alliance- Schule in Teheran Mr. I. C a z e § an die hiesige Anglo- Jewish-Association hervorgeht, hat sich die Lage der persischen Juden i»» der letzten Zeit infolge der Errichtung dieser Sch»»le bedeutend gebessert. Der Brief lautet: „Am 80. October haben »vir den Geb»»rtstag des Schahs in der Schule gefeiert. Dieser Ceremonie wohnten viele Notabilitäten bei, die u»»s mit Complimenten überhäufte»» und z»»r »»»eitere»» Arbeit a»»spornte»». Ueberhaupt benützten die Behörden jede Gelegenheit, um uns ihre Si)»»»pathie zu beweisen. Als der Minister des Auslvärtigei» erfuhr, _ daß die Kinder i»eue Kleidu»»gsstücke erhielten »»nd darin sehr schön a»»sscha»»ei», äußerte er den Wunsch, sie zu sehen. Ich fi'ihrte daher inehr als hundert Kinder zu ihn» hir». Dieser Aufmarsch erregte in de»» Straße»» und Bazarei» die größte Sensation. Der Minister sprach uns mit warmen Worte»» seine Anerke»»nung aus. An die Kinder richtete er einige liebevolle Worte und versicherte sie, daß die Regierung keinen A n st a n d nehmen »verde, sie z»»m S t a a t s d i e»»st z u z u l a s s e»», sobald sie ihre S t u d i e n vollendet habe»» »verde»». Dann ließ er der» Ki»»dern Erfrisch»»nge»» reichen u»»d spendete ihnen h»»»»dert Fra»»cs. Letzte Woche wurde ich zun» Ministerpräsideilte»» gerufen. Er sagte, daß er mich sprechen wollte, um mich in meiner Arbeit zu ermuthigen. Er versicherte mich auch, daß die R e g i e r u»» g mit großem I »»t e r e s s e die B e st r eb u n g e n z u r R e g e n e r a t i o n d e r I u d e n in Persie»» begrüße. Sie seien persische Unterthanen und der Schah »nache keinen Unterschied unter d e n s e l b e n. Die persischen Juden benöthigen nur Leute, die sie der Bild»»ng u»»d (Zivilisation zuführen, u»»d er beglück»vü»»sche die „Alliance Jsraelite" zu ihrem Unternehmen, das auf die Unterstiitzung der Behörde rechnen ka»»n. „Alle diese Thatsachen sind beka»»»»t morden und habe»» ihre Wirk»»»»g nicht verfehlt. Die fanatischen Priester begreife»» es, daß man gegen sie scharfe Maßregeln ergreifen »vürde, falls sie neuerlich versuche»» sollten, gegen die Juden zu Hetze»». Währeild des Festes a»n 30. October habe ich mich daran erinnert, daß gerade vor einen» Jahre in den Straßen zu Massaeres der Juden aufgefordert wurde. Und »velcher Unterschied zivische»» damals und heute."