Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 50 (16.12.1898)
- Date
- 1898-12-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. Bloch's Wochrnfthrifk. Seite 915 In Ronsperg wurde anläßlich des Kaiserjubiläums am 2. d. M. in Anwesenheit sämmtlicher Gemeindemitglieder und der Schuljugend in der hiesigen Synagoge' ein feierlicher Festgottesdienst abgehalten. Aus dem gleichen Anlasse veranstaltete der Besitzer der hiesigen Herrschaft Herr Dr. Heinrich Graf Coudenhove in seinen Salons einen Gesellschaftsabend, zu welchem auch die Herren Rabbiner Jacob Folkman, Cultusvorsteher Abraham Langschur und Vorstandsmitglied Districtsarzt Sigmund Starkenstein geladen waren. In Sarajevo fand eine überaus würdige Kaiserfeier statt, dieim österreichisch-ungarischen israelitischen Tempel abgehalten wurde. Das Bethaus war nicht blos von sämmtlichen Glaubensgenossen mit dem Präses Dr. H. Rothkopf au der Spitze, sondern auch von Vertretern der Behörden dicht gefüllt. Nach Absingen der Königspsalmen durch den Obercantor Heinrich Singer hielt Herr Ehrwürden Dr. Samuel Weßel, der neugewählte Prediger, eine in Inhalt und Form musterg i l t i g e Ansprache. Die Predigt machte eine überaus große Wirkung auf die Zuhörer. Ein Beitrag zum jüdischen Geschichtsunterrichte an Mittelschulen. Bon Dr. Adolf B i a ch, Rabbiner und Religionslehrer in Brüx. Nicht mit Unrecht wird in unserer gegenwärtigen Zeit ein Hauptgewicht auf den Religionsunterricht gelegt. Den religiösen Jndifferentismus des bereits herangewachsenen Geschlechtes zu brechen,' wird wohl sehr schwer gelingen, selbst wenn die Prediger mit Engelszungen sprächen. Durch einen guten Religionsunterricht dagegen kann unsere Jugend zu glaubenstreuen und begeisterten Juden herangebildet werden. Leider fehlt es an guten Lehrbüchern dieser Art, namentlich an einem vollkommen entsprechender: Lehrbnche für jüdische Geschichte und Literatur. Um einen Erfolg zu erzielen, muß der Grundsatz festgehalten werden, den ich bereits vor vier Jahren in meiner an: hiesigen k. k. Staats-Obergymnasium erschienenen Programmarbeit ausgesprochen: „Was Herbart von der Geschichte im Allgemeinen bemerkt, daß „der Unterricht diejenige Wärme fühlen lasse, welche den historischen Personen und Begebenheiten gebührt", und daß man „die Geschichte nicht wie ein chronologisches Skelett erscheinen lasse" (Herbart a. a. O. II. S. 552 f,), gilt auch vom Unterricht in der jüdischen Geschichte und Literatur. Deshalb wird sich der israelitische Religionslehrer nicht auf das eingeführte Lehrbuch beschränken dürfen, sondern gut daran thun, Vorträge in einfacher, leicht verständlicher und doch zugleich gewählter Sprache auszuarbeiten und dem Schüler vorzuführen. Bei bedeutenden historischen oder literarischen Persönlichkeiten darf sich der Unterricht nicht mit einer kürzen Biographie :t::b Aufzählung der Werke begnügen, vielmehr muß. der Schüler einen tieferen Einblick in das Leben und die Schriften derselben gewinnen. Zu diesem Zweck ist es nöthig, Proben aus ihrer: Werken in deutschen Uebersetzungen vorzulesen und zu erklären." Ebenso muß der Grundsatz sestgehalten werden, den ich an einer anderen Stelle ausführte: „Jüdische Geschichte und Literatur u:::ß in derselben Weise gelehrt werden wie „Deutsch" am Obergymnasium." Dieser Gesichtspunkt :nuß n:einer Ansicht nach bei der Abfassung eines geeigneten Lehrbuches für jüdische Geschichte und Literatur festgehalten werden. Soll aber ein solches Werk in wenigen Jahren zu Stande kommen, dann wird kaum ein Einzelner diese Arbeit ausführen können. Denn selbst die besten Werke, die nach dieser Richtung hin bisher erschienen sind, die Werke von Prof. Dr. Braun in Breslau und Rabbiner Dr. Bäck in Lissa, die ein Product jahrzehntelanger Mühe und Arbeit sind, entsprechen namentlich, was die L i t e r a t u r p r o b e:: betrifft, nicht vollkommen den Anforderungen, die wir an ein Lehrbuch für jüdische Geschichte und Literatur an Mittelschulen stellen. Die Hauptsache müssen unserer Ansicht nach die Proben aus den Werken sein, deren sind aber viel zu wenig in den beiden angeführten Werken enthalten, von denen sich das Brauns besonders durch seine herrliche und begeisternde Sprache auszeichnet. Sollte aber Jemand einwenden, daß das Lehrbuch durch die Proben viel zu umfangreich werden könnte, so sei dem entgegengehalten, daß wir uns die Biographien ganz kurz, jedoch so gehalten denken, daß in aller Kürze das Wesentlichste gesagt wird. Wie wir uns dies denken, wollen wir an einem Beispiel zeigen, und zwar an Raschi. Rabbi Schelomoh (Salomon) b. Jsak, nach dem "Anfangsbuchstaben auch Raschi genannt, wurde im Jahre 1040, dem Todesjahre des R. Gerschom, zu Troyes in der Champagne geboren, besuchte die Talmud-Akademien zu Worms, Speier und Mainz, kehrte, 25 Jahre alt, nach Troyes zurück, wo er wahrscheinlich das A:nt eines Rabbiners inne hatte. Sein Lehrhaus daselbst wurde von zahlreichen Schülern aus den verschiedensten Gegenden Frankreichs und Deutschlands besucht. Die Hauptwerke Raschis sind: der Commentar zun: Talmud und zur ganzen Bibel (mit Ausnahme von Esra und Nehemia und der Chronik). Der Commentar zum Talmud ist so bedeutend, daß ohne ihn auch heute noch der Talinud unverständlich wäre, weshalb dieser Commentar allen Talmudausgaben beigedruckt ist. Durch diesen Commentar gelangte das Talmudstudium zur höchsten Blüthe. Raschis Commentar zur Bibel, das erste gedruckte hebräische Buch, erfreute sich allgemeiner Beliebtheit und wurde unter allen Commentaren (namentlich zun: Pentateuch) bis a::s die neueste Zeit am meisten gelesen. Raschi wollte in diesem Commentar den: einfachen Worts::::: der Schrift (Peschat) gerecht werden und spricht daher an vielen Stellen desselben den talmudischen Grundsatz aus: „Der Vers soll seinen einfachen Sinn nicht verlassen." Darum bemerkt er auch des öfteren: „Unsere Weisen haben für diesen Vers vielfache (agadische) Auslegungen gegeben, allein sie entsprechen nicht dem einfachen Wortsinn." Gleichwohl aber läßt Raschi der agadischen Auslegung einen viel zu großen Spielraum. Dies sah Raschi selbst ein und trug sich am Ende seines Lebens mit dem Gedanken, den Commentar nochmals umzuarbeiten, ein Vorhaben, das Raschi wohl selbst nicht mehr, jedoch aber sein Enkel Rabbi Samuel ben Meir (Rsb:n> aus führte. Der Raschi-Commentar darf nicht mit anderen Commentaren, wie etwa mit Commentaren zu den lateinischen und griechischen Classikern verglichen werden; Raschis Bemerkungen zu vielen Bibelstellen fordern zum Nachdenken aus, und oft muß mau sich, um Raschi gründlich zu verstehen,, die Frage vorlegen: „Was hat Raschi zu dieser Bemerkung veranlaßt?" Auch der sprachlichen Seite der Exegese wendet Raschi seine Aufmerksamkeit zu, trotzdem ihn: nur die Vorarbeiten der beiden Lexicographen und wissenschaftlichen GegnerMenachem b.Snruk und Dunasch ibn Labrat (10. Jahrhundert) zu Gebote standen. Sehr häusig weist auch Raschi zum besseren Verftändniß schwierigerer Worte auf die entsprechenden französischen Worte hin, so daß der Commentar Raschis auch eine wichtige Quelle für das Studium des Altfranzösischen ist. Außer diesen beiden Hauptwerken besitzen wir von Raschi noch zahlreiche Responsen, die sich in der Sammlung „Pardes" (Paradies) befinden. P r ob e::. I. B. Mos. Cp. t>, V. 0. Text: Noah war ein gerechter und vollkommener Mann in seinem Zeitalter. Raschi: Einige unserer Lehrer erklären die Worte der Schrift „in seinem Zeitalter" zum Lobe Noahs und meinen: „Wie viel frommer wäre Noah noch gewesen, hätte rr in einem Zeitalter von Gerechten gelebt", "Andere dagegen sehen in den Worten: „in seinem Zeitalter" einen Tadel und erklären: „In seinem Zeitalter war Noah ein gerechter und vollkommener Mann, hätte er aber zur Zeit Abrahams gelebt, so wäre er gar nicht beachtet worden." I. B. Mos. Cp. 7, V. 1. Text: Gott sprach zu Noah: Komme Du und Dein ganzes Haus in die Arche, denn Dich habe ich als gerecht vor mir in diesem Geschlecht erkannt. Raschi: Es heißt hier nicht „gerecht und vollkommen „zaclik tomim-, dies ein Beweis, daß man nur einen Theil des Lobes dem Freund ins Gesicht sagen darf, das ganze Lob aber nur in seiner Abwesenheit. (Vgl. den Rückert'schen Spruch: „Mit einem Theil des Lobes sollst Du den Freund nur schmücken: einen Theil sag' hinter seinem Rücken.") Um diese Bemerkung Raschis zu verstehen, sei daraus hingewiesen, daß im 6. Cp., V. 0, wo von Noah berichtet wird, zwei lobenswerthe Eigenschaften „gerecht und vollkommen" erwähnt werden; hier im Cp. 7, wo Gott selbst mit Noah ^spricht, wird blos eine Eigenschaft erwähnt.