Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 49 (9.12.1898)
- Date
- 1898-12-09
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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<seite 904 Är. 49 Or« Blvch's Wochenfchrr^k. Wie gesagt, zehn Jahre lang hindurch beherrschte das Heiratsgespenst die Stimmung in Drillichau. Es war, als liege irgend was in der Luft, etwas Unbegreifliches, Unentwirrbares, eine unsichtbare Gewitterwolke, deren Bild sich in den immer länger werdenden Gesichtern der einst so heiteren Leute melancholisch abspiegelte und diesen jenes Gedrücktsein, jenes Unbehagen mittheilte, das wie ein Bleigewicht schwer und träge auf dem menschlichen Gemüth lastet. Nun ja, die Mädchen hatten auch während dieser Zeit förmlich Eile, in jenes gewisse Alter hineinzuwachsen, in welchem ihnen Herr Hauptgut, der renommirteste Schadchen auf zwanzig Meilen in der Runde, schon recht eigenthümlich zublinzeln durfte, gerade, als wisse er etwas, das er für alles Geld nicht ausplaudern möchte; so was — er drückte, wenn er dies sprach, die kleinen, schlauen Augen zusammen und schnellte mit vieler Geschicklichkeit den plumpen, rothen Zeigefinger auf dem abgegriffenen Deckel der unförmlichen Schnupftabaksdose, die er beständig in der Hand hielt — so was Pickfeines. Dann kam die Sorge wegen der anonymen Briefe wieder mit aller Heftigkeit über die guten Leute und raubte ihnen den Schlaf. Man fürchtete, zitterte, geberdete sich aber, als habe man gar keine Ursache dazu. Wer könnte sich unterstehen, etwas gegen sie und ihr Kind zu schreiben, ihnen auch nur das Geringste nachzusagen? Wetter, das wollten sie einmal sehen! Sie sahen es gewiß früher oder fpäter . . . das allgegenwärtige Heiratsgespenst hatte nicht den mindesten Respect vor dem grimmigen Wolfsfell, hinter dem nur noch bange, wehrlose Schäflein steckten. Jetzt allerdings war die Sache um ihre ganze Schauerlichkeit glommen: das wesenlose, unfaßbare Gespenst konnte der Muthigste fürchten und davor zittern; über den griesgrämigen Alten, der noch immer den Kopf steif und hoch trug rm Bewußtsein seiner Würde als grollendes Schicksal von Drillichau, mußte man lachen. Und man prügelt nicht, wenn man lachen kann, herzlich und andauernd lachen, daß einem die dicken Thränen über das bärtige Gesicht lausen. In dieser ausgelassenen Heiterkeit lag die Erlösung von jahrelangem Kummer, von der tiefsten Angst, der quälenden Sorge; in diesem Augenblick hatte man verschmerzt und vergesien, und was vom Leide nur zurückgeblieben war, äußerte sich in übermüthiger Selbstverspottung und in einem Haß, der viel Lustiges an sich hat, einem Haß, der sich an seinen Gegenstand nicht heranwagt aus Furcht, lächerlich zu werden. Solchermaßen blieb Forches der ungeprügelte Ehrenmann von ehedem; er durfte fernerhin den Kopf steif tragen, nach wie vor durfte das hämische Lächeln den schiefen, zahnlosen Mund mit der lappenartig herabhängenden Unterlippe umspielen; aber das Alles wirkte im höchsten Grad belustigend und forderte den beißendsten Spott heraus. Merkwürdig war nur, daß Forches, trotzdem er fühlen mußte, wie es mit ihm stand, nicht aufhörte, seine berüchtigten anonymen Briefe in die Welt zu fetzen, ja, daß der Hohn und die Schärfe derselben gerade in dem Verhältniß stiegen, als der Respect, den man ihm zu erweisen pflegte, an Demuth und Ehrerbietung abnahm. Er wurde noch um ein Erkleckliches hochmüthiger und schroffer, aber die unverschämt lachenden Mienen seiner Mitbürger zwangen ihn, seine stolzen Gefühle in die tiefste Seele zu verbergen und ein schier leutseliges Gesicht zur Schau zu tragen, in welchem es nur zuweilen aufzuckte wie von einem grellen Blitz. Das Heiratsgespenst! Wie zufrieden war er gewesen, als dieses Wort zum erstenmal an sein Ohr schlug; man kann sagen, daß es der einzige Tag war, an welchem ihm die Freundlichkeit vom Herzen kam; hatte er doch nun ein glänzendes Zeugniß dafür, daß feine Pfeile trafen, daß er ° eine Waffe erlangt, die in feinen Händen ein Werkzeug der Vergeltung sein konnte. Und hatte er nicht Vieles zu rächen an dem jüngeren Geschlecht, das ihm im Laufe der Zeit über den klugen Kopf gewachsen war, an diesem übermüthigen Volk, das ihn erbarmungslos beiseite geschoben, als wäre er irgend ein hergelaufener Bursche und nicht einer der ältesten Bürger von Drillrchau, der Sproß einer weitverbreiteten, vornehmen Familie? Er war der erste Gewürzkrämer im Städtchen gewesen, zu einer Zeit schon, als der Zucker noch so theuer war wie ein Medicament und es noch einige Hausfrauen gab, die die grünen Kaffeebohnen in der Milch garkochten und sich dann Herausgeber: Dr. Josef C. Bloch. — Verantwortlicher Redaeteurr Bo wunderten, daß dieses Kaffeegetränk, wovon so viel Rühmens ging, nicht viel anders schmecke als gekochte Milch .... Damals war er ein wohlhabender Mann geworden, dessen Unternehmungsgeist man anstaunte, dessen Klugheit man pries, dem man gar aufmerksam lauschte, wenn es ihm einmal beliebte, von seinem Aufenthalt in den großen deutschen und holländischen Handelsstädten zu erzählen, wo er sein Geschäft gründlich erlernt hatte. Ja, damals, das war freilich eine schöne Zeit! Damals war Alles anders, die Sonne schien wärmer — die ganze Welt mar ja gesund und jung — und es gab noch nicht solche neumodische Menschen, welche von Telegraphen und Eisenbahnen schwatzten, von Concurrenz und wieder von Concurrenz und von allem möglichen dummen Zeug, wovon einem zu Muthe wurde, als hätte man plötzlich den gesunden Menschenverstand verloren, als befinde man sich eingeschlossen in einer Riesentrommel, an deren Fell eine gewichtige Faust dröhnend und drohend anschlage. Das war ein Lärm und ein Rennen und Haften; die Menschen sahen so erregt aus, als müßten sie nächstens verrückt werden und ganz Drillichau kurz und klein schlagen. Und eines Tages rannten sie auch an ihm, der in der weit geöffneten Thür seines Ladens stand, eiligst und wie verlegen vorüber, ohne wie sonst seine Fragen nach dem Befinden der lieben Angehörigen ausführlich zu beantworten, ohne in sein waarengefülltes Geschäft einzutreten und die gewohnten Wirthschafseinkäufe zu machen. (Schluß folgt.) Briefkasten. Graz, „Abonnent 1012". Sie fragen, warum der durch seine Agitaüon bekannte Gießhübler Hetz-Pfarrer Karl Sladecek auf feine Pfarre resignirt hat? — Wir haben die Notiz im Wiener Diöcesanblatt gelesen und bezweifeln mit Ihnen die „Freiwilligkeit" dieser Resignation. Das Treiben dieses Priesters wird selbst den in gewisser Hinsicht überaus nachsichügen kirchlichen Vorgesetzten endlich einigermaßen zu bunt geworden sein. „Wiener Bürger." Für den gelausten Juden Dr. Nasits einzutreten, haben wir keine Veranlassung, halten jedoch mit Ihnen das willkürliche Vorgehen des Wiener Stadtrathes, welcher Avancements hinterher annullirte, für nicht gesetzlich. — Wie der Docent Dr. Hermann Dollmayr in die famose Liste des Gregorig hineingerathen ist, müssen Sie schon den Herrn Psaidler selber fragen. „Naiver Anonymus X* Z." Ihr sattrischer Aufsatz über die Decorirung Strobach's und Sleincr's mit den diesen zutheil gewordenen hohen Ordensauszeichnungen würde eine große Taktlosigkeit involviren, wollten wir ihn veröffentlichen. — Die Gründe, welche dafür besttmmend waren, daß gerade Gregorig, Schneider und Vergani nicht vorgeschlagen wurden, sind uns begreiflicherweise ebenso unbekannt wie Ihnen. vsnä. phii. Sam. B—g, Wien. Sie haben sich zwar sehr eingehend mit dem Studium der Mineralogie besaßt, aber noch in keinem Lehrbuch den von Ehren-Bergani ausgestellten Unterschied zwischen Juden- und Christenkohlen herausfinden können. Das glauben wir Ihnen gern! Herrn JuliirS Z, Wien. An den Vorstand geleitet. Rabbiner A. Stein in Rabnitz. Wenden Sie sich mit einem Gesuch an die Frau Baronin Hirsch in Paris, Rue de l’Elysee 2. S. R., RiLa«. In der Tilgungs-Ziehung am 17. August 1891 mit 100 fl. gezogen. „Rora' in Czernowitz. Der von Ihnen so hochverehrte norwegische Dichter Ibsen hat sich über den Anttsemittsmus vor mehreren Jahren wie solgt geäußert: „Die ganze Bewegung ist mir unverständlich und völlig unbegreiflich." — Björnson sprach sich darüber kurz und bündig aus: „Der Haß gegen den Capitalismus ist auf Abwege gerathen." Diese letztere Anschauung ist übrigens wegen des zahlreichen jüdischen Proletariats unzutreffend. Für eine in Bukarest gegründete jüdische Handiverkrrschulr finden per Jänner 1899 Engagement je ein Werkmeister und jr rir Assistent für Tischlerei, Klamxfnrrri und Schlosserei. Auskunft ertheilt: Adolf Salomon in Bukarest. tfttt Wolf — Druck von 8t. Kaum» & Lo., Wien, VI. Theobaldg 7.