Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 49 (9.12.1898)
- Date
- 1898-12-09
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021273--08389-3032766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 40 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 903 Austerlitz. (Leopold Strach.) Unser allverehrter Cultusvorsteher Herr Josef Strach hat einen schweren Verlust erlitten: sein Vater Herr Leopold Strach hat nach kurzem Krankenlager am Abend des 1. December im 79. Lebensjahre das Zeitliche gesegnet. Mit ihm ist ein Mann von wahrhaft humaner Gesinnung dahingeschieden; obwohl sich stets Jude fühlend, machte er bei Ausübung seiner menschenfreundlichen Gesinnung keine Ausnahme; jeder Arme, welcher Confession immer, fand bei ihm ein mitfühlendes Herz und eine offene Hand. Er war immer einer der Ersten, wo es galt. Unglücklichen zu helfen; man erzählt von so manchem hochherzigen Zug und bringt ihn in Verbindung mit so mancher hochherzigen Handlung, welches seinen Herzensadel documentirt. Die Betheiligung beim Leichenbegängniß, welches am 4. December stattfand, war eine ungeheure. Herr Rabbiner Dr. Weiß widmete dem Dahingeschiedenen einen warmen Nachruf. Demselben schloß sich ein Nachruf des pensionirten Oberlehrers Diamant an. Bemerkt wurde die corporative Betheiligung der Vertreter beider Gemeinden hiesiger Stadt, der Steuer- und Gerichtsbehörden Gymnasial-Profeffor Kätscher aus Brünn, Architekt Max Kätscher und Polizeiarzt Dr. Hönigsseld aus Wien und Andere. Protznrtz. (Todesfal I.) Vorige Woche verschied hier Herr Jacques Stein, ein Bruder des jüngst verstorbenen Wiener Großindustiellen Herrn Salomon Stein, nach langem Krankenlager. Der Verewigte war ein vorzüglicher Talmudist und vermöge seines stupenden Gedächtnisses und profunden Gelehrsamkeit war es ihm möglich, sich in den schwierigsten Abschnitten der Tractate zurechtzufinden und wurde von Fachautoritäten häufig bei Auslegungen zu Rathe gezogen. Die Erde sei ihm leicht! Fiume. Vorigen Freitag starb hier nach kam einjähriger glücklicher Ehe Frau Flora Janowitz, Gattin des Directors der Firma Pfau & Comp. Sie entstammte einer frommen, angesehenen Familie aus Königshütte in Deutschland. Sonntag Vormittags wurden, dem letzten Willen der Verstorbenen Rechnung tragend, die irdischen Ueberreste nach Königshütte überführt. An der Fahrt zum Bahnhof betheiligten sich die Spitzen der Cultusgemeinde, der Chewra Kadischa, sowie ein zahlreiches distinguirtes Publicum. Auf dem Bal nhof hielt Rabbiner ^Dr. Farkas einen ergreifenden Nachruf. Tief erschüttert verließen die Anwesenden den Bahnhof. Die kaum dreiundzwanzigjährige Frau war religiös, .oohlthätig und bescheiden und erfreute sich allgemeinster Sympathien. Die Erde sei ihr leicht! M. H. Bern. (Philosophische Preisaufgabe.) Die hiesige philosophische Facultät Hatte für den Lazaruspreis folgende Frage gestellt: „Sociologie, Philosophie der Geschichte und Völkerpsychologie in ihren gegenseitigen Beziehungen." Es wurde hiefür nur eine Arbeit eingesendet mit dem Motto: „Siehe, die Völker sind wie ein Tropfen am Eimer." Der Verfasser dieser Abhandlung, welchem der Preis zuerkannt wurde, ist der stad. phil. Alois Schweiger aus Groß- Tapolcsany in Ungarn, der Sohn des Schristgelehrten Ignaz Schweiger und Neffe des Herrn Max Schweiger, Gesellschafters der Wiener Firma Heinrich Kling er. Alois Schweiger hat im selben Schuljahre auch zwei Seminarpreise erhalten, und zwar am philosophischen Seminar und am deutschen Seminar. Feuilleton. Das Heiratsgrfprnst?) Eine Drillichauer Geschichte von Manuel Schnitzer. Freilich, seitdem man weiß, daß der ehrenwerthe Herr Majer Forches dahinter steckt, ist es zum Gespött der Leute geworden, das einst so gefürchtete Heiratsgespenst von Drillichau, und Forches selbst, sonst der würdevollsten Respectspersonen eine, die ergötzlichste Figur des Städtchens. Forches — das Heiratsgespenst! Wie lächerlich das die Leute jetzt fanden! Ein Gespenst, das auf den Namen Majer Forches hört — sage: Majer Forches! Es war unglaublich dumm ... Natürlich hatten sie ihn schon längst für einen heimtückischen Menschen gehalten, dem nicht recht zu trauen sei — natürlich, und sie wußten jetzt auch ganz genau zu sagen: warum: Erstens schon die Augen! Wo in aller Welt hatte man solche rothgeränderte, stechende Augen gesehen, von denen das linke unruhig hin und her schielte, während das rechte fast bewegungslos durch das Brillenglas starrte? Wo in aller Welt eine Nase so scharf zugespitzt, als wäre sie gemacht, sich in Alles hineinzuftecken? Und eine Gesichtshaut, verwittert, stellenweise blatternarbig, voll feiner Runzellinien und tieferer Scharten, eine solche Gesichtshaut, die, selbst frisch rasirt, aussah wie zusammengeschrumpftes Leder? Zehn Jahre lang hatten sie die wuchtigsten Prügel aufgespart für den Rücken dieses Menschen, dessen einzige Beschäftigung darin bestand, durch anonyme Briefe voll boshafter Enthüllungen aus dem intimsten Familienleben jede Heirat im Städtchen zu hintertreiben; zehn Jahre lang hatten sie ihn unablässig gesucht, ohne daß es ihnen gelungen wäre, seiner habhaft zu werden. Darf es daher Wunder nehmen, wenn einige alte Weiber ihm überhaupt Fleisch und Blut wegdisputirten und steif und fest behaupteten, er sei ein abscheulicher Dämon, ein Gespenst, das zuweilen aus seiner dunklen Verborgenheit geheimnisvoll emportauche ... ein echtes und rechtes Heiratsgespenft? Allmählich hatte sich um diesen mysteriösen Briefschrerber ein ganzer Sagenkreis gebildet, ein wahres Spinnengewebe von Ahnungen, Visionen und thatsächlichen Ereignissen; die tiefgebeugten Familien-Oberhäupter aber hatten sich rasch und gern dieses Wortes bemächtigt. War es auch nur ein Laut, ein Hauch, so war es immerhin mehr als nichts und doch etwas, woran sie ihren Zorn auslassen konnten. Das Heiratsgespenst! Sie zerhackten und zerrieben dieses Wort mit ihren knirschenden Zähnen und zischten dann jede Silbe einzeln hervor, was einen scharfen und pfeifenden Ton gab, ähnlich dem, welchen ein dünnes, spanisches Rohr hervorbringt, wenn man es rasch durch die Lust schwingt. Dabei rollten sie die Augen und schlugen grimmig die Fäuste auf den Tisch. Aber während sie das arme, unschuldige Wort derart schwer mißhandelten, mochte sich der wirkliche Gegenstand ihrer Wuth vor Vergnügen die Hände reiben; er mochte lachen, wenner sah, wie sich die Biedermänner alle voll Mißtrauen und Haß ins ehrliche Gesicht schauten, jeder beseelt von dem unfreundlichen Gedanken, vielleicht gerade den Menschen vor sich zu haben, der jene anonyme Briefe geschrieben, welche die Heirat seiner Tochter gewiß vereitelt haben würden, wenn er nicht seufzend und schweren Herzens mit einigen hundert Gulden Mitgift mehr die Bedenken seiner neuen Verwandten beseitigt hätte. Jassy, 21. November 1898. Die Nachrichten von der Erkrankung der Frau Baronin Hirsch und des Baron Carl. Wilhelm Rothschild (Frankfurt a. M.) haben in der hiesigen jüdischen Gemeinde allgemeine Theilnahme erregt. Auf Anordnung unseres Rabbiners Dr. Niemirower wurden in den zahlreichen Synagogen unserer Stadt M-sebeberaeb gemacht. In der Synagoge des Centrums hielt Rabbiner Dr. Niemirower eine ergreifende Rede, in der er Baronin Hirsch als Meisterin schöpferischer Wohlthätigkeit und Baron Rothschild als Muster der Frömmigkeit auf der Höhe des Glückes feierte und mit einem rührenden Gebet schloß für die Wiedergenesung beider Wohlthäter. *) Obige Skizze aus dem kleinstädtischen Ghettoleben entnehmen wir der Sammlung „Drillichauer Lebensläufe", Berlag von Friedrich Schirmer. Manuel Schnitzer, dessen vielgelesenes Buch „Käthe und ich" sein bedeutendes Talent für humornnd gemüthvolle Schilderungen aus dem Familienleben bekundet, zählt auch zu den besten Ghettodichtern, die in die psychologi che Tiefe des Ghettolebens gedrungen und dieses naturgetreu, ohne tendenziöse Farbenmi'chung, vorgeführt haben. Seine Erzählungen aus dem jüdischen Leben bieten keine Apologien, wie sie von vielen seiner Kunstgenossen eben nicht zum Bortheil der Kunst versucht worden sind, sondern den richtigen Hinweis auf die Mischung von Starrheit und menschlicher Bosheit, die man verstehen und — wenn auch nicht immer — verzeihen, doch aber bei deren Beurtheilüng auf das richtige Maß der „sittlichen Entrüstung" zurückführen soll. Wir empfehlen diese Sammlung unseren Lesern aufs beste. Red.