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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-30 · 39 (30.9.1898) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
39 (30.9.1898)
Date
1898-09-30
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 720 Vr. Vloch's Wochrnfchrifl Nr. 39 die entsetzliche Gegenwart, die nächste Znkunft starrte Duppau grauenvoll entgegen; und doch überhuschte im nächsten Augenblicke schon wieder ein mattes Lächeln stiller Befriedigung, des Unglücklichen gramzerwühlte Züge. „Du hältst mich also für unschuldig, Du glaubst, daß ich unverdient sterbe?" Der Rabbi sah Duppau groß an. „Wer Dich kennt, muß ja so glauben! . . Alle Gemeinden im ganzen Kreise haben, als Deine Verhaftung und deren Ursache bekannt wurde, noch bevor ich es ungeordnet, einen Bek¬ und Fasttag abgehalten und Gott um Deine Rettung angefleht." „Die guten, theilnehmenden Menschen!" rief Duppau mit thränenerstickter Stimme. „Sie haben es gut gemeint, aber der unerforschliche Gott hat ihr und mein Gebet nicht erhört . . . in einer Stunde werde ich qualvoll hingerichtet werden!" „Das weißt Du noch nicht! Bist Du ein Prophet, der in die Zukunft, und sei es in die allernächste, schauen kann?" Duppau blickte überrascht beftemdet auf. „Du bist ja ein Lamdem", fuhr der Rabbi fort, „kennst Du das schöne Wort nicht? „Und liegt auch das blanke Richtschwert auf eines Menschen Nacken, soll er noch immer nicht an Gott verzweifeln." „Diese Zuversicht fehlt mir, —das will ich Dir offen gestehen, Freund meiner Jugend und mein Rabbi und Lehrer! Hätte Gott mich retten wollen, so hätte er dies wohl schon früher gethan; — und ich habe schon Entsetzliches, Unertragbares unverdient erduldet!" Ein Zittern durchflog seinen Körper, und auch der Rabbi konnte sich trotz versuchten Gegenkampfes eines starken Schauers nicht erwehren. „Willst Du mir eine Frage beantworten, Rabbi?" „Frage! Wenn Du glaubst, daß ich unschuldig den Tod erleide — und es ist so — wie soll ich mir den allgerechten Gott vorstellen, der mich so furchtbar heimgesucht?" (Fortsetzung folgt.) Ein Fortschritt. Es sind heute genau 20 Jahre. Da saß ich in einer Schulstube des Brigittenauer Schulhauses in der Rafaelgaffe. Zu jener Zeit gab es in der Brigittenau sehr wenig Schulen — es waren deren Alles in Allem blos zwei, eine Knabenschule in der Wintergasse und die Mädchenschule in der Rafaelgaffe — hingegen kannte Md wußte man damals in der Migittenau noch nichts von dem alleinseligmachenden Antisemitismus. Da saßen Schüler der 3., 4., 5. und 6. Classe, die ich in zwei wöchentlichen Stunden nicht nur die biblische Geschichte und Religionslehre, ich sollte sie auch das „Dawenen" lehren. Es war die erste Lehrstunde im Schuljahre und mich übermannte eine nicht zu beschreibende Verzagtheit. Wie sollte ich auch in zwei Stunden den großen Lehrstoff bewältigen. Niedergeschlagen blickte ich auf die nicht unbeträchtliche Zahl der Schüler im Atter von 8—14 Jahren. Da klopst's an der Thüre und herein tritt der Herr Neligions- Schulinspector. Ich kannte den allen Herrn schon Jahrzehnte und schätzte ihn ganz besonders seines edlen Herzens wegen. So klagte ich ihm denn meine Sorgen und meinte, es scheine mir ganz Mmöglich, dem Lehrplan zu entsprechen. Statt jeder Antwort setzte sich der alte Herr zum Tische und prüfte die Kinder in der biblischen Geschichte. Es ging ganz prächtig. Lächelnd sagte er dann: „Sehen Sie, was Sie für ein furchtsamer Hase sind, es geht ja sehr gut, knüpfen Sie heuer dort an, wo Sie voriges Jahr geblieben sind; was brauchen Sie sich meinen Kopf zu zerbrechen; wenn ich mit Ihren Resullaten zufrieden bin, können Sie auch zufrieden sein". „Aber, Herr Schulinspector, die Kinder können kein Os davene, sie kennen kein Aleph vor einem Beth. Voriges Jahr bin ich nicht dazu gekommen und Heuer soll ich das Dawenen wieder vernachlässigen. Mir scheint es denn doch, als wäre die Kenntniß des hebräischen Lesens mindestens ebenso wichtig, wenn nicht noch wichttger, als die biblische Geschichte." „Wenn die Ellern wollen, daß die Kinder Dawenen können, sollen sie es zuhause lehren, wir haben hiezu in der Schule keine Zeit", war die kurze, entschiedene Antwort meines Vorgesetzten. Seitdem sind, wie gesagt, zwanzig Jahre verflossen. Und wie ist es bei uns anders und — besser geworden. Das energische zielbewußte Streben unseres Eultusvorstandes hat es bei außerordentlicher Opferwilligkeit dahin gebracht, daß in den zwei wöchentlichen Stunden nicht nur biblische Geschichte, sondern auch das hebräische Lesen, die Lithurgie und das Uebersetzen der Bibel im Urtexte gelehrt und mit bestem Erfolge gelernt wird. , Es wurde weiters der Jugendgottesdienst eingefühtt. Wie sehr dieser zur Herzensbildung und zur Hebung des jüdischen Sinnes bellragt, konnte man erst dieser Tage ersehen. Es gebrach bisher unserer Jugend an einem guten, passenden Schulbuche für den Unterricht in der biblischen Geschichte. Diesem Uebelstande könnte nunbestens abgeholfen werden. Zu Ende des letzten Schuljahres erschien aus der Feder des bewahrten, tüchtigen Schulmannes Herrn Dr. H. Pollak, Religions- Herausgebers" Dr. Josef S. «loch. — Verantwortlicher Redacte Professor an den Wiener Mittelschulen, ein neues Lehrbuch*) für unsere Schuljugend. Das Werk, vom hohen k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht zum Gebrauche beim israelitischen Religionsunterrichte an Volks-, Bürger- und Mittelschulen zugelassen, ist unserer Ansicht nach das Beste, das bei uns bisher auf dem Büchermärkte erschienen ist. Es zeichnet sich vor Allem durch eine gewählte, schöne Sprache aus. Es ist möglichst genau dem Urtexte nachgebildet und ist frei von jedem überflüssigen Moralisiren. Es ist das einstimmige Urtheil aller Schul- und Fachmänner, daß sich dieses Buch — wie kein zweites — zum Schulbuche eignet. Indem wir uns erlauben, den geehrten Vorstand, wie auch alle Lehrer und Schulfreunde auf diesen Lehrbehelf aufmerksamzu machen, soll es auch in Zukunft unsere Aufgabe bleiben, dem Fortschritt im Religionsunterrichte an unseren Volks-, Bürger¬ und Mittelschulen gewissenhaft zu folgen und zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. _ Sch. Notiz. Die Oesterreichische Omnibus-Gesellschaft bringt ihr umfangreiches Möbeltransport- und Schwerfuhrwerksgeschäft in Erinnerung. Gleichzeitig wird darauf aufmerksam gemacht, daß die genannte Gesellschaft in ihren Bureaux, I., Rothenthurmstraße 21—23, II. Stock, Bestellungen auf Lohn- und Gelegenheitsfuhrwerk (Monatswagen), sowie Trauerfuhrwerk (Landauer, Coupes und Leichenomnibusse) zu mäßigen Preisen entgegennimmt. Briefkasten. K. in Wien. Der berühmte englische Satyriker Swift sagte einmal mit Recht: „Wir haben eben genug Religion, uns einander zu hassen, aber nicht genug, einander zu lieben". (Herder's sämmtliche Werke, Stuttgart 1853, Bd. X., S. 257.) „Arbeiter«». Der Congreß der französischen Arbeiterpartei .in Montlucon faßte eine Resolution, worin der Antisemitismus, diese Abart clerical-feudaler Reaction, auf's Schärfste verurtheilt wird. L. in Berlin. Prinz Georg von Preußen, der Dichter unter den Hohenzollern, übergab, wie die „Koblenzer Zeitung" meldet, vor seiner Abreise von Ems einem dortigen Beamten die Mittel für ein Denkmal,. das dem vor zwei Jahren dort verstorbenen, von dem Prinzen sehr geschätzten Maler Professor Emil Löwenthal aus Rom auf dem israelitischen Friedhofe in Ems errichtet werden soll. I. H. in I. Es sind so zahlreiche Berichte eingelaufen, daß beim besten Willen eine ausführlichere Wiedergabe unmöglich war. „Der Jude Picquart". Die Behauptung, daß Oberst Picquart ein Jude sei, ist eine wissentliche Lüge des „Deutschen Volksblatt". Im Processe Dreyfus sind so viele Fälschungen begangen worden, daß auch das Antisemitenblatt es sich nicht versagen kann, ebenfalls sein Schärflein beizutragen. Wenig, aber vom Herzen. Frau Julie M. Wie können Sie von diesen Leuten verlangen, daß sie auf die religiösen Pflichten der Juden Rücksicht nehmen? Die Mittheilung eines jüdischen Landesschulrathes, daß er am Versöhnungstage einer Sitzung nicht beiwohnen könne, ist „jüdischer Terrorismus". Einer so miserablen Entstellung ist nur das antisemitische Hetzblatt fähig. Anonymus. Ihre diesmalige Einsendung steigert unsere Besorgnisse hinsichtlich Ihres Geisteszustandes noch mehr. Hoffen wir, daß die Freiwillige Rettungsgesellschaft rechtzeittg eingreifen wird, um Sie vor unbesonnenen Schritten zu bewahren. Ein kleiner Fleischhauer. Bedanken Sie sich bei Herrn Hutter und Consorten für den Schaden, den Sie erlitten haben. K. D. Madame Alfred Dreyfus, Paris. G. A., Pilsen. Sie haben Recht, jüdische Reisende sollte man vor dem „Kölner Hof" in Frankfurt a. M. eindringlich warnen. Hermann P. in Jungbunzlau. Die Uebersetzung wurde dem Dichter übermittelt, der anonym zu bleiben wünscht. Wir ersuchen unsere geschätzten ^Abonnenten um rechtzeitige Zinsendung der laufenden 'Abonnementsgebühr, damit die Zusendung des Jflattes keine Unterbrechung erleide. Zur Zinsendung der Beträge wolle man die beigelegten Post - Checks benützenD/o 'Administration. *) Dr. G. Wolfs Geschichte Israels für die israelitische Jugend. Nach dem Tode des Verfassers neu herausgegeben von Doctor H. Pollak, Religionslehrer an Mittelschulen. Preis fl. —‘48. Wien 1897, Verlag von Alfted Hölder, k. u. k.^Hofn.Universitäts-Bnchhändler : Robert Wolf. — Druck von L. Be» & Sohn, Wien, VIII.

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