Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 38 (23.9.1898)
- Date
- 1898-09-23
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Stile 704 Vr. Vloch'» Wochenschrifl Nr. 38 deren charakteristische Eigenheiten in herzerfrischender Lebendigkeit dargestellt werden. Der Verfasser bekundet hierbei einen ungemein keinen psychologischen Spürsinn, und mit dessen Hilfe gelingt es ihm wirklich, die „Seele" der jüdischen Geschichte von ihrer körperlichen Hülle zu befreien und uns vor Augen zu führen. Der Stil, in dem dies geschieht, ist von solcher Begeisterung durchglüht, von so plastischer Anschaulichkeit und mit so geistsprühenden Apercus gewürzt, daß der Leser unwillkürlich gepackt und widerstandslos fortgerissen wird. Einige wenige Proben seien hier zur Charakterisirung dieses Stils herausgegriffen. So schildert der Verfasser.(auf S. 17) die Bedeutung der zweiten Hälfte der jüdischen Geschichte — der „Diasporatragödie" — mit den Worten: „Und doch ist gerade sie durch ihre ungewöhnlichen Eigenschaften und hochtragischen Züge in ganz besonderem Maße zu erbauen geeignet. Das jüdische Volk ist nicht nur beachtenswerth in den Momenten seiner Machtentfaltung und Selbstständigkeit, sondern auch in den Zeiten der Schwäche und der drückenden Abhängigkeit, da es seine geistige Entwicklung mit Aufopferung des eigenen Selbst ununterbrochen erkaufen mußte. Ein Denker, von Dornen umwunden, ist nicht minder ehrfurchtgebietend, als ein Denker, vom Lorbeer gekrönt. Die Flamme der Scheiterhaufen, auf denen die Märtyrer für ihre Ideen den Heldentod starben, ist in ihrer Art ebenso überwältigend, wie die Flamme auf dem Gipfel des Sinai. Von Beiden wird mit gleicher Kraft, nur auf ungleichen Wege, das Herz ergriffen, das sittliche Gefühl geweckt u. s. w." Den Gegensatz zwischen Hellenismus und Judenthum stellt er (auf S. 35) wie folgt dar: „Es war keine gewöhnliche Begegnung zweier Völker, ja nicht einmal zweier Culturen, sondern der Zusammenstoß zwischen zwei einander schroff entgegengesetzten, ja einander ausschließenden Weltanschauungen. Es war ein Zweikampf zwischen „d e m E w i g e n", dem Schöpfer des Ms, dem unsichtbaren geistlichen Wesen, der der Menschheit auf wunderbare Weise religiös-sittliche Ideale offenbart hatte und zwischen Zeus, der auf dem Olymp hauste, die höchste Naturkraft personificirte, ungeheure Quantitäten von Ambrosia und Nektar vertilgte und ein ziemlich liederliches Leben sowohl auf dem Olymp als auch außerhalb desselben führte. Der Hellene und Judäer konnten sich unmöglich auf religiös-sittlichem Boden nähertreten. Jener vergötterte die Natur, selbst den Weltkörper, dieser vergötterte den Schöpfer der Natur, den W e l t g e i st. Der Hellene verehrte vornehmlich die äußere Schönheit und die p h y s i s ch e Kraft der Judäer verehrte die innere Schönheit und das Heldenthum des Geistes u. s. f." Die synagogale Poesie charakterisirt er (auf S. 54) mit den Worten: „Statt der mannigfaltigen lyrischen Poesie Gebirols und Halevis, die das Wohl und Wehe nicht blos der Nation, sondern auch des Individuums besingt und sich in eine psychologische Analyse vertieft, dringen jetzt an unser Ohr die wehmüthigen, herzzerreißenden Töne der synagogalen Poesie, die markerschütternden Stoßseufzer, die der gepreßten Brust des todtgehetzten Volkes sich entringen, die schwermüthigen und jammererfüllten Gebete, die so oft die morschen Wände der mittelalterlichen Synagogen in den Augenblicken erschütterten, als sie, von Betenden gefüllt, von den entmenschten Kreuzfahrern in Brand gesteckt wurden. Ein gewaltiger Accord hallt aus dieser Poesie wieder: rnorlturi te salutant Die Kürze des Raumes gestattet uns leider nicht, weitere Proben anzuführen und wir müssen uns daher mit einem Hinweis auf das Buch selbst begnügen. Briefkasten. Leser der Gemeiuderathsberichte. Aus dem Andrange zu den Versorgungshäusern folgert Dr. Lueger, daß der jetzige Zustand gut ist. Nach dieser Theorie müßte man aus einem Andrange zum Asyl für Obdachlose folgern, daß man dort ausgezeichnet logirt. Ein „jüdischer" Leser. Die statistischen Ausweise sind schon wiederholt von uns besprochen worden. Aus der österreichischen Statistik geht hervor, daß im Jahre 1894 unter den Verbrechern 3*4 Percent waren, während die Juden 4*8 Percent der Bevölkerung ausmachen. Ungünstig stellen sich die Zahlen nur bei wenigen Delicten; es such dies Veruntreuung, Betrug und Verleumdung. Allerdings gilt dies im Jahre 1894 auch von der Rubrik „Weglegung eines Kindes", doch handelt es sich um insgesammt 5 Fälle, so daß ein einziger Proceß hier bereits ein ungünstiges Verhältniß herbeiführen kann. Dasselbe war im Jahre 1895 bei „Beleidigung der Mitglieder Herausgeber: des. kaiserlichen Hauses" (2 Fälle), „Mißbrauch der Amtsgewalt" (3 Fälle) und Verleitung dazu (4 Fistle), denn diese Ziffern sind zu gering, um einen Schluß zuzulaffen. Wenn man die drei ersten Rubriken genaue r prüft, so ergibt sich: l. Veruntreuung. In beiden Jahren zusammen wurden 1178 Vcrsonen bestraft; es hätten also 56 Juden darunter sein sollen, es sind aber 114, d. h. doppelt so viel. Auf die Rubrik Handel und Gewerbe kamen 656 Fälle; da nun die Juden die Hälfte der Erwerbsthatigen in diesem Berufe ausmachen, so sind sie thatsächlich n u r h a l b so stark an den Verurteilungen bet heiligt, als ihre christlichen Eon currenten. 2. Betrug. In beiden Jahren gelangten zur Bestrafung 6074 Fälle; davon hätten auf die Juden entfallen sollen 291, statt dessen wurden 775 bestraft. Aber auf die Kaufleute hätten nach ihrem Verhältniß zur Bevölkerung entfallen sollen 635 Fälle; es sind aber 2459. Fanden Bestrafungen von Juden wegen Betruges 2*7 Mal öfter statt, als ihrer Seelenzahl entspricht, so sind Bestrafungen von Kaufleuten wegen dieses Delicte 4*6 Mal öfter vorgekommen, als normal wäre. 3. Verleumdung. Im Ganzen kamen 325 Bestrafungen vor; davon Sollziffer für Juden 16, wirkliche. Ziffer 27 oder 1.7 Percent; bei Kaufleuten Sollziffer 29, wirkliche Ziffer 85 oder 3 Percent. Alle drei Rubriken ergeben somit die gleichen Resultate. Werden mehr Juden bestraft, wie die Seelenzahl als normal erscheinen läßt, so werden christliche Kaufleute wegen dieser Verbrechen in noch viel höherem Maße bestraft. Der entscheidende Factor ist also der,Beruf, und innerhalb dieses Berufes (Handel und Gewerbe) sind die Juden in crimineller Beziehung noch viel besser ge st eilt als ihre christlichen Berufsgenossen. „Gleiches Recht für Alke". Die Gründe, warum dem Mechanikus Ernst Schneider eine gerichtliche Vorladung nicht zngestellt werden kann, sind uns nicht bekannt, und wir haben nicht die Macht festzustellen, wer hieran die Schuld trägt. Thatsache ist aber, daß ein anständiger Mensch ohne jeden Anlaß von zwei antisemitischen Spießgesellen, von denen Einer derReichsrathsabgeordnete Schneide r. war, brutal mißhandelt wurde und daß der Mißhandelte sein Recht nicht finden kann. Anderen Menschen wird unter normalen Verhältnissen jede gerichtliche Vorladung zugestellt und die Nichtzustellung von Vorladungen an Personen, die einen ständigenWohnsitz haben, ist eine seltene Ausnahme. Hier handelt es sich um einen Reichsrathsabgeordneten, um einen Menschen, dessen Adresse Jedermann in seinem Wahlbezirke kennt, und dem kann eine Vorladung so länge nicht Zugestellt werden, bis die Reichsrathssession beginnt und die Immunität eintritt. Das ist ein sehr merkwürdiger Rechtszustand und für den Charakter Schneiders ist es bezeichnend, daß er sich einer gerichtlichen Vorladung zu entziehen versteht, wenn er für eine begangene rohe Ausschreitung Rede und Antwort stehen soll. Vater schulpflichtiger Kinder. Die Einführung des Spätunterrichtes reiht sich den übrigen Leistungen des christlich-socialen Regimes auf dem Gebiete des Schulwesens würdig an. Die Gemeinde braucht das Geld, das sie sich ausborgt, um die Kosten des Gasabenteuers zu bestreiten und hat daher kein Geld für Schulen. „Confessionelle Schule". Die wissentliche Gesetzesverletzung steht außer jedem Zweifel. Die Berliner „Staatsbürger- Zeitung" constatirt, daß das antisemitische Regime das antisemitische Programm durchsetzt und sagt, das Gesetz schließe zwar die confessionelle Schule aus, aber „eineLücke in diesem Gesetze wurde von der .genannten Schulbehörde klug benutzt, uni trotzdem die diesbezüglichen Forderungen des antisemitischen Programms zu verwirklichen". Das „Deutsche Volksblatt" . druckt natürlich diese vollkommen richtige Darstellung mit ausdrücklicher beifälliger Zustimmung ab. Mit größerer Schamlosigkeit als es in diesem maßgebenden Organ der in Niederösterreich herrschenden Partei geschieht, konnte es gar nicht zugestanden werden, daß man das Gesetz zu übertreten, jederzeit bereit ist. Das Wort von der „k l u g e n B e n ü tz u n g einer Lücke im Gesetze" kennzeichnet die christlich-sociale Gesetzestreue. H. A. Der fortschrittliche Parteiverband im Wiener Gemeinderathe hat zu dem ungesetzlichen Schulerlasse Stellung genommen, er bezeichnet denselben als eine willkürliche Verfügung, welche gegen den Geist der Schulgesetze verstößt, und wird sich mit den fortschrittlichen Abgeordneten ins Einvernehmen setzen. Die Liberalen im Gemeinderathe sind also, wie Sie sehen, eben daran, ihre Pflicht in dieser Sache zu erfüllen, und der Vorwurf, den Sie in Ihrer Zuschrift erheben, ist daher gegenstandslos. Anonymus. Sie haben also unseren wohlgemeinten Rath, jede Sie aufregende Lectüre zu vermeiden, nicht befolgt, und ärgern sich unablässig weiter. Bedenken Sie doch, daß Sie verpflichtet sind, sich der antisemitischen Partei zu erhalten!. Nach der Rohheit Ihrer Ausdrucksweise und nach der verblüffenden Dummheit Ihrer Ansichten sind Sie zum antisemitischen Parteiführer geradezu prädestinirt. Also schonen Sie sich doch! „Bezirksfchulrath". Der Landesschulrath ist gerade so antisemitisch wie der Bezirksschulrath. Josef Pollak, Wien. Avicenna und Averroes waren Araber und keine Juden. Dr. Josef S. Bloch. — Verantwortlicher Red acte ur: Robert Wolf. — Druck von L. Beck $ Sodn, Wien, Vtli