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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-09 · 36 (9.9.1898) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
36 (9.9.1898)
Date
1898-09-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite €66 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 36 Feuilleton. Der Letzte. Erzählung von S. K o h n. Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.) Fünftes C a p i t e l. Regierungsrath Proseffor von Sonnenfels wohnte in dem besten Gasthofe, der Kreisstadt E. Am frühen Morgen schon, sobald es nur die Schicklichkeit gestattete, hatte er den Actuar Globner zu sich bitten lassen. „Ich habe Sie,"sprach er zu diesem, „gestern das erstemal in meinem Ärben und nur kurze Zeit gesehen und gesprochen; aber ich bin ein Menschenkenner und glaube Sie richtig beurtheilt zu haben. Ich erbitte mir Ihre Unterstützung bei einer hochwichtigen Angelegenheit. Allerdings will ich sofort bemerken, daß Ihre Vorgesetzten Ihnen Ihren Eifer, mir oder vielmehr der guten Sache zu dienen, sehr übel vermerken, Ihnen Ihre Stellung hier bis zur Unerträglichkeit verleiden könnten." „Ich bitte für die Unterbrechnng um Entschuldigung," fiel ihm Globner in's Wort, „meine Stellung ist hier ohnehin so unhaltbar geworden, daß ich mir schon gestern Nachmittag vom Bürgermeister Purkhammer einen Urlaub erbeten, den mir dieser mit Vergnügen bewilligte, und beabsichtige ich, so schwer mir dies auch in anderer Beziehung fällt, E. zu verlassen, bei dem Appellationspräsidenten in Prag um Versetzung an ein anderes Gericht bittlich zu werden." „Ich beabsichtige Sie, bei Geneigtheit Ihrerseits, zu meinem Mithelfer in einer hochwichtigen Angelegenheit zu machen, und Sie werden es daher begreiflich finden, daß es mir nur wünschenswerth sein kann, Ihre Verhältnisse näher kennen zu lernen. Weshalb ist Ihre Stellung hier unhaltbar geworden? Weshalb hat Ihnen Bürgermeister Purkhammer gerne den Urlaub ertheilt und lveshalb fällt es Ihnen schwer, E. zu verlassen?" „Wie ich Ihnen, Herr Regierungsrath, schon gestern mitzutheilen die Ehre hatte, bin ich ein Gegner des gegenwärtig zu Rechte bestehenden Gerichtsverfahrens, und Sie können sich daher denken, daß mir der Dienst bei einer Criminalbehörde überhaupt nicht leicht fällt. Nun treten aber bei, meiner Stellung an den, hiestgeu Gerichte noch Verschärfungen ein. Der Chef desselben, Bürgermeister Purkhummer, ebenso wie der Criminalrath Eusebius, welcher als der Geistesstärkste der hiesigen Criminalräthe die Seele des hiesigen Gerichtshofes bildet, sind nicht nur egoistische, sondern auch grausame Menschen, denen nicht die Erforschung der Wahrheit, sondern blos ihr eigenes Wohl am Herzen liegt. — Schon seit längerer Zeit, namentlich seitdem' hier zwei Strafprocesse mit unglücklichem Verlaufe geführt wurden und der Bürgermeister vom Obergcrichte eine starke Rüge erhielt, werden die unglücklichen Angeklagten nicht nur hart und grausam, sondern geradezu ungerecht, ungesetzlich behandelt. Trotz meiner untergeordneten Stellung habe ich in allen Fällen, wo auch nach den bestehenden Gesetzen nicht zur Anwendung der Folter geschritten werden durfte, wenn leider auch stets ohne Erfolg, Einsprache erhoben. In dem letzten Falle bei Abraham Duppau, dessen Vorleben schon, ihn vor dem Verdachte eines so grauenhaften Verbrechens hätte schützen sollen, war ich mit meinen Vorstellungen so dringend geworden, daß der Bürgermeister, der um jeden Preis einen Thäter herbeischaffen wollte, mich nicht die betreffenden Protokolle führen ließ." „Das war nicht in der Ordnung," meinte Sonnenfels. „Leider hatte der Bürgermeister einen Vorwand, auf meine Mitwirkung bei dieser Verhandlung verzichten zu dürfen; er behauptet, und zwar mit vollem Rechte, daß ich dem Angeklagten Dankbarkeit schulde." „Weshalb?" „Ich war früh verwaist; meine Mutter starb, als sie mir das Leben gab, mein Vater, ein wackerer Feldwebel, fiel am 1. October 1756 in der Schlacht bei Lowositz und ließ mich als neunjährigen Knaben zurück. Wäre Abraham Duppau nicht gewesen, ich wäre im'Elende Vorkommen, ich wäre verhungert, ich wäre erfroren! Er räumte einer entfernten Verwandten meines Vaters, einer armen kinderlosen Bergmannswitwe, ein Stübchen in seiner Wohnung unter der Bedingung ein, daß sie mir Pflege angedeihen lasse. Er unterstützte mich auch dann, als meine Pflegemutter gestorben, ermöglichte es mir, das Gymnasium zu besuchen, er half mir noch so lange, bis ich die Universität in Prag bezog und durch Unterrichtertheilen und Stipendien meinen Unterhalt fand." „Von einem solchen Menschen setzte man voraus, daß er aus Rachsucht ein wehrloses Weib in so grausamer Weise ermordet habe?" rief Sonnenfels. „Der Bürgermeister und Eusebius fanden, daß bei dem Umstande, daß einerseits ebenso ein Selbstmord, als Verbrennung durch Unvorsichtigkeit, vollkommen ausgeschlossen; anderseits sich Duppau zur Zeit des Verbrechens in der Nähe des Thatortes befunden, ein starker Verdacht auf ihn fallen müsse." „Konnte außer Dr. Wallbruck, dem Gatten der Ermordeten, und Abraham Duppau nicht doch noch ein Vierter, etwa zu einer Zeit die Straße passirr haben, wo ihm die Genannten nicht begegnen konnten?" „Das ist nahezu unmöglich. Die Oberreiter*), denen für diese Nacht ein Pascherzug denuncirt worden war, hatten an den Knotenpunkten der Straße Posten in einer Weise aufgestellt, daß sie jene ganz übersehen konnten. Sie hatten außer dem Gatten der Ermordeten, Dr. Wallbruck, und Abraham Duppau während der ganzen Nacht keinen Menschen die Straße passiren sehen, und sie hatten große Aufmerksamkeit aufgewendet, denn sie hätten, wenn die Schmuggler ergriffen worden wären, viel Apprehendengelder erhalten." „Sie haben recht, dieser Umstand ist auch mit großer Ausführlichkeit und Breite in den Protokollen behandelt." „Trotz alledem," fuhr Globner fort, „konnte ich doch nicht zur Ueberzeugung gelangen, daß man zur Folterung schreiten dürfe. Das Geständniß eines Gefolterten besitzt in meinen Augen gar keine Beweiskraft, und ich bin daher innigst überzeugt, daß morgen an Abraham Duppau ein Justizmord verübt wird, den ich allerdings nicht zu verhindern vermag; — aber es ist mir unmöglich demselben, — wie ich als Gerichtsactnar verpflichtet wäre — anzuwohnen." „Ich bin ebenfalls moralisch von der Schuldlosigkeit des- Verurtheilten überzeugt. Er hat mir den ihn verdächtigenden, dunklen Punkt in seiner Aussage vollständig aufgehellt, und auch ich lege, wie Sie wissen, der auf der Folter erpreßten Aussage keinen Werth bei. Was mich hauptsächlich zu einem günstigen Urtheile über Duppau bestimmte, ist der Umstand, daß er sich als zärtlicher Gatte und Vater, und als frommer, gottgläubiger Jude bewiesen. Ich habe ihn gesprochen und ihn um seine letzten Wünsche befragt — er bat mich, dafür zu sorgen, daß seine Familie ihr Domicil wechseln dürfe, und daß er seine letzte Andachtsübung in Betmantel und Philakterien abhallen dürfe; — das verlangt wahrhaftig kein Mensch, der ein Weib bei lebendigem Leibe zu Kohle und Asche verbrennen läßt! — Ich habe auch sofort gestern mit dem Bürgermeister gesprochen, ihn unter Angabe meiner Gründe dringend gebeten, die Hinrichtung zu verschieben. Purkhammer hat angeblich eine Sitzung des Strafsenates veranstaltet; meine Bitte wurde, so hat er mir mitgetheilt, einstimmig verworfen." „Dann ist der Unglückliche rettungslos verloren! . . . . Die Gerichtsherren wollen sich nicht der Schmach aussetzen, auch diesmal keinen Thäter entdeckt zu haben." „Und doch gäbe es eine Möglichkeit. — Wenn es uns gelänge, den wahren Thäter zu entdecken!" „Bis morgen um diese Zeit .... binnen vierundzwanzig Stunden? — das ist eine absolute Unmöglichkeit!...." „Ich halte dies allerdings für sehr schwer, für höchst unwahrscheinlich; — aber nicht für unmöglich; — und nun bin ich an den Punkt angelangt, um deffenwillen ich Sie zu mir bitten ließ, nämlich zu der Bitte, mir bei dieser wichtigen Aufgabe nach besten Kräften beizustehen. Ich weiß, ich bedarf, da wo es sich um die Rettung eines Schuldlosen handelt, keines weiteren Mittels, Sie anzueifern; aber ich will Ihnen doch mittheilen, daß die Kaiserin in der nächsten Zeit über die Aufhebung oder Beibehaltung der Tortur in Oesterreich einen Beschluß fassen wird. Die meisten Gutachten, die bisher eingelaufen sind, sprechen sich für Beibehaltung des peinlichen Verfahrens aus. Ich habe, um gegen diese Aeußerungen ein Gegengewicht zu erlangen, mir noch in der letzten Stunde als Gnade die Erlaubniß erbeten, die Criminalgerichte in den Provinzen besuche» *) Zollbeamten, wurden später Grenzjäger genannt.

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