Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 32 (12.8.1898)
- Date
- 1898-08-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 600 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 92 Jos. Prag von den Herzlisten unter Leitung von Bentwich und de Haas geführt hat. Im März hatte eine Versammlung stattgefunden, an der alle zionistischen Vereine theilgenommen hatten. In dieser Versammlung hatte man eine Federation of Englist Zionists constituirt und ein Comitk gewählt, das die Statuten ausarbeiten sollte. In dem neuen Verein sollten alle bestehenden, auch die große Gesellschaft der Chovevi Zion mit ihren vielen Zweigvereinen, Fents genannt, völlig aufgehen. Die Statuten der neuen Federation fielen aber so vollkommen herzlistisch aus, daß Goldsmid und Prag, die die Colonisation Palästinas von den Herzlisten angefeindet sahen, aus der Commission der Federation austraten und der Vorstand, das Hauptquartier der Chovevi Zion, energisch die Annahme der Statuten ablehnten. Gleichzeitig wählten dieselben den Obersten Goldsmid einhellig wieder zum Chef, während Bentwich, der Führer der Herzlisten, austrat. Die Letzteren versuchten nun den Kampf in die Zweigvereine zu verlegen, aber mit wenig Erfolg, denn nur zwei Leeds und der kleine Verein in Portsmouth faßten Resolutionen zu ihren Gunsten, während die Londoner und der Verein in Birmingham energisch für die Resolutionen Goldsmid-Prag eintraten. Nun tobt der Kampf in der Presse, Jewish Chronicle unterstützt die Colonisatoren, Jewish World tritt für die Herzlisten ein. Im Allgemeiuen kann man aber sagen, daß für diese nur diejenigen Vereine eintreten, welche auch bisher schon sich auf das Schreien beschränkt haben, ohne etwas für die Colonisation zu leisten. London. Unter den Juden des Ostends herrscht eine lebhafte Bewegung gegen die Leiter der Gemeinde, die nach ihrer Auffassung keine Rücksicht auf die eiugewanderten Juden nehmen und in ihnen nur Gegenstände ihres Mitleids sehen. Die Juden des Ostends sind aber müde, immer nur Wohlthaten zu empfangen, sie wollen gleichberechtigt mit ihren reicheren Brüdern im Londoner Westend sein und "verlangen mehr Rücksicht von diesen, als ihnen gegenwärtig erwiesen wird. Das Auftreten Oberrabbiner Adlers gegen das Cheder hat noch mehr verstimmt und in allen Synagogen des Ostens wettern die Maggidim und Rabbiner gegen die Bevormundung durch das Westend. Die große Gesellschaft Machsike Hadaß beabsichtigt von dieser Stimmung zu profitiren und sich aus einem Religionsverein in eine vollkommen constituirte Gemeinde zu verwandeln. Vollkommen aus eigenen Mtteln hat diese Gesellschaft sich eine Synagoge gebaut, die 2000 Plätze enthält und ein Gebäude für die Talmud Thora-Classen, in dem 1200 Kinder unterrichtet werden können. Jetzt will die Machsike Hadaß noch einen Begräbnißplatz kaufen, ein Beth Din constituiren und sich die Gemeinde der ausländischen Juden nennen. Sie hofft dadurch zum Mittelpunkt der eingewanderten Juden zu werden und diese von der Gnade der Westend-Juden unabhängig zu machen. Vielleicht ist diese Bewegung Veranlassung dazu, daß die Berathungen des East End Schemi im Rath der United Synagogues ein schnelleres Tempo einschlagen, was sehr zu wünschen wäre. Parts, 9. August. (Die Dreyfus-Affairen.) Untersuchungsrichter Fab re verhörte Nachmittags in seinem Bureau den ehemaligen Director des „Matin", Varilla, und Bernard L a z a r e. Dem „Temps" zufolge habe der Procurator der Republik, welchem Untersuchungsrichter B e r t u l u s das Actenmaterial in der Affaire Esterhazy und Madame P a y s übermittelt hatte, auf Einstellung des Verfahrens gegen Esterhazy und Madame Pays erkannt. Der Procurator der Republik habe das Material dem Untersuchungsrichter B e-r t u l u s übersendet, welcher heute Abends die entsprechenden Befehle ertheilen werde. Wie der „Soir" meldet, habe Untersuchungsrichter Vertu l u s den Bescheid unterzeichnet, womit Esterhazy und Madame Pays wegen Fälschung vor die Anklag ekammer verwiesen werden. — Da dieser Bescheid mit den Anträgen des Procurators d e r R e p u b l i k i m W i d e r s p r u ch e steht, sei ein neuerlicher Conflict zwischen dem Gerichte und dem Untersuchungsrichter B e r t u l u s wahrscheinlich. Die „Agence Havas" meldet aus Algier: Heute Nachmittags kam es in Folge eines Wortwechsels zu einer Schlägerei zwischen Juden und Antisemiten, wobei einige Re volverschüsse gewechselt wurden, doch wurde Niemand verletzt. Es wurden einige Verhaftungen vorgenommen. Petersburg. Die von dem Ministercomite dem Baron Horace Günzburg ertheilte Genehmigung, auf seinem Gute in Beffarabien zunächst zwanzig jüdische Colonistenfamilien anzusiedeln, ist von größerer Bedeutung, als man bisher angenommen. Durch diese — übrigens einstimmig erfolgte — Genehmigung ist zugleich der Commission, die zur Vorbereitung einer Revision der Judengesetze bestellt worden, eine Directive gegeben, um die „temporäre Bestimmung" Jgnatjew'schen Ursprungs aufzuheben, die den Juden ländliche Niederlassung verbot. 'Ergänzend sei noch berichtet, daß die Minister, denen Baron Günzburg für die ertheilte Genehmigung Dank abstattete, den Bescheid ertheilten: er verdiene Dank dafür, daß er eme wirksame Anregung in erwünschter Richtung gegeben. Petersburg. Der Senat hat eine höchst wichtige Entscheidung getroffen. Er hat nämlich bestimmt, daß alle Juden respective Jüdinnen, die ein Diplom als Feldscheer, Zahnarzt respective Hebamme besitzen, das Recht haben, überall in Rußland nach freier Wahlzu wohnen und sogar, wenn sie in ihrem Berufe nicht Nahrung genug finden, einen Nebenberuf zu treiben. Besonders die - letztere Klausel ist höchst wichtig. — Der Kriegsminister, der beobachtet hat, daß die Juden in manchen Regimentern der Armee sehr zahlreich in anderen dagegen gar nicht vertreten sind, hat Maßregeln getroffen, um die Verkeilung der jüdischen Rekruten durch die ganze Armee zu bewirken. — In Nischni Nowgorod hat der Generalgouverneur eine Commission eingesetzt, die das Recht jedes einzelnen Juden, der zur Messe kommt, prüfen soll und die Nichtberechtigten ausweisen wird. Wie viel Geld wird diese neue Commission wieder den Juden kosten? — In Baku hat der Polizeichef, der alle möglichen Chikanen gegen die Juden ausheckt, angeordnet, daß die jüdischen Kaufleute auf ihre Schilder nicht nur ihren Hauptnamen, sondern auch ihre Vornamen schreiben müssen, ja sogar auch die Namen ihrer Eltern.. Damit sollen die Juden recht kenntlich gemacht werden, um die Parole „Kauft nicht bei Juden" bequem durchführen zu können. Allein einige Juden weigerten sich dem Befehle nachzukommen und die Regierung gab ihnen recht und erklärte die Polizeiordre für ungesetzlich. Lodz. Eine arme Jüdin von hier, deren Mann vor einigen Jahren nach Amerika auswanderte,- hat durch das Kriegssecretariat in Washington die Nachricht erhalten, daß ihr Mann als Freiwilliger in die Armee eingetreten war und auf Cuba gefallen ist. Der Witwe ist eine Summe von 1000 Dollars ausgezahlt worden, statt einer Pension. Athen. Die Auswanderung der Juden aus Thessalien dauert noch immer fort. Es ist kein Wunder, denn wo sich die Juden auf der Straße sehen lassen, werden sie von den Griechen insultirt und sind selbst vor Angriffen in ihren Häusern nicht sicher. Die griechischen Behörden aber sind entweder unfähig oder böswillig, sie sorgen durchaus nicht für Ruhe. Daher ziehen die Juden nach der Türkei, wo sie wenigstens ihres Lebens sicher sind. So ist in Kavana an der türkischen Grenze eine ganze Gemeinde von ausgewanderten griechischen Juden aus Larissa entstanden, die schon 200 Seelen zählt. Bukarest. Die beiden hiesigen Gemeinden Aschkenasim und Sephardim haben beschlossen ein Gymnasium für diejenigen jüdischen SchülerinsLeben zu rufen, welche vierClaffen der Elementarschule absolvirt haben. Man hofft für die nöthigen Mittel auf Zuschüsse von Privaten und vielleicht ausländischen Vereinen. Mit diesem Gymnasium wird der erste Versuch gemacht die Ausschließung der jüdischen Knaben von allen Gymnasien zu paralysiren. Rhodus. Im Punkte der Toleranz geht die Türkei wahrlich allen anderen Mächten vor. Auf die jüdischen Schüler wird selbst auf den Staatsschulen jede erdenkliche Rücksicht in Bezug auf den Sabbath genommen. So hat eben wieder der Director des hiesigen kaiserlichen Lyceums den Prüfuugstermin verlegt, um den Sabbath zu vermeiden und den jüdischen Schülern keinen Gewissenszwang aufzulegen. Bombay. Am 28. Juni ist hier eine jüdische Freibibliothek eröffnet und am 3. Juli eine Gesellschaft für jüdische Geschichte in Indien gegründet worden. Es ist ein erfreuliches Zeichen von der Entwicklung der indischen Juden, daß sie bereits selbstständig an den historischen Forschungen theilzunehmcn beginnen und anderseits die Resultate unserer Wissenschaft zu popularisiren bemüht sind.