Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 566 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 30 Herr Rothschild bethätigt das lebhafteste Interesse nicht nur für unsere Gemeinde, sondern auch für die Angelegenheiten der jüdischen Gesammtheit, wie dies u. A. seine rege Antheilnahme an den Gemeindetagen des D. I. G. B. bezeugt. Breslau. Herr Dr. Bendix S a m u e l s o h n , der allverehrte Dirigent der hiesigen L Gemeinde-Religionsschule, ist am 15. d. M. nach langem Leiden im Alter von 77 Jahren gestorben. Mit ihm verliert unsere Gemeinde eines ihrer angesehensten und verdienstvollsten Mitglieder, einen wahrhaft religiösen, von tiefer Liebe zu seinem Glauben erfüllten, als Mensch wie in seinem Beruf gleich hervorragenden Mann. Am 5. Juli 1821 zu Brandenburg a. H. geboren, besuchte der Verblichene in Berlin das französische Gymnasium und widmete sich, nachdem er dasselbe absolvirt hatte, dem Studium der classischen Philologie. Nachdem er promovirt und — wohl einer der ersten Juden — die Facultas doceudi erlangt hatte, lebte er einige Jahre als Privatlehrer in Berlin inmitten eines Kreises ausgezeichneter Männer wie Israel Hildesheimer, R o s i n , Joel u. A. und verkehrte im Hause von Michael Sachs, der ihn auch nach Breslau als Leiter der dortigen Religionsschule empfahl. Im Jahre 1852 trat er sein neues Amt an, und in dieser Stellung erwarb er sich sehr hervorragende Verdienste um unsere Gemeinde. Er hat die damals gegen die Geiger'sche Reformschule neu gegründete, ab.r zur Zeit nicht sonderlich florirende Anstalt nach den Principien der modernen Pädagogik von Grund auf reorganisirt und im Laufe einer fast halbhundertjährigen arbeitsreichen und hingebenden Thätigkeit bis zu ihrer heutigen Höhe gebracht. Zahlreiche hervorragende Rabbiner haben unter seiner Leitung und an seiner Anstalt ihre Lehrthätigkeit begonnen: G ü bemann- Wien, Guttmann - Breslau, Prager- Cassel u. A. haben sich unter ihm ihre pädagogischen Sporen verdient. Kurz nach Beginn seiner hiesigen Thätigkeit wurde ihm als Erstem der Religionsunterricht an der städtischen Victoriaschule, einige Jahre später auch an dem Gymnasium zu St. Elisabeth übertragen. An beiden Anstalten hat er bis zum Jahre 1896 gewirkt und trotzdem er namentlich in religiösen Fragen nicht zu den Compromißlern und Leisetretern gehörte, sondern stets offen und begeistert für sein Judenthum einstand, trotzdem oder gerade deshalb gelang es ihm, sich die Achtung und Werthschätzung seiner christlichen Collegen in hohem Maße zu erringen. Neben seiner Lehrtätigkeit fand er noch Muße, seinen Gemeinsinn zu bethätigen: seit 25 Jahren war er Mitglied der Commission der alten Synagoge, und vor Allem stellte er seine schätzenswerthe Kraft und Erfahrung in den Dienst gemeinnütziger Bestrebungen seiner Berufs genoffen. Dem „Verein israelitischer Lehrer in Posen und Schlesien", dessen Mitbegründer er war, gehörte er bis 1897 als dessen Vorsitzender, seitdem als Ehrenvorsitzender an; die Unterstützungscaffe des Vereins, deren Schöpfung vornehmlich sein Werk war, verliert in ihm ihren thätigen, verdienstvollen Vorsitzenden. Von der Hochachtung und Werthschätzung, welche dem edlen Verstorbenen in weiten Kreisen unserer Stadt entgegengebracht wird, legte die große Betheiligung an der Leichenfeier beredtes, ehrendes Zeugniß ab. Herr Rabbiner Dr. Pinkus hielt die ergreifende Grabrede, während Herr Dr. Max Doctor im Namen des Lehrercollegiums der Religionsschule dem Dank und der Liebe für den Entschlafenen in tiefempfundenen Worten Ausdruck verlieh. München. In der baierischen Armee haben sich schon seit mehr als 50 Jahren fast stets, wenn auch nicht zahlreiche, Linienofficiere israelitischer Religion befunden. Seit einigen Jahren sind Heils durch Austritt aus der angestammten Religion, Heils durch Pensionirung infolge eingettetener Dienstunfähigkeit dieselben aus dem activen Heere verschwunden. Im Beurlaubtenstande befinden sich aber zahlreiche Osficiere israelitischer Religion, und der veröffentlichte neueste Armeebefehl bringt die Ernennung von zwei Bicewachtmeistern beziehungsweise Bicefeldwebeln israelitischer Religion zu Secondelieutenants, so daß anzunehmen ist, daß für die thatsächlich zur Beförderung zum Officier geeigneten Officiersaspiranten des Beurlaubtenstandes die AngHörigkeit zur israelitischen Religion kein thatsächliches Hinderniß bei Erlangung der Officiersstellung bildet. Im Sanitätsofficiercorps der activen Armee befinden sich nach wie vor Angehörige israelitischer Religion. München. Ein Vorfall, der sich hier im Jänner d. I. abspielte und dieser Tage das Landgericht München I beschäittgte, hat wiederum einen Beweis dafür geliefert, welchen Grad von Sittenverwilderung und bestialischer Roheit der Antisemitismus zeitigt. Angeklagt war der Studirende her k. Akdemie der Künste, Bildhauer Eduard B e y e r e r. Er saß' am Abend des 15. Jänner in einem Restaurant an einem Stammtisch, an welchem an vorhergehenden Abenden wiederholt der Studirende der k. Akademie Königsberger Platz genommen hatte, und zwar auf Aufforderung mehrerer Herren, unter denen sich auch Studiengenoffen befanden. Kaum war er an den Tisch herangetreten, als Beyerer damit anfing, Königsbergcr, wie er dies in früheren Fällen wiederholt unternommen, vonl Tische wegzuärgern. Als der Angegriffene auf die gröblichsten Flegeleien nicht reagirte, forderte' Beyerer die Anwesenden auf, sofern sie auch Antisemiten seien, von dem Tische wegzugehen, an dem Königsberger sitze. Nun mußte dieser den Beleidiger zur Rede stellen und ihn auffordern, sein Benehmen zu erklären. Als derselbe erwiderte, es genüge, daß er Antisemit sei, gab ihm K. eine Ohrfeige. Nun begann zwischen Beiden eine Rauferei. B. faßte, angeblich um sich besser wehren zu können, den K. an den Ohren und zerrte ihn hin und her. Plötzlich schrie K. laut auf: „Mein Ohr!" Es fehlte ihm ein Stück der rechten Ohrmuschel, das später am Boden gefunden wurde und ihm von seinem Gegner abgebissen worden war. K. begab sich sofort in ärztliche Behandlung; das abgetrennte Stück konnte jedoch nicht wieder angeheilt werden. Der Verletzte trat in der Verhandlung als Nebenkläger auf. B. stellte in Abrede, daß er das Ohr abgebisseu, vielmehr will er es nur abgerissen haben, was der behandelnde Arzt für unmöglich erklärte. Der Staatsanwalt beantragte die Mindeststrafe für gefährliche Körperverletzung, ein Jahr Gefängniß. Die Vertheidigung plaidirte auf Freisprechung unter der Angabe, daß Nothwehr vorliege. Das Gericht nahm an, daß das Ohr abgebissen worden sei, daß aber eine dauernde Entstellung die Folge nicht gewesen sei und verurtheilte den Angeklagten wegen Vergehens der Körperverletzung zu zwei Monaten Gefängniß und zur Tragung sämmtlicher Kosten, einschließlich der dem Nebenkläger erwachsenen. Paris. Die diesmaligen Ehrenverleihungen aus Anlaß des Nationalfestes sind nur spärlich Juden zugekommen. Offieiere der Ehrenlegion wurden Dr. Med. Vidal in Hyöres, Major Jules Baumann vom 75. Infanterie-Regiment und Bataillonschef Salomon Strauß vom Geniecorps in Madagaskar. Zu Rittern der Ehrenlegion wurden ernannt: Alphonse Abraham, Capitän im 15. Infanterie-Regiment, Etienne Vidal, Capitän im 20. Infanterie-Regiment, Joseph Baumgartner, Capitän der sechsten Kürassiere, Lieutenant Octave Arsene Oury von der Gendarmerie und Georges Behr, Batterieführer im Bezirk von Algier. Rom, 14. Juli. Abermals hat unser Ministerium gewechselt, aber der Staatssecretär des Auswärtigen Amtes, Giacomo M a l v a n o, unser Glaubensgenosse, ist geblieben, da auch der neue Minister des Aeußern seine schätzbare Kraft nicht entbehren will und ihn bereits in seinem Amte bestätigt hat. Noch ein anderer Glaubensgenosse, Herr Dr. Leone W o l l e m b u r g, ist zum Unterstaatssecretär ernannt worden, und zwar im Finanzministerium. Wollembnrg, der sich durch die Gründung von bäuerlichen „Hilfscassen ans Gegenseitigkeit", die in Nord-Italien sehr segensreich wirken, große Verdienste erworben hat, wurde im Jahre 1892 zum ersten Mal zum Abgeordneten gewählt, und derselbe Wahlkreis Citadella sandte ihn auch in das gegenwärtige Parlament. Er hat jetzt trotz seines jugendlichen Alters (er ist noch nicht 40 Jahre alt) die höchste Stelle nächst dem Minister erreicht. London. (Die große Freischule.) Die jüdische Freischule aus der so viele Männer hervorgegangen sind, die sich einen bedeutenden Namen in der Welt zu schaffen wußten, besteht bereits seit 120 Jahren und' genießt jetzt den Ruhm, die größte Schule im Britischen Reich zu sein. Die Anstalt liegt mitten in dem Viertel der armen Juden im Ostende der Millionenstadt und zählt heute nicht weniger als 3500 Zöglinge. Die Rothschilds in England haben stets sehr viel für die Wohlfahrt der Schule gethan und als es vor Kurzem nöthig wurde, das Gebäude beträchtlich zu vergrößern, faßte man den Entschluß, 20.000 Pfund Sterling zu dem Zweck zu sammeln und den neuanzubauenden Flügel Lord Rothschild zu Ehren den „Rothschild Wiug" zu nennen. Vor einigen Tagen fand nun die feierliche Einweihung der angebauten Räume statt — das notwendige Geld war nämlich schneller als man gehofft zusammengekommeu. Der Eröffnungsfeier wohnten die vornehmsten und reichsten jüdischen Familien Londons bei, unter Andern der frühere Lord-Mayor Sir George Faudel Phillips, Sir Phillip