Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 29 (22.7.1898)
- Date
- 1898-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 29 Jahrgang XV. Dr. Bloch’s Centrslorgsn für die gefammten Interessen des Iudenthums. A. k. Postspsrirnfstn-Amt Clrarinsvrrkrhr Ar. 810.976. ArLnctton und ALmtnistrstton: »tm ilM Dnlrrr Nugarlrrrpr. li. Telephon - Nr. 6535. « - . -* Wien, 22. IuU 1898. ->^H. «■<*- Erscheint jeden Freitag. -.fr» <» » *<4- Brief-Adresse: Wien, L, Hauptpostamt — Zach. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift Wien. Vrrngsprri» str Srstrrrrich: Halbjährig 4 fl. -°- » Kr. Einzelexemplare »S kr. Für'» Ausland: halbjährig 6 st. — 10 JTr. ganzjährig 10 * 20 „ «»zeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. Inhalt. Leitartikel: „Das Ende einer Tugend." — Die Entschädigung der Geplünderten. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschrchte. Das „Vaterland" über die Affaire Dreyfus. Deutschnationale und Christlich-Sociale. Edward Antonio Newmann. Eine Episode vom Schützenfestzug. Flucht eines antisemitischen Parteigängers. Die „deutschvolklichen" Turner. Ein antisemitischer Abgeordneter der V. Curie. Der czechische israelitische Religionsunterricht. — Neue Judenplünderungen in Galizien. — Correspondenzen: Wien, Salzburg, Brünn, Lundenburg, Mährisch-Ostrau, Werschetz, Neutra, Berlin, Paris, Petersburg, Galatz, London, Calcutta, Algier, Oran. — Vermischtes: Wien. Brünn, Olmütz, Tobitschau, Klattau, Virovitica, London. — Feuilleton: Der neue Oberamtmann. — Literatur. — Briefkasten. Zur gefälligen Beachtung. Wir ersuchen diejenigen unserer Abonnenten, welche noch mit der Abonnrmenksgebühr im Rückstände sind, um dir baldigste Einsendung derselben, da solche Rückstände unangenehme Störungen in der Administration eines Blattes verursachen, und bMen daher zur Berichtigung der noch lausenden Abonnementsgebühr eventuelle Postaufträge honorirrn zu wollen- Dir Administration. „Das Ende einer Tugend." Das Gewissen Frankreichs hat neuerdings gesprochen. An den Ministerpräsidenten Brisson, den ehr- und tugendreichen Mann, den starren Republikaner antiken Zuschnitts wendet sich diesmal Emile Zola und schleudert ihm das brennende Wort in's Antlitz: „Nun sehen wir ein entsetzliches Schauspiel: Das Ende einer Tugen d". Das Wort wächst weit hinaus über seine persönliche Bedeutung. Brisson war die höchste Verkörperung altrepublikanischer Reinheit und Ehrlichkeit, in ihm lebte der Geist jener opfermuthigen Gironde fort, welche vor mehr als hundert Jahren die Menschenrechte proclamirt und damit das französische Volk zum ersten und edelsten des Erdballs gemacht hatte. Man sprach von Brisson's „Tugend", wie man im alten Rom von der „virtus“, von dem Inbegriff aller Männlichkeit, von Tapferkeit, Ehrenhaftigkeit, Ritterlichkeit oder Sittlichkeit gesprochen hat. Wenn die Tugend eines Brisson im Sterben liegt, dann ist jene des französischen Volkes schon gestorben, dann sind die Begriffe von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum leeren Schall geworden, dann ist in seiner Seele das Feuer der Begeisterung für die Größe des Vaterlandes und der ganzen Menschheit ausgelöscht und es ist reif geworden für den Schnitter, reif dazu, seinen Nacken wieder unter das Joch des erstbesten gewissenlosen Abenteurers zu beugen. Die Seherkraft des Dichters hat hier ein erschütterndes Wort gefunden. Die Tugend eines Volkes ist schwer zu messen, denn es ist nicht eben das Volk, dessen Können man aus dem Lärm einer gewinnsüchtigen Presse, aus dem Kampfgewühle der um die Macht ringenden Parteien, aus den Redeschlachten einer Kammer, in welcher der Vortheil das Handwerk treibt, heraushört. Man muß tiefer hinabgehen zu elementaren Quellen, um den Volksgeist zu belauschen, und es gibt keine elementarere Quelle als das Unglück, denn hier zeigt sich das Wesen des Menschen in seiner vollen Nacktheit, unverhüllt von allen conventionellen Rücksichten. Nicht in dem übelriechenden Dunstkreise von Panama wollen wir eine französische Volksseele suchen, denn an diesem Abgrunde von Corruption ist nur ein Hanfe der Glücksjäger, der erfahren ist in allen Pfiffen und Kniffen der List, Lüge und Verstellung, nicht aber der Kern des Volkes betheiligt. Aber diese Seele offenbarte sich in zwei Ereignissen der jüngsten Zeit, die in der ganzen Culturwelt einen Aufschrei des Entsetzens weckten, in zwei grauenhaften Unglücksfällen, welche nicht die Juden und dieThorheit der Menschen, sondern die entfesselten Gewalten der Natur über Frankreich brachten. Der Brand in der Rue JeanGurjon und der Untergang des Dampfers „Bourgogne". Und beide Katastrophen enthüllten uns die schreckliche Wahrheit, daß die Tugend, die „virtns“, in Frankreich gestorben sei. daß der Geist seiger Selbstsucht und niedriger Rohheit über den Geist der Ritterlichkeit und Brüderlichkeit, der das französische Volk beseelte, den Sieg errungen hat, daß die „dstv humaiiie“ auch in dieser herrlichen Nation lebendig und allgewaltig geworden ist. Hier wie dort habm Frankreichs Männer hilflose Frauen und Kinder in den Tod gestoßen, um das eigene erbärmliche Leben zu retten. Und damit das Licht nach allen Seiten falle, waren es in der Rue Jean Gurjon Angehörige der obersten, bei dem Untergange der „Bourgogne" solche der untersten Volksschichten, welche die^gleichen bestialischen Jnstincte zeigten. Das Ende einer Tugend! Das Ende jener französischen Hochherzigkeit, welche den