Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 392 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 20 der Lehrbücherfrage. In den Mittelschulen sind jetzt in Gebrauch für jüdische Geschichte das Lehrbuch von Cassel und für Bibel-Leetüre die Haus- und Schulbibel von Auerbach. Das Unterrichtsministerium dringt bereits seit Jahren auf Beseitigung dieser beiden Bücher aus den verschiedensten Gründen. Das Buch von Cassel enthält überhaupt keine Geschichtsdarstellung, sondern eine dürftige Nomenclatur. Das Buch von Auerbach wird perhorrescirt wegen seiner nicht österreichischen Orthographie und aus Gründen der Schul-Hygienie, wegen der schlechten Typen des Druckes, während der Verleger Brockhaus in Leipzig zu einer Neuauflage des Werkes sich nicht verstehen will. So tritt denn an den Cultusvorstand die dringende Aufgabe heran, für 2 Lehrbücher Sorge zu tragen. Wo es sich um das Wohl unserer Jugend handelt, wird der Vorstand gewiß kein Opfer scheuen, um . Lehrbücher verfassen zu lassen, welche allen Erfordernissen der Pädagogik und der Wissenschaft gerecht werden und geeignet sind, die kommende Generation für das Judenthum zu erwärmen und zu begeistern. Zu diesem Behufs plant die Unterrichtssection die Einsetzung einer Commission von Fachmännern, welche über die geeignetste Art, diese Werke zu schaffen, Vorschläge machen soll. Redner bittet schließlich im Voraus, die erforderlichen Kosten seinerzeit zu bewilligen. Dr. Berger erinnert an die Preisausschreibung für die besten Schulbücher, welche der israelitische Cultusvorstand im Jahre 1867 erlassen hat. Die Preisausschreibung blieb ohne -Erfolg. Mit Bedauern muß er constatiren, daß das Drängen, bessere Lehrmittel einzuführen, von der hohen Regierung ausgeht und daß der Cultusvorstand zu derartigen elementaren und wichtigen Aufgaben von oben gedrängt werden muß. Bei der diesbezüglichen Sitzung der Section war er nicht anwesend, müsse -aber hier erklären, daß ein Lehrbuch durch eine Commission nicht versaßt werden kann, es muß einen einheitlichen Charakter tragen, aus einem Guß. sein, von einem einzigen Schulmann versaßt. Herr Cultusvorsteher Dr. Marcus Spitzer begrüßt es seinerseits mit hoher Genugthuung, daß der -Cultusvorstand zum ersten Male in öffentlicher Sitzung sich auch mit Cultus- und Unterrichtsfragen beschäftigt, die doch seine wichtigsten Aufgaben bilden. Der Cultusvorstand verausgabt für Unterrichtszwecke einen bedeutenden Theil des Budgets, hat einen großen Apparat .eingerichtet, der ziemlich gut functionirt, aber nur sehr geringe Resultate erzielt. Er mache die traurige Wahrnehmung namentlich im Tempel, daß die Vertreter der heutigen Generation in der Kenntniß der Gebetsprache weit Zurückbleiben hinter jenen, welche aus der früheren Schule hervorgegangen, welche nicht über einen solchen weiten Apparat verfügt hat. Die jüdische Geschichte ist. eine der glänzendsten und. ergreifendsten in der Völkergeschichte überhaupt, unser 2000jähriges Martyrium ist geeignet, nicht blos die Herzen der Jugend zu begeistern und zur Liebe für das Jndenthum zu entflammen, .sondern auch die Seelen der Alten zu erwärmen und selbst Fernestehende mit Achtung zu erfüllen. Allein es fehlt uns an Büchern, die in der Form der Darstellung auf der Höhe des Inhalts ständen. Es fehlt uns mit einem Worte an einer guten Darstellung der jüdischen Geschichte. Es ist nicht richtig, wie Herr Dr. B e rger meint, daß eine Commission berufen werden solle, das Werk zu schaffen beziehungsweise zu schreiben, die Section gedenkt vielmehr mit der Aufgabe nur zwei Personen zu betrauen, die Commission hat den Zweck, bei der Wahl der Personen und bei der Beurtheilung des Werkes ein Wort mitzusprechen. Die finanzielle Seite der Aufgabe sollte keine Rolle spielen angesichts der Wichtigkeit des Gegenstandes. Cultus und Unterricht zu pflegen ist die Hauptaufgabe der Cultusgemeinde. Vicepräsident Dr. Stern unterstützt die Ausführungen des Herrn Dr. Spitzer in warmen Worten, constatirt aber gegenüber Herrn Dr. Berger, daß die Preisausschreibung aus dem Jahre 1887 nicht von dem Vorstand, sondern von Herrn Wilhelm v. G u t m a n n ausgegangen ist. In seinem Schlußwort dankt der Referent Herr Landesschulrath Dr. Gustav Kohn Herrn Dr. Spitzer für die Unterstützung seines Antrages, muß aber die Lehrer gegenüber einigen Bemerkungen des Herrn Dr. Spitzer in Schutz nehmen. Was die alte Schule gegenüber der modernen voraus hatte und ihr bessere Resultate ermöglichte, war die Unterstützung des Hauses, welcher die heutige Schule leider vollständig entbehren muß. Unsere Religionslehrer erfüllen bis auf winzige, geringe Ausnahmen vollständig ihre Pflicht. Bei der Abstimmung wird die Mittheilung der II. Section genehmigend zur Kenntniß genommen. Anschließend referirt Herr Dr. Steiner über Exhorten für Mittelschüler. Das Streben des Vorstandes, den Jugendgottesdienst, für Mittelschüler auf eine dem Bildungsgänge dieser Schülerkategorie angemessene Stufe zu heben, hat dazu geführt, besondere Exhortanten für Mittelschüler versuchsweise anzustellen, deren bisherige Probevorträge in zufriedenstellender Weise erfolgten. In der sich hierüber entwickelnden Debatte gibt Herr- Vorsteher Salo Cohn der Meinung Ausdruck, daß zu diesen Probepredigten die Hörer der israelitisch-theologischen Lehranstalt herangezogen werden sollen, wogegen aber die Herren Vice-Präsident Dr. Stern und Vorsteher Dr. Spitzer erklären, daß einer solchen Aufgabe nur die besten Kräfte gewachsen sein können. Nach dem Schlußworte des Referenten Herrn Dr. Steiner, worin er besonders den versuchsweisen Charatter dieser Neueinsührung betont, wird dessen Bericht zur genehmigenden Kenntniß genommen. Der Präsident erklärt die öffentliche Sitzung für geschlossen. In der hierauf folgenden vertraulichen Sitzung referirt Herr Vorsteher Dr. Grünseld namens der III. Section über die im Concurswege zu besetzende Secundararztstelle im Spitale der Cultusgemeinde und wird conform dem Vorschläge des Primarius Professor Dr. Oser über Antrag der Hl. Section Herr Dr. Alois Noffal zum Secundararzt ernannt. Unter Einem erfolgt die Verleihung des Moritz Freiherr von Königswarter'schen Stipendiums an einen Spitals-Aspiranten. Herr Dr. Adolf Stein referirt namens der V. Section über die Activirung neuer, jn .die Verwaltung der Cultusgemeinde zu übernehmender Stiftungen, und zwar:. die Max Marmarosch-Stiftung per 20.000 Klonen zur Erhaltung der Jacob Marmarosch'schen Familiengruft und zur Unterstützung würdiger jüdischer Handelsakademiker. Die Emilie Singer'sche Stiftung per 30.000 fl. zur Creirung von 5 Stiftsplätzen im israelitischen Altersversorgnngshause. Die Emilie Singer'sche Stiftung per 10.000 fl. zur. Unterstützung von Reconvalescenten im Spitale der Cultusgemeinde. Die bezüglichen Stiftsbriefentwürfe werden behufs Vorlage an die Statthalterei genehmigt. Nach Erledigung von.Eingaben verschiedener Vereine wird die Sitzung um V/4 Uhr Nachmittags geschlossen. Wien. (Verein zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender.) Am 16. d. M. hat unter dem Vorsitze des Baurathes S t i a ß n y die IX. ordentliche Generalversammlung dieses Vereines stattgefunden. Nach Eröffnung der Sitzung widmete der Präsident dem vor Kurzem verstorbenen ersten Ehrenmitgliede, Herrn Bernhard Kohn einen warmen Nachruf und die Anwesenden bekundeten durch Erheben von den Sitzen, daß der Verein das Andenken dieses hochherzigen, leider zu früh seinem humanitären Wirken entrissenen Wohlthäters Hochhalten werde. Dem vom Schriftführer Herrn Dr. T a u s s i g vorgetragenen Rechenschaftsberichte entnehmen wir, daß der Verein 1 Ehrenmitglied, Herrn Baron Albert von R o t h s ch i l d, 26 Stifter und 359 ordentliche Mitglieder besitzt. Seit der Gründung des Vereines wurden 348 Darlehen mit zusammen fl. 29.537 gegen ratenweise Rückzahlung gewährt. Der Bericht schließt mit einem warmen Appell an unsere Glaubensgenossen, ihren bewährten Wohlthätigkeitssinn in diesem Jahre, in welchem unser allergnädigster Kaiser und Herr, Franz Josef I., das seltene Jubiläum 50jähriger glorreicher Regierung begeht, auch unserem Vereine gegenüber neuerdings und ausgiebig zu bethätigen, damit dem Vereine die Mittel zufließen, welche derselbe zur Verfolgung seiner Ziele dringend benöthigt. Der Bericht wurde mit lebhaftem Beifalle zur Kenntniß genommen uud über Antrag des Herrn S. B r o d dem Vorstande der Dank für seine bisherige Thätigkeit ausgesprochen. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder, die Herren Architekt Max Fleischer, Emil I e l i n e k, Jacob K a n n, Sal. Kohnbe r g e r, Dr. Arthur K u r a n d a und Gemeinderath Carl Taglei cht wurden per acciamationem wiedergewählt. Wien. (E i n echt jüdischer P i e t ä t s a c t.) Vor wenigen Tagen sprachen zwei Herren , bei dem Vorsteher des größten hiesigen jüdischen Wvhlthätigkeitsinstitutes vor und