Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 20 Dr. Bloch’s Jahrgang XV. Centralorgan für die gefammten Interessen des A. k. Popsparkassrn-Amt Elraringvevketzr Nr. 810.976. Lrdsrtton und Administration: VStrn - u., Antrrr V«gartr«pr. 1». I Telephon - Nr. 6535. tt - -* Wien. 20, Mai 1898. Erscheint jeden Freitag. -.» f - Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adreffe: Bloch's Wochenschrift Wien. Judrnthnins. Ist- -» Bepigaprita für Arstrrrrtch:!> Halbjährig 4 fl. 8 jtr. Einzelexemplare SS Ir. Für'» Ausland: I halbjährig S fl. --- 10 Kr. ganzjährig 10 . 50 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Peiit;eile 12 kr. g - Inhalt. Leitartikel: Habt Acht! — Jntroduction zum zweiten Baseler Kongreß. — Eine alte (beschichte in neuer Beleuchtung. — Der Jahresbericht der Alliance israölite. — Rechnungsabschluß der israelitischen Eultnsgemeinde Wien für das Jahr 1897. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen am Zeitungsrand. Ein Wiener antisemitischer Stadtrath. Eine Neuigkeit zur Zola-Dreyflis-Affaire. Eine Frage. Eingesendet. Bestialitäten im Namen des Patriotismus. Tie Juden in Amerika. Die Lage der Juden in Rußland. Unlauterer Wettbewerb. — Algerien. — Euba. — Kreuz und Otter durch die Jubiläums- Ausstellung. — Eorrespondenzen: Wien, Königgrätz, Prag, Boryslaw, Berlin, Frankfurt a. M., Hildesheim, Heidelberg, Frankreich, ^Algier, Petersburg, Bombay. — Vermischtes: Wien, Baden, Rzeszow, Prag, Brody, Krakau, Berlin, Dortmund, Jerusalem. — Feuilleton: Der neue Oberanttmann. — Literatur: Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstbisthum Bamberg. — Briefkasten. — Inserate. Habt Acht! (Zur Frage einer jüdischen Arbeitsvermittlung aus Anlaß einer amtlichen Publication.) Vor uns liegt ein stattlicher Quartband, herausgegeben vom statistischen Departement im k. k. Handelsministerium. Derselbe ist vor wenigen Tagen in Hölder's Verlag erschienen und bietet eine annähernd erschöpfende Darstellung der „Arbeitsvermittlung in Oesterreich". Für eine Stadt, in welcher es leider so viele Beschäftigungslose gibt und für unsere Consession, welche durch gehässige Vorurtheile in der Erlangung entsprechender Beschäftigung besonders gehindert ist, kann es nur wenige wichtigere Angelegenheiten geben als die rationelle Organisation der Arbeits-, Dienst- und Stellenvermittlung. Die neueste Arbeit des handelsstatistischen Departements bietet außer einer Zusammenstellung aller gesetzlichen Bestimmungen, die in Oesterreich und Ungarn sür die Arbeits- und Dienstvermittlung gelten, auch die wichtigsten diesbezüglichen Gesetze und Statuten aus ganz Europa, Amerika und Australien nebst einer Uebersicht über die einschlägige Literatur. Außerdem wird Alles genau dargestellt, was nur in Oesterreich an Einrichtungen und Anregungen sowohl in der Privat-Dienstvermittlung, als auch bei Vereinen und Anstalten aller Art existirt; auch die Bedeutung des Zeitungsinserats auf diesem Gebiete entgeht nicht dem scharfen Beobachter, welcher andererseits bis ins 16. Jahrhundert zurück die Thatsachen auf seinem Gebiete verfolgt. Daß es dabei an interessanten Reminiscenzen nicht fehlen kann, versteht sich von selbst. Wir können der Versuchung nicht widerstehen, aufs Gerathewohl Einzelnes herauszugreifen. Wie muß z. B. unseren, dem Vereinswesen noch immer nicht geradezu mit Begeisterung gegenüberstehenden politischen Beamten bei jenen Hvfdeereten (S. 137) das Herz aufgehen, aus welchen hervorgeht, daß sich im ganzen vorigen Jahrhundert „die einschlägige Gesetzgebung zumeist in der Hintanhaltung jedes Versuches erschöpft, im Wege fteier Vereine auf die innere oder äußere Politik bestimmend einzuwirken". — Erst im Jahre 181t) entschließt man sich, die Gründung von — Privat-Wohlthätigkeitsvereinen zu begünstigen. Natürlich hatten die ersten derartigen Vereine für Dienstvermittlung, wie etwa „der Prager St. Nothburga-Frauenverein zur Erziehung von Waisenmädchen in den Dienstbotenstand" (1813), einen coufessionell streng beschränkten Charakter. 1847 bildete sich der heute noch bestehende „Kreuzerverein zur Unterstützung von Wiener Gewerbsleuten". welcher wöchentlich die Riesensumme von 86 fl. C. M. für die Zwecke der Arbeitsvermittlung aufbrauchte und damit 86 Menschen beschäftigte. Doch glaubte man mit Recht, hiemit die Frage der Erwerbslosigkeit noch nicht vollständig gelöst zu haben, und erlangte die Bewilligung, an bestimmten Plätzen Individuen mit dem Brustschilde „Wiener Kreuzerverein" aufstellen zu dürfen, welche Vorübergehenden für einen Kreuzer C. M. Stiefel und Kleider putzen sollten. In diesem Punkte war jene Zeit vorgeschrittener als die-unsrige. Unzähligen Reisenden wird es aufgefallen sein, wie sehr in Paris und London die Arbeitslosen, namentlich auch die müßigen Kinder armer Arbeiter durch die rationelle Einrichtung des billigen Schuhputzens auf der Straße unterstützt werden, und in wie beschämend krähwinkelhafter Weife in Wien jede Fürsorge für Schuhreinigung fehlt. Wer keinen Wagen hat, muß in Wien bei schlechtem Wetter fast immer schmutzige Schuhe tragen. Und wie viele arme Leute, namentlich auch ihre Kinder, könnten sich so das Nöthigste verdienen. Es ist sehr zu bedauern, daß nicht in Wien ebenfalls an allen belebten Plätzen Kinder bereit sind, für etwa 2 bis 3 kr. diese kleine Verrichtung zu übernehmen, welche in Wien nur deshalb nicht populär wird, weil sie mehr als doppelt so theuer ist, als in den theuersten Großstädten. Wir geben diese Anregung an dieser Stelle, weil dadurch praktische und organisatorische Köpfe, wie sie unter den Lesern dieses Blattes nicht selten sind, zur Verwirklichung dieses Gedankens angeleitet werden könnten, wenn er auch mit unserem Thema nur in einem losen Zusammenhänge steht. Von dem vielen interessanten Material, von welchem wir einzelne Proben geboten haben, ist allerdings für uns dasWichtigste,was die vorliegende Arbeit über die Dienstvermittlung unter den Juden Oesterreichs mittheilt. Jener Kreuzerverein, als erster Versuch der Arbeitsvermittlung unter Männern datirt vom Jahre 1847. Doch schon 1839 hatte sich ein derartiger Verein in der Judengemeinde von Hohenems gebildet und 1843 war inz Wien der „Verein zur Beförderung der Handwerker unter den inländischen Israeliten", entstanden welcher in der amtlichen Publikation (S. 143) gleichzeitig „als ältester Repräsentant der Lehrlingsvereine", also als bahnbrechende Schöpfung auf diesem Gebiete hervorgehoben wird. Noch im Jahre 1896 hat das Abgeordnetenhaus die österreichische Regierung in einer Resolution ersucht, die Lehrlingsheime als „eine wirklich erziehliche, segensreiche Einrichtung" durch Unterstützungen jeder Art zu fördern.