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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-04-01 · 13 (1.4.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
13 (1.4.1898)
Date
1898-04-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Klette 242 Vr. Vwch » Wochenschrift. Nr. 13 .'begründet wurde. Das blöde Borurtheil ist gründlich abgeführt, daß die Propheten nur an ihr Volk gedacht hätten; es wird -also in der Anerkennung unseres Universalismus endlich das Zugeständniß gemacht, daß sie die Idee der Menschheit erdacht haben und keine Vergöttlichung der Menschen, sondern allein die Gotteserkenntniß und die Menschenliebe kennen. Unser Judenthum beruht auf der Weltidee des Messias. In der messianischenJdeederWeltgeschichte wurzelt unser Wandel und unser Be st and unter den Völkern. Als eine directe Verkennung der Messiasidee muß ich die moderne Bewegung des Z i 0 n i s m u s zur Sprache bringen. „Mein Herz für Moab", sagt der Prophet. Wie sollten wir nicht um unsere Glaubensbrüder im Osten trauern und um uns selbst und um den Westen? Bange Sorge ist wieder heraufgezogen. Aber von der Linie unserer weltgeschichtlichen Laufbahn wollen wir uns nicht abdrängen lassen durch kein Martyrium selbst, das uns bedroht. Unser Beruf als Israeliten geht nicht auf in unserer jeweiligen politischen Nothlage. Unseren messianischen Beruf als das Volk der Weltgeschichte geben wir nicht auf, um in einem Colonialstaate zu versanden. W ir glauben an denBeruf, zerstreut zusein unter den Völkern, bis das „E i n st" sich e r f ü l l e n w i r d, das uns der Universalismus unserer Propheten verheißen hat. (Stürmischer Beifall.) Als dritte Idee nenne ich die Idee des S a b b a t h. Sie bildet die Ergänzung zur Idee der Menschheit. In dem Kampfe der Stände innerhalb desselben Volkes, bei dem Conflicte zwischen Mensch und Mensch angesichts der socialen Differenz von Arm und Reich entdeckten die Propheten den Begriff des Menschen im Begriff des Räch st en, und im Zusammenhänge der socialen Gesetzgebung entstand das Gebot der Nächstenliebe. Der umfassende Ausdruck dieser Gesetzgebung und ihr ethischer Ausdruck der Nächstenliebe ist die socialpolitische Idee des Sabbat h. Die Nächstenliebe bedeutet: Es soll kein Unterschied sein unter den Menschen, der den Begriff des Menschen in Frage stellt. „Jeder Andere ist wie Du selbst"; der sociale Gegensatz mtt seinen Unterschieden sei aber für die Segnungen der Culttir förderlich und nothwendig. An der Arbeit, dem Mittel und dem Schlachtfelde der Cultur bringt daher unsere Religion den Begriff der Nächstenliebe zur lebendigen Anwendung. Der Grund der Einsetzung des Sabbaths ist im 5. Buche mit der politischen Pointe bezeichnet: „Auf daß Dein Knecht und Deine Magd ruhe gleich wie Du, darum hat Dir der Ewige geboten, den Sabbathtag einzurichten." Während im Gebot der Nächstenliebe nur allgemein der „Ander e" genannt wird und allenfalls noch zur deutlicheren Instruction der Fremdling austritt, tritt hier der eigentliche Anstoß des socialen Fortschrittes auf, der A r b e i t e r, der S c l a v e. Der von Religions- und Staatswegen einen Tag in jeder Woche ruhende Sclave ist ein Widerspruch in sich selbst, der allein entstehen und behoben werden kann durch die aller antiken Cultur widerstrebende Ansicht, daß der Sclave Mensch sei, Person und nicht Sache. Die revolutionäre Lehre wird verkündet unter dem aggressiven Begriffe der G l eich h eit. Er soll die Rechte der Ruhe erlangen, wie Du selbst sie hast. Das Ruhen in der Arbeit soll ihn Dir gleichmachen; die Sabbatfhruhe macht den Arbeiter zumMenschen. (Allseitiger Beifall.) Deutlich ist an dieser dritten Idee des Judenthums ihr Einfluß auf die moderne Cultur zu bemerken. In der neuesten Zeit hat man sogar politisches Capital für das Ansehen und den Nutzen anderer Religionen daraus geschlagen. Und wenn wir nicht unmittelbar darunter litten, könnte man sich an diesem crassen Beispiel weltgeschichtlichen Humors belustigen, daß diese eigenste Idee, diese Culturerfindung des Judenthums in neuester Zeit als „praktisches Christenthum" bezeichnet (Heiterkeit) und der Sabbath und die ganze Socialgesetzgebung des Pentateuchs als Erzeugung des Christenthums erklärt wird, — eine Verletzung des literarischen Eigenthums, die vielleicht anderweitig dadurch entsühnt wird, daß die geistigen Urheber des Socialismus Juden sind. (Beifall.) Uebrigens, wie die Römer glaubten, die Juden, die unter ihnen wohnten, fasten am Samstag, so versteht man den Sabbath noch lange nicht, wie man ihn jetzt begeht und wie seine Feier von allen christlichen Parteien gefordert wird. Unsere Sabbathfeier ist in demselben Zusammenhang geblieben, wie sie entstanden war. Das ist der Zusammenhang der socialen Frage mit den Fundamenten der Religion. Dieser Zusammenhang aber besteht in dem Verhältnisse der Glaubens-Gem e i n d e zur Thor ci. Freilich ist die Thora nur Religionslehre; aber in ihrer voluminösen Verfassung ist sie zur staatlichen Wissenschaft geworden, deren Studium die Geisteskraft eines Menschen voll in Anspruch nimmt. So ist die Thora zwar nur Religionswissenschaft, aber Wissenschaft, und diese Wissenschaft der Thora war das Gemeingut der jüdischen Gemeinde, die Hauptquelle der Wissenschaft des Judenthums, die immerhin auch viel Jurisprudenz und anderseits nicht wenig Poesie enthält. Niemals, auch in den finstersten Zeiten nicht, hat man sich innerhalb des Judenthums dafür interessirt, geschweige denn Aufsehens davon gemacht, daß das arme Volk zu ni in de st den Katechismus lerne. Analphabeten hat es bei uns nur ausnahmsweise aus individuellen Motiven gegeben, Analphabeten nicht nur zum Beten, sondern auch, wie der charakteristische Ausdruck lautet, zum „Lernen". Und wie der Reiche keinen höheren Ruhm kannte und erstrebte, als den des „Sohnes der Thora", so wußte das Judenthum stets die Kräfte zu schätzen, die aus der Armuth für die Wissenschaft abgeleitet werden können. „Sorgt für die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Thora aus." So richtig taxirte man die Urkraft der niederen Stände. Man wunderte sich gewöhnlich, daß die Juden, als sie kaum angefangen hatten, die neueren europäischen Sprachen zu sprechen und zu lesen, darin zu schreiben verstanden. Man meinte, daß sie vom Handel hergekommen seien, weiß aber nicht, daß sie mit dem all er niedrigsten Kleinhandel in geradezu wunderbarer Vereinigung die Pflege der Wissenschaft verbanden. So wunderte man sich auch darüber, daß es unter uns kein Proletariat gibt, und der Volkshaß zieht daraus die angenehme Folgerung, daß alle Juden reich seien. Was unterscheidet das Proletariat von der Armuth? Die Antheilnahme an der Cultur macht den Unterschied. Der arme Jude war nicht social von der Wissenschaft geschieden, darum konnte er nicht zum Proletarier werden. Ohne Gleichheit des Antheiles an der Cultur keine Gleichheit der Menschen. (Lebhafter Beifall.) .. . Diese drei bisher erörterten Ideen, in der Thora zusammengefaßt, dürfen deshalb als besonders charakteristisch für das Judenthum betrachtet werden, weil sie die durchaus eigenen Erzeugnisse des jüdischen Geistes sind. Es gibt außerordentlich wenige so wahrhaft originale Ideen in der ganzen Literatur- und Culturgeschichte. Ich wüßte keine anderen zu nennen, die so gänzlich, so innerlich aus dem Geiste einer nationalen Literatur erzeugt wurden und so deutlich ohne Analogie in den übrigen Culturen sind. Die Unmittelbarkeit zwischen Gott und Menschen, wie sie der einzige, übersinnliche Gott vertritt, war und ist nur im Judenthum vorhanden; der Mittler zwischen Gott und Menschen, ist des Menschen Vernunft, sagt Maimouides. Die Idee der Zukunft als des goldenen Zeitalters, in dem die Schwerter der Völker zu Winzermessern umgeschmiedet werden, diese Idee der Einheit des Menschengeschlechtes am Sabbath des messianischen Zeitalters ist wiederum nur und allein in aller Culturgeschichte von den Propheten entdeckt worden und endlich ist sogar nicht nur eine Idee, sondern auch eine wirthschaftliche Einrichtung, die des wöchentlichen Ruhetages, allein und ausschließlich das Erzeugniß der jüdischen Religion. Auf diesen Ideen beruht unsere Religion, in ihnen beruht der Werth unserer Religion als Weltanschauung. (Lebhafte Zustimmung.) Meine Verehrten! Ein Gedanke, den ich Ihnen nahelegen möchte, ist der, daß unsere Stellungnahme unserer Lage gegenüber vornehmlich, hauptsächlich in der e n t h u s i a st i s ch e n Hochhaltung unserer Religion liegt (Beifall) und demgemäß in dem lebendigsten und thatkräftigsten Eifer für unsere Religionswissenschaft bestehen muß. Darein müssen wir unsere persönliche Ehre setzen und alle Lebensfreude, wie aller Idealismus bürgerlichen Strebens darin wurzeln muß. In der That werden wir nicht anders von den Andersgläubigen beurtheilt, als wie wir uns selbst zu unserer Religion verhalten. (Beifall.) Die Juden täuschen sich leicht darüber im oberflächlichen Verkehr mit Christen. Es ist nicht allein das sittlich Natürlich st e und das Würdig st e, es ist wahrlich auch das Klügste, wenn wir so handeln. Wir wissen und wollen hierbei allzeit gerne und dankbar ' anerkennen, daß wir nicht nur unter deni allgemeinen, geschicht-

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