Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 8 (25.2.1898)
- Date
- 1898-02-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nc. 8 Vr. Blocht» WochrnPhrM Seite 147 .Freuden der Stunde, wenn er sie erreichen k a n n, n i ch t a u f g e b e n für u*n gewisse Hoffnungen der Z u k u n f t." „So sprach ein katholischer Priester vor hundert Jahren", — schloß der Vortragende seine Ausführungen. — „Im Zeichen des Hasses und der Zwietracht scheidet unser Jahrhundert der Humanität. Die Thore des kommenden Jahrhunderts sind nicht mit den Palmen der Menschlichkeit, sondern mit den Dornen des Hasses umrankt, und ein Z o l a wandert aus die Anklagebank. Möge mit unserem Jahrhunderte selbst der Haß und die Zwietracht schwinden, die seinen „Schandfleck" bilden." Das zahlreich anwesende distinguirte Publicum, Herren und Damen der besten jüdischen und nichtjüdischen Kreise Wiens, darunter Herr Oberrabbiner Dr. M. G ü d e m a n n, der Orientreisende Dr. Eduard Glaser, Seminardirector Dr. Schwarz, Prof. Dr. B ü ch l e r, Secretär Herr Horner, die Rabbiner Dr. G e l b h a u s, Dr. Taglicht, Schor und L ö w y, Cultusvorsteher Architekt Fleischer, Consul A. Marek, Director L a n g b a n k, Ortsschulrath Heit, die Obercantoren Singer und Baue r, Unionsvorstand Dr. Meitner, die Advocaten Brüder Dr. Bruch u. v. A. dankten dem ausgezeichneten Redner mit rauschendem Beifalle. Ein großer Theil der Anerkennung, die allgemein laut wurde, fiel auch dem „Politischen Volksvereine" zu, und in erster Linie dem überaus verdienstvoll wirkenden Präsidenten, Herrn Dr. Hermann Fialla, dessen kräftiger und zielbewußter Initiative wir im vorigen Jahre die glänzenden L a z a r u s-Abende und nunmehr wieder einen interessanten Vortrags-Cyclus zu verdanken haben, welcher mit dem eben geschilderten Abende vielversprechend eröffnet wurde. Das Jahrbuch der israelitischen ungari sch en Literaturgesell schalt. (Evkönyv. Kiadja az izr. magyar irodalmi tärsulat Budapest 1898.) Die gewöhnlich vor Neujahr erscheinenden Editionen unserer seit 1894 bestehenden israelitischen Literaturgesellschaft verließen hener um einige Wochen später die Presse. Die Spannung, mit welcher diese neuen Triebe unserer Literatur erwartet wurden, war daher eine merklich gesteigerte. Gegenwärtig sind sie, besonders aber die von Jahr zu Jahr sich einen immer größeren Leserkreis erwerbenden Jahrbücher, für Tausende von ungarischen Juden geradezu ein unentbehrlicher geistiger Genuß geworden. Wie auch natürlich, nachdem der stets in literarischer Formvollendung gekleidete Inhalt derselben das in dem Herzen so vieler Glaubensgenossen noch vorhandene confessionelle Interesse neu zu beleben weiß. Und dies ist das große Verdienst der beiden Redacteure: Dr. Wilhelm Bacher und Dr. Josef Banöczi. Das harmonische Zusammenwirken dieser unserer Koryphäen kommt in diesem Werke, welches eine werthvolle Bereicherung unserer heimischen Literatur ist, zum classischen Ausdruck. Da diese Blätter die von der israelitischen ungarischen Literaturgesellschaft heuer herausgegebene Pentateuchübersetzung schon in Nr. 5 vorgeführt haben, so bleibt nur noch die Mittheilung über das gleichzeitige Jahrbuch übrig, über dessen Inhalt ich hiermit referiren will. Unter den Verfassern der durchwegs interessanten Beiträge finden wir viele, schon oft bewährte Mitarbeiter, die aus dem unerschöpflichen Born ihres Wissens und Forschens sehr lehrreiche Arbeiten liefern. Andere sind wieder junge Kräfte, wenn auch sonst keine Neulinge mehr auf national-literarischem Gebiete. Der einleitende Aufsatz: „Jüdische Tempel in Europa" rührt aus der Feder unseres im Architekturfache anerkannten Kunstkritikers Professor Leopold P a l ö c z y her, der in skizzenhafter Schilderung fast sämmtliche bedeutenden Synagogen Europas vorführt. Die vergleichende Zusammenstellung jüdischer Tempelbauten ist zur Zeit, wo die Pester israelitische Religionsgemeinde daran geht, wieder einen ihrer und der Hauptstadt würdigen Tempel zu bauen, von besonderer Aktualität. Aus den interessanten Schilderungen heben wir folgende Thatsachen hervor: Die Berliner „Neue Synagoge" in der Oranienburgerstraße, bekanntlich einer der prächtigsten und größten jüdischen Tempel, ist der Stolz nicht blos der dortigeu Juden, sondern war auch ein Lieblingsgegenstand des edlen und freisinnigen Kaisers Friedrich, welcher als Kronprinz — wie aus seinen jüngst veröffentlichten Aufzeichnungen ersichtlich ist — die Berliner Hanptsynagoge ungefähr 14 Male fremden, am Berliner Hofe zu Gaste weilenden Fürsten persönlich zeigte. Ein anderes nicht minder merkwürdiges Moment auf dem Gebiete der jüdischen Synagogengeschichte ist die Thatsache, daß das berühmte colossale Turiner Nationalmuseum, die sogenannte Mole Antonelliana ursprünglich als jüdischer Tempel gebaut wurde, und zwar in solchen Dimensionen — die Kuppel hat eine Höhe von 95 Metex, der Thurm von 160 Meter — daß die Leistungsfähigkeit der kleinen Turiner jüdischen Gemeinde nicht den Kosten entsprach, weshalb der schon fast fertige Bau von der Stadt übernommen und zu erwähntem Zwecke umgestaltet wurde. In der darauffolgenden Abhandlung würdigt Professor Tocior Wilhelm Bacher in einer lichtvollen Darstellung den Werth der epochalen Entdeckung des hebräischen Sirach-Textes und stellt schließlich die vollständige Ergänzung dieser alten hebräischen Textfragmente in baldige Aussicht, da Salomon S ch e ch t e r, der erste Entdecker der Handschrift unter den im letzten Sommer der Kahiraer Genisa entnommenen literarischen Schätzen auch viele andere, bisher noch unbekannte Sirachblätter aufgefunden hat. Ans diese populärwiffenschaftliche Abhandlung folgt ein schönes balladenartiges Gedicht von unserem hervorragenden Belletristen Anton R a d <3, der unter dem Titel: „Der Feigenbaum" die ergreifende Sage über Salomon Gabirols Tod in meisterhafte poetische Form kleidete. Die nachstehende Abhandlung von unserem Landsmanne Rabbiner Dr. G. Klein (Stockholm) ist eine philosophische Studie über Moral und Religion, worin der Verfasser zu der richtigen Conclusion gelangt, daß Gott die ideelle Grundlage jeder Moral ist, insbesondere aber derjenigen, welche von unseren Propheten so begeistert und nachdrücklichst gepredigt wurde, und daß es weder einer anderen Religion, noch irgend einem moraldidaktlschen Systeme gelungen sei, auf die Lebensweise der Völker so entscheidend einzuwirken, wie der jüdischen Religion und dem aus dem Judenthum hervorgegangenen Ehristenthume, was am competentesten Jesus selbst bestätigte, der das Wesen der Religion in folgenden Worten zusammenfaßt: (Marc. 22. 28.) „Das Erste ist: Höre Israel, der E w i g e u ns e r Gott i st ein einziger Gott. Und Du s o l l st den Ewigen Deinen Gott lieben mit Deinem ganzen Herzen, niitDeiner ganzen Seele und mit Deinem ganze n V e r m ö g e n." Das Zweite ist: „Liebe Deinen N ä ch st e n, wie Dich selb st." In welch' grellem Gegensätze steht doch zu diesen Lehren des Stifters der christlichen Religion das Leben und Streben so Vieler seiner Gläubigen l — An diese moral-religiöse Abhandlung reiht sich die schöne Charakteristik unseres als Ethiker und Pädagoge berühmten Glaubensgenossen Universitätsprofeffors Dr. Moriz K ä r nt a n, der im Monate Mai v. I., als das von ihm in's Leben gerufene Muster- und Uebungsghmnasium des Professoren-Seminars sein 25jähriges Jubiläum feierte, Mittelpunkt zahlreicher Ovationen war. Der Artikel rührt aus der Feder des Präparandie-Professors Wilhelm R a d ü her, der auf dem Gebiete des Volksschulwesens ein begeisterter Apostel des pädagogischen Systems Karmans ist. Aladar S a j 6 führt uns in kurzen markanten Zügen die tragische Geschichte eines jüdischen Hauptmannes vor, der dem Seelenkampfe zwischen der Ambition nach Carriere und der Pietät für seinen angestammten Glauben erliegend zum Selbstmörder wird. Ein Abschluß, welcher der echtjüdischen, an's Dulden gewöhnten Lebensauffassung psychologisch unerklärlich bleibt. Ein viel freundlicheres Bild, wenn auch voll Schwärmerei führt uns Rabbiner Dr. M. K a y s e r l i n g in der Gestalt des zu Beginn dieses Jahrhunderts in Newhork lebenden Mordechai Noa vor, der als jüdischer Staatengründer ein Vorläufer unserer zionistischen Bewegung war. Dr. Josef B a l a s s a, ein hervorragender Philologe, lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf die interessante Merkwürdigkeit, daß sich unter den ungarischen Juden in Folge ihrer außerordentlich raschen Magyarisirung kein ungarisch-jüdischer Dialect heraus bilden konnte. Rabbiner Dr. Alexander B ü ch l e r berichtet über die Tracht der magyarischen Juden unter Josef II. Rabbiner Dr. Alexander Rosenberg (Arad) behandelt die Frage der jüdischen Proielytenaufnahme, welche bekanntlich vom Prophetismus wie vom Rabbinismus perhorrescirt wird. Als treffliches kurzes Entremets zwischen den schwerwiegenden gelehrten Essays repräsentirt sich hernach ein stimmungsvolles Gedicht von Bela R o n a i über die salle judaique im Pariser Louvre. Sehr interessant ist die darauffolgende Revue über die lange Reihe jener alten ungarischen Grammatiker und Philologen, die alle mit Hilfe großer linguistischer Apparate Nachweisen wollten, daß die ungarische Sprache mit der hebräischen in nächster Verwandtschaft stehe, worüber unsere modernen Sprachenforscher selbstverständlich nur ein mitleidiges Lächeln haben. .Professor Johann Waldapfel bringt eine Skizze aus der Geschichte des israelitischen Landes-Lehrerseminars, das in der Person seines illustren Directors Dr. Josef B a n o c z i seinen berufenen Historiker fand. Das Werk erschien anläßlich der im vorigen Herbst stattgefundenen Jubiläumsfeier dieser Anstalt. Was das Jahrbuch hierauf bietet, ist eigentlich dessen belletristische Piece de resistance: ein Jeschibabild von Rabbiner Ludwig Seltmann (Hodmezö-Vasarhely), dem getreuen alljährlichen Mitarbeiter, dessen vortreffliche naturwahre Lebensbilder voll psychologischer Feinheit und köstlichem Humor literarische Cabinetsstücke sind; zumal aber sein diesjähriges Jeschibabild, das als bestes in diesem Genre in alle Sprachen übersetzt zu werden verdient.