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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-02-25 · 8 (25.2.1898) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
8 (25.2.1898)
Date
1898-02-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 Vr Vwltz » VochrnfchrM Seite 145 diger ist hier, welcher der durch frevelhafte Mörderhand um's Leben Gekommenen einen letzten Nachruf halten würde. Es sind ja arme Leute, die sich das nicht leisten können." Nach alter jüdischer Sitte wurden die Erschlagenen, die durch Mörderhand dem Leben Entrissenen stets als Heilige betrachtet und die Kinder solcher Unglücklicher wurden als Kinder von Heiligen zur Thora aufgerufen. Wie kommt es nun, daß die Cultusgemeinde, respective die „Chewra-Kadischa", nicht für ein würdiges Leichenbegängniß der armen Wlcsek Sorge getragen hat und daß nicht ein Prediger entsendet wurde, um dem schwergebeugten Gatten und den übrigen Hinterbliebenen den Trost des Gotteswortes in's Herz zu senken? Wenn in einer gewissen Gesellschaft der Mensch erst beim Baron anfängt, so muß man doch hier fragen, ob der demokratische Charakter des Judenthums schon so weit verloren gegangen ist, daß für die Repräsentanz desselben der Jude erst bei einer bestimmten Steuerleistung anfängt? Ein anderer Fall! Vor Monaten wurde hier ein hoher jüdischer Officier mit allen militärischen Ehren begraben. Aber die Angehörigen waren zu arm, um dem tapferen Soldaten, der nicht nur den Rock des Kaisers, sondern auch den Namen eines Juden in Ehren getragen, durch einen Prediger einen Nachruf halten zu lassen. Nur die Gewehrsalven kiindeten von seinen militärischen Tugenden, seine edlen menschlichen Eigenschaften blieben unerwähnt. Ist das nicht eine Entwürdigung unser selbst? Warum bestellt die Cultusgemeinde nicht einen Prediger, der tu solchen Fällen zu interveniren bätte, da man ja den vielbeschäftigten Rabbinern nicht auch noch solche außerordentliche Functionen znweisen kann? Hat der Arme, der sein Leben in harter, aufopfernder Arbeit, in treuer Erfüllung seiner Pflichten gegen die Familie und den Staat verbracht hat, ein geringeres Anrecht auf die Achtung der Nachlebenden, als der Reiche, dem die Erfüllung dieser Pflichten um so Vieles leichter füllt? Ich hoffe, daß man auf diese Frage eine Antwort ertheilen wird. Achtungsvoll Einer, der sein Judenthum nicht in der Brieftasche trägt. - Jüdische Aerztinnen. Unsere ün äe sieele-Generation bildet sich nicht wenig darauf ein, daß sie unter dem Drucke unerträglicher socialer Verhältnisse endlich auch die Lösung der Franensrage in Angriff genommen und durch die Zulassung der Frauen zum Universitätsstudinm die geistige Gleichwerthigkeit des weiblichen Geschlechtes anerkannt hat. Aber wie in allen socialen Fragen, so war das Judenthum auch auf diesem Gebiete bahnbrechend. Die sittliche Werthschätzung der Frau, welche einen der charakteristischesten Grundzüge der jüdischen Cultur bildet, brachte es mit sich, daß frühzeitig auch schon die Frauen an dem jüdischen Geistesleben theilnahmen. Man weiß, welche ruhmvolle Entwicklung dieses Geistesleben im Mittelalter namentlich auf dem Gebiete der medicinischen Wissenschaften nahm. Die jüdischen Aerzte waren gesucht und geschätzt an allen Fürstenhöfen und selbst von den Trägern der Tiara. Es gab aber zu jener Zeit auch schon zahlreiche jüdische Aerztinnen. Einer solchen wird in Mainz schoit im Jahre 1288 und in Frankfurt im Jahre 1393 gedacht. Der Ersteren wurde vorgeschriebeu, daß sie zur Ausübung ihres Berufes Bürgerin werden müsse, der Letzteren, daß sie die Judensteuer zu entrichten habe. Auch in den Jahren 1423, 1427, 1428, 1431, 1436 und 1446 werden in den verschiedenen deutschen Stadtchrontken jüdische Aerztinnen, namentlich Augenärztinneu erwähnt, und um 1450 wurde eine solche nebst einer anderen Frau wegen der von ihr verfaßten Schrift: „Asterochs Buch" ins Gefängniß gelegt. Der Steinfund in der Leopoldstadt. Bei den Erdaushebungen zur Gasröhrenlegung in der Krummbaumgaffe wurde ein länglicher Stein in der Form der ehemaligen Meilensteine gefunden, der nach näherer fachmännischer Untersuchung folgende Inschriften enthält. Die erste Zeile stellt ein Gemeinde-, 'Kloster- oder Wappenzeichen dar, bestehend aus einem Kreise mit einem Kreuz in der Mitte. Im oberen Theile des Kreuzes steht die Zahl 1656. Die zweite Zeile enthält in angemessener Entfernung die hebräischen Buchstaben: t.r. 8.1. f. k., eine Abbreviatur für die Worte „416 nach der kleinen Zahl", i. e 5416 nach der Weltschöpfung --- 1656 n. Chr. Unter diesen Worten befindet sich die Zeichnung des Jnsiegels der ehemaligen Judenstadt der Leopoldstadt in Wien, zwei sich schneidende Dreiecke mit einem Kreise in der Mitte, das bekannte „Davidschild". Danach ist der Stein nicht als Grabstein, sondern als Grenzstein zwischen dem ehemaligen Judenghetto (1625 bis 1670) im unteren Werd und dem Anrainer Carmeliterkloster oder Wiener Commune verwendet worden. Die Juden von Wien wohnten früher in mehreren Häusern der Inneren Stadt. Unter Ferdinand II. wurde ihnen das untere Werd (Leopoldstadt) angewiesen. In der Stadt hatten sie ihre Gewölbe, im unteren Werd ihre Wohnhäuser und ihre eigene Verwaltung. Sie führten ihr eigenes Grundbuch, und waren als kaiserliches Cameralgut nur dem Landesfürsten, dem landmarschallischen Gerichtsstände oder dem Judenrichter subordinirt. Der Judenfriedhvf war nicht im unteren Werd (Leopold stadt), sondern im oberen Werd (Roßau), und ein Rest dieses großen Leichenfeldes befindet sich heute noch im Garten des jüdischen Versorgungshauses in der Seegasse. Ueberhaupt sind nur drei jüdische Friedhöfe in Wien historisch bekannt: 1. Der Judenfriedhof bei der Kärntnerstraße, circa von 1100 bis 1400; 2. der Judenfriedhof im oberen Werd (Roßau), circa 1400 bis 1670 und 1680 bis 1780 und 3. der Judenfriedhof am heutigen Währingergürtel vom Jahre 1700 bis 1880. Gegenwärtig befindet sich der intereffante Grenzstein im Depot des magistratischen Bezirksamtes Leopoldstadt, Kleine Sperlgasse 10. Der Urteutone und der Herr aus Kattowitz. Zu einem Feste des Breslauer Bajuvarenvereines, so wird dem „Simplicissimus" geschrieben, war auch unter anderen Gästen ein Professor der dortigen Universität geladen. Der Professor, ein lebendiger Gegner des todten Heinrich Heine, ist ein Dentschthümler und behauptet, direct von „Teut und Schinderhannes" abzustammen. Kaum in den Baiernclub eingetreten, springt er auf einen bereitstehenden Katheder und hält eine zündende Rede, in welcher er von teutscher Art und teutscher Sitte, von teutschen Frau'n und teutschem Wein, von teutscher Kraft und Herrlichkeit begeistert schwärmt. Da, in diesem Augenblick thut sich die Saalthür auf und herein tritt ein Mann von herkulischem Wuchs. Ein blonder Vollbart umrahmt das Gambrinushaupt, das sich bücken muß, um nicht an das Thürgefims anzustoßen. Der Profeffor sieht's, unterbricht seine Rede und pathetisch ruft er aus: „Sehen Sie, meine Herren, der hier ist in meinen Augen die Verkörperung des germanischen Schönheitsideals! Schauen Sie nur die markige, wuchtige Bajuvarengestalt!" In höchster Emphase springt er vom Katheder, umarmt den Fremdling und küßt ihn auf beide Wangen. Dann, wieder Weltmann vom Scheitel bis zur Sohle, läßt er ihn los und stellt sich vor: „Geheimrath X. I." Und tief, tief neigt sich auch der Fremde: „Rechtsanwalt Loewy aus Kattowitz." Eine vornehme Berichtigung. Das „Deutsche Bolks-Lügenblatt" brachte in der Nummer vom vorletzten Sonntag einen Bericht über den kaufmännischen Ball, wo von jüdischer Zutraulichkeit gesprochen wird und worin erzählt wird, daß die anwesende hohe Persönlichkeit den Vicepräsidenten, der die Kühnheit hatte, seine Braut vorzustellen, ignorirte rc.rc. Bemerkt sei, daß die Braut des Ballcomite-Obmannes P o l l a z e k, der sich große Verdienste um den Ball erworben und dessen Braut im Fräuleincomite wirkte, nicht von ihm, sondern vom Vicepräsidenten Popper vom kaufmännischen Vereine, durch den alle Vorstellungen an Se. kaiserliche Hoheit erfolgten, vorgestellt wurde und daß der Erzherzog die Braut sehr liebenswürdig begrüßte. — Tableau. Herr Pollaz ek erhielt nächsten Tag einen sehr liebenswürdigen Brief des Oberhofmeisters FML. Baron Wimpffen, der im Auftrag Sr. kaiserlichen Hoheit Erzherzog Ludwig Victor als Ennnerung alt den Verlobungstag ein kostbares goldenes Service übersandte. — Christlich-socialer Gemeinheit stellte sich fürstliche Vornehmheit entgegen. Commentar überflüffig.

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