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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-02-18 · 7 (18.2.1898) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
7 (18.2.1898)
Date
1898-02-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 7 Jahrgang XV. Dr. Bloch’s Cenkralorgsm für die gefammten Interessen des -- — ■—^- Wien, 18. Februar 1898. ->)»« -^4- «-«<-- Erscheint jeden Freitag. - >-« ■> « - Brief-Adresse: Wien, L, Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Blocht Wochenschrift Wien. S. ft. PostsparKasten-Zilmt CiearingverKrtzr Nr. 610.976. LrLartion und Rdmtnistration: Wien > i Anter» Augartrnstr. 1». j Tale phon - Nr. 6535. » -* Iudenthums. MC— ■ —-=■« Srprgnvrrt» für Oesterreich: j! Halbjährig 4 fl. -- S Ar. j Einzelexemplare 26 ft. J Jür’a Aunland: j halbjährig 6 fl. — 10 Ar. i ganzjährig 10 „ so „ j >nzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr.! U.- - =m Inhalt. Leitartikel: Die Dreyfus - Tragödie. — Eine Lücke unserer Armenkinder - Erziehung. — Die Einwanderung der Juden nach Polen. — Heine über seine Taufe. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Städtische Galeriestudien. Beiträge zur antisemitischen Sittlichkeit. Das Bekenntniß eines katholischen Theologieprofessors. Was das ungarische Judenthum in den letzten Wochen bewegt hat. Jüdische Arbeiter. Vom Reichthum der Juden. —“(5 orres pondenzen: Wien, Brünn, Prag, Krakau, Kolm, Carlsbad, Pilsen, Rokitzan, Czernowitz, Berlin, Breslau, Rom, Paris, St. Petersburg, Moskau, Jerusalem, New-Uork, Bombay — Vermischtes: Wien, Budapest, Mähr.-Weißkirchen, Nikolsburg, Waidhofen a. d. Taya, London, Tanger, Trinidad. — Feuilleton: Spätes Glück. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die Dreyfus-Tvagüdir. Seit zwölf Tagen folgt die ganze gebildete Welt mit athemlofer Spannung dem grandiosen Schauspiele, welches sich vor dem Pariser Schwurgerichte abspielt. Ein französischer Officier ist vor vier Jahren vom Kriegsgerichte in geheimer Verhandlung wegen Landesverrates verurtheilt worden. Eine gewöhnliche Sache, denn die Auslieferung militärischer Aktenstücke an fremde Mächte ist eines jener dunklen Gewerbe, die auch in anderen Staaten — allerdings ohne behördliche Concession — betrieben wird. Der zu lebenslänglicher Deportation Verurtheilte ist auf eine einsame Insel im Weltmeere gebracht worden und ist seither lebendig begraben. Seinen Ruf in die Ferne verschlingt das Heulen des Sturmes und das Brausen der Wellen. Er ist abgeschieden von dieser Welt, kein menschlicher Laut dringt an sein Ohr, die Betheuerungen seiner Unschuld vernehmen nur die Felsenriffe, die sie höhnend widerhallen. Dieser Dreyfus ist gründlich besorgt und aufgehoben! Und dennoch ist seine Angelegenheit zu einem Ereignisse geworden, welches nicht nur das ganze französische Volk in seinen Tiefen aufrüttelt und die politischen Leidenschaften wie ein sturmgepeitschtes Meer aufwallen läßt, sondern für welche sich auch in ganz Europa alle politischen Parteien in der heftigsten Weise erhitzen. Ein Mann hat sich erhoben, dessen Name zu den Unsterblichen gerechnet wird, der Frankreichs Ruhm mit der Waffe des Geistes wiederhergestellt hat, nachdem die Männer des Schwertes ihn vernichtet hatten. Noch vor wenigen Monaten jauchzte das französische Volk seinem Emile Zola wie einem Abgotte zu, und heute heulen die Massen, so oft sie seiner ansichtig werden, mit wilder Wuth: „Nieder mit Zola! Werft ihn in*s Wasser!" Und während ihm seine Landsleute an's Leben wollen, wetteifern die Gebildeten aller Völker des Erdballs in Beweisen ihrer schwärmerischen Bewunderung für den Muth und die Aufopferung dieses Mannes. Was ist geschehen? Wie vermochte eine an sich so geringfügige Affaire, wie die kriegsrechtliche Verurtheilung eines angeblichen Landesverräthers, das innerste Wesen eines ganzen Volkes in solchem Maße zu verändern, die Grundlagen eines mächttgen Staatswesens zu erschüttern und den ganzen Erdkreis in Aufruhr zu bringen? Oh, eine Kleinigkeit! Es ist zutage gekommen, daß seine Verurtheilung nicht das Erg ebniß einer sorgfältigen Prüfung der ihm zugeschriebenen Thathandlung, sondern der vorausbestimmte Effect eines in seiner teuflischen Kühnheit beispiellosen politischen Complottes war. Es ist zutage gekommen, daß zum Zwecke seiner Verurtheilung das Recht, dieses unantastbare Palladium eines fteien Volkes, mißhandelt und geschändet wurde, daß man in Alfred Dreyfus nicht den V e r r ä t h e r, sondern den Juden treffen wollte. Den Juden? Warum? Um auf diese Frage zu antworten, muß man zurückgehen auf den Charakter und die Geschichte des französischen Volkes. In der Seele dieses Volkes lebt ein unstillbarer Durst nach Freiheit. Aber mit diesem herrlichen Triebe, welcher die Franzosen zu den bewunderungswürdigen Bannerträgern der Aufklärung und des Fortschrittes, zu den Verkündern der Menschenrechte gemacht hat, verbindet sich eine Reihe nationaler Eigenschaften, welche Frankreich wiederholt in das schwerste Unglück gestülpt haben. Dieses leichtbewegliche, feurige Volk ist stolz, eitel und ruhmsüchtig und berauscht sich gerne an der Phrase. Das hatte schon jenes Häuflein von Jakobinern erkannt, welches die edlen Regungen der großen Revolution zur Aufrichtung einer beispiellosen Gewalt- und Schreckensherrschaft mißbrauchte. Immer wieder ist die Freiheit verloren gegangen, well schlaue, machtbegierige Männer mit einer einzigen Phrase der nationalen Eitelkeit zu schmeicheln verstanden. Der falsche Glanz der militärischen „Gloire" ließ die Franzosen unter dem ersten Napoleon die Schmach der Despotie vergessen und unter dem zweiten Napoleon ertrugen sie geduldig den Druck des „persönlichen Regimes", weil man'ihnen vorspiegelte, daß das „Prestige" Frankreichs die ganze Welt überstrahle. Nach der furchtbaren Lehre des deutsch-französischen Krieges schien die Freiheit t>er dritten Republik aüf festen Stützen gegründet. Aber die clericale und monarchische Jntrigue fand ein neues Schlagwort, um die Freiheit zu unterwühlen — das Schlagwort der „Revanche". Zweimal haben die Feinde der Frei-

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