Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 82 Vr. Vloch's Wochrnschrifl Nr 5 Feinde Gottes, die ungläubigen Juden, die das arme Christenvolk ausbeuten?" Womit würde man die Verarmung und Verlotterung — Folgen des Müßiggangs und der Genußsucht — entschuldigen ■. können, wenn man nicht für Alles die jüdische Concurrenz ver- ' ^.antwortlich machen könnte? ' " So sind es also nicht die Juden, welche die „Arier" aus- ' -Leuten, sondern die Antisemiten leben als Parasiten von den Juden. Wenn die Juden um die Rückkehr nach Jerusalem zu Gott beten, so sollten die Antisemiten noch andächtiger um ihr Verbleiben im Lande beten. Wenn sie trotzdem den Zionismus begünstigen, so ist es, weil er Zwietracht unter den Juden verursacht, weil er ihnen Argumente iür ihre Behauptung gibt, daß der Jude einer anderen Race angehört, daß sie sagen können: - „Die Juden selbst geben zu, daß sie keine Deutschen sind, keine Deutschen sein können und wollen." Und dabei geben sich die antisemitischen Skribenten den Anschein von Unparteilichkeit und Gutmüthigkeit. „Wir hassen die Juden gar nicht", sagen sie heuchlerisch, „wir gönnen ihnen alles Gute, nur mögen sie recht fern von uns fortziehen." In dem Momente aber, wo der Zionismus einen Anschein von Ausführbarkeit gewönne, würden die Antisemiten seine heftigsten Gegner werden, sie würden wie Pharao den abziehenden Juden nachjagen, um nicht ihre Prügelknaben zu verlieren; sie würden ihnen zurufen: „Bleibet im Lande und — nähren wir uns unredlich!" Vertragen sich die verschiedenen „arischen" Nationalitäten schon jetzt wie Katze und Hund, vergeht fast kein Tag, an dem man nicht von gewechselten Beschimpfungen, Verleumdungeir und Schlägereien zwischen Czechen und Deutschen, Slovenen und ' Italienern, Rumänen und Ungarn, Italienern und Croaten, Deutschen und Franzosen, Bulgaren und Serben, Griechen und Rumänen, Polen und Ruthenen u. s. w. lesen kann, so würden nach dem Verschwinden des jüdischen Prügelknaben die gegenseitigen Verbal- und Realinjurien der „Herrenvölker" noch reichlicher gewechselt werden. Das Wiener „Vaterland" hat neulich in einem Leitartikel den Beweis zu führen gesucht, wie unchristlich und materialistisch das Nationalitätsprincip sei und wie es in seiner immer weiter fortschreitenden Entwicklung unvermeidlich zum Cäsaropapismus und zur Abschaffung des Christenthums führen müsse. Dabei hat aber das fromme Blatt zu erklären vergessen, wie es komme, daß mitunter christliche Geistliche die Nationalitätenhetze auf's Eifrigste betreiben. Es ist ja richtig, daß die nationalen Gegensätze nur durch echte Humanität oder Religiosität gemildert werden können, aber für das „Vaterland" ist glaubenslose Humanität vielleicht noch schlimmer, als nationaler Chauvinismus, und wenn das fromme Blatt von Religion spricht, meint es Christenthum, wenn es von Christenthum spricht, meint es Katholicismus. Wie aber der unduldsame vaterländische Katholicismus den Völkersrieden herbeiführen könne, dazu braucht man nicht auf die Inquisition, auf den dreißigjährigen Krieg und die französischen Bürgerkriege im sechzehnten Jahrhundert zu exemplificiren, dazu genügt, aus die jetzige clericale Hetze gegen die Protestanten in Frankreich, die ja „sozusagen auch Christen sind", zu verweisen. Den Nationälitätenkampf durch den religiösen oder confeffionellen zu ersetzen, hieße so viel, als den Teufel durch Beelzebub austreiben. Und er wird nicht einmal gründlich ausgetrieben. — In derselben Nummer des „Vaterland" (vom 13. Jänner d. I.), in welcher der erwähnte Leitartikel zu lesen war, findet sich auch ein Feuilleton über Pilgerfahrten nach dem heiligen Lande im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert. Darin wird unter Anderem die langdauernde Seefahrt mit ihren Gefahren und Mühseligkeiten geschildert und erzählt, wie auf den Pilgerschiffen jeden Morgen Gottesdienst gehalten und dann der Tag mit Kartenspielen verbracht wurde. Befanden sich auf dem Schiffe Deutsche, Franzosen, Holländer, „so kam es öfters zwischen ihnen zu Reibungen", will sagen Schlägereien. Es fehlte ja der jüdische Prügelknabe. Also selbst bei diesen frommen Pilgern konnte der Katholicismus den Nationalitätsteufel nicht austreiben. Bei der Landung im heiligen Lande mußte der Regierung, die ja eine mohammedanische war, Steuer bezahlt werden und diese scheint nach dem Vermögen der Pilger bemessen worden zu sein; denn, wie das „Vaterland" erzählt, vor der Landung legten reiche Pilger, s e l b st Herzoge, Pilgerkleidung an, um der hohen Schätzung zu entgehen. Das „Vaterland" findet an dieser Steuerdefraudation nichts auszusetzen. Natürlich, es war ja eine andersgläubige Regierung, die von den frommen Pilgern beschummelt wurde. Was für einen Lärm würde aber das fromme Blatt erheben, wenn sich ein Jude ein solches Verfahren gegenüber einer christlichen Steuerbehörde erlauben würde. Und die Juden haben nicht blos alle Steuern gleich ihren christlichen Mitbürgern gezahlt, sondern vor nicht langer Zeit noch besondere Judensteuern entrichten müssen. Und noch jetzt wird von den Steuergeldern, zu denen die Juden reichlich beitragen, Vieles für rein christliche Zwecke und Nichts für jüdische vom Wiener Gemeinderath verwendet. Die Steuermoral „steht nicht auf der Tagesordnung" und der Prügeljunge wird nicht blos für Andere geprügelt, er muß auch für Andere zahlen. _ M. Eine Gespenstergeschichte. (Original-Correspondenz der „Oesterreichischen Wochenschrift".) Lemberg, 28. Jänner. Vor wenigen Tagen erklärte der große „Athener" Graf Adalbert Dzieduszycki unter dem Beifall seiner Genossen und mit jenenr Pathos, das ihm Zeit seines Lebens so wenig geglaubt wurde: daß das Gespenst des Antisemitismus in den Reihen des polnischen Volkes niemals Eingang finden dürfe, daß Geschichte und Tradition sich gegen eine solche schmachvolle Befleckung auflehuen. Wir wissen nicht, wann und wo vorher schon der edle Graf Adalbert mit'Gespenstern zu thun hatte und ob es in früheren Fällen seinem erhabenen Pathos gelungen sei, dieselben zu verscheuchen. Aber das Eine wissen wir, daß keine noch so herrliche Tirade, keine noch so großartige Berufung auf den Edelmuth und die Geschichte des polnischen Volkes im Stande ist, aus Galizien den Antisemitismus fernzuhalten, aus dem einfachen Grunde, weil wir es dabei nicht mit einem Gespenst, sondern mit der greifbarsten Wirklichkeit zu thun haben. Nackt und klar herausgesagt: Jene schmetternde Phrase des „Atheners", die wir oben wiedergegeben, ist eine große Heuchelei. Der Antisemitismus ist nicht nur bereits da, er wird sogar von der Stanczyken-Partei mit aller Macht und aller Unvernunft geschürt. Keine akademische Verwahrung, keine politische reservatio Mentalis täuscht über diese Wahrheit hinweg. Der Judenhaß wächst im Lande seit Jahr und Tag in beängstigender Weise. In Krakau, in Rzeszow, in Przemysl, in Lemberg, in Stanislau sind antisemitische Blätter entstanden, welche Land und Stadt gegen die Juden aufwühlen. In der Agitation liegt System, und dieses System muß materiell fundirt sein. Wie wäre es denn sonst möglich, daß der „Dziennik Polski", der bis vor Kurzem ein geachtetes und wohlsituirtes Organ fortschrittlicher Richtung war, durch seine Umwandlung in ein antisemitisches Hetzblatt seine ganze Existenz in die Schanze schlagen konnte? Was da geschehen ist, pfeifen die Spatzen auf den Dächern, freilich nicht jene auf denk Schloßdache des Grafen Adalbert. Man weiß, welches Odium die sogenannte „jüdische Intelligenz" durch die blinde Heerfolge, welche sie Jahrzehnte hindurch der Schlachta leistete, auf sich geladen hatte. Treu und redlich haben die Juden zwei- und dreimal sieben Jahre um die Gunst der „Herren" gedient und sich damit den blutigen Haß der bedrückten polnischen Bauern und der ruthenischen Bevölkerung zugezogen. Die Bewegung, welche Pater Stojalowski entfachte, wäre nie möglich gewesen, wenn die Bauern in der „jüdischen Intelligenz" nicht ebenso ihre Bedrücker gesehen hätten, wie in der Schlachta. Aber während die „jüdische Intelligenz" ihre Haut salvirte, verfiel die große Masse der Juden der Proletarisirung. So war es ein vulcanischer Boden, auf welchem man das Experiment mit der fünften Curie wagte, und es war nicht zu verwundern, daß dieser Vulcan Flammen spie. Im Krakauer und im Lemberger Wahlkreise, dort, wo die socialistische Agitation bereits viele Tausende jüdischer Proletarier in ihren Bann gezogen hatte, siegten die socialdemokratischen Candidaten. Die Häupter des Central-Wahlcomitäs schäumten. Und als ihr Zorn der ruhigen Ueberlegung wich, da erwogen sie Maßregeln, um das jüdische Proletariat für diesen „Abfall" zu züchtigen und gleichzeitig die socialistische Gefahr von ihren eigenen, geheiligten Scheiteln abzuwälzen. In Krakau oder sonst irgendwo trat ein Conventikel zusammen, an welchem, wenn wir