Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 53 (31.12.1897)
- Date
- 1897-12-31
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 53 Vr Vlvch's Wochenschrift Sette 2075 gehen. Es war Weihnachtsmarkt; sie hatte mit Lilli, die Alles bewundern wollte uitb mußte,- sich wohl zu lauge auf demselbeu verweilt, eiu rauher Wind wehte, Abends klagte das Kind über Halsschmerzeu. Sie brachte es sofort zu Bette, wendete lindernde Mittel an, jedoch Lilli wälzte sich fieberglüheud in unruhigem Schlafe mit schrill auf einander knirschenden Zähnen hin und her. Eine furchtbare Angst preßte ihr Herz zusammen; eine nie gekannte, tiefe, fast hoffnungslose Bangigkeit bemächtigte sich ihrer, als sie regungslos, mit angehaltenem Athem, still beobachtend am Bettchen des Kindes saß. Ihr Mann war bereits in die Sitzung der medicinischen Sectiou gegangen, als Lilli zu klagen anfing. Sollte sie ihn holen lassen? Nein, er mußte ia doch wohl bald kommen. Die treue Minna, das Hausmädchen, die seit ihrer Verheiratung schon bei ihr war und die junge Herrin vergötterte, saß bei ihr, ihre Sorge theilend. „Wenn nur der Herr Professor schon käme, ich fürchte, unser Herzblatt ist sehr krank", flüsterte die treue Seele. Der Athem des Kindes geht schneller, ein pfeifender Ton macht sich bemerkbar. „Gott, mein Gott, schütze unser Kleinod", flüstern ihre bebenden, schneebleichen Lippen. Sie ahnt es, sie weiß es, mit erschreckender Deutlichkeit sieht sie das Gespenst herannahen, Diphtheritis! Da endlich hört sie den wohlbekannten Schritt ihres Mannes. Mit niühsam errungenem Gleichmuthe tritt sie ihm entgegen, schreckensbleich, doch möglichst ruhig, sagt sie: „Gott sei gepriesen, daß Du endlich da bist! Wie habe ich mich nach Dir so schmerzlich gesehnt! Erschrick nicht, Geliebter, ich fürchte, Lilli ist sehr krank, sie fiebert stark und ihr Athem geht pfeifend schnell!" Die eigenthümliche Starrheit, die fahle Blässe des geliebten Antlitzes fällt ihm sofort auf; sie hängt sich schwer an seinen Arm, sie bedarf der Stütze so nöthig; vereint treten die Gatten an das Bettchen ihres Lieblings. Gespannt forscht sie in seinen erusteu Augen, seinen blassen, erregten Zügen, in denen sie wie in einem Buche zu lesen versteht. „Sprich es aus, Geliebter, ich bin stark. Ich erkannte sofort an den Symptomen, die verheerendste, schrecklichste aller Kinderkrankheiten nahe sich. Gott wird Dir beistehen, Hilfe zu bringen!" flüstert sie mit schmerzvoll zuckenden Lippen, sich an ihn lehnend, seine Hand in festem Drucke fassend. „Mein Heldenweib", flüstert er zurück, preßt sie an sein Herz und küßt den goldenen Scheitel. Welche Nacht! Was Vatertreue und Mutterliebe vereint mit der höchsten Vollkommenheit ärztlicher Kunst aufbieten können, die furchtbaren Selben des einzigen, über Alles geliebten Herzensschatzes zu lindern, geschieht. Vergebens! Leonie selbst wagt den Vorschlag zu machen, das letzte verzweifelte Mittel, den Luftröhrenschnitt, auszuführen. „Gott wird Deine Hand lenken, zum Heile unseres Lieblings", flüstern die bebenden Lippen der todtblassen Frau. Im Beisein zweier berühmter Collegen willfahrt er ihr, seine Hand zittert nicht, und sie hält, ohne mit einer Wimper zu zucken, das Kind in ihren Armen. Drei Männeraugenpaare wurden feucht in lautloser Bewunderung dieser Heldenmutter. Alles vergebens! Einige Stunden später bedeckte geisterhafte Blässe das einst so liebliche Kinderantlitz; der Blick der süßen, blauen unschuldsvollen Kinderaugen umflorte sich; ein heftiges Zucken durchfuhr den fast schon regungslosen Körper. Ueberwältigt von unsäglich bitterem Schmerze wollte Leonie mir ihren heißen Lippen den schon in Todesstarre erkaltenden süßen Kindermund berühren, mit ihrem warmen Athem dem sterbenden Kinde neue belebende Kraft einhauchen, als der sich tief über fein einziges, sterbendes Kind neigende Vater mit dem einen Arme das kleine zurücksinkende Haupt auffing, während er mit dem anderen gewaltsam die geliebte Frau von dem Antlitze des verscheidenden Kindes entfernte, damit sie nicht den verderbenbringenden Hauch einathme. Das kleine Herz hatte aufgehört zu schlagen; starren, thränenlosen Blickes, eng aneinander geschmiegt, Hand in Hand beteten die erschütterten Gatten an der Leiche ihres todten Lieblings das uralte Zauberwort Jsrael's, das da aufrichtet die Gebeugten, tröstet die Trauernden: »Schema jisrae], adonai elauhenu, adonai echod!« Als die kleine Leiche in die kühle Erde gebettet war, als Leonie starr wie ein Marmorbild ihre schwerste Pflicht erfüllt hatte, brachte am Abende des trauervollsten Tages der milde Schein der Chanukalichtchen, denen Lilli stets so freudig zugejubelt hatte, ihr wieder die ersten lindernden Thräneu. Ihr Mann hielt sie in seinen Armen, sein Auge ruhte in liebevoller Besorgniß auf ihrem schönen Antlitze, aus welchem der angstvolle, todestraurige Ausdruck zu weichen begann. „Mein Heldenweib, sei stolz und stark! Laß uns muthig und ergebungsvoll tragen, was Gott uns auferlegt!" flüstert er weich, ihren Mnnd, ihre Augen, ihr goldenes Haar zärtlich küssend. Am andern Tage fuhren sie nach Berlin; aus ihrem Munde sollten die Eltern die Hiobspost erfahren; bei ihnen fanden sie die zärtlichste Theilnahme, das innigste Mitgefühl. Leonie sollte wochenlang bei den Eltern bleiben, ihr Mann wollte sie dem Schauplatze ihres höchsten Erdenglückes, ihres bittersten Schmerzes entrücken; andere Räume sollten sie bei ihrer Heimkehr umfangen, ihr Mann wollte in ihrer Abwesenheit mit der treuen Minna Hilfe die Uebersiedlung in eine andere Wohnung bewerkstelligen. Sie wehrte sauft, aber energisch alle seine Vorschläge und Bedenken zurück. „Als ich sechzehn Jahre zählte, sagte mein Bruder, ich sei aus dem Holze der Heldinnen geschnitzt; Du, Geliebter, nanntest mich in den schwersten Stunden von Gefahr und Tod Dein Heldenweib und ich sollte nun feige die Stätte fliehen, an welche mich tausend süße, glückliche und schmerzliche Erinnerungen knüpfen! Nein, Geliebter, die Stätte ist geheiligt, die Räume sind geweiht, in denen die kleinen Füßchen unseres todten Lieblings ihre ersten Schritte machen lernten, in denen sein erstes Lallen, sein helles Jauchzen erklang. Wir kehren zusammen heim und Du sollst mit mir zufrieden sein!" „Mein Heldenweib, mein holder Engel", flüsterte er, ihre Hände mit heißen Küssen bedeckend. Als sie nach thränenreichem Abschiede von den Eltern wieder ihr jetzt so still gewordenes Heim am Arme des geliebten Mannes betrat, verlor sie die so mühsam errungene Fassung; gebrochen lehnte die zarte Gestalt in fetueu Armen und schluchzte laut. „Wie werde ich ohne das Kind leben können! Verödet die Stätte! Nun das Kind in ewigem Schlummer ruht und meiner nicht mehr bedarf; laß' mich Geliebter in treuer Pflichterfüllung anderer Art, in ernster Arbeit mit Dir, neben Dir, Trost und Erhebung finden für mein grenzenloses Wehe!" Die schönen, thränenüberströmten Augen blickten bittend zu ihm auf. „Verödet, mein geliebtes Leben, wäre mein Haus, hätte ich Dich, Du meine holde Lichtgestalt, verlieren müssen. Gott ist barmherzig! Er hat unser Kind, die köstliche Gabe, die er uns verlieh und damit unser Leben reich machte und verschönte, zurückgefordert, denn Kinder sind nur geliehenes Gut; doch ivir wollen die Erinnerung an das Kleinod, das wir besessen, bewahren, was ja so Vielen auch versagt ist; aber Gott hat Dich mir gelassen. Du, mein Stolz, meines Lebens Sonne, wie bin ich noch so reich und glücklich! Du sollst mir helfen, Du sollst mir immer nahe sein, als Engel des Trostes und der Barmherzigkeit für meine Kranken." Eine schwere dunkelrothe Plnschportiere trennt jetzt nur noch ihr Boudoir von seinem Empfangszimmer; das nächste große Helle Zimmer dient ihm als Studirzimmer; so wurde bald in den nächsten Tagen die Eintheilung der Räume verändert. Welches Glück erfüllt Leonie inmitten ihres großen Schmerzes; sie kann ihrem Manne dienen, sich ihm nützlich und hilfreich erweisen, sie hat einen Lebenszweck gefunden. Sie versteht den leisesten Wink seiner Augen, ihr geräuschloser Schritt stört ihn niemals; sie schlägt oft und gerne für ihn in den mächtigen Folianten nach; die Kranken bringen ihr volles Vertrauen entgegen. Oft, ja fast täglich wandert sie nach dem Friedhofe zu Lillis kleinem Hügel; ihr Mann theilt den Friedhofcultus, den sie treibt, nicht, ja er mißbilligt denselben sogar; allein Frauen Pflegen in anderer Weise zu trauern, als Männer; so zürnt er ihr nicht und läßt sie gewähren. Die Zeit geht eilends dahin; wiederholt hat er ihr den Vorschlag gemacht, eine jugendliche Gefährtin in das Haus zu nehmen, um für die zahlreichen einsamen Stunden, in denen er nicht mit ihr, bei ihr sein kann, eine Gesellschafterin zu haben. Hat auch der Tod des Kindes, deffen junges Leben so reiche Hoffnungen, eine so lichtvolle Zukunft verhieß, eine nie ausfüllbare Lücke in ihrem Herzen und in ihrem Hause zurückgelassen.