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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-31 · 53 (31.12.1897) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
53 (31.12.1897)
Date
1897-12-31
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 1074 Vr. Vlortz's WortzenlrtzrM Nr. 53 Feuilleton. Chanukalichtchen. Aus einem Frauenleben. Von Regina N e i s s e r. (Forts-tzung.) Jahre vergingen. Was andere Mädchen in bevorzugter Lebensstellung erfreut und beglückt, Leonie blieb es fremd; Tanzstunde, Bälle, Gesellschaften kennt sie nur aus den Erzählungen ihrer Freundinnen. Ihr Elternhaus hat sich -auch wieder einem kleinen auserwählten Freundeskreise geöffnet, sie hört gern, wenn kluge Männer, edle Frauen reden; die Eltern haben sie hinausgeführt in die große, schöne Gotteswelt; an den grünen Rhein, in die wunderbar erhabenen Alpen, in das sonnige Italien; Natur und Kunst haben sie entzückt, sie hat unauslöschliche Erinnerungen, unvergängliche Eindrücke heimgebracht. Sie bildet sich immer weiter, denn jeder Stillstand ist ein Rückschritt; sie hat viel ernstere Neigungen als ihre Freundinnen; das erste Weh, der erste Rauhreif, der in den Frühling ihres Lebens fiel, hat sie wohl so gemacht. Sie liebt nicht Putz, nicht Schmuck; ihre Bücher, ihr Flügel, ihre Bildermappen sind ihre Schätze; ein Oratorium, eine Symphonie, klassische Dramen, Wagner'sche Opern begeistern, entzücken, erbauen sie. Sie möchte immer nur so für die Eltern, mit den Eltern leben. Neulich hörte sie im Nebenzimmer die Mutter zum Vater sagen: „Wie wird sich nur Leonies Zukunft einmal gestalten! Wer wird uns unfern kostbarsten Schatz entfiihren?" Die Stunde sollte bald kommen, die über ihre Zukunft entschied. Der Zauber der Erinnerung läßt die schlanke Frau lieblich erröthen, läßt den schwermüthigen Ausdruck aus dem edlen Antlitze, über welches ein Helles Lächeln sich breitet, weichen und verleiht den schönen Augen einen seltenen Glanz. Es war Winter und in leuchtender Klarheit wölbte der Hünmel sein sternenflimmerndes Dach über Berlin, als in dem großen schönen Wohnzimmer ihres Elternhauses beim mildhellen Scheine der Ehanukalichtchen ein hoch gewachsener, ernster Mann vor den tiefbewegten Eltern stand und sie, Leonie, ihr Kleinod, als sein höchstes Gut zu eigen begehrte. Bei ihrer liebsten Freundin war ihr der junge Assistenzarzt des berühmten Geheimrath von O. vorgestellt worden und Ellinor hatte ihr erzählt, sein berühmter Meister, die Professoren, seine Eollegen rühmten seinen kühnen scharfen Blick, sein reiches Wiffen, seine sichere Hand, er gehe einer glänzenden Zukunft entgegen. Er suchte und fand Gelegenheit, Leonie wieder und wieder zu sehen, ihr zu begegnen; er bat um die Gunst, sie nach Hause begleiten zu dürfen, um den Vorzug, ihre Eltern kennen zu lernen; Wochen, Monate vergingen, ihr gegenseitiges Jntereffe wuchs, längst hatten ihr seine heißen Blicke, die stets voll inniger Liebe und unbegrenzter Bewunderung auf ihrer liebreizenden Erscheinung ruhten, ohne Worte von glühender Leidenschaft gesprochen, als er sie bei einem Besuche allein traf. „Leonie, ich weiß Du hast in meinen Augen gelesen, wie abgöttisch ich Dich liebe! Ein armer Waisenknabe, habe ich gedarbt und gerungen, gestrebt und gekämpft bis zur Stunde! Mir winkt ein hohes, stolzes Ziel! Bald, bald ist es mit Gottes Hilfe erreicht. Nur den Profefforentitel lege ich Dir, Stern meines Lebens, zu Füßen, das habe ich mir gelobt; nicht früher darf ich wagen, meine Augen bittend zu Deinen Eltern zu erheben, Dich, meine königliche schlanke Lilie zu begehren." Wenige Wochen später hatte er sein letztes hohes Ziel erreicht, durfte, so jung schon mit dem Professortitel geschmückt, die Geliebte nun sein nennen. Mit welch' hell aufleuchtenden Blicken drückte er den ersten Kuß auf die süßen, rosigen Lippen, welch' sonniges Lächeln verschönte wunderbar das ernste ausdrucksvolle, edle Männerantlitz, als er die schlanke Gestalt umfing, zum ersten Male sie an sein Hochklopsendes Herz drücken durste. „Ich habe wieder Eltern, die ich lieben und ehren darf; ein Glück, das ach in stüher Jugend mir ein hartes Geschick chon raubte", jubelte der ernste Mann hell auf. „Gott hat uns einen geliebten edlen Sohn wiedergegeben", sagte der Vater unter Thränen lächelnd. „Es ist einmal nichts vollkommen aus. dieser Erde. Warum durften sich die Eltern nicht des Besitzes zweier so edler hochstrebender Söhne erfreuen", klagte die glückstrahlende Braut. Er lernte dre Geliebte in den seligen Stunden des Wiedersehens, welche die Brautzeit brachte, immer mehr als liebevolle Tochter bewundern. Welche Welt von Liebe leuchtet aus seinen Briefen! „Wie eine segenspendende Fee waltest Dn, Geliebte, in Deinem Elternhause; ich ehre Deine ernste Stimmung, Deine feuchtschimmernden Augen, die der Trennung von Heimat und Vaterhaus gelten." Später schrieb er: „Der Gedanke, Dich, Licht meiner Augen, Abgott meiner Seele, bald ganz zu besitzen, die glücklichste Stunde meines Lebens immer näher rücken zu sehen, macht mich schwindeln vor Seligkeit, trunken vor Glück. Welch' herrlicher Lohn, welch' köstlicher Preis für alle Kämpfe und Entbehrungen, an denen mein Leben so reich! Welch' eine Zukunft, welch' ein Eheleben erwartet mich an Denier Seite, mein holder Liebling! Nicht die hehre Schönheit Deines süßen Antlitzes, Deiner herrlichen Gestalt bestrickte mich, da ich Dich zum ersten Male schauen durfte, sondern der Zauber Deines Wesens, Deine hohe edle Weiblichkeit zogen mich so mächtig an". Wie beglückt, beseligt, rührt und beschämt sie solche Liebe. Sie will dieselbe erst verdienen, will ihm sein Haus zum Paradiese machen. Wie beneiden sie ihre Freundinnen, eines solchen Mannes Braut zu sein. Ihr Hochzeitstag! Der Zauberklang des Wortes läßt nach vierzehn Jahren ihre tiefen, seelenvollen Augen noch heller aufleuchten, färbt ihr Antlitz mit noch höherem Roth! Das höchste Glück, ihm, dem heißgeliebten Manne, folgen zu dürfen, der bitterste Schmerz die theuren Eltern verlassen zu müssen, erfüllt Leonies Herz in derschweren Stunde des Scheidens vvn Heimat und Elternhaus. Die Eltern gönnen ihm ihren höchsten Schatz, ruhigen Herzens können sie die geliebte Tochter mit ihm iit die Ferne ziehen lassen, sie findet in ihm den treuesten, sorgsamsten Führer und Beschützer durch's Leben; ihr Segen, ihre Liebe geleitet sie in die nordische Universitätsstadt, in die neue Heimat. Leonie blättert weiterin dem Buche ihrer Erinnerungen. Der Zeiger der Uhr rückt weiter, draußen sind schon lange die Gasflammen angezündet worden, dichter fällt der Schnee, sie gewahrt es nicht. Fünfviertel Jahre später, der milde Glanz der Ehanukalichtchen leuchtet aus dem Nebenzimmer in ihr verdunkeltes Gemach, ruht ein kleines, winziges, rosiges Menschenkind in schneeiges Linnen von wunderbarer Feinheit^ mit zierlicher Stickerei umrandet, gehüllt, ihr Kind, in ihren Armen. Welche Seligkeit! „Du guter Gott im Himmel droben, bin ich so heil'gen Glückes werth?" flüstern ihre blassen, bebenden Lippen als ihr Mann freudetrunken an ihrem Bette kniet und ihre schlanken, weißen Hände wieder und wieder mit heißen Küssen bedeckt. „Ruhe, Ruhe, mein süßer Herzensliebling! Gott segne Dich und unser Kind!" flüsterte er zurück. Jhxe Eltern kommen die kleine Lilli bewundern. Welches Glück, zum ersten Male ihre Eltern als liebe und geehrte Gäste in ihrem Hause anfnehmen zu können! Sie lebt nur für ihren Mann, ihr Kind, ihr Haus! Die kleine holde Menschenknospe entwickelt sich von Tag zu Tag, lieblich an Körper, kräftig an Geist; die Tage bringen tausend neue Freuden für das junge, glückliche Ehepaar; auf ihres Mannes Haupt häuft sich Ehre und Ruhm. Alljährlich in den Universitätsferien besucht sie mit Mann und Kind die Eltern. Tage der Wonne, als glückliche Gattin und Mutter im Elternhause weilen zu dürfen. Wie sonnen sich die Eltern in ihrem Glücke. Die Erinnerung an den Heldenjüngling verblaßt nimmer, aber wie ist doch die Gegenwart so reich, so schön! Tiefe Schatten lagern sich wieder auf das eben noch so strahlende, schöne Antlitz. Leonie lehnt den Kopf dichter, fester an die kühle Fensterscheibe und ächzt tief auf. Des Decembers Jdus! Lilli wird in wenigen Tagen sieben Jahr, sie hat die ersten Uranfänge der Schulweisheit schon bei der süßen Herzensmama zu lernen angefangen, sie soll zu Ostern in die Schule

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