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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-19 · 47 (19.11.1897) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
47 (19.11.1897)
Date
1897-11-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 47 Seite 94t Vr VloK's StadtraLhes sitzen zu wollen und auf seine Stadtrathswürde zu verzichten. Bis zu diesem Punkte konnte man annehmen, daß die feindselige Gesinnung gegen unsere Glaubensgenossen nur von einer kleinen Clique gehegt werde. Die am 6. d. ütt. stattgesundene Sitzung des Stadtverordneten-Collegiums hat jedoch gezeigt, daß das Gift des Judenhasses schon in weite ' Kreise gedrungen, daß bereits der angeblich liberale Bürgermeister und die gesammte Stadtvertretung von demselben angefressen sind. Wie die Dinge nach der Resignationserklärung des Dr. Fleischner lagen, hätte eine wahrhaft fortschrittliche Stadtvertretung der von Dr. Herrmann und dessen Anhang betriebenen Hetze durch ein entschiedenes Vertrauensvotum für Dr. Fleischner, dessen große Verdienste um die Gemeindeverwaltung auch die Gegner anzuerkennen gezwungen sind, entgegentreten müssen, mrd der Stadtrath mü dem Bürgermeister hätte durch die corporative Niederlegung seiner Stellen documentiren müssen, daß er einen Mann von den Tendenzen des Dr. Herrmann in der Executive nicht dulden wolle. Mit einem Worte: Man hätte die Resignation des Dr. Fleischner ablehnen und Dr. Herrmaim zum Rücktritt zwingen müssen. Es geschah das Gegentheil. Mit ein paar schablonenmäßigen Dankesworten des Bürgermeisters wurde die Demission des. Dr. Fleischner zur Kenntniß genommen und damit von Seite des Stadtverordneten-Collegiums die von den Arltisemiten angekündigte „Bekämpfung des jüdischen Einflusses" als berechtigt anerkamrt. Ja, in seiner windelweichen, mehr als zweideutigen Rede hat der Bürgermeister ausdrücklich den Grundsatz der Antisemiten acceptirt, daß die Juden als eine besondere Kaste der Bevölkerung anzusehen sind und nur eine ihrer Zahl und Steuerkraft entsprechende Vertretung im Stadtverordneten-Collegium erhalten dürfen. Mit dieser Erklärung haben alle sonstigen akademischen Versicherungen des Bürgermeisters über die Schädlichkeit des Antisemitismus jeden Werth verloren, und unsere Glaubensgenossen in aller Welt müssen von heute ab mit der Thatsache rechnen, daß Karlsbad auch in seiner officiellen Vertretung antisemitisch geworden i st. Sind ja doch Bürgermeister, Stadtrath und fast sämmtliche Stadtverordnete auch Mitglieder des antisemitischen Turiwereines. Die rückhaltloseste Anerkennung muß der durchaus correcten und männlichen Haltung Dr. F l e i s ch n e r's gezollt werden. Er allein hat die Ehre des Judenthums vertheidigt, denn seine vier jüdischen Collegen in der Stadtvertretung haben auf die antisemitischen Angriffe mit keiner Silbe reagirt. Um die Niedertracht, welche in diesen Angriffen liegt, voll und ganz zu kennzeichnen, ist es nothwendig, folgende Thatsachen anzuführen: Der Bürgermeister selbst mußte es aussprechen, daß dem Stadtrathe in Dr. Fleischner eine eminente Arbeitskraft verloren gehe. Die Errichtung des Real-Gymnasiums, das Zustandekommen der Localbahnen und des Centralbahnhofes sind zum größten Theil sein Werk. Für die Fortbildungsschule, die Vermehrung der Volks- und Bürgerschulen hat er seine beste Kraft eingesetzt. Er allein war es, der in den socialdemokratischeu Versammlungen die Angriffe gegen die Stadtvertretung und die liberale Wählerschaft energisch zurückwies. Als vor zwei Jahren der Turnrath desselben Turnvereines, der sich nun „arisirte", den Vorwurf des Antisemitismus noch als eine Ehrenkränkung betrachtete, hat Dr. Fleischner diesen Turnrath unentgeltlich vor Gericht vertreten und dafür ein Dankschreiben erhalten, welches mit „treudeutschem Gruße" schloß. Arischer Dank und punische Treue wachsen auf Einem Stamme. Ich kann diesen wahrheitsgetreuen Bericht nur mit dem localpatriotischen Wunsche schließen, daß der nunmehr in^Karlsbad so üppig in die Halme geschossene Antisemitismus wirthschaftlich nicht jene traurigen Folgen zeitigen möge, welche leider nur zu sehr befürchtet werden müssen. Jung-Israel! Mit den Universitäten und mit den Studenten geht es wie mit den Frauen. Die besten sind Jene, von denen nian am wenigsten spricht. Wer von der Wahrheit dieses Satzes durchdrungen ist, der wird von den letzten Vorgängen an der Wiener alma mater wenig erbaut sein. Die Wiener Universität ist plötzlich in Aller Mund. Die Zeitungen füllen ihre Spalten mit der getreuen Schilderung der Großthaten unserer Musensöhne und entsenden eigene Schlachtenberichterstatter auf den Kriegsschauplatz in der Aula. Dem Studentenaufzug vor dem Parlament sind die Bummelkrawalle vom letzten Samstag gefolgt, zu denen bekanntlich Streitigkeiten zwischen nationalgesinnten Juden und deutschliberalen Juden den ersten Anlaß gaben. Es sind uns Zuschriften in reicher Fülle zugekommen, die zum Theil dieser, zuni Theil wieder jener Studentenpartei beipflichten, und je nach den Anschauungen der Briefschreiber bald die nationalgesinnten Verbindungen und ihr Vorgehen verurtheilen, bald jene jüdische Studenten verdammen, die allen Anfeindungen und Schmähungen zuni Trotz sich als „Deutsche" fühlen, als ebenso gute, ja als bessere Deutsche wie die Heilobrüder der Schönerer'schen Gefolgschaft. ' Eines ist aber zweifellos: Juden sollten es sich wohl überlegen, die Rolle jener Geschöpfe zu spielen, mit denen einst Herr Schönerer seine Familienangehörigen aus dem elterlichen Hause hinausgeräuchert hat. Aber auch das Gehaben der nationalthümelnden jüdischen Studenten mit ihren Schlägern, färbigen Bändern und Aufzügen ist durch und durch uujüdisch, eine Nachäffung fremder Sitte und Unsitte, eine Uebersetzungdes Schönerianischen ins Nationaljüdische: Assimilation! Noch ist der Kampf der Meinungen nicht ausgetragen. Noch ist es nicht möglich, ein abschließendes Wort über jene modernsten Strömungen zu sprechen, die das Judenthum unserer Tage in zwei Lager zu spalten drohen.' Sicherlich, dieses Wort muß gesprochen werden; aber es ist kaum anzunehmen, daß es aus unbärtigem Munde kommen wird, daß Lippen, die kaum der erste Jünglingsflaum deckt, es aussprechen werden. Und damit ist das Urtheil reifer Männer über jene Studentenkeilereieu, zu deren Schauplatz die Wiener Universität herabgewürdigt wurde, von selbst gegeben. Die Universität ist zum Lernen da und Studiren, fleißig studiren ist das hervorragendste Bürgerrecht, aber auch die erste Bürgerpflicht der akademischen Bürger. Gerade das arg bedrohte, von allen Seiten angefeindete Judenthum setzt seine gewichtigsten Hoffnungen auf die heranblühende Jugend. Israel erwartet, um ein berühmtes Feldherrnwort zu gebrauchen, daß Jeder seine Pflicht thue. Schwere Zeiten dämmerir heran und dreifach muß das Erz der Berufsbildung, des Wissens und Könnens sein, mit dem der junge Jude seine Brust panzert, auf die von allen Seiten höhnisch grinsende Feinde vergiftete Pfeile schnellen. Will unsere Jugend den Interessen des Judenthums überhaupt, den nationalen Interessen im Besonderen dienen, dann lerne, dann studire, dann arbeite sie! Mit den pomphaftesten Aufzügen, den erfolgreichsten Prügelfcenen ist uns Juden wenig gedient! Dazu sind die Zeiten viel zu ernst! Mn probates Mittel. Herr Dr. Lueger und die Seinen sind auf die — Bauern gekommen. Es mehren sich die Zeichen, daß dort, wo man das volksfreundliche Wirken der antisemitischen Volksbeglücker aus nächster Nähe wahrnehmen kann, gelinde Enttäuschung platzgreift und daß die blutrünstigsten Schlager es nicht mehr vermögen, über die wirthschaftliche Depression, die brutale Knechtung und Vergewaltigung aller Andersdenkenden hinwegzutäuschen, welche die christlich-sociale Herrschaft im Gefolge hat. Von Baden nach Wien ist es keine Weltreise und der Ausgang der Badener Gemeindewahlen mag in den üppigen Mandats- und Diätenrausch der Machthaber im Wiener Rathhause einen ganz ausgiebigen Wermuthstropfen geworfen haben. Jener verblaßten Popularität, der auch die großen Soloschiurpfscenen im Abgeordneten-

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