Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite S11 Stolz oder Ueberhebnng, sondern in Anerkennung der Wahrheit, daß dem jüdischen Herzen und Gemüthe das Mitgefühl und Mitleid tief eingeprägt ist und der Jude bereitwillig hinein in den Säckel greift, um große Opfer auf dem Altar der Nächstenliebe darzubringen. (Anhaltender Beifall.) Weiters erinnern wir uns, daß die deutschnationale Partei jüngst eine öffentliche politische Versammlung einberief und erklärte, daß der Eintritt und die Anwesenheit von Juden ausgeschlossen ist, daß, als parlamentarische Comites erst unlängst eine vereinigte Sitzung hielten, dieselbe Partei durch Schönerer gegen, die Anwesenheit eines jüdischen Abgeordneten bei derselben Verwahrung einlegte, wogegen, um nicht zurückzustehen, der Oberbonzeder Christlich-Socialen wieder einmal die Aufmerksamkeit des Hauses auf das „gemeinschädliche Treiben" der Juden richten zu müssen glaubte. Soll ich noch speciell des Treibens der Wiener Gemeindeverwaltung gedenken? Ich könnte da leicht desavouirt werden. Hat doch Dr. Lneger mit seiner gewohnten Ueberzeugungskraft es ansgesprochen, daß er noch keinen armen Juden nahegetreten sei — eine Wahrheit, so ergreifend, wie sein kühnes Wort, daß er stolz darauf sei, die Stadt Wien dem Deutschthum gerettet zu haben! (Gelächter.) Gleichwohl fehlt es bei diesem Rückblicke nicht an einzelnen Lichtpunkten, deren matten Schimmer man schon als verheißungsvoll ansehen möchte. Der antisemitische Führer, dessen Namen ich schon zu oft eitel genannt habe, er hat es verstanden, den Abfall der Wiener Lehrerschaft von seiner Truppe herbeizuführen, eine Wählergruppe, die nicht gering zählt, ein agitatorisches Element, welches sehr bedeutsam werden kann, wenn neue Wahlen kominen. Wir könnten auch sagen, daß die bethörte Masse einzusehen beginnt, daß die Behandlung der Gasfrage und der Finanzgebahrung der Gemeinde gerade keine Meisterhand bekundet; daß die zahllosen überschwänglichen Zusagen, die gemacht wurden, sich absolut nicht erfüllen, daß jener Wohlstand noch lange nicht eingetreten sei, der jeder Berufsclasse und speciell dem vielumworbenen „kleinen Manne" zugesichert wurde und der noch lange nicht ersetzt erscheint durch das „Weihnachtsgeschenk", welches erst gestern der magistratischen Beamtenschaft versprochen wurde. Wir könnten vielleicht darauf verweisen, daß Borkommniffe, wie sie sich rücksichtlich des Abgeordneten Mittermayer oder rücksichtlich Vergani zugetragen haben, geeignet sein könnten, selbst Jenen den Staar zu stechen, die durchaus nicht sehen wollen, und daß das ehrenrettende Auftreten der christlich-socialen Parteileitung nach der moralischen Berurtheilung Vergani's, der trotz dieses das öffentliche Rechtsgefühl schwer beleidigenden Succurses gleichwohl nicht wiedergewählt wurde — auf jeden Denkenden und selbst aus eine große Masse, die erfüllt ist vom Heerdentriebe, nicht ohne tiefe Wirkung bleiben konnte. Ich halte aber gleichwohl dafür, daß es ungeachtet dieser Erscheinungen noch lange nicht angehe, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Wir vermögen dies auch angesichts der weitaus bedeutsameren Thatsache nicht, daß in Deutschland gewichtige Wahlergebnisse einen Wandel der Dinge anzudeuten scheinen: zunächst das Factum, daß, während die Berliner „Bürgerpartei" noch vor wenigen Jahren 18 antisemitische Gesinnungsgenossen in den Gemeinderath entsenden konnte, heute kein einziger mehr in der Stadtverwaltung Berlins sich befindet; weiters die Wahrnehmung, daß die antisemitische Fraction von 15 Mitgliedern im deutschen Reichsrathe in voller Auflösung begriffen ist und endlich die Thatsache, daß bei den in diesem Monate stattgehabten Landtagswahlen in Sachsen nur ein einziger Antisemit durchzudringen vermochte. Nun denn, nach All dem ist die Antwort nach unserer Parteistellung in dem derzeitigen großen nationalen Kampfe leicht gegeben: g a r k e i n e! Wir mögen diesen Kampf lebhaft beklagen aus Liebe zu unserem Vaterlande, das wir niemals aufgegeben haben und niemals aufgeben werden (Lebhafter, allseitiger Beifall), ein a c t u e l l e s P a r t e i i n t e r e s s e an demselben haben wir nicht. (Laute Zustinunung.) Es mag uns schwer fallen, einer Zugehörigkeit zu entsagen, deren wir uns kraft unseres Fühlens, unseres Bildungsganges bewußt waren und die wir stets thatkräftig bekundeten. Aber wenn man vom hohen curulischen Stuhle aus lehrt, ein Deutscher sei nur derjenige, der vom „U r b e g i n n" im Deutschthum „steckt" und gleich darauf im lächerlichsten Widerspruche sich rühmt, viel „c z e ch i s ch e Lehrlinge" zu guten Deutschen gemacht zu haben, ' und wenn wir so unglücklich sind, weder zu wissen, was dieser „Urbeginn" bedeutet, noch auch zu den czechischen Lehrbuben zu gehören (Große Heiterkeit), so acceptireu auch wir die herrschend gewordene Racentheorie und sind Jude n, in des Wortes bestem Sinne Juden, die ihrem österreichischen Vaterlande in angestammter Treue angehören und ihre Aufgabe darin erblicken, ihr Bestes zur friedlichen Beendigung des unheilvollen Nationalitätenhaders nach Kräften beizutragen und in allen Fragen der Politik und der öffentlichen Wohlfahrt sich nach freier Ueberzeugung im Sinne des Fortschrittes, der Cultur, der Freiheit und Gleichberechtigung zu entscheiden. (Rauschender, andauernder Beifall.) In diesem Sinne verfolgen wir keine Sonderinteressen, bringen vielmehr unsere legitimen Aufgaben in schönen Einklang mit den Anforderungen der Gesammtheit; in diesem Sinne werden wir uns berufen fühlen, auch fortan unsere Wachsamkeit allen Erscheinungen des politischen Lebens zuzuwenden, ungerechte Bedrückung und Verkürzung abzuwehren, unsere Thätigkeit bis zur Beruhigung der politischen Verhältnisse, mit welcher dem Antisemitismus ein schwerer Schlag versetzt werden wird, weil er großentheils aus nationaler Ueberhebung und Unduldsamkeit seine Nahrung zieht, auf unsere Angelegenheiten und Interessen zurückzuziehen: in diesem Sinne wollen und müssen wir uns einheitlich zusammenschließen, uns gegenseitig fördern und schützen, kräftigen und ermuthigen; in diesem Sinne werden wir mit gerechtem Stolze uns selbst angehören, nicht mehr von kämpfenden Nationalitäten einrangirt oder ausgeschieden werden und in diesem Sinne fasse ich unsere Haltung und die uns obliegende Thätigkeit in dem Programmpunkte zusammen: „Zusammenschluß aus dem Gebiete der Politik, der Wirtschaft und des Cultus aus Basis der österreichischen Staatsangehörigkeit und der österreichischen Gesetze mit dem Ziele, im gewohnten Dienste des Fortschrittes und Freisinnes hier jene volle Gleichberechtigung und Anerkennung zu gewinnen, welche dem hohen Alter unseres Heimatsrechtes und unseren staatsbürgerlichen Rechten entsprechen." (Lauter, lang anhaltender Beifall; der Redner wird von allen Seiten beglückwünscht.) Nach längerer Discussion wird der Bericht des Vorsitzenden und der von demselben beantragte Programmpunkt unter leb- Zustimmung einhellig angenommen. Correspondenzen. Wien. (Aus der Plenarsitzung d e r i s r ae l i t i s ch e n E n l t u s g e m e i it b e v o m 1. November 1897.) Vorsitzender kaiserlicher Rath Klinger. Beginn der Sitzung: 10 Uhr Vormittags. Im Einlauf befinden sich Zustimmungskundgebungen der israelitischen Eultusgemeinden Prag, Olmütz, Neutitschein, Gablonz, Komotau, Budweis, Schlan, HoraLdiowitz,^ sowie vom Centralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag zu der vom Vorstande der Wiener israelitischen Cultusgemeinde gefaßten Protestkundgebung gegen die vom Vicebürgermeister Dr. Neumeyer anläßlich der Ernennung jüdischer Richter im Wiener Gemeinderathe gerichteten Angriffe gegen die jüdische Religion. An Spenden sind eingegaugen: Von A. B. 6 für verschämte Arme.fl. 100.— „ Bon Herrn Jacob Rippa zufolge des am Bersöhnungstage von Herrn Rabbiner Dr. Schmiedl an die Glaubensgenossen gerichteten Appell an Arme.. 10.— „ S. C. für Arme.. 15.— „ I. M. In Ausübung eines Gelübdes . . . „ 15.— „ Herrn Leopold Sacks zum Andenken an seine verstorbenen Eltern Jacob und Anna Sacks für das Dr. Wölfler-Heim.. 200.— „ Herrn Alois Hoffmann zu Gunsten des Altersversorgungshauses . 20.— „ „Anonym" für Arme 1.— „ Herrn Dr. Adolf Hoffmann wurde der Cultusgemeinde ein Porträt Samuel Oppenheimer's, denselben in jüngeren Jahren darstellend, zum Geschenke überlassen. Die Spenden werden ihrer Bestimmung zugeführt und den Spendern der Dank votirt. Der Präsident theilt mit, daß in jüngster Zeit häufig Klagen über den groben Unfug des Einsammelns von Maskir-