Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 45. Dr. Bloch’s Jahrgang XIV. ♦ CentralorgÄN für die gefammien Intereffen des Iudenihums. «- L. k. PoysparkEen-Amt Elearingverkrtzr Ar. 610.976. Ardsrtton und Administration: Wien N., Untere Angartenfir. I». Telephon - Nr. 6535 -« Wien, 5. November 1897. •I <■ Erscheint jeden Freitag. - >»» 't < - Brief-Adreffe: Wien, L, Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch'ö Wochenschrift Wien. :1 »rpigovrii» flr Srflrrrrirh Halbjährig 4 fl. — 8 Kr. Einzelexemplare 2» kr. Für'» Ausland: halbjährig » fl. — 10 Kr. ganzjährig 10 „ 30 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Pelitzeile 12 kr. =m Inhalt. Leitarti kel: Ein Brief aus London. — ®r. Theodor Herzl und die „Neue Freie Presse." — Deckert & Comp. — Eine wichtige Conferenz in Berlin. — „Reichthum" der Inden Englands. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Von dem Wiener Mark Twain. Auf freier Höhe. H. Steinthal. Die Juden in öffentlicher Stellung. Osman Bey. Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums. Eingesendet. Entgegnung. -- Die Bekämpfung des „jüdischen Einflusses" in Karlsbad. — Plenarversammlung des Politischen Volksvereines vom 23. October 1897. - Korrespondenzen: Wien, Krakau, Lemberg, Holleschau, Königswart, Straßnitz, Groß-Enzersdorf, Proßnitz, Dlmütz, Gablonz a. d. 9t., Kossow, Fünfkirchen, Berlin, Ploesti, St. Petersburg, London, Marseille, Melbourne, Philadelphia, Nordamerika. — Vermischtes: Wien, Berlin, Proßnitz, Horazdowitz, Rom. — Feuilleton: Die Aushebung. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Ein Brief aus London. - London, 31. October. Hochgeehrter Herr! Aus Galizien gehen uns täglich Anfragen zu, wie es mit dem „Judenstaat" bereits bestellt ist; die naivm armen Leute, so fürchte ich, glauben, das große Werk sei in naher Aussicht, und bereiten sich vor zur Wanderung. Welches namenlose Unglück dadurch herbeigeführt werden kann, wissen alle diejenigen, welche mit der traurigen Anfangsgeschichte der argentinischen Colonisation vertraut sind. Ich bitte Sie, deswegen ein Wort der Warnung in Ihrem geschätzten Blatte darüber zu publiciren. Die „Oesterreichische Wochenschrift" steht den Bestrebungen der Zionisten wohlwollend gegenüber, was ich bei Ihren Wiener Verhältnissen begreife. Es macht auf mich den Eindruck, daß Sie, hochverehrter Herr, hiebei von der Absicht geleitet sind, das Gute, das diese Bewegung vielleicht als Ideal für die Bestrebungen und Gesinnungen der begeisterten Jugend stiften könnte, nicht durch eine scharfe Kritik der unsicheren Grundlagen, auf welche sie derzeit sich aufbaut, zu hindern. Das ist ein löblicher Standpunkt, wenn er nicht so weit getrieben wird, in den Herzen' Tausender und Abertausender unserer unglücklichen Brüder im Osten Illusionen zu wecken, die in der greifbaren Wirklichkeit keinen Halt finden. Die Begeisterung für eine Idee verleitet ja so leicht dazu, die realen Voraussetzungen ihrer Durchführbarkeit zu verkennen, und in Politischen Dingen, in Fragen, welche nicht nur das derzeitige Wohl und Wehe, sondern auch die künftige Existenz eines ganzen Volkes betreffen, kann es keine gefährlichere Methode geben, als den Massen ein fernes, heißersehntes Ziel zu zeigen, von dessen Erreichbarkeit sich die Führer selbst noch nicht Rechenschaft zu geben wissen. Hier gilt das Wort des Dichters: „Weh' denen, die den Ewigblinden des Lichtes Himmelssackel leih'n!" Unsere unglücklichen Brüder in Rußland, Rumänien und Galizien sehnen sich nach einem wahren Vaterland, nach einer gesicherten Heimstätte. Man zeigte ihnm ein solches Idealbild und nun wollen sie auch darnach greifen. Gewiß ist es eine unangenehme Ausgabe, ideale Hoffnungen grausam zu zerstören. Leider gebietet es die Menschenpflicht gegenüber unseren armen gedrückten Glaubensgenossen in Rußland und Rumänien, die ja Ideal und Wirklichkeit nicht leicht von einander unterscheiden können, sie vor unerfüllbaren Hoffnungen bei Zeiten zu warnen. Zur Realisirung der judenstaatlichen Pläne, wie sie bisher im Jdeengang der Zionisten liegen, sind zwei Dinge unerläßlich : Zuerst der gute Wille — ich spreche noch gar nicht von einer formellen Zusage — der Türkei, auf ihrem Territorium jüdische Colonien in größerem Maßstabe mit der Tendenz künftiger Souveränetät oder Souzeränetät entstehen zu lassen, und dann Geld, Geld und wieder Geld. Weder das Eine noch das Andere ist bisher vorhanden. Der Verwaltungsrath der „Jewish Colonisation Association" hat diese Woche ein Communiqua über seine am 24. October gefaßten Beschlüsse veröffentlicht. Was sagen diese Beschlüsse? Mau will sich für einige nordamerikanische Colonien „interessiren", man will Ackerbau schulen in Canada und Galizien unterstützen, man will in C y p e r n Landstriche ausfindig machen, die sich zur Colonisation eignen, man will die Schulfrage in Rumänien ftudiren und die bereits bestehenden Colonien in Palästina unterstützen. Das Communiquö spricht deutlich und klar: Da die Türkei für Palästina nicht zu gewinnen ist, richtet man sein Augenmerk aus Cypern. Von den großangelegten Plänen für Palästina ist nach reifer Erwägung keine Rede mehr. Mit der Propaganda für den Zionismus ist es eine ganz eigene Sache. Sie kennen die Stelle im „Wallenstein", wo man den Truppen in Pilsen sagt, daß die Getreuen in Prag schwören, und den Pragern, daß ihre Kameraden in Pilsen schwören. Fragt man hier bei uns, wo denn die reichen Juden sind, die den Zionisten das nöthige Geld zur Verfügung stellen wollen, so bekommt man zur Antwort: Der große Generalstab ist in Wien, dem Wohnsitze des