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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-22 · 43 (22.10.1897) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
43 (22.10.1897)
Date
1897-10-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 658 Vr. Vloch's Wochrnschrist Nr 43 Wirkungen des Antisemitismus zu glauben. Und darum ruft er ihnen zu: „Die Christen arbeiten, aber die Orientalen leben von ihrer Arbeit, die Orientalen beuten sie aus! Daran, daß die Männer n i ch t g e n ü g e n d verdienen, daß die Beamten viel zu gering h o n o r i r t w e r d e n, s i n d einzig und allein die Orientalen Schuld, und das müssen die Frauen begreife n." Zuhause herrscht die Noth und der Mann läßt auf den Trümmern' seiner Hoffnungen den Muth sinken. Er ahnt, daß ihn dieser Dr. Lueger betrogen hat, daß sein wirthschaftlichcr Niedergang anderen Ursachen entspringt als der Ausbeutung durch die Juden. Die Frau aber ist noch gläubig, denn ihr Blick ist kurz! An sie wendet sich der vom Bankerott bedrohte Aickisemitismus! Wenn die Männer schwach werden, so werdet Ihr stark! Herr Lueger verspricht ihnen das Wahlrecht für den Gemeiuderath, den Landtag und den Reichsrath! Er will die Frauen zu eurem „A m azonen-Heer" ausbllden, dasdie Gegner niederschmetteru werde (!). Wenn man glaube, daß er jetzt als Bürgermeister aufhören werde, ein Agitator zu fein, so irre man sich, denn gerade jetzt werde es erst recht losgehen, er werde fortagitiren. Das Schicksal ist stärker als der Mensch! Herr- Lueger hat in seiner feierlichen Antrittsrede versprochen, daß er nicht mehr agitiren werde, aber er hat ja ganz cnt=. dere Versprechungen nicht gehalten. Die Agitation ist sein letzter, sein einziger Halt! Das „Amazonen-Heer" mit seinem Wahlrecht — das ist das Agitationsmittel der Verzweiflung. Und verzweifelt klingen auch noch andere Aussprüche. Wenn er anläßlich der Ausschließung liberaler Gemeinderäthe den Vergleich gebraucht, daß man einen Räuber, von dem man imWalde angefallen wird, todtschlagen müsse, um nicht selbst umgebracht zu werden, dann kommt in solcher Uebertreibung ein Zustaird höchster Nervosität zum Ausdruck. Fürchtet sich Herr Lueger wirklich schon vor räuberischen Ueberfällen, er, der seine Gegner so oft ob chrer Ohnmacht verhöhnte? Fühlt er das Würgeisen am Halse? Es muß Seltsames Vorgehen in der Seele dieses Menschen! Er entwickelt eine fieberhafte agitatorische Thätigkcit, eine Unruhe, die ihre psychologischen Ursachen haben muß. Nur eine besinnungslose Augst kann ihn zu der Lächerlichkeit getrieben haben, seine Macht auf ein „Amazouen-Heer" stützen zu wollen. Es ist die Angst vor dem Zahltag, der mit unerbittlicher Grausamkeit heranrückt. Das „christliche Volk" von Wien, die Gewerbetreibenden und die Beamten, präsentiren die nicht eingelösten Versprechungen Aber noch ein ariderer Zahltag kommt heran, an dem klingende Münze rrothwendig ist. Herr Lueger hat auf das Gasarllehen bereits" 18 Millioneu Gulden Schulden gemacht und dieses Arllehen ist noch immer nicht placirt. Es scheint auch, daß es nicht placirt werden wird, mrd deshalb schreit der Wiener Bürgenneister „Räuber und Mörder". Da er.nicht zahlen kann, soll man glauben, daß . er ausgeraubt wurde. Der „Engländer" des Herrn Vr. Lueger. Im Abgeordnetenhaus hat der Bürgermeister von Wien letzthin verkündet, daß es leider derzeit ohne die Juden noch nicht gehe. Er hat damit allerdings nicht das glänzende Resultat gemeint, das seiue Sammlungen für die durch Ueberschwemmung Verunglückten gehabt haben. Er dachte an das Gasanlehen, das bis zur Stunde noch nicht placirt ist und das zu verschaffen Agenten in aller Herren Länder itms Herreisen. Als vor kurzer Zeit gemeldet wurde, daß der Herr Dr. Lueger sich mit einem fianzösischen Consortium ins Einvernehmen gesetzt hat, und als auch die Meldung in die Oeffentlichkeit drang, daß Einer jener Herren, die anläßlich des Panamascandals in einer Weise genannt wurden, daß man sie geradezu Pariser Vergani hätte nennen können, mit dem Herrn Bürgermeister in Verkehr getreten sei, da erfolgte eines jener prompten Dementis, durch die unser Bürgermeister gewöhnlich die Wahrheit des Behaupteten zu bestätigen pflegt. Nun hat sich aber herausgestellt, daß die französischen Panamistcn mit den Wiener Communal-Panamisten nichts zu thun haben wollen. Und Dr. Lueger scheint das nothwendige Geld in England zu suchen, trotzdem er die Engländer einmal die Juden Westeuropas genannt und das Schlagwort: „Fort mit den Engländern" ausgegeben hatte. An die Engländer ist aber schwer heranzukommen. Sie lassen sich auf riscante Geschäfte nicht ein, ohne sich genau insormirt zu haben. Durch besondere Sprachkcnntnisse zeichnen sich die derzeitigen Machthaber im Rathhaus nicht aus, und es ist bekannt, daß sogar das Französische den verschiedenen Strobachs große Mühe macht und sie an der Erfüllung ihrer Repräsentationspflichten hindert. Mit dem Englischen geht es wahrscheinlich nicht besser. Da muß es Herrn Lueger gefteut haben, daß er einen Engländer gefunden hat, mit dem er sich ganz gut auf Deutsch verständigen konnte, einen Engländer, mit dem er sich in irgend ein abgelegenes Zimmer zurückziehen konnte, ohne daß ein Dolmetsch zugegen sein muß. Dieser Engländer heißt Antonio N e wm a n n. Das klingt riesig englisch, ausgesprochen wird es so ungesähr wie Neumann und Neumann ist ein Name, der nicht weit hinter Kohn oder Löwy komnit. Antonio Newmann, der dem Herrn Lueger so sympathische Engländer, mit dem er sich über das Gasanlehen ausgezeichnet unterhält, ist im Herzen Englands, in der Stadt Raab, geboren. Raab Zeichnet sich durch seine Würste, durch eine altehrwürdige israelitische Gemeinde aus. Das ist die neueste Maskenredoute im Rathhaus. Antonio Newmann gleich Anton Neumann ans Raab, der Geldvermittler des Herrn Lueger. On revient toujours Wenn sich nur ein Jude findet, der Herrn Lueger eine Cravattennadel wieder anbietet. Es hat den Anschein, daß er sein Anerbieten nicht ein zweitesmal machen müßte, daß auch die Zeiten, in denen Dr. Lueger zur einst von ihm so geliebten Pfefferkugel zurückkehren könnte, wieder kommen. Der Anfang der Toleranz. Dr. Lueger hat freilich gelogen, wenn er letzthin sagte, daß er gegen die armen Juden nichts habe und nie einen armen Juden verunglimpfe und drangsalire. Die reichen Juden, die man anpnmpen und anschnorren kann, welche kleine Geschäftchen vermitteln, denen thut Dr. Lueger nichts, die kriegen ihre Ehrenkarten für Veranstaltungen. Sie brauchen kein besonders sorgfältiges Costume anzulegen, keine besondere, die krumme Nase verbergende Maske vorzubreiten. Antonio Newmann genügt, damit Herr- Lueger Arm in Arm mit Anton Neumann ans Raab die Gasgesellschaft in die Schranken fordern kann. Er tätzt Keinen fallen. Wer? Natürlich Herr Dr. Carl Lueger. Er sorgt für seine Leute. Er fürchtet, daß ihm zu Verganew, den er an seiner Seite behalten hat, den er nicht fallen ließ, an dessen Gemeindecassenvorliebe er keinen Anstoß nahm, die Gesellschaft fehle und darum läßt er Herrn Kuntschak auch nicht fallen. Herr Kuntschak hat dasselbe Mißgeschick gehabt, wie der edle Vergani. Auch er ist Leuten anheim gefallen, die „zufällig Geschworne" waren, die ihn zufällig für einen Ehrabschneider und Verleumder erklärten. Solche kleine Zufälle können die Laufbahn eines antisemitischen Würdenträgers nicht abschneiden, können der Carriere christlich-socialer Volksvertreter nicht abträglich sein. Herr Kuntschak ist ausgenommen worden! Er verdient jetzt erst recht das Vertrauen der Partei, er ist beinahe so verdienstvoll wie der Herausgeber des „Deutschen Volksblatt". Und darum hat er eine Vertrauenskundgebung erhalten, der sich der Herr Bürgermeister von Wien ganz anschloß. Und Herr Lueger hat recht, wenn er die Kuntschaks und Verganis nicht fallen läßt, denn, wie er in einer Frauenversammlung erklärt hat, haben die Orientalen, die Juden, die Christen von allen Gebieten verdrängt. Das mag richtig sein. Ein Gebiet ist aber den Christen ä la Vergani und Kuntschak geblieben, ein weites Gebiet,

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