Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021205--07065-3031376- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 722 Vr. Vloch's WochrnfchrM Nr. 36 daß es sich nur darum handle, daß wir uns selbst keine Vorwürfe zu machen haben, auf das Schroffste widersprechen. Dieser Hidalgostolz ist in unserem Falle bereits verstiegener Idealismus; vom Hidalgo bis zum Don Quixote ist nur ein Schritt. Wir sollten gar nicht darauf zu achten haben, welche Vorwürfe man uns machen könnte? Wer find wir, daß wir eine so stolze Sprache wagen sollen? Wir sind eine winzige Minorität. Wenn die Deutschen, wenn die Slaven trotzig das Urtheil der Außenstehenden verachten, so wissen sie, daß sie sich diesen Luxus leisten können; der Deutsche denkt unwillkürlich an sein stolzes Hinterland mit seinen fünfzig Millionen, der Slave an das heilige Rußland mit seinen hundertundzwanzig Millionen gehorsamsgewohnten Unterthanen. Ein Wille setzt jede von diesen Massen in Bewegung und dieser Wille müßte losgehen, wenn Stammesgenossen in ernster Gefahr wären, wovon ja in Oesterreich für. Deutsche und Slaven gar nicht die Rede ist. Welcher Staat wird dagegen auch nur einen Finger rühren, wenn wir Juden etwa wegen „unberechtigter Vorwürfe", oder weil unsere Zionisten in den Massen die tolle Idee hervorgerufen hätten, die Gesammtheit der Juden sehne sich nach Palästina, in die wirklich ernste Gefahr geriethen, aus dem Lande hinausgedrängt zu werden, in dem wir angeblich nicht bleiben wollen? Eine aus sich selbst gestellte und schon Millionenmale wegen diverser Mißverständnisse und erheuchelter Vorwände mit Brand und Mord bedrohte Minorität hat allen Grund, auch „unberechtigte Vorwürfe" zu vermeiden. Es gibt auch Justizmorde an Gesammtheiten, und dem Opfer eines Justizmordes ist das Unberechtigte des Vorwurfes ein geringer Trost für Schaden und Schande. Auch noch in anderer Beziehung sind wir in einer ganz anderen Lage, als die Deutschnationalen oder die Nurczechen rc. Auch i m Vaterlande sind wir ganz anders isolirt, als diese. Mitten in der grimmigsten Feindschaft kniet der Deutsche und der Czeche vor demselben Altar und hört das Wort desselben Priesters; derselbe Priester aber, vielleicht sonst ein verehrungswürdiger Mann, erzählt schon den Kindern von jener Passionsgeschichte, nach welcher unsere Vorfahren verlangt haben sollen, daß das Blut Christi über ihre Nachkommenschaft kommen möge; dieselbe Kindeslehre, die innerhalb der chrfftlichen Bevölkerung etwas letztes Gemeinsames im Unbewußten des Herzens begründet, säet eben dort Argwohn, Mißtrauen und Haß gegen den an sich schon unheimlichen Juden. An sich schon unheimlich, weil einer anderen Race angehörig! Man überlese sich nochmals in Treitschke's jüngst gesammelten „Deutschen Kämpfen" den bekannten Essay gegen Grätz; was wird ihm da immer wieder vorgehalten? Nicht der Glaube, sondern die Race; er ist und bleibt für Treitschke „ein Orientale, der unser Volk weder versteht, noch verstehen w i l l". Und da fragt dieser bei all seiner Einseitigkeit geistsprühende Gegner unseres Volkes noch recht naiv: „Warum haben so viele edle, hochbegabte Nationen die gemeinen, ja die diabolischen Kräfte, die in den Tiefen ihrer Seele schlummerten, gerade an dem jüdischen Volke und nur an ihm losgelaffen?" Die Antwort ist doch einfach. Ihnen war der Jude von jeher unverständlich, also unheimlich, weil er einer anderen Race angehört, weil Schmerz und Freude, Tugend und Laster bei ihm andere Formen annehmen, als bei unseren christlichen Mitbürgern. Da liegen dann die Mißverständnisse, die Gefahren der Verkennung besonders nahe. Wozu also noch ein Mißverständniß, eine Verkennungsgefahr? Darum ist gegenüber dem Herzlichen Judenstaat keine andere Haltung möglich, als klipp und klar herauszusagen: „Hier handelt es sich um den Spleen einiger Sonderlinge, aus dem ihnen gewiß von Staatswegen nicht der mindeste Vorwurf gemacht werden kann (These I), um eine Art jüdischer Freilandbewegung. Aber wir, die immense Majorität der Juden, haben mit diesem ganzen Spleen gar nichts zu schaffen. Es wäre uns kein berechtigter Vorwurf daraus zu machen, wenn wir uns nach einem palästinensischen Reiche sehnten, zumal bei den end- und rücksichtslosen Neckereien und Quälereien unserer Mitbürger. Aber wir verzagen nicht an der bessere:: Einsicht künftiger Zeiten; wir sehnen uns nicht aus den: Vaterlande weg nach einer uns nur durch Ueberliefernng bekannten Gegend. Den Scherz, mit ihrer Revanche zu bramarbarsiren, obwohl sie nicht ernstlich daran denken, können kaum die Franzosen erschwingen, das glücklichste Volk der Erde'; sicherlich nicht wir, das unglücklichste! Mit Siegmuud Mayer können wir nur auf das Entschiedenste hervorheben, daß ein etwaiger protestantischer Herzl in Innsbruck, der den protestantischen Tirolern die Auswanderung zumuthen würde, von dem gesunden Sinne derselben mit Hohn und Entrüstung abgewiesen würde. Auch wir sind der Ansicht, daß die Chancen des Judenstaates wegen Mangels aller Vorbedingungen gleich Null sind; es fehlen zum Judenstaat nach Bettelheim nur zwei Kleinigkeiten, nämlich die Juden und der Staat. Nach Mayer läßt sich kein frommer Türke mehr in Stambul begraben, weil das dauernde Reich des Propheten in Kleinasien liege; wie kann man da dem Sultan zumuthen, Palästina zn verkaufen, auf dessen Besitz übrigens die christliche und mohammedanische Welt mindestens ebensoviel Werth legt als die Masse der Juden! Auch darin hat Mayer Recht, daß man sich nicht in eine Unterschätzung des bereits Errungenen Hineinreden dürfe — was waren wir vor 50 Jahren! — noch weniger aber in eine Geringschätzung des erst zu Erringenden. Wenn unser verehrter Herr Gegner von dem Officierwerden so leichthin spricht, so wundert uns dies wirklich bei den Zuständen in: Deutschen Reiche. Man darf gering anschlagen, was man besitzt, nicht was man erst zu erkämpfen hat. Ebenso wenig haben wir Ursache, von der Entwicklung zum Ebenbilde der christlichen Cultur geringschätzig zu sprechen; große Massen innerhalb des Judenthums können nur auf diesem Wege zur Theilnahme an der Culturarbeit des Jahrhunderts gelangen; es ist gar nicht zu wünschen, daß sie dauernd nach ihrer jetzigen Fagon selig werden. Alle Culturvölker lernen von einander; warum sollten gerade wir Juden unser Können an unmögliche Ambitionen, statt an das Mitlernen setzen, au ein rivalisirendes Können, von dem wir schon so schöne Proben gegeben haben. Selbst Fürst Wrede in seiner überaus wohlwollenden Darstellung findet, daß Dr. Herzl in seiner Broschüre die Behauptung, daß die Juden ein Volk seien, stärker betont, als es die Klugheit gestatte. „Dieses stolze Wort gleicht einem zweischneidigen Schwert." Denn ist man untereinander ein Volk, so ist man unter den Anderen ein fremdes Volk. Aber Fürst Wrede tröstet sich. Früher habe er nicht absehen können, wie der Staat sich in seiner Verlegenheit in der Judenfrage verhalten solle. „Der moderne Staat ist gegen Israel völlig waffenlos", weil im Falle einer Judenbedrückung Geld und Geist der Juden für den socialen Umsturz arbeiten würden; aber warum sollte der Staat sie hindern, ihr Reisebündel zu schnüren? Früher schien es, daß man den Juden als reichen Consumenten oder Unternehmer nicht entbehren könne. Jetzt ist Fürst Wrede auch darüber beruhigt. Seit Herzl weiß man, daß die Christen einfach in die verlassenen Stellungen der Juden nachrücken werden. Als ob das.so leicht möglich wäre! Aber man sieht, wie Recht Mayer hat, wenn er davor warnt, den Regierungen und Völkern die Jdce Herzl's als möglichen Ausweg aus der antisemitischen Verlegenheit hinzustellen. Wir haben schon ein Martyrium zu tragen, das unseres Glaubens; wozu noch ein zweites hinzufügen, das des Glaubens der Anderen, daß sie in unsere sehr überschätzten Positionen