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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-08-13 · 33 (13.8.1897) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
33 (13.8.1897)
Date
1897-08-13
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 684 Vr. V Lochs Wochenschrift Nr. 33 Verzweifelnd standen die Eltern an der Bahre ihrer Lieblinge. Umsonst rief Nathan feiner Frau tröstend zn: „Siehe diese Knaben; sie sind geliehene Schätze von Gott, er hat sie zurückverlangt. Sein Wille geschehe. Der Herr hat's gegeben, hat's genommen, sein Name sei gelobt!" Aber Hanna konnte sich nicht trösten. Sie klagte ja nicht, sie hatte keine Thränen. aber die blühend gesunde Frau ward in wenigen Tagen blaß und welk, sie schien unter der Last des Kummers zusammenznbrechen. Als man ihre Lieblinge an einem sonnenhellen Sommertage in die Erde bettete, als der Vater mit dem kleinen Jacob vereint am Grabe das Kadischgebet sprach — und der alte Rabbi und die ganze Gemeinde erfüllt von Trauer und Mitgefühl einstimmten', als sie heimkehrten mit dem Riß in den Gewändern zum Zeichen der Trauer — und sich auf die niederen Schemel setzten, da glaubte sie, daß ihr Herz gebrochen sei. daß kein Sonnenstrahl je wieder es zu neuenr Hoffen und Wünschen, zu neuer Lebenslust erwecken würde. Und doch lernte sie beten, ihren Pflichten nachgehen und ihren Einzigen hüten, den Gott ihr noch gelassen. Für ihn betete und fastete sie, für ihn sorgte und sparte sie. Und Jacob wuchs heran zur Freude seiner Eltern und Aller, die ihn kannten. Der Vater hatte nicht geklagt, nicht gejammert. Er hatte im Studium des Talmud Ruhe und scheinbar Vergessen gesunden. Der alte Rabbi lud ihn oft zu sich ein und Beide vertieften sich dann in der Auslegung verschiedener tiefsinniger Gedanken und Aussprüche. Nur das heilige Buch allein konnte erzählen von den heißen Thränen, die oft auf die vergilbten Blätter gefallen. Nathan litt tief und still und seine ganze Lebenskraft war gebrochen. In seinem Beruf zog er sich eine Erkältung zu und ein langsames, wohl ganz unbedeutendes Lnngenübel erschwerte ihm seine amtlichen Verrichtungen. Den letzten schweren Winter war das Uebel plötzlich derart geworden, daß es ihn in einigen Wochen dahinraffte. Vor wenigen Tagen hatte man den allbeliebten, bescheidenen Mann zur Ruhe gebettet und Hanna und Jacob waren am ersten Freitagabend allein — verwaist. Die Mutter fuhr aus tiefem Sinnen aus. Der Knabe war in ihrem Schooß eingeschlafeu. Das blasse Gesichtchen machte mit den schmerzlich verzogenen Lippen einen recht, recht traurigen Eindruck. Es war kein liebliches Knabengesicht. Kumnrer und Schmerz hatten sich darin ein gegraben und ließen es alt und frühreif erscheinen. Hanna blickte sorgenvoll auf ihr letztes Kleinod herab. Sie nahm sich vor, das Kind zu zerstreuen, zu ermuthigen, es von den schweren, traurigen Gedanken abzulenken. Als Jacob erwachte, sah sie ihn lächelnd an. „Ich glaube, mein Sohn hat geschlafen," versuchte sie zu scherzen. „Komin', mein Kind, wir wollen das Nachtmahl verzehren, dann gehen wir zur Ruhe. Die Lichter sind schon ganz niedergebrannt und im Ofen ist das Feuer erloschen. Es ist bitterkalt." Sie richtete das einfache Mahl an. Die Barches lagen schon auf dem Tische, mit einem sauberen Tuche bedeckt. Der Wein, der sonst stets vorhanden, fehlte. Des Vaters Krankheit hatten die letzten geringen Mittel aufgezehrt. „Nun bist Du der Hausherr, mein Kind," sagte die Mutter und versuchte zu lächeln, „mache Mauze und theile das Brot." Gehorsam nahm der Knabe das Käppchen und sprach leise den Segen und reichte das Brod der Mutter. Beide versuchten zu essen, doch sie konnten die Bissen nicht hinunterbringen. Sie sahen einander traurig an. Plötzlich schlang der Knabe seine Arme um den Hals der stillen bleichen Frau und sagte: „Sei muthig, mein geliebtes Mütterchen, Gott ist ja mm doppelt unser Vater, er nimmt sich der Witwen und Waisen an, wie es in der heiligen Schrift steht. Ich werde lernen und fleißig sein, dann werde ich Dir alle Sorgen abnehmen, Dir ein Hänschen bauen, Dir einen weichen Sitz bereiten am schönen hellen Fenster. Niemand darf Dich bedienen als nur ich allein und dann wirst Du wieder froh werden, denn ich werde Dich auch so sehr, so sehr lieb haben, doppelt für Alle, die nun nicht mehr bei uns sind." Des Knaben dunkle Augen glänzten von innerem Glück und Stolz, er glaubte, das schöne Ziel bald zu erreichen. Er plauderte fort und fort und die Mutter freute sich, daß er für kurze Zeit seinen Schmerz vergaß. Inzwischen hatte er auch seine Mahlzeit verzehrt, dann sagte er sein Nachtgebet und Beide legten sich zur Ruhe. Hanna schlief nicht. Schwere Sorgen hielten sie wach. Sie wußte nicht, wie sie hinreichend Brot für ihr Kind erwerben würde und sie hatte es ihrem Gatten gelobt, den Knaben lerneil zu lassen. Sie mußte durch ihrer Hände Arbeit sich und das Kind erhalten. Regungslos lag sie da und starrte trostlos in die Dunkelheit hinein. Jacob war bald in tiefen Schlaf gesmrken. — Der Sabbathmorgen hatte Jacob wieder in's Gotteshaus gerufen. Er stand neben dem Cantor, der jetzt die Stelle seines Vaters eingenommen und sang mit zitternder Stimme mit den Andern. Der alte Rahbi und der Cantor waren an den Altar getreten. Die Thorarolle wurde herausgenommen und der andächtigen Gemeinde, die sich von den Sitzen erhoben hatte, kündete mit lauter Stinnne der Sänger: „Und es geschah, als man ansbrach mit der Buudeslade, da sprach Moses: Erhebe Dich Ewiger! Daß sich zerstreuen Deine Feinde und flüchten, die Dich Haffen vor Deinen! Angesichte. Denn von Zion geht die Lehre aus und das Wort des Ewigen von Jerusalem." — „Gelobt sei der Ewige, der ertheilt hat die Lehre seinem Volke Israel in seiner Heiligkeit", sang der Chor. Der Cantor setzte fort: „Ewiger! Ewiger! Gott! Barm- > herzig und gnädig." Einen Moment lang ward es still in dem weiten Raum, dann sang eine helle Knabenstimme: „Langniüthig und reich an Huld und Treue". Und dann sangen alle zusammen: „Der bewahrete seine Huld bis in's tausendste Geschlecht, der verzeiht Sünde, Missethat und Vergehen." — (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. Julius Lunzer, London. Wir bestätigen dankend den Empfang Ihrer Sendung vom 4. August. Besten Gruß. S. tt. Gloggnitz. Die laudwirthschaftliche Schule in Ahlen bei Hannover ist vom Herrn Konsul S. Simon in Hannover gegründet und derselbe ertheilt bereitwilligst jede gewünschte Auskunft. Abiturient. Ein Vcrzeichniß der jüdischen Gemeinden finden Sic inr Kalender der „Oesterreichisch-Jsraclitischen Union." Herr M. N., Wien. Ihr Vorschlag ist sehr edelmüthig, aber höchst inopportun. Der antisemitische Mob würde dann nicht nur aus der Grippe des christlich-socialen Hilfscomites, sondern auch aus jener des Judcn-Comites gefüttert werden. Wer den von uns angegebenen Weg nicht betreten will, möge seine Spende dem Statthalter übergeben. — Der Jude K o h u t annoncirt in dein antisemitischen Schandblatte „Kikeriki" ein — ch r i st l i ch c s W e i n g e s ch ä f t. Jeder anständige Mensch wird sich über diesen — Herrn sein Urtheil bilden. M. B.> Wien. Sie benrtheilen die Sache ganz richtig. Die Dbatsache, das; der Kaiser wiederholt Anlaß nahm, die Donanregulirnng als einen Segen für Wien zu preisen, mußte auf.Herrn Lueger, der als Oppositionsführer dieses Werk bei jeder Gelegenheit in der gehässigsten Weise hernntermachte, geradezu niederschmetternd wirken. Daß der Monarch dem Manne, der die Lüge: „Mein lieber Tr. Lueger" unwidersprochen in die Welt setzen ließ, in dieser indirectcn Form eine Zurechtweisung crtheilte, ist allgemein empfunden worden. Auch die glänzende Anerkennung, die der Kaiser in Anwesenheit des Antiscmitenhäuptlings den Verdiensten des Oberbanrathes T a n s s i g zntheil werden ließ, ist eine höchst charakteristische Episode dieser Nnndfahrt. G. W—r, Wien. Der Kremser Staatsanwalt ist ein großer Menschenkenner. Er hat aus formellen Gründen die Anklage gegen Vergant nicht erhoben, in der Begründung aber Folgendes angeführt: „Wenn erwogen wird, daß nach den Erhebungen Ernst Bergan i zur fraglichen Zeit, wie aus den c o n t r a h i r t e n Schulden und den V ersuche n, Schulden zu m a ch en, lvas insbesondere ans den Briefen an Georg S ch ö n e r e r und denk bei diesem aufgenommencn Darlehen hervorgeht, sich in sehr mißlichen Vermögensverhältriissen befand, so liegt d e r B e r d a ch t n a h e, d a"ß er G e m e i nd e g c l d e r s iir s i ch verwendet, also v e runtre u t h a t. A l l e i n es kannnichtmitSicherheitfestg e st e l l t w e r d e n, w e l ch e n Betrag Vergant w i r k l i ch veruntreut hat und wie viel etwa auf eine ungenaue Buchung oder uugeuaue Einhebungen der Ilmlagen zurückzuführen ist". Das genügt! Emil V—t Wien. Tie Nichtbeeidigung Vergani's sagt genug! — Ter Mann leidet plötzlich an einem sehr schwachen Gedächtniß. Er kann sich nicht erinnern, wie viele Obligationen er als Bürgermeister von Mühldorf übernommen hat, und er wird erst nach Vorweisung der Bücher zu denl Geständnisse gebracht, daß eine dieser Obligationen verschwunden ist. Auch der Widerspruch zwischen der Eassenbestätigung, lvelche aus fünf Obligationen lautete, während er seinen! Secretär sechs Obligationen übergeben haben will, ist ihm nicht ausgefallen. Der arme Vergani ist eben in Geldangelegenheiten gar so unerfahren! Herrn E. I., Wien. Derlei Aufrufe müssen von einer Corporation und .nicht von einer einzelnen Person ansgehen. — Nr. 2 erledigt sich durch unseren heutigen Leitartikel. tzer«l»g«ber «. veravtto. Redacteur: Josef S. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn. Wien. VJ1J., Lerchen'elderstr *6,

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