Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-30 · 31 (30.7.1897) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
31 (30.7.1897)
Date
1897-07-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021200--06977-3031283
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 31 Vr. BLoH'» WortzrnschrM Seite 639 Da trat eia Umschwung m den Verhältnissen ctit. Stenbock zog mit seinem König Karl XI (1697—1718) nach Deutschland und gerieth schließlich in Schleswig-Holstein in die Gefangenschaft des dänischen Königs, wo er 1717 starb. Äon seinem Gefängniß ans aber schrieb er an seinen König, dessen Gunst er sich allezeit zu erfreuen gehabt hat, sich seines verwaisten Adoptivsohnes, an dem er Vaterstelle übernommen habe, anznnehmen und ihm seine Gunst zuzuwenden. Der dankbare König willfahrte seinem unglücklichen General, und so sehen wir Abraham Granbom im Jahre 1715, im Alter von 35 Jahren, als Bürgermeister der Stadt Linköping. Obgleich Granbom sein Amt mit großer Gerechtigkeitliebe und Unparteilichkeit verwaltete und dafür überall Liebe und Verehrung begegnete, fand er doch in seinem Berufe nicht hinreichende Befriedigung. Und als er sich einmal des als Kind seiner Mutter gegebenen Versprechens erinnerte, beschäftigte er sich fortan anf,s Eifrigste mit dem Alten Testament und besonders mit den „fünf Bachern Mosis", wie es ihm die sterbende Mutter ans Herz gelegt hatte, Zind so nahm seine Hinneigung zur jüdischen Religion immer mehr zu, woran ihn auch seine lutherische, biedere Gattin, nicht im Mindesten störte, sondern eher noch unterstützte. Aus der Ehe mit derselben gingell ^ünf Söhne und zwei Töchter hervor, die alle biblische Namen führten: Isaak, Matthias, Daniel re., Sarah und Lea und gleichfalls lebhaftes Interesse für den israelitischen Glauben in ihrem Innern empfanden. An Stelle des Sonntags ward in Granbom's Haus der Sabbath heilig gehalten und nur Fleisch von in der Bibel erlaubten, sogenannten „reinen" Thieren gegessen. Nur hin und wieder gingen sie in die Kirche, nicht aus Liebe zur angeerbten Religionsanschaunng, sondern aus Furcht vor den Nachstellungen der Gegner. Besonders war es die lutherische Geistlichkeit, die von Granbom's Beschäftigung und Ideen Kenntniß erhalten hatte und ihm viel zu schaffen machte, indem sie die Gläubigen ihrer Kirche gegen die Familie des angeblichen Apostaten ailfreizteir. Als ihre Bestrebungen aber auf Granbom keinen Eindruck machten, drohteik sie ihr» mir Denunciation bei der Regierung, da es Gesetz war, daß, wer vom lutherischen Glauben zu einem anderen übertrete, dem Tode verfallen sei, wenn er nicht durch die Gnade des Königs die Erlaubniß erhielt, auszuwandern. Mit diesem Gedanken trug sich auch Granbom; er wollte sobald als möglich Schweden verlassen und in einem religiousfreiheitlichen Lande zum Judenthum übertreten. Als er seine Gattin fragte, ob sie damit einverstanden und mit den Kindern dazu bereit wäre, antwortete sie: „Dein Gott sei mein Gott, und wohin Du gehst, null auch ich gehen!" Als nun die Geistlichkeit sah, daß alle ihre Bemühungen fruchtlos waren, sandte sie zu Granbom einen gelehrten Collegen, der sich mit ihm in einen Religionsdispnt einlassen sollte. Vor versammeltem Publicum begann dieser: „Glaubst Du uns Sand in die Augen streuen zu können? Wir wissen wohl, daß Du uns abtrünnig werden willst. Aber sage uns, was Dich dazu treibt, unseren Glauben aufzugeben und Dich einem anderen zuzuwenden, der doch von allen Völkern verachtet wird und dessen Spuren man in Bälde nicht mehr wahrnehmen wird?" Granbom blieb dem Geistlichen die Antwort nicht schuldig: treffend antwortete er: „Warum erscheint Dir die jüdische Religion so gering, und weshalb äußerst Du Dich so maßlos abfällig über dieselbe? Ist sie nicht die erste, in der sich Gott der Menschheit offenbarte, und ist sie nicht in altheiligen Schriften niedergelegt und begründet? Und sind nicht die später entstandenen Religionsauschauungen nur aus ihr hervorgegangen? Kann man aber einen Acker bestellen und das Samenkorn zur Reife bringen, wenn inan den Boden ständig umwühlt?" Als nun der Geistliche entgegnete, daß ja die Inden selbst den Bund Gottes preisgegeben und Gott einen neuen mit der Menschheit geschlossen, während die Spuren des alten sich immer mehr verwischten, da erwiderte Granbom: „Wenn Du auch Recht hattest, daß Israel den Bund mit Gott verlassen, hatda auch Gottihn aufgegeben? A e n d e r t ü b e r h a u p t d e r allmächtige Gott, w i e ein Mensch seine Gedanken? Und weißt Du nicht, daß Christus selber offen erklärt hat, daß er nicht gekommen, um zu lösen oder auch nur das Geringste von dem zu ändern, was der ewige Gott gesprochen? Und jener war doch nur ein Menschensohn, der nach fiidischem Gesetze lebte und starb. Warum weichst Du also von seinen Wegen ab und verspottest diese alte und heilige Religion?“ Da nun der Geistliche betroffen die Antwort schuldig blieb, erklärte Granbom vor allen Anwesenden, daß er die Absicht habe, auszuwandern und zum Jndenthum überzutreten. Doch die Sache ging nicht so leicht. Als er bei der Regierung um die Erlaubniß nachsuchte, Schweden verlassen zu dürfen, und sich einen Entlassungspaß erbat, wurde er abschlägig beschieden. Aber sein ältester Sohn, der eine Officiersstelle im königlichen Heere bekleidete, erwirkte dem Vater schließlich von König Friedrich t. (1720—1751» nach zwei Jahren (1749) das Gewünschte, und nun sandte Granbom seinen zweiten Sohn, welcher Arzt war, nach Kopenhagen, wo viele Inden wohnten oder von außerhalb hinkamen, um bei ihnen über die beste Art und Richtung seiner Auswanderung zwecks Ausführung seines weiteren Vorhabens eingehende Erkundigungen einzuziehen. Im Hanse des Elias Ni'megen traf der Sohn einen Anisterdamer Großkanimann, namens Elias Abraham Daniels, welcher ihm von dem angenehmen, in freiheitlicher Hinsicht herrlichen Leben der Inden in Holland erzählte, denen die Regierung alle bürgerlichen Rechte neben ungeschmälerter Religionsfreiheit eingeräumt hätte. Als Granbom diese Mittheilungen erfuhr, verließ er 1749 im Alter von 69 Jahren mit seiner 64jährigen Gattin, seiner jüngsten 14jährigen Tochter und seinem jüngsten, 12 Jahre alten Sohne, Schweden und traf mit ihnen wohlbehalten in A m st e r d a m ein. — Bald nach seiner Ankunft begab sich Granbom zu dem damaligen Gemeindevorsteher Elias de Lim a, dem er alle seine Erlebnisse erzählte und sein Anliegen vortrug, ins Jndenthum ausgenommen zu werden. Lima aber r»eth nach der 'Anweisung der talmudischen Weisen von diesem. Schritte ab: als aber Granbom tagtäglich zu ihm kam und ihn immer nachdrücklicher bestürmte, ging er mit ihm zu dem damaligen berühmten Amsterdamer Oberrabbiner Arjeh Lob Löwenstam < gest. 21. Nissan 5515—1755), der, nachdem er sich von der Lauterkeit der Absichten Granbom's überzeugt hatte, ihn und die ihn begleitende Familie ins Jndenthum aufnahm. Er erhielt den Vornamen A b r a h a m, sein Sohn Ahron Moses Isaak und seine Tochter Lea. Als Granbom und seine Frau 1751 starben, nahm ein angesehener Amsterdamer Jude Lea an Kindesstatt zu sich ins Hans, während Isaak zu Rabbi Beer gebracht wurde, um bei diesem talmudischen Unterricht zu erhalten. Isaak sprach später, hin von diesem seinem Lehrer stets mit Ehrfurcht und erwarb sich bald einen guten Ruf, den er schon bei seiner 1750 erwlgten Confirmation durch die Recitation der ganzen fälligen Zidra (Pericope, Wocheuabschnitt des Pentateuch) und seinen talmndischen Vortrag begründet hatte. Was nun die in Schweden zurückgebliebenen Kinder Abraham Granbom's anbelangt, so kam der vierte derselben nn Jahre 1753 als 18jähriger Jüngling mit seinen beiden Schwestern, welche im Alter von 20, respective 22 Jahren standen, nach Amsterdam und traten daselbst zum Judenthum über: 1763 begab sich auch der dritte der Brüder, welcher bisher als Kaufmann in Schweden gelebt hatte, ebendahin, von wo er, nachdem er Jude geworden, nach Italien zog; dort erlag er einer ihm beigebrachten Vergiftung. Der Aelteste, der, wie erzählt, königlicher Officier war. starb zwar als Lutheraner, verweigerte jedoch vor seinem Tode die Annahme des Abendmahls, so daß zeitgenössische Schriftsteller berichteten, er sei zwar tapfer als Officier gewesen, aber schwach im Glauben und — er sei nicht in den Himmel gekommen. Auch der zweite Sohn, welcher Arzt war, war Lutheraner geblieben, befahl aber vor seinem Tode seinem Sohne und seinen/beiden Töchtern, ebenfalls nach Amster dam zu gehen und, dem Beispiele seiner seligen Eltern folgend, zum Judenthum überzutreten. Sie leisteten auch seiner Aufforderung Folge, kanien 1797 nach Amsterdam, wo sie von ihrem Oheim Isaak, der inzwischen von einer der dortigen Gemeinden zum Rabbiner gewählt worden war, in's Judenthum ausgenommen wurden. Isaak heiratete die eine seiner Nichten, während sich die andere mit einem englischen Inden vermählte, ihr Bruder, der nach seinem Großvater Abraham genannt wurde, heiratete ein Mädchen aus der Amsterdamer portugiesischen Gemeinde und wurde ein angesehener Kaufmann. So waren in einem Zeitraum von 48 Jahren 11 Mitglieder der Granbom'schen Familie, fünf männliche und sechs weibliche, znm Jndenthum rrbergetreten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.