Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 31 (30.7.1897)
- Date
- 1897-07-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Centralorgsn für die gefammten Interesten des Iudenthums. Dr. Bloch’s Kr. 81. Jahrgang XIV. K. k. Postspsrksssrn-Amt > Clearingverkehr Nr. 810.976. Drdsrtton und Admtnistrstion: Wir« I Untere NugaZitenSrntzr l». ) Telephon - Nr. 6535. — ES ---- -^- Wien. BO. Juli 1897. Erscheint jeden Freitag. -- Bries-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegrauim-Adrcsse: Bloch's Wochenschrift Wien. Se;ug»vrris für Oesterreich.- Halbjährig 4 fl. --- S Jlr. Einzelexemplare 35 ft. Für'» Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Jft. ganzjährig 10 „ 30 „ Anzeig en: Die 4mal gespaltene Petitzeile 13 ft. Inhalt. Leitartikel: Jüdische Turner in Reichenberg. — Max Anton Lueger. Ter Streit um Zion. — Tie Inden im griechisch-türkischen Kriege. — Aus Amerika. — Lazar, der Prügelknabe. Tie sociale Trage im Lichte der Philosophie. Erwerbsteuererklärnng. — Gill schwedischer Proselm. Korrespondenzen: Wien, Budapest, Prestbnrg, RoLnau, Strastburg, Kappeln, Paris, Algier, London, Bombay, Rew-Pork, Montreal, Philadelvbia. — B e r m i s ch t e S: Wien, Kaaden, Berlin, Frankfurt a. M., Breslau, Stuttgart, Kimberley, Süd-Afrika, Pertb. — Fenilleton: Federzeichnungen aus der Gaffe. — Die bessere Welt. — Briefkasten. — Inserate. Indische Turner in Reichenverg.*) Reichenberg, 27. Juli. An dem vom 24. bis 26. Juli hier abgehaltenen Kreisturnfeste des XV. (deutsch-österreichischen) Turngaues haben neben den Vertretungen deutschnational-antisemitischer Turnvereine auch zahlreiche Juden theilgenommen. Das ist gewiß eine markante und interessante Thatsache, umsomehr, als ja das Reichenberger Kreisturnfest angesichts der Lage der Dinge in Böhmen einen vorwiegend politischen Charakter an sich trug. Und die jüdischen Turner haben nicht nur beim Preisturnen manchem Vollblutarier tapfer den Rang abgelaufen, sondern sie haben auch bei den öffentlichen Kundgebungen tüchtig mitdemonstrirt für das bedrohte Deutschthllm. Es gibt also, so höre ich fragen, noch immer Juden, die sich nicht ausschließlich als solche, sondern auch noch als Deutsche fühlen, obwohl der Antisemitismus ein specifisch deutsches Gewächs ist? Ja, das praktische Leben folgt nicht immer den Schlagworten der Parteien. Zwischen National-Judenthum und Assimilations-Theorie gibt es noch manche Zwischenstation, an der man nicht achtlos vorübergehen kann. Unsere Glaubensgenossen in den Sudetenländern gehören in Bezug auf ihren Glauben und auf ihr jüdisches Bewußtsein zu den treuesten und zähesten, in Bezug auf ihr politisches Verständniß zu den fortgeschrittensten und reifsten. Sie denken nicht daran, ihr Judenthum zu verleugnen, sie bekennen sich stolz und frei zu dem Glauben ihrer Väter, aber die Meisten von ihnen fühlen sich auch als Deutsche und empfinden jeden Schlag mit, der gegen das Deutschthum in Oesterreich geführt wird. Ist das ein Unrecht? Ich höre die Verdammungsrufe von rechts und links, ich sehe die Fanatiker des Nationaljudenthums auf der einen und jene des Abstinenz- Stratagems auf der andern Seite die Stirnen runzeln. „Der Jude muß seine eigene Nationalität Hochhalten!" *) Wir geben dieser Zuschrift vollinhaltlich Raum, obwohl wir nicht in allen Plmkten mit derlelben einverstanden sind. — Anm. d. Red. „Der Jude darf gar nicht national, er muß Kosmopolit sein!" — Ja, wenn sich das Eine und das Andere nur so leich: decretiren, wenn sich die Ergebnisse einer fünfzigjährigen Entwicklung mit einem einzigen Federzuge weglöschen ließen! Seit der Emancipation des Jahres 1648 kämpft der Jude in den Sudelenländern vereint mit den arischen Deutschen um die Behauptung seiner staatsbürgerlichen Rechte, um die Vortheile, die ihm durch die Aneignung deutscher Bildung zu Theil geworden sind. Und die Errungenschaften dieses halbhundertjährigen Kampfes sollte er leichten Herzens preisgeben, weil etliche Tausend antisemitischer Stänkerer den deutschen Namen geschändet haben? In diesem heißen Ringen hat er es gelernt, jede Position festzuhalten, solange noch eine äußerste Möglichkeit dazu vorhanden ist. Und so haben denn unsere Glaubensgenossen auch in Reichenberg ihren Mann gestellt, nicht um zur Folie des Antisemitismus zu dienen, sondern um sich ihres guten Rechtes zu wehren, um Zeugniß dafür zu geben, daß sie sich als gleichberechtigte Bürger dieses Staates fühlen und sich weder freiwillig noch mit Gewalt in den Winkel stellen lassen. Sie stehen auf ihrem Posten — tisque ad fioem. Und die Thatsachen haben bewiesen, daß sie recht daran thun. In der gestrigen Berathung des Kreisturnrathes haben selbstverständlich die teutonischen Judenfresser einen Einbruch versucht. Ein Dr. Hirth aus Auspitz in Mähren brachte den Antrag ein: „Der Kreisturnrath erkläre es als nothwendig, daß die Vereine desXV. Turngaues nu r D e u ts ch e arischer Abstammung aufmehmen und empfiehlt allen Gauen und Vereinen, bis zum nächsten Kreisturntag ihre Satzungen diesbezüglich abzuändern." Der Antrag wurde nach lebhafter Debatte mit 67 gegen 47 geworfen. Die jüdischen Vertreter wiesen ihren Gegnern tapfer die Zahne. Herr Singer aus Wien erklärte, daß die Juden ihre deutsche Gesinnung sich von Niemandem streitig machen lassen. Stürmischen Beifall erntete Herr S t r a ch e aus Warus dorf, welcher betonte, daß es gerade unter den gegenwärtigen Verhältnissen durchaus nicht am Platze sei, nunmehr auch Zwist in die große deutsche Turnerschaft Oesterreichs zu tragen.