Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 28 (9.7.1897)
- Date
- 1897-07-09
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 588 Br. Nwch's WochvnschrM Nr. 28 „Lea schlief längst mit einem Lächeln auf den Lippen; ihr Mund glich einer Erdbeere, auf die im Dunkel des Waldes ein flüchtiger Sonnenstrahl gefallen. * * * Einige Tage später kam Aron in Begleitung eines jungen Mannes, den er als seinen Schüler vorstellte. Er hieß Israel Weinberger, war groß und schmächtig und sein blasses, von einem dunklen Bärtchen umrahmtes Gesicht hatte einen Zug früher Müdigkeit und Weltfremdheit, jene Physiognomie hatte es, die sich bildet in einsamen, freudlosen Studierstuben. Israel war schüchtern wie ein ganz junges, jüdisches Mädchen, etwas gebeugt in seiner Haltung, nachlässig in seiner jüdischen Kleidung. Er war das Kind bigotter, unwissender und armer Eltern, die chren einzigen schwächlichen Sohn für eine Leuchte, für einen Charif aulom1), eine Zierde der jüdischen Gemeinde hielten, denn er hatte einen Kopf, einen Kopf. „Was kann er nicht alles, lebendiger Gott!" schwärmte seine Mutter Chane Riste oft ihren Nachbarn gegenüber, „ganz Schaß und Taußfeß und Pnei Jeschue?) — auswendig — a Lecht ihm im Punyn?) — und Deitsch und Polnisch will er gar nicht anschauen, nur Rechnen hat er gelernt und Sie wer'n sehen, a Kalles wird er bekommen, eine in der Welt!" Mit sechzehn Jahren verheirateten sie ihn; seine Braut zählte vierzehn Jahre und bekam 600 fl. Mitgift. In der Zeit ihrer vierjährigen Ehe brachten es die Beiden nicht einmal zu einem Freundschaftsverhältniß. Für den Lebensunterhalt sorgten die beiderseitigen Eltern. Israel saß den ganzen Tag über in seiner Studierstube und lernte im Geheimen Deutsch und verliebte sich in „Nathan den Weisen", seine Frau kochte und ging zweimal des Tages in's Bethaus. Nach Verlauf eines vierjährigen Ehelebens hatte Chajemel der Lichtzieher, der Schwiegervater Israels, eine geheime Unterredung mit ihm. „Jsraellebeu, sich Hab' mit Dir ein ernst Wort zu reden. Weißt Du, was ich will? Gettt) Dich mit Jitten — es helft nischt — gett' Dich! Waih is mir, schon vier Jahr' seid Ihr verheiratet — und Ihr habt nischt a Stückel Kind — ich schäm' mich für die Leut' das Punym auszuheben, man lacht im ganzen Städtel über mein arm' Kind. Pfui, aus Dir Srul, schäm' Dich — es Hilst nischt — gett Dich! Was Hab' ich von Dein Lernen und von Dein gitten Kopf, wenn ich Hab' von Dir kein Enekel — es Hilst nischt, gett Dich!" Und die beiden Eheleute schieden von einander genau so gleichgiltig, wie sie zu einander gekommen. „Was kann man er warten von ein groben Jing'si von Chajemel, dem Lichtzieher", sagte Israels Mutter dann zu den Nachbarn, die sie stichelten, „wahrscheinlich will der Oberster, mein Kind soll a größer Glück machen, ich verhoff' zu Gott. ." Allein, es vergingen zwei, drei Jahre und Israel dachte nicht entfernt daran, sich noch einmal zu verheiraten. Es war ein Buch, dem er seine ganze Liebe gewidmet, das ihn gefangen nahm und das in sein graues Leben eine Seligkeit und Süße brachte, die er bis jetzt nicht geahnt, es waren Heine's Lieder, die wie Thau kamen in seine vertrocknete, ver kümmerte Seele, daß sie Flügel bekam und Jugend und Melodien. Seine Sinne erwachten und er sah die Farben des Lebens und er fühlte seinen Dust, seine Bitterniß und seine Süße. „Gewalt, Chane Riste, Gewalt", schrie Israels Vater eines Tages auf, als er seinen Sohn belauscht hatte, als er laut vor sich hingelesen, „ich wollt' gewollt schon liegen in der Erd! Was Hab' ich d'erlebt! Mein einzig Kind gibt sich ab mit trete pussel7), ich werd' nicht aushallen die Bische^), mein Kind kann noch werden a Goj, a Meschumedsi". Das Martyrium Israels begann, sein Vater fluchte und drohte ihm, seine Mutter suchte den Wunderrabbi von Belz auf, ihn um seine Hilfe zu bitten, sie weinte und flehte, — es half nichts. „Gott ist mit Dir, Jsraelleben", bat Chane Riste — „was ist mit Dir geschehen, machst uns Schand' — Deine arme Mame wird sterben vor der Zeit, Hab' Mitleid, werf weg die passkidne10) Bücher, werd' wieder a Mensch und heirate. Du zerschneidest mein Mutterherz mit a Messer. Thu es mir zu Lieb', süßer Sohnleben." „Was wollt Ihr von mir, wodurch mach' ich Euch Schande, bin ich ein Gaues''), ein Kartenspieler?" „Gott soll behüten, was sprichst Du für Worte?" ') berühmten Gelehrten. 2) Talmud und Commentare. 3) Gesicht. 4) Braut. 5) Scheidung. °) Grobian. 7) Profane Bücher. 8) Schande.!l) Abtrünniger. ,J) Abscheuliche. ”) Dieb. „So laßt mich in Ruh'", schrie Israel. „Weih, ich werd' mich schlagen in Kop a rein, mein Sohn is meschugey, a Dibiky ist in ihm — weh ist der Mamen". Und sie weinte bitterlich. „O Mutterl, süßes, wein' nicht und thu mir nicht weh — wenn Du mich lieb hast, laß mir meine kleine Freude, es ist nichts schlechtes dabei — oder hast Du mich gar nicht mehr lieb?" - (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. Dr. L., Lemberg. Jbren Artikel über die Brieskastennotiz ini „Jüdischen Literaturblatt" können wir leider nicht publiciren. Es scheint uns nicht an der Zeit, derlei Dinge vor aller Welt auszutragen. Fabrikant. Ihre Anfrage, ob die Erwerbsteuererklärung den Parteien zugesendet werden wird, ist in unserem heutigen Artikel bereits beantwortet. Wie daraus ersichtlich, muß sie bei der Steneradministration, auf dem Lande ber der Bezirkshauptmannschaft abgeholt werden; auch eine Anweisung zur Ausfüllung kann man gleichzeitig mitbekommen. Gustav W—r. Sie irren sich. Der Terminhandel ist keine spccisisch jüdische Einrichtung, sondern die Form, in welcher unsere arischen und hochfeudalen Grundbesitzer ans den Ausfall der Ernte spcculiren, die sic im Voraus zu Geld gemacht haben. Jede Art von Hazardspiel, also auch dieses, ist arischen Ursprungs. Die alten Germanen würfelten um Haus und Hof, um Weib und Kind. P. 91. Sie fragen, wie es komme, daß der österreichische Miillertag ein ausgesprochen antisemitisches Gepräge hatte? Die Bezeichnung ist nicht ganz richtig. Der Miillertag lief gegen die staatsrechtlichen Grundlagen der österreichisch-ungarischen Monarchie Sturm und verlangte in ziemlich unverblümter Form statt der Realunion, die Personalunion. Auch Tr. L n e g c r erhob in seiner im Namen der Reichshauptstadt gesprochenen Begrüßungsrede diese Forderung. Die Erschütterung der Rcichseinheit, die Sprengung der Gesammtmonarchie ist nun allerdings ein wesentlicher Programmpnnkt der Antisemiten. Vielleicht werden sie aus diesem Grunde von sehr maßgebender Seite gehätschelt. Also nicht ein ausgesprochen antisemitisches, sondern ein ausgesprochen nntipatriotisches Gepräge hatte der Müllcrtag. Es gibt nun freilich Leute, die das für identisch halten. G. Sch., Preßburg. Für Dr. Lueger ist es in Ungarn dunkel, während ihm in Eisleithanien die Sonne leuchtet. Was wollen Sie? Das ist ganz richtig! Oder glauben Sie, daß einem Lueger auch in Ungarn die Volksgunst eine Gloriole ums Haupt weben könnte? Das ist doch wirklich nur „diesseits" möglich. B. T. Wenn unsere Teutonen im Schatten des Krummstabes auf der Bärenhaut liegen wollen — was geht das uns an? Pflegen wir umso eifriger das Wissen unserer Kinder, die Verdummung der Andern wird u n s nichts schaden. Simon Löwien» Trencsin. Abonnement bis 30. Oktober 1897 erhalten. M. M. in M. Der Betreffende ist Mitglied der israelitischen Cultnsgemeinde. Josef Zucker. Wenden Sie sich an die Buchhandlung Richard Löwit, Wien, I., Rothenthurmstraße 22. Joachim Neiger, Kozlow. In Gewerbefragen ertheilen wir keine Auskunft. Michael Philipp, Brody. Das Abonnement ist bis 13. September 1897 bezahlt. Steuer. „Angestellte, die ihren Gehalt monatlich beziehen", sind nicht verpflichtet, im Juli zu fatiren, denn die Steuererklärung im Juli betrifft die E r w e r b st e u e r, d. h. die Steuer von selbstständigen Unternehmungen; § 2, Nr. 2 sagt ausdrücklich: „Der allgemeinen Erwerbsteuer unterliegen nicht Beschäftigungen, welche im Dienstverhältnisse gegen Sold oder Lohn ausgeübt werden", d. h. alle Angestellten; diese kommen, bei mehr als 600 fl. jährlich, bei dem E ink o m m e n steuerbekenntniß, d. i. im Jänner 1898, an die Reihe. M. in Krakau. Sie fühlen sich veranlaßt, uns mitzutheilen, daß es „nicht praktisch ist, gegen R. etwas zu schreiben, weil" u.s.w. Wir antworten Ihnen darauf: Die Wahrheit muß gesagt werden, nicht blos den Königen und Ministern, sondern selbst obscuren Journalisten. Israel Straßberg in Jaroslau. Ihre Mittheilung, daß der Eadett-Officiers-Stellvertreter des 58. Infanterie-Regimentes E. K. harmlose jüdische Zuschauer beschimpfte, überrascht uns leider nicht niehr. S. Kornführer in Jungbunzlau. Wegweiser im neuen Steuergesetze erhalten Sie in der Buchhandlung Richard Lewit, Rothenthurmstraße. Bilin K. Derlei Einsendungen werden blos gegen Bezahlung abgedruckt. L. in Wien. Wundern Sie^sich nicht! Das christlich-sociale Witzblatt „Kikeriki" schrieb: „Die Preußen sind die Juden unter derl Deutschen. Hinaus mit den Preußen aus Deutschland!" Das war immer so; zuerst gegen die Juden, dann gegen die Protestanten! l) Verrückt. 2) Teufel. H rausgeber u. verautw. Redakteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck v. L. Beck %t Sohn, Wien, VIII., Lerchenfelderstr. 46.