Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 24 (11.6.1897)
- Date
- 1897-06-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 34 Vr. Bloch'» Wochenschrift Seite 493 Inhalt dieses Abschnittes berührt sich sehr stark mit dem äthiopischen Henoch. Vielfach sind es dieselben Materien, die hier nnd dort geschildert werden. Aber der Stoff ist doch in sehr freier Weise verwendet. Namentli.) ist der Schematismus, in welchen derselbe gebracht wird, neu. Denn von sieben Himmeln ist im äthiopischen Henoch nicht die Rede, und es wird überhaupt nicht gesagt, daß alle die interessanten Dinge, welche Henoch sieht, sich im Himmel befinden. Im slavischen Henoch werden sie aber alle auf die sieben Himmel vertheilt, was bei einigen derselben schlecht paßt, so daß man sieht, wie dieser Schematismus erst nachträglich an den Stoff herangebracht ist. Bemerkenswerth ist, daß im dritten Himmel sich das Paradies befindet (c. 8) wobei man unwillkürlich an 11 Kor. 12, 2—4 erinnert wird; mir sagt Paulus freilich, daß er vom dritten Himmel aus in das Paradies entrückt worden sei, wonach also das Paradies sich über dem dritten Himmel befindet. Einen zweiten Abschnitt bildet e 22—38. Henoch darf unmittelbar vor Gott hintreten, zu welchem Zwecke er seiner irdischen Kleider entkleidet und mit einen! himmlischen Gewände angethan wird. Gott selbst offenbart ihm nun den Hergang bei der Schöpfung und die Geschichte des Menschengeschlechtes bis zur Zeit Henoch's. Der Schöpfungsbericht schließt sich an Gen. I. an, ist aber ziemlich stark gnosticirend ausgeschmückt und dadurch von besonderem Interesse. Die sieben Planeten werden mit griechischen Namen genannt: Kruno, Aphrodite, Ares. Sonne, Zeus, Hermes, Mond. (30, 3). Die Geschichte der Menschen, die durch Gott dem Henoch erzählt wird, schließt mit der Ankündigung, daß Gott wegen der Götzendienste und der Unzucht, in welche die Menscheri verfallen sind, nun das Strafgericht der Fluth über sie herbeiführen werde. Nach Empfang dieser Offenbarungen wird Henoch auf die Erde zurückgebracht. Den letzten Abschnitt (e. 39—66) bilden Lehr- und Mahnreden Henoch's an seine Kinder. Henoch weist auf die Wichtigtigkeit der Bücher hin, die er auf Grund der empfangenen Offenbarungen geschrieben hat (366 an der Zahl) und hält seinen Kindern Moralpredigten mannigfachen Inhaltes. Hier finden sich starke Berührungen mit Sirach, während an den äthiopischen Henoch in diesem und im vorhergehenden Abschnitt nur noch vereinzelte Anklänge Vorkommen. Mit einem kurzen Bericht über- Henoch's Aufnahme in den Himmel (e. 67) und einem Rückblick auf sein Leben (c. 68)schließt das Buch. Im ganzen Buche findet sich nichts specifisch christliches, wohl aber Manches, was nur bei einem jüdischen Verfasser verständlich ist. Die Thieropfer werden als bestehende Sitte vorausgesetzt (59 — i — 2). Dabei wird betont, daß beides zusammen sein müsse, das Darbringen des Opfers und die rechte Gesinnung; eines ohne das andere hat leinen Werth. Nach dem Bisherigen ist wohl nicht daran zu zweifeln, daß die Hauptmasse des Buches jüdischen Ursprunges ist (wie auch der Herausgeber angenommen hat)^ aber es muß mit der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit christlicher Ueberarbeitung gerechnet werden. Ungewiß bleibt daher, ob manche Sittensprüche, welche stark an die Grundgedanken des Evangeliums erinnern, dem jüdischen Verfasser oder einen! christlichen Ueberarbeiter augehöreu. Christlichen Eindruck macht namentlich die Polemik gegen die Wiedervergeltung (50, 4, 66, 6). Anderes, was auf dieser Linie liegt, geht doch nicht über die Moral des Siracideu hinaus. Für den jüdischen Ursprung des Ganzen sprechen auch die hebräischen Monatsnamen (Sivan, Theved). „Die Empfehlung des dreimaligen täglichen Tempelbesuches, und die Versuchung dessen, „welches nmkehret die Festsetzungen seiner Vorfahren". Wenn das Ganze jüdischen Ursprunges ist, sind auch gewisse Grenzen für die Abfassungszeit gegeben. Später als gegen Ende des ersten oder am Anfang des zweiten christlichen Jahrhunderts sind jüdische Schriften, soviel wir wissen, nicht mehr von der christlichen Kirche als Erbanungsschriften recipirt worden. Dies wird also der terminns ad quem für die Abfaffungszeit unserer Schrift sein. Es kommt dazu, daß auf die Zerstörung des Tempels nirgends hingewiesen wird, obwohl von Opfern die Rede ist. Sehr willkommen wäre es, wenn sich die Benützung unseres Buches in anderen jüdischen oder altchristlichen Schriften Nachweisen ließe. Der Herausgeber hat eine solche in den Testamenten der zwölf Patriarchen und bei Clemens Alex, und Origines nachzuweisen versucht, aber ohne es wahrscheinlich zu machen. Ich muß aber hier auf die nähere Untersuchung verzichten und schließe mit deni wärmsten Danke für das Gebotene. vr. .4. Correspondenzen. Wien. (Verein zur Abwehr des Antisemitismus.) Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hielt am 3. d. M. Abends in Lehninger's Restaurant seine Generalversammlung ab. Der Vorsitzende Freiherr v. S u t t n e r gab in seiner Eröffnungsansprache dem Bedauern Ausdruck, daß die alljährlich geäußerte Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse sich nicht bewährt habe. Es laste wie ein Fluch aus den Bewohnern Oesterreichs überall Haß, Hader und Zwietracht. Wir verdanken dies dem Antisemitismus, jener unmenschlichen Bewegung, von der die Parole ausgegangen: Schmähe Deinen Nächsten, beschimpfe, verfolge ihn, hetze ihn zu Tode! Bon dort ist die Sprache ausgegangen, die früher nur in den Spelunken vernomnre» wurde und heute, wie es scheint, die Wiener Salonfähigkeit erlangt hat. (Lebhafte Zustimmung.) Alle Warnung gegen die Duldung dieser Bewegung wurden mißachtet, mit Achselzucken und hohlen Phrasen beantwortet. Das Pharisäerthnnr sei eine Macht geworden in unserem Vaterlande, man ruft die Gottheit zu Hilfe, um unter ihrem Schuhe die Juden zu erschlagen Heute, im Zeitalter des Dampfes und der Elektricität, sehen wir, wie die Bestie im Menschen frisch auflebt und die Wildheit in erschreckendem Maße zunimmt. Die Samoaner und Aschantis europäisiren sich und die Europäer afrikanisiren sich. (Heiterkeit und Zustimmung.) Wir stehen heute der Ueberzal machtlos gegenüber und können nichts Anderes thun. als auf unserem Posten ausharren und unseren Protest erheben. Wir wissen, wer hinter dieser Bewegung steht, wer diese zweifelhaften Existenten subventionirt, und kennen auch deu Zweck dieser Bewegung: Die Niederdrück u n g der Freiheit, welche man in eine Zwangsjacke stecken möchte, die am römischen Webstuhlverfertigt wurde.(Zustimmung.) Wir können heute nicht zur Offensive übergehen, uns fehlen die zwei Hauptfactoren. durch welche die Gegner das große Uebergewicht erlangt haben. Der eine Factor ist das Gelb, das auf der anderen Seite in solcher Menge fließt, daß es feinen Beruf ernährt und eine ganze Anzahl Glücksritter und Abenteurer an denselben fesselt, der andere Factor ist die Suada, die Unverschämtheit und Lügenhaftigkeit, Mittel.mit denen wir nicht kämpfen. Wir haben unentmuthigt das Samenkorn der Vernunft und Menschenliebe ausgestreut und auch für die nächste Zukunft bleibt uns keine andere Richtschnur, als auszuharren, nicht fahnenflüchtig zu werden und abziiwarten, bis^die Zeit zur Offensive gekommen. (Lebhafter Beifall. » Baron L> nt tu er constatirte hierauf, daß dem Vereine im letzten Jahre 769 neue Mitglieder beigetreten find. Vereinsmitglied Wolf führte sodann aus, daß die vom Vereine geführte Agitation der antisemitischen Bewegung nur ein schwaches Gegengewicht biete, und wünscht eine intensivere Thätigkeit und häufige Abhaltung von Versammlungen, um zu den brutalen Gewaltacten, wie sie von der Wiener Gemeindeverwaltung gegenüber den Juden begangen werden, Stellung zu nehmen. Hofrath Nothnagel erwiderte, daß die Bestrebungen des Vereines auf die eben angeregten Ziele gerichtet waren. Meine Ueberzeugung, sagt Redner, geht dahin, daß dasjenige, was von den Staaten gilt, daß sie durch die Mittel, durch welche sie bearündet wurden, auch erhalten werden und schließlich durch dieselben zu Grunde gehen, auch für politische Richtungen seine Geltung hat. Es gibt eine Menge von Beweggründen, welche diese s ch a m l o s e B e w eg u n g groß gezogen haben. Ich bin davon durchdrungen, daß das 'treibende Moment für die großen Massen zu suchen ist i n dem Gemeinen rrnd in dem Niedrigen der Menschennatur. Es ist die Sucht nach Hab und Gut, die Sucht nach befferem Leben, die Gier nach dem. was der Andere besitzt. Der Umstand, daß die Führer der antisemitischen Bewegung es verstanden haben, diese Gedanken in die Masse zu bringen, hat ihnen dieselben gewonnen. Auf diesem Wege wird aber auch das Ende kommen, drr Antisemitismus wird durch den Antisemitismus geheilt werden. Wir sind bereits auf dem besten Wege, die Früchte des Antisemitismus in Wien am eigenen Leibe zu verspüren, wir sehen den Schaden, den die antisemitische Bewegung anrichtet. Der Fremden zufluß ist geringer g e w o r d e n, das höre ich in den verschiedensten Hotels, mehrere kleine Hotels und Einkehrgasthäuser sind eingegangen, die besser situirten Juden aus dem Süden und Osten meiden bei ihrer Fahrt nach den böhmischen Bädern Wien wie durch ein stillschweigendes Uebereinkommen. Bis eine materielle und sociale Schädiaung sich fühlbar machen wird, kann eine Umkehr erwartet werden. Ich erwarte nichts von einem Appell an das sittliche Empfinden; wir haben ihn erhoben, es hat uns nichts genützt. Leute, von denen wir geglaubt haben, daß sie mit uns geben werden, haben sich zurückgezogen. Die meisten Menschen haben ebenkein Rückgrat, sie fürchten, sich zu schaden, darum sind wir so Wenige- Wenn alle jene Leute, die ihrer Bildung, ihrer inneren Gesinnung und ihrer Gesittung nach zu uns gehören, und die auch — wir müssen es in ihrem Interesse annehmen — mit uns fühlen, wenn sie Alle mit uns auch ofsen gingen, so 1 hätten wir ein leichteres Feld. Aber die Meisten sind eben gleichgiltig, sie fühlen erst, wenn es in