Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Seite 479 Dr. Vloch's WochrnfchrM Nr. 23 auflebt und sich entfaltet, durch die Emancipation wieder in jugendlicher Schönheit prangt und den Neid oder die Bewunderung der Völker erweckt. Wenn eine Cultur nicht die Kraft hat, ihre ureigensten Kinder zu erhalten, wie kann sie die Grundlage für die Cultur der gefammten Menschheit bilden? Selbstverständlich hat ein sich aus gelebtes Volk auch keine staatenbildende Kraft mehr, und der griechische Staat wird nunmehr nur von Europa noch gehalten ans Angst vor der vollen Aufrollung der orientalischen Frage. Das Judenthum hingegen muß vermöge feiner unverwüstlichen Lebensfrische auch noch eine staatenbildende Kraft besitzen, und die gegenwärtige zionistische Bewegung in feiner Mitte ist eine Aeußerung dieses Kraftbewußtseins. Allein noch ist die Zeit für den neuen Judenstaat nicht gekommen. So weltverschieden das Griechenthum vom Judenthum auch ist: der Fortbestand des griechischen Staates und das Unzeitgemäße einer Wiedergeburt des jüdischen Staates haben einen und denselben Grund. Warum zittert denn Europa vor der völligen AnfroÜung der orientalischen Frage? Warum lassen die Mächte nicht Rußland seine angebliche Mission zur Vertreibung der Türken aus Europa erfüllen? Es muß eilt furchtbarer Schrecken sein, den die Vertreibung der Türken aus Europa in sich birgt, und den der Genius der Menschheit im geheinmißvollen Rapport mit deni Seelenleben der Völker diese ahnen läßt — ja der schrecklichste der Schrecken, ein Religionskrieg. Aber nicht blos der Krieg des Kreuzes gegen den Halbmond, sondern der Krieg zwischen den Formen des Kreuzes untereinander im Namen der Religion. In dem Kriege gegen den Islam wären noch alle einig, wenn sie auch Rußland allein wirthschaften ließen, einiger als zur Zeit der Kreuzzüge, denn damals hat gerade die schismatische Kirche nicht mitgehalten. Wenn aber schon Conftantinopel von den Russen genommen und der Sultan anfgefordert sein wird, seine Residenz in Asien zu nehmen: was dann? Das Khalifat wird seinen Thron in Jerusalem aufschlage»,, der „heiligen Stadt", dem „Mittelpunkte der Erde" auch nach dem Mohammedanismus. Aber Rußland wird sein „göttliches Mandat" noch nicht für erloschen halten, denn Rußland geht wirklich nicht auf Eroberungen im landläufigen Sinne aus. Der Czar ist der oberste Bischof der orthodoxen Kirche, er stützt seine weltliche Macht nur ans seine religiöse Eigenschaft, er darr nur Despot sein, weil er das „Väterchen" ist, und als solcher muß er auch unersättlich für seine Religion handeln, seine Heerde überall beschützen, sein Bekenntniß ausbreiten. Wird er zusehen dürfen, wie nun die Ungläubigen die Herren über das heilige Grab spielen, den Oelberg und Golgatha prosaniren u. s. w. Er wird im Nanien Gottes die Türken auch ans Palästina vertreiben. Dann wird aber erst die Frage entstehen: Wem soll Jerusalem gehören? Zur Zeit Gottfried's von Bouillon waren alle Kreuzzügler papistisch. England, Rußland und Oesterreich, zunächst die Mitinteressenten, gehören aber heute verschiedenen christlichen Bekenntnissen an und bedenkt man die Eifersüchteleien, die gegenwärtig unter den christlichen Culten in Jerusalem herrschen, die gemeinen Schlägereien, welche zwischen den lateinischen nnd griechischen Bekennern angesichts der heiligen Stätten au den hohen Festtagen an der Tagesordnung sind: wie wird es erst dann zugehen, wenn die griechische Kirche eine Priorität kraft ihres Reiches als Eroberer geltend machen wird? Es wird daraus ein Religionskrieg in optima forma werden, der sich natürlich auch über das Abendland ausdehnen, aber doch zumeist in Palästina, dem Kampfobjecte, wüthen wird. Wehe, wenn Juden zu dieser Zeit Palästina bewohnen. Dieser Religionskrieg muß einmal ausbrechen, denn ewig kann doch nicht der Status quo im Oriente gewahrt werden. Es wird wahrscheinlich der letzte aller Religionskriege sein, denn die Völker werden durch die Leiden dieses Krieges zur Einsicht kommen, daß es eine lächerliche menschliche Ueberhebnng ist, Gott zu bevormunden und für ihn zu streiten, als ob er seine Sache nicht selbst ftihren könnte. Dann wird das Judenthum sich ungehindert bewegen, auf dem Boden seiner alten Heimat einen neuen Staat bilden nnd sich einen Mittelpunkt schaffen können, um von da aus seine ewigen Wahrheiten nach allen Seiten zu verbreiten, bis es überall licht und erkannt wird, daß über allen Götterbergen emporragt — der Sinai. Ser Gefangene von Sevastopol. Von S. Gordon. (Schluß.) So wartete er denn, und ein ganzes Jahr lang ereignete sich nichts; nur war das Gesicht Jenta's oft unnatürlich geröthet, und sie wurde eine vortreffliche Kartenspielerin. Talka ging wie sonst aus und ein und brachte ihr allerlei geheimnißvolle Päckchen, von deren Inhalt Fawisch niemals etwas erfuhr. Das einzig wichtige Ereigniß, welches ftattsand, bevor Alles ein Ende nahm war der Tod Chananjas, der eines Tages mit gebrochenem Kragen in einer Fuchsgrube ausgefunden wurde. Das war das Ende Chananjas; Jenta gab sich nicht einmal die Mühe, die sieben Trauertage einzuhalten. Es war am Sabbath nach dem Begräbniß Chananjas. Zum ersten Male seit vielen Monaten hatte Jenta wieder mit der Kerze in der Hand dabei gestanden, als Fawisch den Sabbathabendsegen über die kommende Woche sprach, und dann war sie zu ihm gekommen, hatte sich gebückt — denn sie war viel größer als er — und ihn geküßt. Fawisch wußte nicht, wie ihm geschah, und als er die Treppen hinaufging, um sein Flügelhorn zu holen, mußte er die Wand entlang tappen, denn Thränen des Glückes standen ihm in den Augen. Endlich war es also gekommen, das, woraus er gehofft und geduldig gewartet hatte. In jener Nacht hatte er in Trenka aus einer Hochzeit zu spielen; deitn wie es in jener Gegend oft geschieht hatte die Hochzeit am Freitag stattgefunden und das Fest wurde am Sabbathabend gefeiert. Fawisch verwüuschte den unleidigen Gang, aber er hatte versprochen und er ging. Nnd wie er die Straße dahinging, die im silbernen Mondlichte glänzte, war er fast froh, mit seinen glücklichen Gedanken allein zu sein. Ans halbem Wege hörte er Ruse und Thiergetrappel, und als es näher kam, sah er, daß Talka mit Stimme und Peitsche eine Herde Schweine an kurzer Schnur vor sich hertrieb. Als er Fawisch erblickte, wurde er still und suchte die Thiere mit einem Hagel von Peitschenhieben zu größerer Eile anzutreiben. „Wohin. Talka?" fragte Fawisch, dem ein plötzlicher Schreck in die Glieder fuhr. „Ich muß noch rasch nach Slonim", antwortete Talka. „Ich will dort um Mitternacht eintreffen, die Thiere rasten lassen und für den morgigen Martt Herrichten; wir haben schon eine gute Strecke Weges hinter uns". Fawisch sah ihn an; aber Talka schien die Wahrheit zu zu sprechen. Sein Gesicht war roth und erhitzt, und die Hufe der Schweine waren abstrapazirt bis aufs Blut, denn eine rothe Linie zog sich aus dem Wege hin, den sie gekommen waren. In einer Stunde war Fawisch in Trenka; aber als er hinkam, war es nichts mit dem Hochzeitsfeste. Hatte die Köchin die Speisen verbrannt oder war der Bräutigam davongelaufen — genug, er hatte dort nichts zu thun. Fawisch war sehr froh darüber. Er sah darin ein gutes Zeichen und ein böses Wort gegen die Leute, die ihn zitm Narren gehalten hatten, .kehrte er um. Der Boden flog unter den Füßen, denn sein Herz war leicht und sein Schritt war leicht, und ehe er sichs versah, blickte ihm schon der Zaun, der auf der einen Seite die Schenke umgab, weiß aus der Ferne entgegen. Uud als er näher kam, hörte er in der stillen Sommernacht bekannte Stimmen . . . und bei dem Laute hing es ihm wie Bleigewicht au den Füßen, und indem er sich auf den Boden niederhockte, kroch er an die Ecke des Zaunes heran. Am Pförtchen stand Jenta; ihr dichtes Haar fiel wie ein Mantel auf die Schultern, Talka hielt ihre Hand, die Herde Schweine lag zu Tode erschöpft um sie herum. „Also morgen", sagte Talka, indem er Jenta in die Augen sah. „Du hast mich lange genug hingehalten". „Ich konnte nicht früher, Christoph", sagte Jenta, „so lange der Vater lebte; schließlich war er ja doch mein Vater, und wenn ich davongegangen wäre, hätten sie ihn aus die Sttaße geworfen. Das konnte ich doch nicht geschehen lassen". „Also gut, Schatz; morgen Abends hole ich Dich also von hier fort. Aber vergiß nicht die Rubel und die Goldbecher und die silbernen Leuchter — was braucht die so ein großnasiger Jude? — Dann fahren wir zusammen in meine croatische Heimat, und Du kannst Schweinefleisch essen, so viel Du willst. Wie hat Dir mein letzter Braten geschmeckt?" „Wunderbar, aber Deine Küsse schmecken besser, Christoph", sagte sie. „Ich versuchte es, ihn heute Abend zu küssen, um seinen Verdacht zu beschwichtigen, und ich kann bis jetzt den sauren Geschmack von den Lippen nicht los werden. Küsse mich fest, Christoph", und sie streckte ihm ihren Mund entgegen.