Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 460 Vr. Vloch's Wochrnfchrist Nr. 22 Die Nachricht von dieser Partie verursachte eine förmliche Aufregung in der Umgebung, und als sich das erste Staunen gelegt hatte, kamen immer wieder Nachbarn zu Mendel mit Kopfschüttteln und Geflüster. Und der übliche Schluß war immer wieder: „Nimm mir's nicht übel, Mendel, ich habe aus Freundschaft gesprochen." Mendel hörte sie alle ruhig an, und am Ende erwiederte er: „Ich glaube nichts von alledem. Mein Sohn liebt sie, und bald wird sie zu meiner Familie gehören. Um meines Sohnes und um meiner selbst willen glaube ich nichts von alledem, was ihr zu ihrer Schande erzählt; geht in Frieden." Sei es, daß Mendel's Zurechtweisung die Leute verdroß, daß ein anderer Grund war, genug, wenige seiner Freunde fanden sich bei der Hochzeit ein; von der Seite Chananja's war nicht ein Hund zu sehen. Aber mit Gästen oder ohne — Jenta war mit Fawisch verheirathet und sie hatten Freud und Leid zusammen zu tragen. Eine Zeit lang schien es, als ob die schwarzen Prophezeiungen der Nachbarn und die Besorgnisse Mendels ganz unbegründet wären. Jenta war eine musterhafte Frau und ihr Mann konnte sich nicht über Mangel an Liebe beklagen. Der alte Chananja war ein seltener Gast geworden und wenn er einmal ins Wirthshaus kam, benahm er sich ganz anständig. Man hatte ihm eine ordentliche Wohnung ausgenommen, und da er es nicht mehr nöthig hatte, zu betteln und vor Holzhackern und Glasarbeitern Possen zu reisten — in seiner Jugend war er Clown gewesen — um ein Nachtlager zu bekommen, so hatte er sich doch inzwischen einige Selbstachtung angeeignet; sie stand ihm förmlich wie ein abgelegter Rock, aber genug, sie war da. Fawisch war überglücklich. Er machte jetzt, da er für noch Jemanden zu arbeiten hatte, wunderbare Fortschritte in seiner Kunst; dabei ging das Schankgeschäft vortrefflich, denn der Ruf von der Schönheit der neuen Wirthin verbreitete sich in der ganzen Umgebung, und Biele machten gerne einen Umweg um sie zu sehen. Der alte Mendel ging herum wie in einem Traum und schwieg ans Furcht vor einem bösen Auge. Als sie ein Jahr verheiratet waren, ereignete sich zum ersten Mal etwas Seltsames. Mendel und Fawisch waren nach Trenka um neue Branntweinvorräthe gefahren. Nachdem sie ihr Geschäft abgeschlossen hatten, machten sie sich ans den Heiinweg, fanden eine Fahrgelegenheit und kehrten um eine ganze Stunde früher, als sie erwartet hatten, nachhause zurück. Als sie in den Hof kamen, sahen sie Jenta und Christoph Talka am Tische sitzen, und da keines von ihnen taub war, so war es eigentlich überflüssig, daß ihre Köpfe so nahe beisammen waren. Zwei volle Gläser standen auf dem Tisch, und Jenta breitete ein Spiel Karten auf dem Tische aus. Fawisch stockte der Athem. Er blieb bei der Thüre stehen und Talka erhob sich rasch und warf beinahe den Tisch um, als er die langen Beine hervorzog. Jenta lächelte ruhig. „Talka hat mich gebeten, ihm Karten zu legen", sagte sie zu Fawisch, ohne mit der Wimper zu zucken. Fawisch antwortete nicht, sondern ging in den Stall. Mendel, der ältere und klügere, wußte, daß Schweigen in diesem Falle am lautesten sprechen würde; daher überwand er sein bebendes Gemüth und zwang sich zu einem Scherz. „Wie! ein Riese wie Du, Talka, und fürchtet sich, wenn ihm ein Hase über den Weg gelaufen ist?" Talka wand und drehte sich von einer Seite zur andern. „Zeitvertreib", murmelte er, „blos Zeitvertreib", und mit einem blöden Lächeln drückte er sich zum Zimmer hinaus. Den ganzen übrigen Tag gingen Vater und Sohn einander aus dem Wege. Vielleicht fürchteten sie sich davor, die Bestätigung einer unausgesprochenen Furcht in ihren Augen zu lesen. Jenta ging unbefangen ihren Beschäftigungen nach; sie schien keine Ahnung davon zu haben, daß sich etwas Ungewöhnliches zugetragen hatte und Fawisch sagte ihr nichts. Aber sie zeigte bald, daß es nicht ganz so war wie früher; sie wurde launisch und brummig,, und ihr Mann wußte nicht immer, was für Antwort er zu erwarten hatte. Manchmal war sie trübselig und nachdenklich, ein andermal von ausgelassener Lustigkeit. Aber ihr Lachen war nicht angenehm zu hören; es war laut und schrill, fast kreischend, und es galt Scherzen, über die sie eher hätte erröthen sollen. Denn sie gab sich immer mehr und mehr mit den Kunden ab und interessirte sich sehr für's Geschäft. Ihre anfänglich spröde Scheu begann also zu schwinden, ohne daß es Jemand verschuldet hätte. Schickte es sich, daß sie sich mit beiden Elbogenauf deni Schenktische stützte, mit den Bauern trank und sich in 'ihr'Gespräch mischte? Und wenn sie gelegentlich einer bei der Hand faßte, war sie darüber durchaus uicht empört wie es eine anständige Frau doch hätte sein müssen. Talka war etwa einen Monat laug unsichtbar; dann kam er wieder, erst selten, dann immer öfter, bis sein flammender rother Bart in der Schenke ganz heimisch wurde. Auch Chananja fing wieder an zu kommen und so oft er sich einstellte, hatte er einen neuen Riß im Rock und einen unlöschbaren Durst. Da pflegte er denn da zu sitzen mit seinem stieren Blick, bis er ganz betrunken war; dann stieg er auf den Tisch und führte, die leere Flasche in der Hand, den Kosakentanz auf; und Jenta lachte lauter als Alle, sogar lauter als Talka. Mendel wurde blaß wie der Tod, und Fawisch sagte nichts, verließ aber das Zimmer. Jnnner mehr verloren sie an Selbstständigkeit; Jenta hatte das ganze Geschäft in Händen, besorgte die Buchhaltung und die Geldgebahrnng; wenn sie Geld brauchten, wurde es ihnen wie Fremden als Gnade gegeben. „Mach' ein End Fawisch", sagte Mendel eines Tages gebrochen. Sag' ihr, daß Chananja und der Schweinhändler nicht mehr Herkommen dürfen, sonst überlebe ich es nicht." „Ja, Vater", antwortete Fawisch, ohne ihm ins Auge zu sehen, „ich werde es ihr morgen sagen." Aber morgen kam, ititb noch hatte er es ihr nicht gesagt; und wieder war es morgen, und immer morgen, denn so oft er seine Frau ansah, überwältigte ihn die unglückselige Leidenschaft für sie und band ihm die Zunge. Talka aber zeigte seinen rothen Bart öfter als je, wurde frecher als je, und Chananja soff, bis er unter den Tisch fiel oder im Gange seinen Rausch ausschlief, während die Bauern ihn herumstießen, auf ihn traten und spukten, wie sie ein- und ausgingen. Und Jenta sah es und lachte. Und Mendel sah es auch, aber mit abnehmender Sehkraft; er hätte vielleicht geweint, wäre sein Herzschlag nicht zu matt geworden, um ihm Thränen zu erpressen. Und eines Tages stand das Herz ganz still. Fawisch raste vor Kummer, und bei alledem ging etwas wie ein Gefühl der Erleichterung nebenher. Jetzt war er allein; niemand war mehr da, uin jede Zuckung seines Herzens zu zählen; sein Schmerz war geringer, da er durch das Leid des geliebten Vaters nicht mehr verdoppelt wurde. Und das furchtbare „Mach' ein Ende, Fawisch" war verstummt. Fawisch war sehr geduldig; er glaubte an eine Weltordnung und hoffte, der Tag werde kommen, da Jenta von selbst ihn aufsuchen und ihm die Liebe einer Frau bringen werde. (Schluß folgt.) Briefkasten. M. 91. Der Herr Bürgermeister Lueger befleißigt sich in den Frauenversammlungen einer solchen pöbelhaften, aufhetzenden Sprache gegen die Juden, daß man daraus das peinliche Bemühen erkennt, er wolle der würdige Nachfolger Strohbachs sein. A. V. Gregorig schreit nach Brod, weil die Antisemiten im Parlament dem Cabinet Baden: die Steine «us dem Weg räumen wollen. 9l. Im Vergleiche zu den Vorgängen in Madrid geht es hei uns noch ganz — parlamentarisch zu. H. W. Von der Arbeit liegt bereits die zweite Auflage vor. Emanuel G. Wenn zwei streiten, können beide Unrecht haben.? Ist bereits besprochen worden. Maier Senesit O. Radna. Ja! S. B. in Prag. Für uns ungeeignet. L. in Wien. Die Eheschließung des Grafen Taaffe mit einer geborenen Jüdin, gehört nicht in die „Oesterreichische Wochenschrift". T. 3E-uJJeei Tischlermeister Wien, I Bez,, Sterngasse 3 empfiehlt sich zur Anfertigung von Ban-, Portal-, Möbel- und alle in dieses Fach einschlagende Arbeiten. Gegründet 1876. Prompte Ausführung und billige Preise zugesichert. JW_ PENSIONAT _m. ffir Knaben und Erwachsene. Exquisite Küche, empfiehlt Charlotte Klein, Bad Hall Nr. 53 (eigenes Haus). Herausgeber u. verantw. Redakteur: Dr. Josef 8. Bloch. Druck v. L. Beck k Sohn, Wien. VIII., Lerchenfelderstr. 46.