Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 21 (21.5.1897)
- Date
- 1897-05-21
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 440 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 21 „Das geht Dich doch gar nichts an", sagte Mendel grob. Er unterhielt sich nicht gerne lange mit Chananja; es war beinahe eine Schande für einen anständigen Menschen, mit ihm zu sprechen. „Warum nicht?" ftagte der Andere; „er muß doch heiraten, schon wegen der Gemeinde, und ich habe ihm auch schon eine Braut gefunden." „Wer ist es denn?" fragte Mendel und lachte unwillkürlich über die komische Idee. „Meine Tochter, ein anständiges, schönes Mädchen . . ." Aber da gerieth Mendel in fürchterlichen Zorn. „Was! Du alter Schinder mit Deiner Dirne von einer Tochter, ihr wollt meinen Sohn ködern? Ein böser Geist ist in Euch gefahren; geh' heim und bete um Deine Genesung. Mein Sohn für Deine Tochter!?" „Und warum nicht?" fragte hartnäckig Chananja; „meine Tochter ist gut und anständig." „Gut und anständig!" schrie Mendel. „Was erzählen die Leute — wie oft ist sie Dir schon davon gelaufen?". „Sie litt Hunger und Durst, und als ich nach Hause kam und kein Geld, mitbrachte, ging sie fort, weil wir einander in unserem Elendst nicht sehen konnten", sagte Chananja weinerlich, aber es kam ihm glatt von der Zunge. „Und wohin ging sie denn, als sie Dich verließ?" höhnte Mendel. „Das weiß ich nicht," sagte Chananja, „aber der Geist Gottes ist in Allem, was sie thnt." „Dann möge der Geist tausend Meilen weg sein!" rief Mendel, der sich in seiner Aufregung vergaß. „Nun, wir werden ja sehen, wir werden ja sehen", sagte Chananja, indem er seinen Pack auflud und davonhumpelte. Und der alte Spitzbub wußte, was er sagte. Etwa eine Woche nachher, an einem Nachmittag, war die Schenke voll uud Fawisch mußte aushelfen; da kam Chananja — nicht allein. Er brachte seine Tochter mit. Sie stützte ihn am Arme, denn er gab vor zu hinken und das war die Ausrede, weshalb er seine Tochter auf seine Gänge mitnahm. Was für ein seltsames Paar sie waren! Niemand hätte sie für Stamm und Zweig gehalten; sie, schlank wie eine Weide und frisch wie eine Myrthe, er, eingeschrumpft, knorrig und gebeugt wie ein saftloser Brombeerstrauch. Und ihre Gesichter — man fühlte sich versucht, lange in die verzerrte Fratze des Alten zu sehen, um dann den Luxus des Gegensatzes zu genießen. Denn das Gesicht Jenta's war wie ein Sommersturm, furchtbar in seiner Schönheit. Das Haar war massig und schwarz wie die Gewitterwolken, die Augen konnten sprühen und zünden wie der Blitz, und zwischen ihnen wölbte sich die breite, heitere Stirne wie die Ruhe des Regenbogens. Und sie kam herein, bescheiden und züchtig, nett angezogen in ihr langes, bis an die Knöchel reichendes Kleid und reine Schürze; die Füße steckten in Pantoffeln mit hohen Absätzen. Mendel wurde weiß bis in die Nasenspitze und sah Fawisch besorgt von der Seite an. „Ein Glas Schnaps, vom besten", sagte Chananja und warf einen Silberrubel auf den Tisch. Mendel gehorchte, ohne ein Wort zu sagen, und Chananja stand da und schlürfte behaglich das Getränk, statt es wie sonst heftig hinunterzustürzen; denn er konnte Schnaps trinken trotz einem. Mendel sah Fawisch fortwährend heimlich mit besorgten Blicken an; der junge Mensch war ganz außer Fassung, die Hände schienen ihm den Dienst zu versagen, denn er ließ zwei Gläser fallen und verschüttete zwei Liter Branntwein. Und die ganze Zeit über schlürfte Chananja seinen Schnaps und wußte, daß jedes Auge im Zimmer auf ihn und seine Tochter gerichtet war. „Beeile Dich, Chananja," sagte Mendel, außer sich vor Besorgniß. „Siehst Du nicht, daß Du den anderen Kunden im Wege stehst?" „Was geht das mich an?" erwiderte. Chananja, indem er Mendel frech ins Gesicht sah. „Habe ich nicht mein Geld gezahlt wie jeder andere und habe ich nicht ein Recht, schnell oder langsam zu trinken, wie's mir beliebt?" „Ganz recht, Melchizedek, oder wie Du sonst heißest", mischte sich Christoph Talka hinein. Er war der größte im Zimmer, hatte einen langen rothen Bart und war Schweinehändler. „Laß den alten Mann in Ruh'; er kann bleiben, so lange es ihm beliebt", fuhr er fort, zu dem Wirthe gewendet. Aber Jedermann wußte, was Christoph wollte; er vertheidigte Jenta, nicht ihren Bater, denn so manchesmal hatte er eilten armen, reisemüden Hausirer gestoßen und mit den Worten hinausgedrängt: „Geh' nach Hause und sammle Heu ein für die Kühe und Kälber und überlasse das Trinken anderen Leuten." „Gehen wir, Vater!" sagte Jenta sanft, indem sie zugleich Christoph einen Blick zuwarf, „wir wollen keinen Streit verursachen; wenn diese Leute so ungastlich sind, so wird uns Gott eine andere Unterkunft gewähren." Chananja ging sehr ungern; er wußte, daß er der Held der Stunde war und wollte seinen Triumph über Mendel länger genießell. Aber Fawisch hatte Jenta gesehen, und das war die Hauptsache. Sie gingen also, und der Blick des Fawisch folgte ihnen, solange sie auf dem Hofe zu sehen waren; an der Ecke wandte sie sich um, lächelte ihm zu, ihm, ganz bestimmt. Dann verschwanden sie, und Fawisch meinte, die Dunkelheit sei an jenem Tage zu früh hereingebrochen; seine Knie wankten, als wären ihm die Sehnen zerschnitten worden. So begann das Unglück. Von diesem Tage an war FawisH ein anderer; mit Schmerzen sah dies sein Vater, errieth die Ursache seiner bleichen Wangen und verfluchte Chananja an Leib und Seele wegen des Leides, das er über den Jungen gebracht. Denn Fawisch konnte weder essen lioch schlafen; den ganzen Tag hielt er sich auf der Straße auf, die nach Uldrodno führt, als erwartete er Jemanden von dort her. Anfangs unterhielt er sich noch mit seinem Flügelhorn, aber das hörte auch aus uud Stille herrschte in dem Hause, welches die zwei armen Menschen bewohnten, denn vor zwei Jahren hatten sie Chawah, die treue Frau und Mutter mit den Füßen zuerst aus dem Hause getragen. Das ging so wochenlang und Fawisch wurde zum Skelett; aber Mendel sagte noch immer nichts, weil er meinte, das Nebel werde mit der Zeit schon vergehen. Aber da kam Fawisch eines Tages, legte den Kopf auf die Schulter des Vaters und brach in Thränen aus. „Schicke um sie, Vater, wenn Du willst, daß ich am Leben bleibe", schluchzte er. „Ich habe Alles versucht, aber ich kann nicht mehr — schicke um sie." Mendel wartete, bis er seine Thränen hinuntergewürgt hatte. „Sohn, theurer Sohn, überwinde Dich. Sie ist nicht für Deinesgleichen, sie wird. Dich.unglücklich machen. Laß sie ihre Wege gehen und geh' Du Deine." „Ich kann nicht, Vater," flüsterte Fawisch, „ihr Gesicht verfolgt mich und scheint mich zu verspotten wegen meiner ohnmächtigen Bemühung, sie zu vergessen. Ach! Ich bin so hilflos und das Herzeleid tobtet mich. Du kannst mir helfen, Vater — hilf mir!" - . (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. A. B. (Budapest). Wir danken bestens für die Zusendung des Blattes. A. B. Die Juden sollten selbstverständlich nur jene Wohl- Ihätigkeits-Jnstitute unterstützen, die in ihrer Wirksamkeit keinen Unterschied der Confession kennen. M. T. (New-Aork.) Besten Dank. Arnold R. Dieser Psalm verträgt nicht die Druckerschwärze. B. R. (Pillersdorfgasse). Wenn Ihnen mißfällt, daß der in Ihrer Gasse etablirte Holz- und Kohlenhändler F. Schreder zu Ehren Lueger's illuminirt, so können Sie auch anderwärts Ihren Bedarf decken. A. Nun Lueger hat seinen Parteigenossen durch die Thal bewiesen, daß seine Worte bei der Beeidigung nichts als — heuchlerische Flunkerei war. N. B. Eigentlich ist es ganz richtig: Wer so oft gelogen, dem sollte man auch nicht einmal glauben. M. N. Die Behauptung des „Deutschen Bolksblatt" daß die armen jüdischen Gymnasiasten schon wegen des p er c e ntu e ll e n Verhältnisses abgewiesen wurden, ist die reinste — Trottelosis. M. H. Es ist ja allgemein bekannt, daß der verstorbene W i e s i n g e r in früherer Zeit viel und gerne mit Juden verkehrte. Arthur D. Eine solche Selbsterniedrigung hat nicht einmal Strobach zu Stande gebracht. Lueger ist auch da sein Meister. Moritz Hermann» Temesvär. Der Ursprung des Wortes »dawenen« rührt vermuthlich von »Owinu« her. Man betet nach der Art und Sitte der Väter. I. A. Lustgarten» Csakathurn. Die Sitte der Preßburger Juden, Martinigänse der k. k. Hofküche abzuliefern, entstammt einer alten Sage. -- Schönwetter» Krakau. Wir haben den Bericht, der uns von verschiedenen Seiten gleichmäßig zugekommen, objectfv gegeben. Gruß. I. H.» Lemberg. Das Gerücht ist unwahr. Ada W. Ungeeignet. Herausgeber u. verautw. Redacteur: De. Josef T. Bloch. — Druck v. L. Beck fc Sohn, Wien, VUl., Lercheusderstrel *46.