Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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©eile 416 Dr. Vloch's Wochrnfltzrtfl. Nr. 20 Volkes nicht unmittelbar herantritt, wenn sie sich eine Erinnerung bewahrt haben an die Zeit der eigenen ersten Kämpfe und wenn sie sich in diesem Augenblicke helfend Derer erinnern, denen es immer schwerer wird in den Zeiten, die man uns bereitet.... Wenn ich Ihnen Alles sagen wollte, was man gegen den Zionismus eingewendet hat, so würden viele unter Ihnen ihre Gedanken, ihre Einsprüche wiederfinden. Charakteristisch war das eine: Viele Einwürfe haben sich in den heftigsten Gegensätzen bewegt. Die einen finden den Gedanken zu revolutionär, die anderen zu reactionär. Die einen haben gesagt: Er schleudert uns zu weit zurück, das ist für uns ein Verderben. Die anderen: Er reißt uns zu sehr heraus, das ist für uns ein Verderben. Kurz, er war dem einen zu blond, dem anderen zu braun, dem einen zu groß, dem anderen zu klein, dem einen zu verworren, dem anderen zu nüchtern.. . . Nun ist in mir allmählich die Vermuthung erwacht: Wenn dieser Plan zu so entgegengesetzten Anschauungen Anlaß geben kann, so liegt er in d e r M i t t e und stellt etwas durchaus Vernünftiges vor. Und das suchen wir denn auch zu beweisen in dem Aufklärungs-Feldzug, in welchem sich alle Gutwilligen überzeugen lassen werden. . . . .... Interessant ist es, wie das Staatengründerische an unserem Plane in denjenigen Ländern ausgenommen worden ist, wo die lebende Generation eine Staatengründung mit angesehen hat. . . . Für mich ist das Beispiel Bulgariens typisch. Gerade auf der Balkanhalbinsel ist unser Programm am schnellsten verstanden und am schönsten betont worden. Am letzten Pessachseste fand in Sophia eine Versammlung statt, in welcher sich Sephardim und Aschkenasim, die durch viele Jahrhunderte einander in Feindschaft gegenüber gestanden waren, einträchtig in der Synagoge zusammenfanden und für den Judenstaat eine friedliche, gesetzliche, der Regierung vollkommen bekannte und nicht unsympathische Demonstration unternommen haben. . . . .... Es ist — und von diesem Punkte können wir nicht oft genug sprechen — gesagt oder angedeutet worden — in recht perfider Weise — der Zionismus enthalte unpatriotische Beimengungen. Das i st einfach nicht wahr. Der Zionismus hat nie gesagt und wird nie sagen, daß ein Jude seinen staatsbürgerlichen Pflichten irgendwie zuwiderhandeln, nicht ein-! mal, daß er auf seine Rechte verzichten soll. Es ist vielmehr ein staatserhaltendes Element im Zionismus, indem er gewisse Gegensätze, die sich absolut nicht verkleistern lassen, durch eine friedliche Lösung aus' der Welt schafft. . . . Es ist selbstverständlich, daß jetzt, wo der Zionismus eine größere Gestalt anzunehmen beginnt, die Leute, die zuerst zu lachen, dann zu schweigen versuchten, zu reden anfangen. Sie haben damit ihr eigenes Ansehen gefährdet, und was sie versuchten, gereicht dem Gefühle der Zusammengehörigkeit, das ja die Juden trotz aller Meinungsverschiedenheiten empfinden sollten, nicht gerade zur Ehre. Sie wissen, daß in den Kämpfen, welche die Zionisten zu führen haben, derzeit ein theologischer im Vordergründe steht. Da möchte ich Sie schon jetzt auf einen iuteresianten Brief aufmerksam machen, welcher von dem Vater des gegenwärtigen Londoner Chief-Rabbi Adler herrührt, welch' Letzterer sich zuerst auf der Kanzel gegen den Zionismus aussprach. Der Brief ist ein unschätzbares Document für den Zionismus. Es ist darin Alles zugegeben, was wir sagen. Und gerade jetzt haben wir keine Veranlassung, den Zio- . nismus als undurchführbar aufzugeben. Denn es ist im Oriente eine Lage eingetreten, welche auf eine Liquidirung und Ordnung der Verhältnisse hindrängt. Diese Ordnung zu einer befriedigenden für alle Theile, für Christen, für Mohammedaner und Juden, zu machen, ist Sache des Zionismus. Denn eine Verwaltung, wie die türkische, die sich in Folge tiefeingewurzelter Uebelstände nicht mehr zu helfen weiß und nun Zufluß braucht an Kräften, an Verkehrs- und anderen Mitteln, findet die Möglichkeit dieses Zuflusses in der Immigration jener Juden, deren Emigration aus anderen Ländern für diese eine Erleichterung und Lösung der inneren Schwierigkeiten bietet. Darum ist der Zionismus nach zwei Seiten hin ein Pacificationsmittel ersten Ranges. .... Einer meiner Vorredner hat ein sehr gutes Wort gesprochen: „Ehre bringt Brod". Das ist wahr: Ehre bringt schließlich Brod, und es ist leider eine Folge unserer traurigen Vergangenheit, daß die Juden den Zusammenhang von Brod und Ehre vergessen haben. Sie haben geglaubt, daß man Brod ohne Ehre verdienen kann und daß Ehre schließlich ein Luxus ist, wenn man nicht mehr bei Brod, sondern schon bei Kuchen hält. Die Unrichtigkeit dieser Anschauung zeigte sich in jenen Zeiten, wo die Verfolgungen wieder beginnen. Da sehen Sie, daß die gesellschaftlich Ehrlosen immer schwerer zu Brod kommen und daß die Aermsten gleich am schwersten getroffen werden, denn sie halten gleich bei der Brodwehr. . . . Wemr das, was nur ein ideales Wort junger oder nicht unmittelbar praktisch thätiger Leute zu sein scheint, sich in That umsetzt, so ist es klar, daß es auf die Erwerbsverhältnisse der Juden eine merklich glückliche Wirkung haben muß. Wir meinen vorläufig nur einen gesicherten Abfluß unter Bedingungen, die von vornherein formulirt sind. Dieser Abfluß und die Abwendung eines neuen Zuflusses sind etwas, von dem Alle profitiren müssen, auch die, welche sich dem Abflüsse nicht anschließen wollen. Der Abfluß überschüssiger proletarischer Kräfte wird am Fähigsten zur Gründung eines neuen Staatswesens sein. Blüht es dann auf, wie wir erwarten und erwarten dürfen, dann werden allmählich diejenigen Schichten Nachkommen, welche dort schon das Behagen finden wollen, das ihre Lebensatmosphäre bildet. Und es wird sich da eine Bewegung entwickeln, die man mit der in den communicirenden Gefäßen vergleichen kann. Dieser Abfluß wird so lange stattfinden, so lange er nothwendig ist für die Juden, aber auch für die Christen. Denn wenn der Punkt erreicht ist, wo man die Juden nicht mehr entbehren kann oder will, wo jedes Volk fühlt, mehr Juden könne es nicht abgeben, so wird es dies auf dieselbe Weise erkennbar machen wie das Gegentheil: An Stelle des Antisemitismns tritt eine sehr gleichgiltige und endlich eine freundliche Behandlung der Juden. Und daß der Boden, auf den wir unsere Massen führen wollen und können — denn sie folgen uns, es ist uns dies bekannt aus zahlreichen Kundgebungen, aus echten, nicht gemachten — daß also der Boden ein Gedeihen ermöglicht, dafür sind Beweise genug vorhanden. Noch einige Daten und Ziffern, die sehr gut sprechen, besonders wenn man von „Utopien" spricht. ... Es sind nicht nur gewöhnliche Taglöhner, die in Palästina derzeit als Ackerbauer arbeiten. Es gibt ein Dorf in Palästina, welches noch einmal sehr berühmt werden wird, das ist das „akademisch gebildete" Dorf Katra. Die russischen Studenten haben dieses Dorf gegründet und gedeihen dort. Wie man die Reben von Bordeaux mit Erfolg auf den vorzüglichen Boden von Palästina gepflanzt hat, wissen Sie. Und noch Eines: Man hat in den letzten Tagen erzählt, daß in Folge der nationalen Bewegung die Bodenpreise in einer gewissen Gegend von Palästina auf das Vierfache gestiegen sind. Das ist eine j sehr nachdenklich stimmende Ziffer, denn sie zeigt den Zusamnrenj Hang des nationalen Gedankens mit dem praktischen Leben. I .... Man hat in einer letzthin erschienenen Broschüre - ein Wort gegen uns auszuspielen gesucht, welches lautet: „Von; der Humanität durch Nationalität zur Bestialität." Wir sagen: ' „Bon der Bestialität durch unsere Nationalität 'zur H u m a n i t ä t." Denn was die Zionisten wollen, das j ist nicht die Herstellung eines monströsen Ghettos, keine Absonderung von den Anderen: „W a s wir auf e i g e n e m, freiem Boden versuchen, das geschieht zum Wohle Aller. So haben wir es immer gesagt. U n s e r W e g geht durch d i e N a t i o n a l ität zur Humanität und, an die Aermsten der Armen denkend, wird u n s e r e B e w e g u n g Allen zugute komme n." Theodor Herzl hatte mit hinreißender Wärme und Beredtsamkeit gesprochen. Minutenlanger tosender Beifall brach aus, als er seine Rede beendete. Es sprachen noch namens der von ihnen vertretenen Vereine Dr. M. T. Schnürer, Dr. Schalit, Ingenieur Rosenbaum und Mediciner Ehrlich, worauf schließlich noch zu einer längeren Ansprache Seine Ehrwürden Rabbiner Dr. Wolfsohn aus Lomnitz das Wort ergriff. Correspondeiyen. Wien. (Eine Audienz beim Kaiser.) Donnerstag den 6. d. M. erschien Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n in der Hofburg in Audienz, um dem Kaiser für das ihm verliehene Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens seinen Dank abzustatten. Als Dr. Güdemann vor dem Kaiser stand, bat er, das Haupt bedecken und für den Monarchen den Segen sprechen zu dürfen.