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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-05-14 · 20 (14.5.1897) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
20 (14.5.1897)
Date
1897-05-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 414 Dr Vloch's Wochenschrlfl Nr. 20 luotten blos einen jungen Mann, den sie laut behördlich genehmigten Statuten — auf längere Zeit — id est maximum 3 Jahre anstellen —, und dann, kann er wieder gehen und sobald er das 50. Jahr überschritten hat, dann sollte — wie dies bei einem afrikanischen Stamme der Fall ist — der arme Rabbiner und Cantor einfach getödtet werden, da er nach Ansicht dieser Völker genug lange gelebt hat. Sollten die geschätzten Leser dieses Blattes an der Wahrheit des Angeführten zweifeln, so empfehlen wir ihnen die Lectüre einiger Nummern des Prager Tagblatt „OesKo Liäov^i" u. s. w., um sich von der Wahrheit zu überzeugen. Stirbt solch ein unglückliches Erdenkind — genannt Rabbiner in Böhmen — uota bene in den kleinen und mittleren Gemeinden, deren es von 197 — circa 150—160 gibt — dann steht es der armen unglücklichen Familie frei, oie Güte und Gnade der Glaubensgenossen anzurufen, wie dies innerhalb 6—4 Jahren diesmal zum dritten Male geschieht. In N. B. starb am 21. April 1897 der Rabbiner, Lehrer und Cantor im Alter von 45 Jahren, also zu einer Zeit, wo er noch einen Posten in Böhmen gefunden hätte, er zog es aber vor, einen definitiven im Himmels anzunehmen. Der Vater, der Ernährer, ist dem Grabe übergeben und die unglückliche Familie — Mutter und 8 kleine Kinder — warten jetzt ab, was der Vorstand des allzeit um seine Mitglieder besorgten und sorgenden Israelitischen Lehrervereines in Böhmen', der sich in einem warmen Appell an die Cvllegen und Glaubensgenossen um milde Gaben gewandt — ihnen bringen wird. Vor etwa einem Jahre war auch der Familienvater und Ernährer einer solchen Rabbinerfamilie plötzlich gestorben und der Vorstand des Lehrervereines hatte einen ziemlichen Betrag zusammengebracht, der Familie ein kleines Geschäftchen gekauft, allein nach wenigen Wochen starb auch die Mutter und die Waisen blieben allein da. Nun, nach einem Jahre wiederholt sich der Fall, wiederum geht der Vorstand betteln. Welcher Beamtenstand in Oesterreich, welche Arbeiterclasse ist in solch trauriger bejammernswerther Lage? Das sind die Errungenschaften des neuen Gesetzes vom 31. März 1890 und der neuen Statuten! Selbst die Altersversorgung, wie sie für die Privatbeamten proponirt ist — schließt den Rabbiner aus. Wir haben leider keinen Vertreter im Reichsrathe, der sich des Judenthumes annähme; da der einzige, warme Kämpfer durch die Fügung des Polenclubs — ausgeschlossen wurde. * * * Der nationale Chauvinismus treibt die seltsamsten Blüthen und dies auch unter vielen Juden, die niitunter czechischer sein wollen, als die Czechen selbst sind. Einen sehr charakteristischen Beittag bietet in dieser Beziehung ein Vorgang, dessen Schauplatz die jüdische Gemeinde in Sobeslau war. Die Cultusgemeinde hat ihrem Rabbiner gekündigt, weil dieser fich erdreistet, an den jungczechischen Abgeordneten Dr. Sl avik bei der Wählerversammlung am 13. März l. I. die Frage zu stellen: „Wie kommt es, daß die Jungczechen, die sich zu Hause eine freisinnige, liberale Partei nennen, (Dr Slavik hatte selbst vorher in einer Rede betont, das böhmische Staatsrecht verbürge Allen die Gleichberechtigung) in Wien die Antisemiten unterstützen, mit ihnen stimmen rc. Der Rabbiner fügte hinzu, er verlange ja gar nicht, daß sie das Judenthum in Wien vertheibigen sollen. Das Judenthum ist ein sehr alter Baum, der fest in der Erde wurzelt, über desien Wipfel sind schon manche Stürme hingezogen, ohne ihn zu stürzen, es hat die Kreuzzüge überlebt — das 15. und 16. Jahrhundert in Böhmen, selbst die spanische Inquisition konnte es nicht zerstören, es wird bas auch einem Lueger und Comp, nicht gelingen. Aber unerklärlich ist es mir, daß diese freisinnige Partei sich mit den Antisemiten verbindet, die den Juden sogar die Menschenrechte absprechen. Hierauf entwickelte sich folgender Dialog: Dr. Slavik: Ja, wir haben die Interpellationen der Antisemiten u. s. w. unterschrieben — das geschah aus tactischen Gründen. Aber sehen Sie, die Juden arbeiten selbst für den Anttsemittsmus im czechischen Volke — sehen Sie nach Mähren. Der Rabbiner: Was kümmert uns Mähren — in Böhmen wählen die Juden überall mit Euch czechifch. Dr. Slavik: Und in Prag?! Der Rabbiner: Sollten vielleicht die Juden in Prag den Brzeznowsky, diesen notorischen Anttsemiten wählen, sollen sie sich selbst die Ruthe flechten? Brzeznowsky hat den berüchtigten Schneider nach Prag geladen, ihn solenn am Bahnhofe empfangen, ein Bankett ihm zu Ehren veranstaltet, ging Arm in Arm mit ihm. Wer kann behaupten, daß der Rabbiner durch diese Ausführungen ein Unrecht begangen habe. Aber der Vorstand war der Meinung, daß er die czechische Partei beleidigt habe und hat ihm gleich am 14. März die Kündigung ins Haus geschickt. Der arme Mann ist somit d a s O p f e r des czechischen Chauvinismus — d e r I u d e n. _ Der Prager Oberrabbiner Dr. E h r e n f e l d hat brieflich dem Vorstande Vorstellungen gemacht und ihn um die Zurücknahme der Kündigung ersucht. Vergebens. Der Vorstand erklärte, er werde ausführen, was er beschlossen, ohne Rücksicht auf Jenianden zu nehmen. Also nur auf den Chauvinismus soll Rücksicht genommen werden? — n— Die Synagogenfrage »n Prag. Nicht weniger als 9 Synagogen und circa 30 Betstuben bestanden in der Prager Judenstadt, welche jetzt der Demolirung anheimgefallen; von den 9 Synagogen bleiben blos 5 intact. In früherer Zeit, wo die Juden compact in diesem Viertel und wenigen angrenzenden Straßen der Altstadt wohnten und kaum den dritten Theil der gegewärtigen jüdischen Prager Bevölk rung ausmachten, genügten die gottesdienstlichen Räume; denn der Ritus war der alte und überall derselbe, und war in den Synagogen kein Raum, so konnten die Betstuben vermehrt werden. Selbst die 9 Synagogen hatten einen so minimalen Raum, der nur durch den beschränkten Rayon veranlaßt schien, daß es zu wundern ist, wie das betende Publicum Platz hatte. Zum Beispiel die Altneuschul hat 460 Quadratmeter, die Klaus 408, Meisel und Tempel nicht mehr als 350, Pinkas 260, Zigeuner 192, Neu und Hof je 190, Hoch 150 Quadratur.1er, zusammen 2530 Quadratmeter; die vier Letztgenannten fallen weg, sowie alle Beistuben; der Raum von 2530 Quadratmeter wird durch Demolirung der vier um 720 Quadratmeter vermindert, es bleiben nur noch 18l0 Quadratmeter verfügbar. Nach Abzug der CommunicationsundFunktionsräume bleiben von den 1810 Quadratmetern blos 1450 Quadratmeter für Sitze L 0 50 Quadratmeter, d. i. 2900 Sitze für Männer, und circa 1500 für Frauen, zusammen 4400 Sitze. Wollen wir nun die jüdische Bevölkerung in Prag ohne Vororte in Betracht ziehen; bei der' Volkszählung 1890 war dieselbe 17.600 Seelen, wir können gegenwärtig 18.000 ruhig annehmen, davon 50 Procent, für welchen der Synagogenbesuch nothwendig ist, so bleiben 4600 Seelen, welche keinen Platz in den Synagogen haben.' Nun besteht in Prag ein eigenthümlicher Usus. Die meisten Synagogen sind autonom — die Verwaltung, die Aufbringung des Budgets ist Sache der Synagogenmitglieder — der Cultusgemeindevorstand stehr der ganzen Angelegenheit, welche doch die Hauptsache im Cultusleben ausmacht, kühl bis. an's Herz hinan gegenüber. Der Ersatz, die Sorge, daß 4600 Gläubige keinen Platz für ihre religiösen Bedürfnisse haben, was hat sich der Cultusgemeindevorstand darum zu kümmern — die wenigen Reichen finden ihr gutes Geld im Tempel, in der Meiselsynagoge rc. noch Sitze, statt 20 und 25 fl. werden dann die Sitze 30 und 40 fl. kosten und der Mittelstand und der Unbemittelte findet vielleicht in einer düsteren schmutzigen Betstube für wenig Geld noch ein Plätzchen. Der weise Grundsatz des Judenthums »Mipi Aulelimwe Jaunkim jusata aus« ftnbet in dem Sitzungssaale des Cultusvorstandes keine Beachtung — die Jugend— ja die Tugend wird vom Gottesdienste ferne gehalten; denn bei den theueren Sitzen kann der Nachbar nicht belästigt werden, der Bater oder die Mutter können an hohen Feiertagen die Knaben resp. Mädchen nicht zum Gottesdienste mitnehmen, um sie im Ritus zu unterweisen. Der Nachwuchs wird daher kein Bedürfniß zum Synagogcnbesuch haben, das Judenthum ist ihnen dann gleichgültig und sie werden als confessiouslos, Atheisten oder Renegaten sich ganz behaglich fühlen und dies Alles verschuldet der Jndiffercntismus der maßgebenden Personen; oder sollte vielleicht noch eine andere Strömung dem Bane hinreichender Synagogen hinderlich sein? Die Zeit der Piutim und des alten Ritus ist vorüber! Unsere Heranwachsende Generation will nicht blos die Schönheit des modernen Gottesdienstes, sondern auch dementsprechend die Pracht des Gotteshauses. Es ist die unabweisliche Pflicht des Prager Cultusgemeinde- Vorstandes, activ einzugreisen und den wenigen Personen, welche sich für Neubauten von Gotteshäusern einsetzen, hilfreich beizustehen, sonst ist zu befürchten, daß in nicht gar ferner Zeit wohl ein Gemeindevorstand, aber keine Gemeindemitglieder sich vorfinden werden. Der Gottesdienst ist das Centrum des jüdischen Gemeindelebens und dieser muß allen Glaubensgenossen zugänglich gemacht werden. Der Bau neuer und großer Synagogen ist eine Notwendigkeit, denn circa 5000 Personen haben an den großen Festtagen keine geweihte Stätte. Ein weiterer fördernder Umstand ist die Platzfrage. Die meisten sich in Prag aufhaltenden Juden wohnen auf der Neustadt, wo bis zu den bestehenden Bethäusern eine halbe Wegstunde ist. Es ist daher unumgänglich nothwendig, daß eines der zu erbauenden Gotteshäuser

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